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Seealpen

Der Fluchtweg der Juden über die Seealpen

Aus dem Valle Gesso zum Colle di Finestra, besser noch: über die dort verlaufende Grenze zur Sanctuaire de la Madone de Fenestre zu wandern, ist immer lohnenswert. An jedem ersten Septembersonntag im Jahr aber etwas ganz Besonderes. Dann trifft man auf diesem Weg Menschen, die ein Stück tragischer Geschichte wachhalten, die an die etwa 800 Menschen erinnern wollen, die hier zwischen dem 9. und 13. September 1943 vor den aus dem Süden vordringenden Nazis über den Alpenhauptkamm flohen.

Dass zeitgleich die Deutschen auch Norditalien besetzten – woran dieser Tage nach genau 70 Jahren in vielen Orten Italiens von Boves bis Sant’Anna di Stazzema erinnert wird – wussten die Flüchtlinge damals nicht.

 

Percorsi Ebraici und Memoriale della deportazione
Das Département Alpes-Maritimes gehörte zur italienischen Besatzungszone Frankreichs, was den dort lebenden Juden Schutz vor der Deportation in die deutschen Vernichtungslager gewährte. Ausländischen Juden waren zwar Wohnorte in speziellen Internierungsorten zugewiesen worden, ausgeliefert wurden sie trotz unverhohlener Proteste des „Achsenpartners“ aber nicht. Allein in Saint-Martin-Vésubie lebten zum Zeitpunkt des italienischen Kriegsaustritts am 8. September 1943 etwa 1.200 Juden unterschiedlichster Nationalitäten, nun massiv bedroht, nachdem sich die Italiener über die Alpen zurückziehen mußten. Etwa 800 Juden, darunter Frauen, Kinder und alte Menschen, suchten nun, da die Deutschen von Süden vorrückten, einen Weg nach Italien. Ihre Hoffnung, mit dem beschwerlichen Fluchtweg über die Pässe Finestra (2.474 m) und Ciriegia (2.543 m) und weiter über Entracque und Borgo San Dalmazzo in die Freiheit zu gelangen, trog: die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Viele der Flüchtlinge wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 erlassenen ‚Rasse-Gesetze‘ festgenommen und in Borgo San Dalmazzo inhaftiert.

Am Bahnhof dieses kleinen Ortes am Eingang des Sturatales erinnert heute ein Mahnmal, das ‚Memoriale della Deportazione‘ daran, dass hier am 21. November 1943 insgesamt 329 Menschen dieser Fluchtgruppe in Güterwaggons gepfercht und in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert wurden, wo 311 von ihnen ermordet wurden.

Das italienisch-französisch-schweizerische Gemeinschaftsprojekt ‚La Memoria delle Alpi / La Mémoire des Alpes / Gedächtnis der Alpen’‚ das sich u.a. zur Aufgabe gesetzt hat, politische und rassistische Verfolgungen, Kriegsereignisse sowie geistige und militärische Widerstandsbewegungen, die den Alpenraum so stark geprägt haben, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hat diese Fluchtwege über den Colle di Finestra und den Colle di Ciriegia als Freiheitspfade‚ als ‚Percorsi Ebraici‘ ausgewiesen. Und der französische Literaturnobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézio hat die Ereignisse in seinem Buch „Fliehender Stern“ festgehalten.

Attraverso la memoria 2013 – 70 Jahre später
Vor 15 Jahren wurden die Gedenkwanderungen „Attraverso la memoria/ Marche de la mémoire“ ins Leben gerufen, unterstützt und begleitet werden sie vom Istituto storico della Resistenza in Cuneo, der Associazione Giorgio Biandrata in Saluzzo, der Association pour la Mémoire des Enfants Juifs Déportés des Alpes-Maritimes, Yad Vashem Nizza uvm. Jeweils am ersten Sonntag im September treffen sich auf einem der beiden Pässe Franzosen, Italiener und Nachfahren der Flüchtlinge: „Per non dimenticare“, „Pour ne pas oublier“, „To not forget“ – um nicht zu vergessen.

Dieses Jahr hatte es am Freitag zuvor Gedenkveranstaltungen in Saint-Martin-Vésubie und in Saluzzo gegeben, und am Samstag war den Schwestern Gitta und Chaya Horowitz, die als Kinder über diese Berge geflüchtet sind, in Valdieri die Ehrenbürgerinnenwürde verliehen worden. Zusammen mit ihren Kindern und Enkeln, die sich wie wir am Sonntag morgen auf den Weg zum Colle di Finestra machten, sind sie aus den USA angereist.

So trafen sich oben am Pass annähernd 200 Menschen, als die Namen der Kinder, die diesen Exodus miterleben mussten, bei der Gedenkveranstaltung verlesen wurden.

Kurz unterhalb des Passes ist eine Gedenktafel angebracht, die an allen Tagen auf die hier beschriebenen Geschehnisse hinweist:

Per questo colle, nel settembre 1943, centinaia di ebrei di tutte europa cercarono molti invano la salvezza dalla persecuzione antisemita. Tu che passi libero ricorda che questo è stato ogni volta che accetti che un altro abbia meno diritti di te.“

“Im September 1943 versuchten hunderte von Juden aus ganz Europa, häufig vergeblich, sich über diesen Pass vor der antisemitischen Verfolgung zu retten. Du, der Du Dich frei bewegen kannst, bedenke, dass das geschehen ist, immer wenn Du toleriert hast, dass jemand anderes nicht die gleichen Rechte hatte wie Du.”

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

Le Clézio, ein fliehender Stern und die Seealpen

Als dem Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio im Oktober 2008 der Literaturnobelpreis verliehen wurde, sagte er: “Der Schriftsteller besitzt schon seit einiger Zeit nicht mehr die Überheblichkeit zu glauben, dass er die Welt verändert und mit seinen Kurzgeschichten, seinen Romanen ein besseres Lebensmodell schafft. Heute will er nur noch Zeuge sein.”
Nur noch? Ereignisse zu „bezeugen“, die sonst in Vergessenheit gerieten, ist ja nicht der schlechteste Anspruch. Aber wir wollen uns hier nicht aufs glatte Eis der Literaturkritik begeben (Marcel Reich-Ranicki kannte Le Clézios Bücher vor der Entscheidung des Nobelpreiskomitees nicht, Sigrid Löffler fand eben diese „bizarr“), sondern lediglich davon berichten, dass Le Clézio in seinem Buch ‚Fliehender Stern‘ (*) auf den ersten 145 (von 377) Seiten jene Geschichte erzählt, von der wir in unserem Beitrag Das Memoriale della Deportazione in Borgo San Dalmazzo auch schon berichtet haben.


Von März bis September 1943 hatte eine Gruppe von Juden unterschiedlichster Nationalitäten in Saint-Martin de Vésubie Zuflucht gefunden und suchte, da die Deutschen von Süden vorrückten, einen Weg nach Italien. Ihre Hoffnung – mittlerweile war Mussolini abgesetzt und am 8. September der italienische Waffenstillstand erklärt – mit dem beschwerlichen Weg über den Col de Fenestre oder alternativ den Col de Ciriegia und weiter über Entracque und Borgo San Dalmazzo in die Freiheit zu gelangen, trog: die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Die Flüchtlinge – insgesamt circa 300 Familien – wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 erlassenen ‚Rasse-Gesetze‘ festgenommen und in Borgo San Dalmazzo inhaftiert.

Le Clézio erzählt diese Geschichte aus der Sicht des Mädchens Esther, die dem Schicksal entgangen ist, in Borgo San Dalmazzo in Güterwaggons gepfercht und in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert zu werden, wo 311 Menschen dieser Fluchtgruppe ermordet wurden – worauf heute das ‚Memoriale della Deportazione‘ hinweist.

Wer das Buch mitnimmt auf eine Wanderung auf dem ‚Percorso Ebraici‘ von Madone de Fenestre ins Gessotal, wird einige wenige geografische Ungenauigkeiten darin entdecken (die französisch-italienische Grenze verlief beispielsweise 1943 noch nicht genau auf der Passlinie) und auch feststellen, dass Le Clézio – es handelt sich schließlich um einen Roman und keinen Tatsachenbericht – die zweimonatige Phase, in der die Fluchtgruppe in San Dalmazzo im Campo di Concentramento eingesperrt war, ausgelassen hat. Was der Eindringlichkeit des Romans allerdings nicht den geringsten Abbruch tut.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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(*)
J.M.G. Le Clézio: Fliehender Stern, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, ISBN: 978-3-462-04118-7. Im Original: ‚Étoile errante‘, erschienen 1992 bei Gallimard