Autoren-Archive: Sabine Bade

Fischia il vento: „Der Wind pfeift“ bei Madonna del Alto

„Die Lieder der italienischen Resistenza“, schrieb Rosanna Rosanda im Vorwort zu Gino Vermicellis Buch ‚Die unsichtbaren Dörfer‘, „sind nicht sehr fröhlich. Das bekannteste, nach der Melodie von »Katiuscia«, ist »Fischia il vento« und erzählt von der Härte des Partisanenlebens, seinem ständigen Zusammentreffen mit dem Tod“.  

Den Text zur Melodie des melancholischen russischen Liebesliedes „Katjuscha“ verfasste Dr. Felice Cascione. Der aus Porto Maurizio stammende Arzt gehörte schon während seines Medizinstudiums in Bologna dem klandestinen antifaschistischen Widerstand an; 1943 trat er in die verbotene Kommunistische Partei Italiens ein. Nach gerade abgelegtem Examen war Felice Cascione einer der ersten, die direkt nach Bekanntgabe der Kapitulation Italiens am 8. September 1943 und der anschließenden deutschen Besatzung im Hinterland der ligurischen Küste eine Partisaneneinheit aufstellte.

Das von „U mégu“ (lokaler Dialekt für: der Arzt) gedichtete Lied soll zu Epifania (Heilige Drei Könige, 6. Januar) 1944 bei Fontane di Alto im südpiemontesischen Valle Pennavaira erstmals gesungen worden sein:

Fischia il vento, infuria la bufera,
scarpe rotte eppur bisogna andar,
a conquistare la rossa primavera
dove sorge il sol dell’avvenir.

Ogni contrada è patria del ribelle,
ogni donna a lui dona un sospir,
nella notte lo guidano le stelle
forte il cuore e il braccio nel colpir.

Se ci coglie la crudele morte,
dura vendetta verrà dal partigian;
ormai sicura è già la dura sorte
del fascista vile traditor.

Cessa il vento, calma è la bufera,
torna a casa il fiero partigian,
sventolando la rossa sua bandiera;
vittoriosi e alfin liberi siam.

Schon wenige Wochen nachdem das Lied mit dem Text von Felice Cascione erstmals erklang, wurde „U mégu“ am 27. Januar 1944 oberhalb von Madonna del Lago (Gemeinde Alto / Piemont) bei einem Feuergefecht mit faschistischen Truppen schwer verwundet und – nachdem er sich als Anführer der Partisanengruppe zu erkennen gegeben hatte – erschossen. Posthum wurde ihm die ‚Medaglia d’oro al valor militare‘ verliehen.

„Fischia il Vento“ wurde zur Hymne der Garibaldi-Partisanenbrigaden Norditaliens und das wahrscheinlich meistgesungene Lied des Widerstands während der 20 Monate der deutschen Besatzung Italiens.

Wer von Madonna del Lago auf den Monte Dubasso (Wikipedia: 1.545 m – IGC-Karte und Gipfelkreuz: 1.538 m) wandert, passiert dabei schon nach kurzem Aufstieg die Stelle, an der Felice Cascione erschossen wurde. Nur wenig abseits des Weges befindet sich die kleine Gedenkstätte für ihn.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Das römische Viertel Quadraro, ein „Wespennest“ für die deutschen Besatzer

Botschaftsrat Eitel Friedrich Moellhausen soll es gewesen sein, der als erster Quadraro als “Wespennest“ des Widerstands gegen die deutsche Besatzung bezeichnete.
Das sich zu beiden Seiten der Via Tuscolana erstreckende Arbeiterviertel im Südosten Roms war erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eines der vielen Borgate entstanden, in denen sich Menschen vor allem aus den ländlichen Gebieten des Mezzogiorno auf ihrer oft erfolglosen Suche nach Arbeit angesiedelt hatten. Während der deutschen Besatzung Roms waren hier neben der GAP (“Gruppi d’Azione Patriottica”) u.a. die sozialistische Brigata Matteotti, die dem Partito d’Azione nahestehende “Banda Il Lavoro” und Partisanen der Gruppe “Bandiera Rossa” aktiv. Daneben verübte eine Gruppe Jugendlicher um Giuseppe Albano (“il Gobbo del Quarticciolo”) in Robin-Hood-Manier Überfälle auf deutsche Lebensmitteldepots und diverse Sabotageakte. Nachdem diese Gruppe am 10. April 1944 in einer Trattoria auf der Via Tuscolana drei deutsche Soldaten getötet hatte, nahm das deutsche Oberkommando dies – nur 2 Wochen nach dem Massaker in den Ardeatinischen Höhlen – zum Anlass, das Quadraro auszuheben.

Die größte Razzia während der Besatzungszeit
Im Morgengrauen des 17. April 1944 begann unter dem Kommando von SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler die Razzia mit dem Namen „Unternehmen Walfisch“ (Operazione Balena) im Quadraro: Haus für Haus wurde von der SS sowie zusätzlicher Kräfte der Wehrmacht durchsucht und insgesamt ca. 2000 Männer und Jungen gefangen genommen. Nach einem Auswahlverfahren wurden 947 arbeitsfähige Männer im Alter zwischen 15 und 55 Jahren zunächst ins Lager Fossoli und von dort aus zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert. Etwa die Hälfte von ihnen überlebte die dort vorliegenden unmenschlichen Arbeitsbedingungen nicht.
Im Jahr 2004 wurde dem Stadtteil Quadraro – als damals einzigen in Rom – als Zentrum des aktiven antifaschistischen Widerstands und der dafür erlittenen Opfer die Medaglia d’oro al merito civile verliehen. (Im Jahr 2017 erhielt auch der Stadtteil Centocelle diese Würdigung.)

Man sieht nur, was man weiß: Die Wespen im Quadraro
Die Wespenmotive in der Via di Monte del Grano kann nur verstehen, wer um die Bezeichnung der deutschen Besatzer für das Quadraro als „Wespennest“ des Widerstands weiß: Hier hat der römische Graffity-Künstler Lucamaleonte in Zusammenarbeit mit dem Museo di Urban Art di Roma MURo in Erinnerung an die Aushebung des „Wespennests” und die Deportierten die Mauern mit Wespenmotiven versehen. „ll Nido di Vespe” ist Streetart vom Feinsten.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Addio al Partigiano Ugo Berga

Am Sonntag, 23. September 2018, ist Ugo Berga gestorben. Und am Dienstag, 25. September 2018, wurde er auf dem Friedhof von Turin beigesetzt.

Im Juni 2011 nahm er sich in Bussoleno einen ganzen Nachmittag lang Zeit, um uns als Zeitzeuge von den Kämpfen gegen die deutsche Besatzung im Susatal zu berichten und unsere vielen Fragen zu beantworten. Dafür nochmals: Vielen Dank!

Ugo Berga, am 24. Januar 1922 geboren, war bereits durch Familie (u.a. zählten seine Tante Rita Montagnana und sein Onkel Mario Montagnana zu den Mitbegründern des PCI) und Umfeld geprägter Antifaschist, bevor die deutsche Wehrmacht im September 1943 sein Land überfiel. Die perfiden italienischen Rassengesetze hatten ihn zum Verlassen der Schule gezwungen, und die Bombardierungen Turins führten ihn in das untere Susatal. Dort gehörte er neben Carlo Carli, Egidio Liberti, Walter Fontan, Felice Cima und Marcello Albertazzi zu jenen Männern, die erste Widerstandsgruppen bildeten und Sabotageakte auf die für die Deutschen strategisch extrem wichtige Eisenbahnverbindung Turin – Modane und auf Brücken und Telegrafenleitungen verübten.

Er war jener “Ugo“, von dem Ada Gobetti nach ihrem ersten Treffen am 27. Oktober 1943 schrieb, dass sie ihn sofort an seinen roten Haaren erkannt habe (aus ihrem Diario partigiano: “A Mattie ho incontrato Ugo, che ho subito riconosciuto per i suoi capelli rossi“).

In der Nähe seines Vaterhauses war es auch, wo sich die Männer, die sich nun nicht mehr ‚Rebellen‘ oder ‚Patrioten‘, sondern ab jetzt ‚Partisanen‘ nannten, auf einer Lichtung bei Martinetti oberhalb von San Giorio di Susa trafen und den Eid von Garda leisteten: Sie schworen auf die mitgeführte italienische Trikolore, so lange gegen den Nazi-Faschismus zu kämpfen, bis das Land befreit wäre.

Was Ugo Berga auch tat: Als Politkommissar der 106a° Brigata Garibaldi ‚Giordano Velino‘ erlebte er die Befreiung Turins im April 1945.

Er blieb lebenslang politisch aktiv. Die Erfahrungen der Resistenza waren für ihn nicht lediglich ein Stück abgeschlossene Geschichte, sondern haben sein Leben bestimmt und dazu beigetragen, sich auch in hohem Alter immer wieder aktiv in das politische Tagesgeschehen einzumischen. So erstaunt es nicht, dass Ugo Berga auch den jahrzehntelangen Kampf der Bevölkerung gegen das – unter Umweltschutzgesichtspunkten unverantwortliche und wirtschaftlich vollkommen sinnentleerte – Eisenbahn-Hochgeschwindigkeitsprojekt zwischen zwischen Turin und Lyon unterstützte.

Fa buon viaggio Ugo. Ora e sempre Resistenza!

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Eine der größten Verkleidungsaktionen der italienischen Geschichte

Am 8. September 1943 um 19 Uhr 45 unterbrach der staatliche Rundfunk sein Programm, und Marschall Pietro Badoglio, seit der Absetzung Mussolinis am 25. Juli 1943 neuer Regierungschef, verlas folgende Erklärung:

Marshall Pietro Badoglio, seit der Absetzung Mussolinis am 25. Juli 1943 neuer Regierungschef, vorher verantwortlich für Giftgasbombardierungen Äthiopiens

„Die italienische Regierung hat angesichts der Unmöglichkeit, den ungleichen Kampf gegen die überwältigende gegnerische Macht fortzuführen und in der Absicht, weiters schweres Unheil von der Nation abzuwenden, General Eisenhower, den Oberkommandierenden der alliierten angloamerikanischen Streitkräfte, um einen Waffenstillstand gebeten. Diesem Gesuch wurde stattgegeben. Demgemäß müssen alle Kampfhandlungen gegen die angloamerikanischen Truppen von Seiten der italienischen Streitkräfte eingestellt werden. Diese werden jedoch auf eventuelle Angriffe aus jedweder anderen Richtung reagieren.“

Die vollkommen überraschten Italiener jubelten und ließen die Kirchenglocken läuten: Der Krieg war vorbei!
Nur zwei Tage später aber schrieb der junge Literaturwissenschaftler Emanuele Artom in sein Tagebuch: „Ein schrecklicher Tag…. Die eine Hälfte Italiens ist deutsch, die andere englisch, und Italien gibt es nicht mehr.“

Deutschland ist Euer wirklicher Freund – Propagandaplakat

Der Krieg hatte für das unzureichend vorbereitete und schlecht ausgerüstete Italien an der Seite Deutschlands seit seinem Beginn am 10. Juni 1940 an allen Fronten, in Frankreich, in Nordafrika, auf dem Balkan und in der Sowjetunion, einen katastrophalen Verlauf genommen. Mit über 300.000 Mann hatte sich Mussolini verlustreich am ‚Kampf gegen den Bolschewismus‘ beteiligt. Der Tod von Familienangehörigen, alliierte Bombenangriffe, Evakuierungen und Lebensmittelrationierungen hatten die Italiener kriegsmüde gemacht und bereits im März 1943 zu Streikaktionen in den Großstädten Norditaliens geführt – den ersten Massenprotesten nach über 20 Jahren faschistischer Herrschaft. Mitte Juli 1943 hatte schließlich auch die Mehrheit des Faschistischen Großrats eingesehen, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war: Im Mai war der letzte deutsch-italienische Brückenkopf in Tunesien aufgegeben worden, und am 10. Juli landeten die Alliierten auf Sizilien. Ihr zügiger Vormarsch schien unaufhaltbar. Die Absetzung Mussolinis wurde vom Faschistischen Großrat mit 19 gegen 9 Stimmen und bei einer Enthaltung angenommen. Man ging mehrheitlich davon aus, ohne ihn an der Spitze des Staates bessere Friedensbedingungen aushandeln zu können. Unmittelbar danach hatte der in den Plan eingeweihte König Vittorio Emanuele III. Mussolini verhaften lassen, selbst den Oberbefehl über die Streitkräfte übernommen und Marschall Badoglio – der für die von Giftgasbombardierungen begleitete Unterwerfung Äthiopiens zum Herzog von Addis Abeba ernannt worden war – als neuen Regierungschef eingesetzt.

Rastrellamento im Zuge der der ‚Bandenbekämpfung‘, hier in Bourcet, Chisonetal

Badoglio ließ Hitler sofort offiziell in Kentniss setzen, dass Mussolini ‚abgedankt‘ habe, Italien den Krieg an Deutschlands Seite aber selbstverständlich fortsetzen wolle.
Dass der ‚Duce‘ abgedankt haben könnte, glaubte Hitler nicht einen Moment lang. Führ ihn war klar, dass er einem Putsch des faschistischen Großrats zum Opfer gefallen sein musste.
Die gebetsmühlenartig vorgetragene NS-Propaganda des ‚gemeinen und verräterischen‘ Verhaltens der Italiener hatte fatale Auswirkungen auf das Verhalten der deutschen Soldaten gegenüber den Italienern. Was mit der Entwaffnung der italienischen Armeen nach dem 8. September 1943 begann und sich während der zwanzigmonatigen Besatzung Norditaliens in menschenverachtender Weise gegenüber den vermeintlichen ‚Bandenhelfern‘ der Resistenza und der Zivilbevölkerung fortsetzte.

Wie tief die NS-Propaganda des italienischen ‚Verrats‘ noch heute (!) in den Köpfen vieler Deutscher verankert ist, zeigen die über Italiener kursierenden Witze:
Wieviele Gänge hat ein italienischer Panzer? Einen Vorwärts- und vier Rückwärtsgänge!
Wie sieht die italienische Kriegsflagge aus? Weißes Kreuz auf weißem Grund!
Warum haben die italienischen Panzer Rückspiegel? Um die Front besser im Auge behalten zu können.

Während Hitler verstärkt Truppen über den Brenner verlegen ließ und die Besetzung Italiens vorbereitete, trat die Regierung Badoglio mit den Alliierten in geheime Friedensverhandlungen ein, die sich bis zum 3. September 1943 hinzogen. In Cassibile war der vorerst noch geheimgehaltene Waffenstillstandsvertrag unterzeichnet worden.

Von der am 8. September 1943 um 19 Uhr 45 übermittelten Radiobotschaft Badoglios über den erfolgten Waffenstillstand wurden aber nicht nur die Zivilbevölkerung überrascht, sondern auch die Armee. Bevor sich der italienische König, ihr neuer Oberbefehlshaber, mit seiner Familie und der Regierung Badolglio in den von den Alliierten kontrollierten Süden des Landes in Sicherheit gebracht hatte, wurden keine klaren Befehle ausgegeben, wie die auf sich alleingestellten Truppenverbände in Norditalien sich zu verhalten hätten. Kurz vorher waren die deutschen Truppen noch ihre Verbündeten gewesen, nun kursierten die durchaus zutreffenden Gerüchte, dass die Deutschen alle italienischen Soldaten gefangen nehmen und sie in die KZs nach Deutschland schicken würden.

Die 4. Armee etwa, die sich gerade auf dem Rückzug aus Südfrankreich in das Piemont befand, löste sich durch diese Schreckensmeldungen schnell auf. Offiziere, Unteroffiziere, einfache Soldaten: Alle flüchteten.

Um den Deutschen nicht in die Hände zu fallen, benötigten die Soldaten zivile Kleidung, die sie nicht besaßen. Was nun begann, war in den Worten der italienischen Historikerin Anna Bravo eine der „größten Verkleidungsaktionen der italienischen Geschichte“.

Einige Berichte von Zeitzeugen:

Als wir erfahren haben, dass alle Soldaten aus den Kasernen abgehauen waren und sie verzweifelt nach einer Möglichkeit suchten, wieder nachhause zu kommen, weil niemand mehr Lust hatte zu kämpfen, sie aber als Militär gekleidet nicht mit dem Zug fahren konnten, da hatte meine Mutter in der Zwischenzeit schon alle möglichen Leute um alte Kleider gebeten und hat eine ganze Menge zusammenbekommen, die alle in unserem Keller lagen. Und so kamen immer diese Jungs. Signora, haben Sie nicht was zum Anziehen für mich? Und meine Mutter kleidete sie an, brachte sie zum Bahnhof und küsste sie. Auch ihre Uniformen haben sie bei uns gelassen, meine Mutter hat sie dann nachts im Hof verbrannt. Ja, das war eine richtige Verteilstelle geworden, mittlerweile wussten es alle.

Wir haben an Zivilkleidung hergegeben, was wir hatten. Alle halfen diesen jungen Männern. Wir hofften, dass irgendjemand meinem Bruder helfen würde, der in diesen Tagen in Marghera stationiert war. Und tatsächlich ist es ihm nach einer abenteuerlichen Reise zu Fuß geglückt, nachhause zu kommen.

In Cumiana sah man Dutzende dieser Soldaten von Haus zu Haus gehen, um Zivilbekleidung zu erbitten. Ich werde nie vergessen, dass mein Vater sogar die abgenutztesten Hosen, die im Haus waren, hergegeben hat.

Der Priester Don Pozza von der Kirche Santa Maria della Motta in Cumiana:
Die Deutschen waren schon im Ort, und dennoch kamen die Versprengten weiterhin in die Pfarrei. Einige Leute warnten mich, dass dies gefährlich werden könne. Aber da ich keine politischen Absichten, sondern nur karitative verfolgte, fuhr ich damit fort, bis alle meine Möglichkeiten erschöpft waren.

1,36 Millionen Soldaten des italienischen Heeres hatten sich am Tag der Waffenstillstandserklärung im deutschen Machtbereich befunden. Anfang Oktober 1943 waren 580.000 von ihnen in den deutschen Zwangsarbeitslagern oder auf dem Weg dorthin. Der Status von Kriegsgefangenen wurde ihnen nicht zugestanden. Sie galten als Militärinternierte, von denen über 45.000 in den Lagern starben: An Unterernährung, den Misshandlungen oder durch Erschießung. Die Zahl derjenigen, die entlassen wurden oder sich durch Flucht der Gefangennahme entziehen konnten, wird auf 765.000 geschätzt.

Die im Untergrund existierenden Widerstandsgruppen hatten sich schon vor der deutschen Besetzung Norditaliens, die am 8. September 1943 erfolgte, neu formiert. So konnte bereits am darauffolgenden Tag in Rom das parteiübergreifende ‚Comitato di Liberazione Nazionale‘ zur Koordinierung des Kampfes gegen die Besatzer gegründet werden. Aus kleinen Gruppen wuchs die italienische Resistenza bis April 1945 mit ihren ca. 250.000 Mitgliedern zur zahlenstärksten Widerstandsbewegung Westeuropas an.
Die Soldaten der sich auflösenden italienischen Armee liefen in großer Zahl zu den Partisanen über und entgingen so der Gefangennahme durch die Deutschen und der Deportation in die Arbeitslager.

Die Einberufungsaktionen in Mussolinis Armee – auf Befehl Hitlers hatten ihn deutsche Fallschirmjäger am 12. September aus seiner Haft auf dem Gran Sasso in den Abruzzen befreit und kurz darauf an die Spitze der faschistischen Marionettenregierung ‚Repubblica Sociale Italiana‘, RSI, gestellt – erwiesen sich als regelrechte Werbemaßnahmen für die Partisanen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Diesen Artikel haben wir unserem Buch „Partisanenpfade im Piemont“ entnommen.

 

Die Lager des „Duce“ – Teil 2

Das KZ Le Fraschette südlich von Rom

Der in idyllischer Hügellandschaft liegende Weiler Le Fraschette bei Alatri war Ende 1941 zunächst als Standort für ein Kriegsgefangenenlager vorgesehen, dann aber als Campo di concentramento Fraschette di Alatri im Juli 1942 zur Internierung von mehreren Tausend Zivilisten in Betrieb genommen. Im unter der Leitung des italienischen Innenministeriums stehenden und von Carabinieri bewachten Lager wurden annähernd 200 Holzbaracken errichtet, in denen zunächst aus Libyen deportierte Anglo-Malteser untergebracht wurden.

Ende Oktober 1942 traf der erste Deportationstransport aus den von Italien besetzten Gebieten Jugoslawiens mit 90 Frauen und 164 Kindern aus dem KZ auf der norddalmatinischen Insel Molat (campo di concentramento di Melada) ein. Weitere Transporte folgten: insgesamt wurden circa 2.900 „ex jugoslavi“ in das KZ Le Fraschette deportiert.

Viele von ihnen stammten aus Jelenje und Podhum, Gemeinden in der Nähe von Fiume (heute: Rijeka). Dort hatten am 12. Juli 1942 italienische Besatzungstruppen auf Anweisung des Präfekten der Provinz bei einer sogenannten „Vergeltungsaktion“ ca. 100 völlig unbeteiligte Männer zwischen 16 und 64 Jahren umgebracht, die Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und alle anderen Einwohner – Frauen, Männer, kleine Kinder und alte Menschen – in verschiedene italienische Konzentrationslager verschleppt. Im KZ Le Fraschette wurden sie nun zusammengefasst.

Mitte Februar 1943 ereichten die ersten Transporte mit Menschen aus der Region Friaul-Julisch Venetien das KZ. Anlass für die Deportation ganzer Familien war meist lediglich die Tatsache, dass sich ein Verwandter dem Widerstand angeschlossen hatte.

Im Sommer 1943 waren 4.500 Menschen – ständig hungernd und unter elendigen hygienischen Bedingungen – im KZ Le Fraschette interniert.

Nach der Befreiung im Juni 1944 diente das Areal als Displaced Persons Camp, danach wurde das Lager für Flüchtlinge aus Istrien und Dalmatien und später als Erstunterkunft auch für Italiener aus den ehemaligen afrikanischen Kolonien und Flüchtlinge aus Ostblockstaaten genutzt.

Im Jahr 2001 schrieb der Historiker Carlo Spartaco Capogreco im Gedenkstättenrundbrief:
… sind doch bei dem allgemeinen Desinteresse fast aller Protagonisten der italienischen Gesellschaft nach und nach Spuren und Geschichte praktisch aller faschistischen Lager verschwunden. In Nord- und Mittelitalien hat sich dieser Prozess – wenn überhaupt möglich – noch gründlicher vollzogen. Man denke an die Lager von Gonars (Udine), Renicci-Anghiari (Arezzo), Cairo Montenotte (Savona), Fraschette-Alatri (Frosinone), um nur die wichtigsten zu erwähnen, deren Bauten man hat verwahrlosen lassen, soweit man sie nicht vorsätzlich zerstört hat, und deren Geschichte nur in seltenen Fällen Gegenstand wissenschaftlicher Studien gewesen ist. […] In Alatri (Frosinone) wird jetzt ein Teil der alten Gebäude des riesigen ehemaligen Konzentrationslagers von Fraschette zu einer Herberge für Pilger des Heiligen Jahres umgebaut. Das Schild, das am Eingang Auskunft über die Bauarbeiten gibt, erwähnt mit keinem Wort die Tausende von jugoslawischen Frauen und Kinder, die hier deportiert wurden, erinnert aber daran, dass hier in der Nachkriegszeit dalmatische und istrische Flüchtlinge aufgenommen wurden“.

Aus der von Capogreco erwähnten Herberge für Pilger des Heiligen Jahres wurde im Jahr 2006 das „Ostello della Gioventù“, eine Art Jugendherberge mit 120 Betten, deren Betreiber auf der Homepage knapp erwähnen, dass das Gebäude früher ein „campo di deportazione della IIa Guerra Mondiale“ war.

Erst im April 2016 ist auf Veranlassung der Associazione Nazionale Partigiani Cristiani (ANPC) Frosinone vor dem Eingang des ehemaligen Konzentrationslager eine kleine Gedenkstätte errichtet worden. Auf der an Ketten liegenden Bodenplatte neben dem Monumento agli Internati steht recht vage, dass es den Menschen gewidmet ist, „die während des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat gerissen und im Konzentrationslager Le Fraschette interniert wurden“, den Bischöfen von Alatri, Triest und Gorizia, den Priestern und Nonnen und all jenen, die bis in die 1970er-Jahre in Le Fraschette daran beteiligt waren, das Leiden und die Verzweiflung der Flüchtlinge zu lindern.

Informationen über das vom faschistischen Italien hier errichtete Konzentrationslager, die Hintergründe der Deportationen und die Opfer fehlen noch immer.

 

… und nicht zu vergessen: die vielen Lager Mussolinis für Jüdinnen und Juden

Anlässlich einer Sitzung des Rates der Union der Israelitischen Gemeinden Italiens teilte der Vorsitzende Dante Almansi den Anwesenden am 30. Mai 1940 mit:

Der Kriegszustand hat die Regierung veranlasst, Maßnahmen gegen die ausländischen jüdischen Flüchtlinge zu treffen. Sie sollen in einer Ortschaft in Süditalien zusammengefasst werden, und zwar in Tarsia (Provinz Cosenza). Dort werden sie auch nach Beendung des Krieges bleiben müssen, um dann in die Länder verschickt zu werden, die sich zur Aufnahme bereit erklären sollten. Die Maßnahme erfolgt in zwei Phasen: erst werden Frauen und Männer getrennt in verschiedene Ortschaften des Königreichs verlegt, dann wird man sie in dem genannten definitiven Ort sammeln und die einzelnen Familien in eigens zu diesem Zweck errichteten Baracken zusammenführen. Auch Staatenlose, die ab 1919 nach Italien gekommen sind, werden als Ausländer eingestuft.“

Am selben Tag erging der Auftrag zur Errichtung des Konzentrationslagers Ferramonti di Tarsia im malariaverseuchten südlichen Kalabrien. Es wurde das größte italienische Konzentrationslager für ausländische Juden und jene, die durch die 1938 von Mussolini erlassenen Rassegesetze staatenlos geworden waren. In Ferramonti waren zwischen 1.500 und 2.000 Häftlinge untergebracht, die große Mehrzahl nicht-italienische Juden.

Daneben wurde jede Provinz angewiesen, Plätze zur Internierung solcher Angehöriger  „feindlicher Staaten“ bereitzustellen. Allein 15 derartige Lager entstanden in der Region Abruzzen.

Das meisten Baracken des bereits wenige Tage nach Bekanntgabe der italienischen Kapitulation von einer Vorhut der britischen Armee am 14. September 1943 befreiten Lagers  Ferramonti wurden in den 1960er-Jahren abgerissen: Weite Teile des 16 Hektar großen Areals wurden für den Bau der Autobahn Salerno – Reggio Calabria verwendet.

Gedenken wird zivilgesellschaftlichem Engagement überlassen: Seit dem Jahr 1988 kümmert sich die Stiftung Ferramonti (Fondazione Museo Internazionale della Memoria Ferramonti di Tarsia) mit dem Ziel, den Ort des ehemalige faschistischen Konzentrationslagers zu einem Platz der Auseinandersetzung mit der Geschichte zu machen, um den Erhalt der wenigen noch verbliebenen Gebäude. 1999 gelang es der Stiftung, das verbliebene Areal unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Am 25. April 2004 konnte das kleine Museo della Memoria Ferramonti di Tarsia eingeweiht werden.

Der Historiker Carlo Spartaco Capogreco hat mit seinem Buch „I campi del Duce. L’internamento civile nell’Italia fascista (1940-1943)“ das Standardwerk zu faschistischen Konzentrationslagern geschrieben. Es erschien im Jahr 2004 im Turiner Einaudi Verlag. Aber selbstverständlich lagen auch vorher alle Fakten vor, die Silvio Berlusconis verwegene, geschichtsrevidierende  These, dass es während der Zeit des italienischen Faschismus keine Konzentrationslager gegeben habe, widerlegen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Die Lager des „Duce“ – Teil 1

Im Jahr 2003 behauptete der damalige italienische Premierminister Silvio Berlusconi, dass es während der Zeit des italienischen Faschismus keine Konzentrationslager gegeben habe, Mussolini niemanden habe umbringen lassen und er Menschen lediglich auf Inseln wie Ponza und Ventotene in den „Urlaub“ geschickt hätte.

Die von der Geschichtsforschung längst widerlegte Behauptung, dass der Mussolini-Faschismus erst unter dem Einfluss des nationalsozialistischen Deutschlands aus dem Ruder gelaufen sei, die Mär vom „guten Italiener“ und „schlechten Deutschen, ist ein bekanntes Stereotyp und wurde von Berlusconi während seiner Regierungszeit intensiv bedient.

Dies hat eine verzerrte kollektive Erinnerung befördert, die sich auch im Umgang mit den Stätten ehemaliger Konzentrationslager des italienischen Faschismus manifestiert: Denn während in den – unter deutscher Besatzungsherrschaft nach der italienischen Kapitulation im September 1943 errichteten – Konzentrationslagern Risiera San Sabba in Triest, Fossoli und Bozen-Gries an deren Geschichte erinnert und der Opfer gedacht wird, sucht man nach Spuren der über 50 Konzentrationslager, die Mussolini ab 1940 errichten ließ, meist vergeblich.

Konzentrationslager für Zivilisten aus von Italien okkupierten Gebieten Jugoslawiens

Nachdem sich das faschistische Italien – mit Deutschland durch die Achse Berlin-Rom“ und den sogenannten „Stahlpakt“ verbunden – am deutschen Überfall auf Jugoslawien im April 1941 beteiligt hatte, besetzte die italienische Armee Teile des in diverse Einflusssphären zerstückelten Landes entlang der Küste: Das italienische Besatzungsgebiet umfasste den Süden und Westen Sloweniens bis einschließlich Ljubljana und Teile von Dalmatien, einige Inseln sowie Teile von Montenegro und des Kosovo.

Die italienische Besatzung war von Zwangsmaßnahmen, Geiselerschießungen sowie massenhaften Deportationen und Internierung von Zivilisten – Frauen, Männern und Kindern aus Slowenien, Kroatien und Dalmatien – gekennzeichnet. So erließ General Mario Roatta, ab Januar 1942 Oberbefehlshaber der 2. italienischen Armee, die 1941 von Istrien aus am Überfall auf Jugoslawien teilnahm und danach die italienischen Besatzungstruppen in den besetzten Gebieten stellte, am 1. März 1942 das berüchtigte Rundschreiben 3C („Circolare 3C“): In offenem Bruch mit dem Kriegsvölkerrecht wurden Offiziere und Kommandanten darin angewiesen, mit allergrößter Härte gegen den Widerstand der Bevölkerung vorzugehen (Prinzip des „Zahn um Kopf“ statt „Zahn um Zahn“).

Bereits einige Tage zuvor hatte Roatta in der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1942 das Stadtgebiet von Ljubljana mit einem Stacheldrahtzaun hermetisch abriegeln lassen und danach Durchkämmungsaktionen angeordnet. Mehrere hundert gefangengenommene slowenische Zivilisten (Schüler, Studenten, Intellektuelle, die im Verdacht standen, mit der slowenischen Befreiungsbewegung zu sympathisieren) wurden Mitte März 1942 – die Gefängnisse in Ljubljana waren längst überfüllt – nach Italien deportiert. Diese Verschleppungen sollten den Widerstand gegen das faschistische italienische Besatzungsregime brechen und potentielle Widerstandskämpfer isolieren.

Das KZ Gonars

Das Konzentrationslager Gonars im Friaul war das erste Lager für Slowenen und Kroaten – „per slavi“, wie es im Land der Besatzungsmacht hieß – auf italienischem Boden.

Es wurde Ende Februar 1942, nachdem General Roatta mit den systematischen Durchkämmungen begonnen hatte, errichtet. Tausende Slowenen wurden ab März 1942 nach Gonars verschleppt. Anfangs nur Männer, später auch Frauen, Kinder und alte Menschen. Unter den unter elenden hygienischen Bedingungen lebenden und unter Mangelernährung leidenden Gefangenen waren neben Sympathisanten der slowenischen Befreiungsbewegung u.a. der Direktor der Oper von Ljubljana, Schauspieler des Nationaltheaters, Bildhauer, Schriftsteller und viele Universitätsangestellte. Bereits Mitte August 1942 waren über 6.000, Mitte September 1942 knapp 6.400 Menschen in Gonars interniert. Ausgelegt für ca. 3.000 Gefangene, war die Aufnahmekapazität bereits nach kurzer Zeit erreicht, was zum Bau weiterer Konzentrationslager führte.

Bis das Lager im September 1943 im Zuge der italienischen Kapitulation aufgelöst wurde, starben in Gonars ca. 500 Menschen an Unterernährung und verschiedensten Krankheiten, darunter 70 Kleinkinder.

Nach dem Krieg wurde das Lager dem Boden gleichgemacht, lediglich einige längst grasüberwachsene Fundamente sind davon heute noch erkennbar. Aber wenigstens gelang es der jugoslawischen Regierung im Vorfeld des 1975 geschlossenen Osimo-Vertrags über die Festlegung des endgültigen Grenzverlaufs zwischen Italien und Jugoslawien, auf dem örtlichen Friedhof eine Gedenkstätte zu errichten.
Und seit dem Jahr 2009 existiert auch eine kleine Gedenkstätte auf dem Areal des ehemaligen Lagers: Auf vier Stelen sind Mosaike mit Reproduktionen von Werken eingelassen, die Häftlinge im Lager geschaffen haben.

Das KZ Monigo in Treviso

Da das KZ Gonars schnell überfüllt war, wurden weitere Konzentrationslager errichtet, zunächst in Treviso.

Hier wurde die Caserma Luigi Cadorin im Vorort Monigo zum Konzentrationslager umfunktioniert. Die ersten slowenischen Gefangenen erreichten das Lager am 2. Juli 1942: 315 Männer, Frauen und Kinder, die während der großen Durchkämmungsaktion in Ljubljana und weitere 255 Zivilisten, die im Raum Logatec (ca. 30 km südwestlich der slowenischen Hauptstadt) verhaftet worden waren. Mit einem zweiten Transport wurden am 6. August 432 Menschen aus Novo Mesto und Kočevje nach Treviso deportiert. Weitere Transporte folgten, auch aus dem Konzentrationslager Kampor auf der dalmatinischen Insel Rab, wo die Sterberate der Insassen mit 19 % über der des deutschen KZ Dachau lag. Im Oktober 1942 waren über 3.400 Menschen im KZ Monigo inhaftiert.

Der Überfüllung des Lagers begegneten die Behörden mit der teilweisen Verlegung in andere Konzentrations- und Arbeitslager. Mangelernährung, Kälte und schlechte hygiensiche Bedingungen blieben jedoch an der Tagesordnung und führten dazu, dass zeitweise die Hälfte der 600 Betten des städtischen Krankenhauses in Treviso von Insassen des KZ Monigo belegt waren. Meist viel zu spät eingeliefert, konnte vielen der Patienten, die an katastrophaler Unternährung oder Tuberkulose litten, nicht mehr geholfen werden.

In den 14 Monaten bis zur Schließung des Lagers starben über 230 Menschen, davon über 50 Kinder. Die meisten von ihnen wurden in Massengräbern verscharrt.

Die Cadorin-Kaserne wird nachwievor militärisch genutzt; Hinweise auf die frühere Nutzung gibt es nicht. Einer privaten Initiative ist es zu danken, dass seit Januar 2013 am ehemaligen Krankenhaus in der Altstadt von Treviso eine Gedenktafel angebracht werden konnte für „die Tausenden von Zivilisten, die in das Konzentrationslager Treviso (1942-1943) deportiert wurden. Viele der circa 200 Todesopfer, darunter 53 Kinder, starben an diesem Ort, damals das städtische Krankenhaus“. Das Gedenkrelief ist das Ergebnis eines auch vom Geschichtsinstitut ISTRESCO unterstützten Wettbewerbs der Studenten des Liceo Artistico di Treviso.

Das KZ Visco

Lediglich 10 Kilometer von Gonars entfernt entstand im Januar 1943 in der kleinen Ortschaft Visco bei Palmanova ein weiteres Konzentrationslager. Am 22. Februar 1943 erreichten die ersten ca. 300 gefangenen, von Hungerödemen gezeichneten Slowenen und Kroaten aus dem Konzentrationslager Kampor auf der dalmatinischen Insel Rab das Lager Visco. Mit 3.272 Männern, Frauen und auch vielen Kindern erreichte die Belegung des KZ Visco am 1. Juli 1943 ihren Höchststand. 22 Menschen starben dort während ihrer Haftzeit.

Nach der italienischen Kapitulation wurden die 18 Gebäude des Lagers zunächst von der Wehrmacht, nach dem Krieg vom italienischen Militär bis 1996 als Kaserne („Caserma Luigi Sbaiz“) genutzt. Im Jahr 2001 ging es in den Besitz der Gemeinde Visco über. Das hermetisch abgeriegelte Gelände war öffentlich nicht zugänglich, sodass auch die kleine Gedenktafel, die seit dem Jahr 2004 im Inneren an die frühere Nutzung als Konzentrationslager erinnert, nicht erkennbar war.

Anstatt hier nun aber eine Gedenkstätte zu errichten, einen Ort, an dem über den italienischen Faschismus, den Angriffskrieg gegen Jugoslawien, die italienische Besatzungsherrschaft und über die Deportation von allein circa 25.000 Slowenen nach Italien informiert werden könnte, plante die Gemeinde den Verkauf des Areals an ein Möbelcenter. Diese Nachricht, auch von der in Kärnten erscheinenden „Kleinen Zeitung“ über die Landesgrenzen hinweg verbreitet, löste Empörung aus. Gegen die Veräußerung des Geländes stemmte sich auch der slowenische Schriftsteller Boris Pahor. Der bekannte, damals 94-jährige Autor von „Nekropolis“, selbst Deportationsopfer und Überlebender der KZ Dachau, Natzweiler-Struthof, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen, warnte vor der Veräußerung des Geländes und mahnte Schritte zum Erhalt des ehemaligen Konzentrationslager an.

Mittlerweile scheint der Plan, auf dem Areal ein Möbelcenter zu errichten, vom Tisch zu sein. Wenigstens dies ist gelungen. Fortsetzung folgt …

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Neue aktualisierte Auflage unseres Wanderlesebuchs ‚Partisanenpfade im Piemont‘

Fast ein Vierteljahr ist mittlerweile verstrichen seit Veröffentlichung der Neuauflage unseres Wanderlesebuchs Partisanenpfade im Piemont im Februar 2018. Hier im Blog darüber zu berichten, hatten wir schlicht vergessen. Das holen wir hiermit nach.

von der Nivolet-Passstraße Blick auf die Seen Agnel und Serrù - Foto: © Wolfram Mikueit

Dass wir für die Neuauflage manche Wege nochmals abgegangen sind und sowohl Preise als auch Kontaktinformationen aktualisiert haben, versteht sich von selbst.

Ansonsten hat sich nichts verändert, sodass noch immer gilt:

Partisanenpfade im Piemont ist ein Wanderbuch, ein Reisebuch und auch ein Geschichtenbuch.

Pietramorta (1.812 m), Valle di Viù, längst verlassene Sommersiedlung am Logo di Malciaussia - Foto: © Wolfram Mikuteit

23 Touren vom Stadtspaziergang bis hinauf auf über 3.000 Meter Höhe
‚Partisanenpfade im Piemont‘ ist ein Wanderführer, der 23 Touren – vom Stadtspaziergang durch Turin bis zur Hochtour auf den über 3.000 Meter hohen Colle Autaret – umfasst. Alle GPS-kartiert, alle anhand von Waypoints exakt nachvollziehbar und jede Tour mit herunterladbarem Track für das eigene GPS-Gerät. Mit Hinweisen zum ÖPNV, Kartenmaterial und Einkehrtipps.

Blick über das Susatal, im Hintergrund der Monviso - Foto: © Wolfram Mikuteit

Unsere Touren zwischen Gran Paradiso im Norden und Monviso im Süden folgen ausgewiesenen Wanderwegen durch National- oder Naturparkgebiete, führen über königliche Jagdsteige, alte Saumwege und stille Gebirgspfade. Und oberste Priorität hatte bei der Auswahl der Wege neben der historischen Bedeutung stets die Attraktivität des Weges und die der Landschaft.

Ein Reisebuch, das an Orte führt, in denen gut gegessen und genächtigt werden kann
‚Partisanenpfade im Piemont‘ ist ein Reisebuch, das einführt in die Welt der Alpentäler, die sich fächerartig westlich der Barockstadt Turin bis zum Alpenhauptkamm ziehen. An Plätze führt, in denen die Geschichte der Resistenza wachgehalten wird, und an Orte, in denen gut gegessen und genächtigt werden kann.

Sangonetal, kurz vor der Alpe Sellery inferiore - Foto: © Wolfram Mikuteit

Ein Geschichtenbuch über Orte und Wege des Widerstands
Die 20 Monate der italienischen Resistenza, in denen sich Menschen unterschiedlichster politischer Couleur ab September 1943 zusammenschlossen, um gegen deutsche Besatzung und italienischen Faschismus und für einen radikalen Wandel in ihrem Land zu kämpfen, haben Italien nachhaltig geprägt. Ganz besonders die stark entvölkerte Gebirgsregion des Piemonts nah an der Grenze zu Frankreich. Wir nehmen die Leserinnen und Leser mit auf eine historische Zeitreise und machen die Geschichte der piemontesischen Widerstandsbewegung erlebbar – zu Fuß, automobilisiert oder zu Hause auf dem Sofa.

vom Assiettakamm Aussicht nach Westen auf die Grande Ruine (3.765 m) - Foto: © Wolfram Mikuteit

Wir haben aber kein Geschichtsbuch geschrieben, sondern anhand ganz unterschiedlicher Artikel versucht, diese Geschichte erlebbar zu machen. Wir erzählen von Mussolinis Aufstieg – weil die Widerstandsbewegung nur verständlich wird vor dem Hintergrund, dass beim Kriegseintritt Italiens an der Seite Hitler-Deutschlands 1940 ein damals 18-jähriger italienischer Wehrpflichtiger nicht einen einzigen Tag in einem demokratischen Staat gelebt hatte. Wir erzählen auch von dem 1933 in Turin gegründeten Verlag ‚Giulio Einaudi Editore’, mit dem Leone Ginzburg, Cesare Pavese, Giulio Einaudi, Carlo Levi, Vittorio Foa und viele andere versuchten, die faschistische Zensur zu unterlaufen und Bücher zu verlegen, die zu kritischem Denken anregen sollten – und dafür auch langjährige Haftstrafen und Verbannung in Kauf nahmen.

Blick hinunter auf die Conca del Pra - beim Abstieg vom Colle Selliere - Foto: © Wolfram Mikuteit

Wir erzählen auch von dem Phänomen, das die italienische Historikerin Anna Bravo als eine der “größten Verkleidungsaktionen der italienischen Geschichte” bezeichnet hat: Dass sich circa die Hälfte der Soldaten des italienischen Heeres, die sich am Tag der Waffenstillstandserklärung im deutschen Machtbereich befunden hat, durch Flucht der Gefangennahme und dem Transport in die deutschen Zwangsarbeitslager entziehen konnte.

Forte Chaberton, höchstgelegen Festungsanlage der Alpen (3.136 m) - Foto: © Wolfram Mikuteit

Und weil ‚Partisanenpfade im Piemont’ ein Wanderlesebuch ist, haben wir in Ergänzung zu den Tourbeschreibungen auch ganz viele kurze Hintergrundgeschichten geschrieben. In diesen ‚Themensplittern’ kann – wer mag – nachlesen, warum jedes kleine Dorf in Italien seine ‚Via Roma’ hat, was genau unter der italienischen ‚Judenkartei’ zu verstehen ist, wie Piero Gobettis Witwe Ada ihre Winterüberschreitung des Passo dell’Orso in ihrem Tagebuch beschrieb. Hier findet sich auch das Gedicht ‚Kamerad Kesselring’, geschrieben in Erinnerung an den Kriegsverbrecher, der kaltschnäuzig genug für die Bemerkung war, die Italiener täten gut daran, ihm für sein Verhalten in der Zeit, in der er den Oberbefehl auf dem italienischen Kriegsschauplatz innehatte, ein Denkmal zu errichten.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

P.S.

Die Rezensionen zur Erstauflage von ZEIT bis Zürcher Wochenzeitung sind hier nachzulesen.
Das Inhaltsverzeichnis kann hier angesehen oder heruntergeladen werden.

 

 

Der böse Deutsche und der gute Italiener – Zu Filippo Focardis Buch „Falsche Freunde?“

Italien kann für sich den zweifelhaften Ruhm in Anspruch nehmen, den Faschismus gewissermaßen erfunden zu haben. Das Land stand nach dem erbarmungslosen, auch mit Chemiewaffen geführten Angriffskrieg gegen Äthiopien ab Mitte der 1930er-Jahre stramm an der Seite des nationalsozialistischen Deutschlands. Von Großmachtambitionen geleitet, griffen Mussolinis Soldaten zusammen mit der Deutschen Wehrmacht zahlreiche Staaten an und haben sich in den besetzten Ländern zahlloser Verbrechen auch gegen die Zivilbevölkerung schuldig gemacht. Ein Bündnis, das Italien im September 1943 erst verließ, als mit einem Sieg nicht mehr zu rechnen war. Dennoch ist es in der Nachkriegszeit gelungen, in weiten Kreisen der italienischen Bevölkerung ein Geschichtsbild zu verankern, das die Italiener – mit Ausnahme von Mussolini und einer kleinen, ihn umgebenden faschistischen Clique – im Gegensatz zu den barbarischen Deutschen von jeder Schuld freispricht.

Filippo Focardi - Falsche Freunde
Filippo Focardi, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Padua, geht in seinem Buch „Falsche Freunde?“ – die im Jahr 2013 erschienene italienische Originalausgabe trägt den Titel „Il cattivo tedesco e il bravo italiano“ – den Ansätzen und Strategien nach, mit Hilfe derer die Entstehung dieser verzerrten kollektiven Erinnerung befördert wurde. Seine Untersuchung konzentriert sich auf die Jahre zwischen 1943 und 1947, also die Zeitspanne zwischen der Ausrufung des Waffenstillstands und den ersten Nachkriegsjahren, in denen der Friedensvertrag zwischen Italien und den Siegermächten vorbereitet und ausgehandelt wurde. Der Grundstein des nützlichen Stereotyps vom „bösen Deutschen“ wurde in diesem Zeitraum gelegt, um – so Focardis zentrale These – das Schicksal des besiegten, aber vorher mitkriegführenden Italiens von dem des nationalsozialistischen Deutschlands, das bis zuletzt zum Führer gestanden hatte und die strengsten Sanktionen durch die Siegermächte verdiente, zu trennen. Das Bild des Italieners, der allenfalls ein Hühnerdieb, aber kein Kriegsverbrecher sei, sollte dazu dienen, Italien einen harten Friedensvertrag zu ersparen.

Die Basis für diesen Versuch, die Geschichte im Sinne Italiens umzudeuten, hatten bereits die Alliierten gelegt: Seit 1940 zielte deren Propaganda mit der klaren Unterscheidung zwischen italienischem Volk und faschistischer Regierung darauf ab, die Achse Berlin-Rom zu spalten und einen Separatfrieden zu vereinbaren. Die Inhalte der Sendungen von Radio London und der von den angloamerikanischen Flugzeugen abgeworfenen Flugblätter, die den Krieg als einen von den Italienern ungeliebten, von Mussolini und den Deutschen aufgezwungenen darstellten, konnten nach dem Waffenstillstand als Leitmotiv weiterverwendet werden. Die Hervorhebung der Verdienste der an sich friedliebenden italienischen Soldaten, die sich der Judenverfolgung entgegengestellt, die eigene und auch die Bevölkerung besetzter Staaten geschützt und selbst zu Opfern der Regime von Hitler und Mussolini wurden, weist Focardi penibel anhand vieler Zitate aus veröffentlichten Stellungnahmen nach. Wobei es lediglich leichte graduelle Unterschiede zwischen den Aussagen von Vertretern des alten monarchistischen Establishment und jenen der Protagonisten der antifaschistischen Linken gab.

Auf diese Weise entstand in Italien ein Geschichtsbild, so Focardi, bei dem „die Beteiligung des italienischen Volkes am Faschismus und die Verantwortung des Landes im faschistischen Krieg und seinen zahlreichen Verbrechen, die vor allem auf dem Balkan begangen wurden, verschwiegen, verharmlost oder geleugnet wurden.“

In diesem Buch, das im Kern auf seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 1999 beruht, arbeitet Focardi akribisch heraus, wie das Begriffspaar des „guten Italieners“ und des „schlechten Deutschen“ entstand, wie es in Presse und Literatur ständig wiederholt und wofür es genutzt wurde: Die über alle Kanäle verbreitete Dämonisierung der Deutschen sollte dazu dienen, die lange Periode des italienischen Faschismus vergessen zu machen, einen harten, mit allzu großen Gebietsverlusten verbundenen Friedensvertrag tunlichst zu vermeiden und auch die Auslieferung italienischer Kriegsverbrecher zu blockieren. Es beleuchtet damit detail- und quellenreich die bei uns wenig bekannte erste Phase der italienischen Nachkriegsgeschichte.

Einige kritische Anmerkungen seien dennoch erlaubt. So befremdet im Schlusswort Focardis überschwengliches Lob für die in Deutschland früh vorgenommene Aufarbeitung der Geschichte, wenn er schreibt: „Deutschland hat spätestens seit den sechziger Jahren gezeigt, dass es mit Mut und Opferbereitschaft möglich ist, diesen Weg der ‚Aufarbeitung der Vergangenheit‘ zu gehen“ (S. 249). Zudem hätte das Buch ein sorgfältigeres Lektorat verdient. Wenn Sinti und Roma schon als „Zigeuner“ bezeichnet werden, sollten Anführungsstriche dabei nicht fehlen. Auch wäre eine Bibliographie hilfreich gewesen und hätte den Leser/innen erspart, bibliographische Angaben im ca. 100-seitigen – zwar übersetzten, aber nicht für die deutsche Fassung überarbeitetem – Fußnotenapparat aufzuspüren.

Filippo Focardi: Falsche Freunde? Italiens Geschichtspolitik und die Frage der Mitschuld am Zweiten Weltkrieg. Paderborn: Ferdinand Schöningh Verlag, 2015

Sabine Bade

(zuerst veröffentlicht in: Studienkreis deutscher Widerstand (Hg.), Frankfurt, Informationen Nr. 85/2017)

Museo della Resistenza Europea in Genua

Auch dieses Jahr gibt es im April um den Jahrestag der Befreiung von der deutschen Besatzung (25. April, Anniversario della Liberazione) herum wieder Möglichkeiten zum Besuch des Museo della Resistenza Europea in Genua. Dort, wo sich früher das Gestapo-Hauptquartier befand, wird auch des Widerstands in Deutschland gedacht.

das Museo della Resistenza Europea in Genua in der ex. Casa dello Studente - Genua - Foto: © Sabine Bade

Die Gestapo in der Casa dello Studente
Die Universität Genua ließ zwischen 1933 und 1935 die Casa dello Studente am Corso Aldo Gastaldi (damals: Corso Giulio Cesare) als Studentenwohnheim errichten. Kurz nach Fertigstellung wurde das 5-geschossige Gebäude von der Faschistischen Partei übernommen. Nach der Besetzung Genuas durch deutsche Truppen war die Casa dello Studente ab Mitte Oktober 1943 Sitz der Gestapo, war deren Verhör- und Folterzentrum unter Leitung von SS-Obersturmbannführer Friedrich Engel, dem SD- und Polizeichef von Genua, der in internationalen Medien auch als „Schlächter von Genua“ bezeichnet wird.

Casa dello Studente, Genua - Folterkeller - Foto: © Sabine Bade

Nach der Befreiung Genuas am 25. April 1945 – die deutschen Truppen unter dem Kommando von Generalmajor Günther Meinhold hatten sich direkt den Vertretern des Widerstands ergeben – fanden die Partisanen im Keller der Casa della Studente Folterwerkzeuge, Blutspuren, Knochenteile und Fingernägel. Die Medien berichteten über die Funde, und für eine kurze Zeit stand das Gebäude, in dem Hunderte von Widerstandskämpfern gefangen gehalten und in dem sogenannten „Keller der Qualen“ vor ihrer Hinrichtung oder Deportation gefoltert wurden, der Bevölkerung Genuas offen.
Aber schon ab 1946 wurde die Casa dello Studente wieder von der Universität genutzt, die Gefängniszellen wurden als Vorratsspeicher für die Mensa verwendet und der Zugang zum für die Folterungen genutzten unterirdischen Luftschutzraum wurde – im Namen der nationalen Versöhnung – zugemauert.

Gedenken an deutschen Widerstandskämpfer im ehemaligen Folterkeller der Gestapo
27 Jahre lang rührte niemand an der grausigen Vergangenheit des Studentenwohnheims. Erst nachdem Studenten Ende der 1960er-Jahre zusammen mit ehemaligen Widerstandskämpfern damit begonnen hatten, die Geschichte des Gebäudes zu rekonstruieren, legten sie 1972 diesen Zugang wieder frei. Damals entstand die Idee, den „Keller der Qualen“ als Gedenkstätte des internationalen Widerstandes zu erhalten. Das Ziel der Initiatoren war es, den oft längst vergessenen Beitrag all jener zu würdigen, die in ganz Europa für den Widerstand gegen Nationalsozialismus und Faschismus kämpften, der „kein Vaterland und keine Grenzen kannte“. Hier sollte nicht nur an den ehemaligen Folterkeller der Gestapo erinnert werden. Dass das Gebäude auch von italienischen faschistischen Organisationen im Wissen um die Ereignisse in den Folterkellern genutzt wurde, sollte ebenso in Erinnerung bleiben wie die vielen Opfer des deutschen Widerstandes gegen das NS-Regime, vor allem in den Reihen der Arbeiterbewegung, über den in Italien relativ wenig bekannt war/ ist.

Casa dello Studente, Genua - Folterkeller, mit Gedenktafel für Rudolf Seiffert - Foto: © Sabine Bade

Um diese nach Ansicht der Initiatoren verborgen gebliebene Seite des deutschen Widerstandes, vor allem den der Arbeiter in Berlin, zu würdigen, ehren sie in der Casa dello Studente seit 1974 Rudolf Seiffert stellvertretend für die deutschen Widerstandskämpfer. Seiffert (1908-1945) war Leiter einer illegalen Betriebsgruppe bei den Siemens & Halske-Werken in Berlin-Siemensstadt und Mitglied der Berliner Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation. Am 29. Januar 1945 wurde er im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.

Casa dello Studente: Veranstaltungsprogramm zum Tag der Befreiung, 25. April 2017

Am Sonntag, den 23. April (10.00-12.00 Uhr und 14.00-18.00 Uhr), und am Dienstag, den 25. April (12.00-18.00 Uhr) werden Führungen durchgeführt. Casa dello Studente, Corso Aldo Gastaldi, ab Metrostation Genua-Brignole Buslinien 16, 45 und 87.
Wer das Museo della Resistenza Europea zu anderen Zeiten besichtigen möchte, muss sich anmelden. Kontakt: centrodocumentazionelogos@gmail.com

 

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Brotaufstände in Rom unter deutscher Besatzung

Die Bevölkerung Roms hungerte im Frühjahr 1944. Elsa Morante schrieb dazu in ihrem Buch ‚La Storia‘:
In den letzten Monaten der deutschen Besatzung sah Rom allmählich wie gewisse indische Städte aus, wo nur die Geier sich sattfressen können und keine Bestandsaufnahme der Lebenden und der Toten mehr stattfindet“.

Brotaufstände in Rom - Gedenkstele für die 10 am 7. April 1944 ermordeten Frauen - Foto: © Wolfram Mikuteit

Gedenkstele für die 10 am 7. April 1944 ermordeten Frauen – Foto: © Wolfram Mikuteit

Die drastische Reduzierung der täglichen Brotration (kaum Mehl enthaltendes „Pane nero“) von 150 auf 100 Gramm pro Person am 25. März 1944 – zwei Tage nach dem Attentat in der Via Rasella – führte ab Anfang April zu spontanen Demonstrationen und Plünderungen von Bäckereien.

Am 7. April 1944 eskalierten die Zusammenstöße zwischen den um Brot und Mehl kämpfenden Frauen auf der einen und faschistischer Polizei und deutschen Besatzungstruppen auf der anderen Seite. Frauen stürmten eine Bäckerei im Viertel Ostiense, die die Besatzungstruppen mit Brot belieferte. Ein herbeigerufenes deutsches Kommando sperrte die Ponte dell’Industria und hinderte die Frauen damit an der Flucht. Zehn Frauen wurden aufgegriffen, mit dem Gesicht zum Wasser auf der Brücke aufgestellt und sofort erschossen, „so wie die Tiere im Schlachthaus getötet werden“, wie Carla Capponi dazu schrieb. Zur Abschreckung mussten die Leichen von Clorinda Falsetti, Italia Ferracci, Esperia Pellegrini, Elvira Ferrante, Eulalia Fiorentino, Elettra Maria Giardini, Concetta Piazza, Assunta Maria Izzi, Arialda Pistolesi und Silvia Loggreolo den ganzen Tag auf der Brücke liegen bleiben.

Brotaufstände in Rom - Gedenkstele für die 10 ermordeten Frauen an der Ponte dell'Industria in Rom - Foto: © Wolfram Mikuteit

Gedenkstele für die 10 ermordeten Frauen an der Ponte dell’Industria in Rom – Foto: © Wolfram Mikuteit

Veranlasst durch eine Initiative, an der auch Carla Capponi beteiligt war, wurde im September 1997 an der Ponte dell’Industria eine Gedenkstele für die 10 ermordeten Frauen errichtet  – und zur Erinnerung an die Brotaufstände in Rom.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit