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Judenrettung in Assisi 1943/1944 – der „Assisi-Untergrund“

Alexander Ramatis Roman „Der Assisi Untergrund“ über ein geheimes Netzwerk, das in Assisi, dem Geburtsort des Hl. Franz von Assisi und der Hl. Klara, während der deutschen Besatzung Italiens mehreren Hundert Jüdinnen und Juden das Leben rettete, wurde 1985 mit Maximilian Schell verfilmt. Ramati (1920-2006) kam im Juni 1944 als Kriegsreporter mit dem 2. polnischen Korps unter General Władysław Anders mit den alliierten Truppen nach Assisi und ließ sich die Geschichte vor Ort erzählen. In sein Buch, wie auch in die spätere Hollywood-Verfilmung, flossen – wie bei Romanen nicht anders zu erwarten – auch einige fiktive Aspekte ein. Die lassen wir weg, wenn wir nachfolgend die Geschichte der Judenrettung in Assisi erzählen.

Assisi, Piazza del Comune - Foto: © Wolfram Mikuteit

Nach Assisi, das wegen seiner kunsthistorisch-architektonischen und religiösen Bedeutung als sicher vor Bombenangriffen galt, hatten sich bereits vor dem Kriegsaustritt der Italiener am 8. September 1943 mehrere tausend Menschen geflüchtet. Mit der Besetzung Italiens durch die Deutschen kamen viele jüdische Flüchtlinge hinzu, die in kirchlichen Einrichtungen und Klöstern in Assisi Schutz vor der drohenden Deportation in deutsche Vernichtungslager suchten. Auf Veranlassung des Bischofs von Assisi, Monsignor Giuseppe Placido Nicolini, wurde ein geheimes Netzwerk errichtet, das während der 9-monatigen deutschen Besatzung Assisis bis zum 17. Juni 1944 (Befreiung der Stadt durch die Alliierten) circa 300 Jüdinnen und Juden das Leben rettete.

Pater Rufino Niccacci, der Vorstand des Franziskaner-Seminars, und Pater Aldo Brunacci, der Sekretär des Bischofs, sorgten für die temporäre oder dauerhafte Unterbringung der verfolgten Juden in Kirchen und Klöstern in Assisi und den umliegenden Dörfern, ihre Versorgung und auch für den Schulunterricht der versteckten Kinder. Der kommunistische Drucker Luigi Brizi und sein Sohn Trento fertigten in ihrer Druckerei in der Via Santa Chiara falsche Papiere für die Verfolgten: Sie stellten sie anhand von Telefonverzeichnissen auf Namen von Personen aus, die im bereits von den Alliierten befreiten Süden Italiens lebten, wodurch die Papiere für die Deutschen nicht nachprüfbar waren. Auch der legendäre Radrennfahrer Gino Bartali war in das geheime Netzwerk eingebunden: Auf „Trainingsfahrten“ transportierte er Dokumente und stellte die Verbindung zur jüdischen Hilfsorganisation DELASEM her.
Zugute kam dem Netzwerk, dass mit Dr. Valentin Müller ein Mann als Leiter der beiden in Assisi eingerichteten Lazarette, später auch als deutscher Stadtkommandant, eingesetzt war, der als strenggläubiger Katholik beste Verbindungen zu Bischof Nicolini unterhielt. Die Bemühungen, Assisi zur „offenen Stadt“ erklären zu lassen, scheiterten zwar, den Einflussbereich von SS und Wehrmacht konnte er jedoch erfolgreich zurückdrängen, damit auch indirekt das Assisi-Netzwerk unterstützen. Als nicht zu verteidigende „Lazarettstadt“ wurde der Ort Anfang Juni 1944 anerkannt.

Pater Rufino Niccacci wurde 1976, Monsignor Giuseppe Placido Nicolini und Pater Aldo Brunacci 1977, die beiden Drucker Luigi und Trento Brizi im Jahr 1997, Giuseppina Biviglia, die Äbtissin des Klosters San Quirico in Assisi, und Gino Bartali im Jahr 2013 durch die israelische Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

Gedenkstätten in Assisi
In der Pinacoteca comunale im Palazzo Vallemani ist seit 2011 das „Museo della Memoria, Assisi 1943-1944“ untergebracht, das sich ausschließlich dieser Rettungsgeschichte von Jüdinnen und Juden in Assisi und ihren Protagonisten Nicolini, Niccacci, Brunacci, Biviglia, Bartali, Müller und den Brizis widmet. Im Eingangsbereich steht die Druckmaschine, auf der Luigi und sein Sohn Trento Brizi die falschen Identifikationspapiere herstellten. Im 1. Stock werden in mehreren kleinen Sälen mithilfe zweisprachiger (it/en) Schautafeln die Hintergründe erläutert. Hier findet sich auch ein Foto der (mittlerweile abgehängten) Gedenktafel für die Brizis an ihrer früheren Druckerei in der Via Santa Chiara.
Und an der zentralen Piazza del Comune ist auf einer Gedenktafel der Text der „Medaglia d’oro al Merito Civile“ aufgeführt, die Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi im Jahr 2004 der Stadt Assisi für die Rettung von Flüchtlingen während des Faschismus verlieh.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit