Neue aktualisierte Auflage unseres Wanderlesebuchs ‚Partisanenpfade im Piemont‘

Fast ein Vierteljahr ist mittlerweile verstrichen seit Veröffentlichung der Neuauflage unseres Wanderlesebuchs Partisanenpfade im Piemont im Februar 2018. Hier im Blog darüber zu berichten, hatten wir schlicht vergessen. Das holen wir hiermit nach.

von der Nivolet-Passstraße Blick auf die Seen Agnel und Serrù - Foto: © Wolfram Mikueit

Dass wir für die Neuauflage manche Wege nochmals abgegangen sind und sowohl Preise als auch Kontaktinformationen aktualisiert haben, versteht sich von selbst.

Ansonsten hat sich nichts verändert, sodass noch immer gilt:

Partisanenpfade im Piemont ist ein Wanderbuch, ein Reisebuch und auch ein Geschichtenbuch.

Pietramorta (1.812 m), Valle di Viù, längst verlassene Sommersiedlung am Logo di Malciaussia - Foto: © Wolfram Mikuteit

23 Touren vom Stadtspaziergang bis hinauf auf über 3.000 Meter Höhe
‚Partisanenpfade im Piemont‘ ist ein Wanderführer, der 23 Touren – vom Stadtspaziergang durch Turin bis zur Hochtour auf den über 3.000 Meter hohen Colle Autaret – umfasst. Alle GPS-kartiert, alle anhand von Waypoints exakt nachvollziehbar und jede Tour mit herunterladbarem Track für das eigene GPS-Gerät. Mit Hinweisen zum ÖPNV, Kartenmaterial und Einkehrtipps.

Blick über das Susatal, im Hintergrund der Monviso - Foto: © Wolfram Mikuteit

Unsere Touren zwischen Gran Paradiso im Norden und Monviso im Süden folgen ausgewiesenen Wanderwegen durch National- oder Naturparkgebiete, führen über königliche Jagdsteige, alte Saumwege und stille Gebirgspfade. Und oberste Priorität hatte bei der Auswahl der Wege neben der historischen Bedeutung stets die Attraktivität des Weges und die der Landschaft.

Ein Reisebuch, das an Orte führt, in denen gut gegessen und genächtigt werden kann
‚Partisanenpfade im Piemont‘ ist ein Reisebuch, das einführt in die Welt der Alpentäler, die sich fächerartig westlich der Barockstadt Turin bis zum Alpenhauptkamm ziehen. An Plätze führt, in denen die Geschichte der Resistenza wachgehalten wird, und an Orte, in denen gut gegessen und genächtigt werden kann.

Sangonetal, kurz vor der Alpe Sellery inferiore - Foto: © Wolfram Mikuteit

Ein Geschichtenbuch über Orte und Wege des Widerstands
Die 20 Monate der italienischen Resistenza, in denen sich Menschen unterschiedlichster politischer Couleur ab September 1943 zusammenschlossen, um gegen deutsche Besatzung und italienischen Faschismus und für einen radikalen Wandel in ihrem Land zu kämpfen, haben Italien nachhaltig geprägt. Ganz besonders die stark entvölkerte Gebirgsregion des Piemonts nah an der Grenze zu Frankreich. Wir nehmen die Leserinnen und Leser mit auf eine historische Zeitreise und machen die Geschichte der piemontesischen Widerstandsbewegung erlebbar – zu Fuß, automobilisiert oder zu Hause auf dem Sofa.

vom Assiettakamm Aussicht nach Westen auf die Grande Ruine (3.765 m) - Foto: © Wolfram Mikuteit

Wir haben aber kein Geschichtsbuch geschrieben, sondern anhand ganz unterschiedlicher Artikel versucht, diese Geschichte erlebbar zu machen. Wir erzählen von Mussolinis Aufstieg – weil die Widerstandsbewegung nur verständlich wird vor dem Hintergrund, dass beim Kriegseintritt Italiens an der Seite Hitler-Deutschlands 1940 ein damals 18-jähriger italienischer Wehrpflichtiger nicht einen einzigen Tag in einem demokratischen Staat gelebt hatte. Wir erzählen auch von dem 1933 in Turin gegründeten Verlag ‚Giulio Einaudi Editore’, mit dem Leone Ginzburg, Cesare Pavese, Giulio Einaudi, Carlo Levi, Vittorio Foa und viele andere versuchten, die faschistische Zensur zu unterlaufen und Bücher zu verlegen, die zu kritischem Denken anregen sollten – und dafür auch langjährige Haftstrafen und Verbannung in Kauf nahmen.

Blick hinunter auf die Conca del Pra - beim Abstieg vom Colle Selliere - Foto: © Wolfram Mikuteit

Wir erzählen auch von dem Phänomen, das die italienische Historikerin Anna Bravo als eine der “größten Verkleidungsaktionen der italienischen Geschichte” bezeichnet hat: Dass sich circa die Hälfte der Soldaten des italienischen Heeres, die sich am Tag der Waffenstillstandserklärung im deutschen Machtbereich befunden hat, durch Flucht der Gefangennahme und dem Transport in die deutschen Zwangsarbeitslager entziehen konnte.

Forte Chaberton, höchstgelegen Festungsanlage der Alpen (3.136 m) - Foto: © Wolfram Mikuteit

Und weil ‚Partisanenpfade im Piemont’ ein Wanderlesebuch ist, haben wir in Ergänzung zu den Tourbeschreibungen auch ganz viele kurze Hintergrundgeschichten geschrieben. In diesen ‚Themensplittern’ kann – wer mag – nachlesen, warum jedes kleine Dorf in Italien seine ‚Via Roma’ hat, was genau unter der italienischen ‚Judenkartei’ zu verstehen ist, wie Piero Gobettis Witwe Ada ihre Winterüberschreitung des Passo dell’Orso in ihrem Tagebuch beschrieb. Hier findet sich auch das Gedicht ‚Kamerad Kesselring’, geschrieben in Erinnerung an den Kriegsverbrecher, der kaltschnäuzig genug für die Bemerkung war, die Italiener täten gut daran, ihm für sein Verhalten in der Zeit, in der er den Oberbefehl auf dem italienischen Kriegsschauplatz innehatte, ein Denkmal zu errichten.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

P.S.

Die Rezensionen zur Erstauflage von ZEIT bis Zürcher Wochenzeitung sind hier nachzulesen.
Das Inhaltsverzeichnis kann hier angesehen oder heruntergeladen werden.

 

 

Der böse Deutsche und der gute Italiener – Zu Filippo Focardis Buch „Falsche Feunde?“

Italien kann für sich den zweifelhaften Ruhm in Anspruch nehmen, den Faschismus gewissermaßen erfunden zu haben. Das Land stand nach dem erbarmungslosen, auch mit Chemiewaffen geführten Angriffskrieg gegen Äthiopien ab Mitte der 1930er-Jahre stramm an der Seite des nationalsozialistischen Deutschlands. Von Großmachtambitionen geleitet, griffen Mussolinis Soldaten zusammen mit der Deutschen Wehrmacht zahlreiche Staaten an und haben sich in den besetzten Ländern zahlloser Verbrechen auch gegen die Zivilbevölkerung schuldig gemacht. Ein Bündnis, das Italien im September 1943 erst verließ, als mit einem Sieg nicht mehr zu rechnen war. Dennoch ist es in der Nachkriegszeit gelungen, in weiten Kreisen der italienischen Bevölkerung ein Geschichtsbild zu verankern, das die Italiener – mit Ausnahme von Mussolini und einer kleinen, ihn umgebenden faschistischen Clique – im Gegensatz zu den barbarischen Deutschen von jeder Schuld freispricht.

Filippo Focardi - Falsche Freunde
Filippo Focardi, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Padua, geht in seinem Buch „Falsche Freunde?“ – die im Jahr 2013 erschienene italienische Originalausgabe trägt den Titel „Il cattivo tedesco e il bravo italiano“ – den Ansätzen und Strategien nach, mit Hilfe derer die Entstehung dieser verzerrten kollektiven Erinnerung befördert wurde. Seine Untersuchung konzentriert sich auf die Jahre zwischen 1943 und 1947, also die Zeitspanne zwischen der Ausrufung des Waffenstillstands und den ersten Nachkriegsjahren, in denen der Friedensvertrag zwischen Italien und den Siegermächten vorbereitet und ausgehandelt wurde. Der Grundstein des nützlichen Stereotyps vom „bösen Deutschen“ wurde in diesem Zeitraum gelegt, um – so Focardis zentrale These – das Schicksal des besiegten, aber vorher mitkriegführenden Italiens von dem des nationalsozialistischen Deutschlands, das bis zuletzt zum Führer gestanden hatte und die strengsten Sanktionen durch die Siegermächte verdiente, zu trennen. Das Bild des Italieners, der allenfalls ein Hühnerdieb, aber kein Kriegsverbrecher sei, sollte dazu dienen, Italien einen harten Friedensvertrag zu ersparen.

Die Basis für diesen Versuch, die Geschichte im Sinne Italiens umzudeuten, hatten bereits die Alliierten gelegt: Seit 1940 zielte deren Propaganda mit der klaren Unterscheidung zwischen italienischem Volk und faschistischer Regierung darauf ab, die Achse Berlin-Rom zu spalten und einen Separatfrieden zu vereinbaren. Die Inhalte der Sendungen von Radio London und der von den angloamerikanischen Flugzeugen abgeworfenen Flugblätter, die den Krieg als einen von den Italienern ungeliebten, von Mussolini und den Deutschen aufgezwungenen darstellten, konnten nach dem Waffenstillstand als Leitmotiv weiterverwendet werden. Die Hervorhebung der Verdienste der an sich friedliebenden italienischen Soldaten, die sich der Judenverfolgung entgegengestellt, die eigene und auch die Bevölkerung besetzter Staaten geschützt und selbst zu Opfern der Regime von Hitler und Mussolini wurden, weist Focardi penibel anhand vieler Zitate aus veröffentlichten Stellungnahmen nach. Wobei es lediglich leichte graduelle Unterschiede zwischen den Aussagen von Vertretern des alten monarchistischen Establishment und jenen der Protagonisten der antifaschistischen Linken gab.

Auf diese Weise entstand in Italien ein Geschichtsbild, so Focardi, bei dem „die Beteiligung des italienischen Volkes am Faschismus und die Verantwortung des Landes im faschistischen Krieg und seinen zahlreichen Verbrechen, die vor allem auf dem Balkan begangen wurden, verschwiegen, verharmlost oder geleugnet wurden.“

In diesem Buch, das im Kern auf seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 1999 beruht, arbeitet Focardi akribisch heraus, wie das Begriffspaar des „guten Italieners“ und des „schlechten Deutschen“ entstand, wie es in Presse und Literatur ständig wiederholt und wofür es genutzt wurde: Die über alle Kanäle verbreitete Dämonisierung der Deutschen sollte dazu dienen, die lange Periode des italienischen Faschismus vergessen zu machen, einen harten, mit allzu großen Gebietsverlusten verbundenen Friedensvertrag tunlichst zu vermeiden und auch die Auslieferung italienischer Kriegsverbrecher zu blockieren. Es beleuchtet damit detail- und quellenreich die bei uns wenig bekannte erste Phase der italienischen Nachkriegsgeschichte.

Einige kritische Anmerkungen seien dennoch erlaubt. So befremdet im Schlusswort Focardis überschwengliches Lob für die in Deutschland früh vorgenommene Aufarbeitung der Geschichte, wenn er schreibt: „Deutschland hat spätestens seit den sechziger Jahren gezeigt, dass es mit Mut und Opferbereitschaft möglich ist, diesen Weg der ‚Aufarbeitung der Vergangenheit‘ zu gehen“ (S. 249). Zudem hätte das Buch ein sorgfältigeres Lektorat verdient. Wenn Sinti und Roma schon als „Zigeuner“ bezeichnet werden, sollten Anführungsstriche dabei nicht fehlen. Auch wäre eine Bibliographie hilfreich gewesen und hätte den Leser/innen erspart, bibliographische Angaben im ca. 100-seitigen – zwar übersetzten, aber nicht für die deutsche Fassung überarbeitetem – Fußnotenapparat aufzuspüren.

Filippo Focardi: Falsche Freunde? Italiens Geschichtspolitik und die Frage der Mitschuld am Zweiten Weltkrieg. Paderborn: Ferdinand Schöningh Verlag, 2015

Sabine Bade

(zuerst veröffentlicht in: Studienkreis deutscher Widerstand (Hg.), Frankfurt, Informationen Nr. 85/2017)

Museo della Resistenza Europea in Genua

Auch dieses Jahr gibt es im April um den Jahrestag der Befreiung von der deutschen Besatzung (25. April, Anniversario della Liberazione) herum wieder Möglichkeiten zum Besuch des Museo della Resistenza Europea in Genua. Dort, wo sich früher das Gestapo-Hauptquartier befand, wird auch des Widerstands in Deutschland gedacht.

das Museo della Resistenza Europea in Genua in der ex. Casa dello Studente - Genua - Foto: © Sabine Bade

Die Gestapo in der Casa dello Studente
Die Universität Genua ließ zwischen 1933 und 1935 die Casa dello Studente am Corso Aldo Gastaldi (damals: Corso Giulio Cesare) als Studentenwohnheim errichten. Kurz nach Fertigstellung wurde das 5-geschossige Gebäude von der Faschistischen Partei übernommen. Nach der Besetzung Genuas durch deutsche Truppen war die Casa dello Studente ab Mitte Oktober 1943 Sitz der Gestapo, war deren Verhör- und Folterzentrum unter Leitung von SS-Obersturmbannführer Friedrich Engel, dem SD- und Polizeichef von Genua, der in internationalen Medien auch als „Schlächter von Genua“ bezeichnet wird.

Casa dello Studente, Genua - Folterkeller - Foto: © Sabine Bade

Nach der Befreiung Genuas am 25. April 1945 – die deutschen Truppen unter dem Kommando von Generalmajor Günther Meinhold hatten sich direkt den Vertretern des Widerstands ergeben – fanden die Partisanen im Keller der Casa della Studente Folterwerkzeuge, Blutspuren, Knochenteile und Fingernägel. Die Medien berichteten über die Funde, und für eine kurze Zeit stand das Gebäude, in dem Hunderte von Widerstandskämpfern gefangen gehalten und in dem sogenannten „Keller der Qualen“ vor ihrer Hinrichtung oder Deportation gefoltert wurden, der Bevölkerung Genuas offen.
Aber schon ab 1946 wurde die Casa dello Studente wieder von der Universität genutzt, die Gefängniszellen wurden als Vorratsspeicher für die Mensa verwendet und der Zugang zum für die Folterungen genutzten unterirdischen Luftschutzraum wurde – im Namen der nationalen Versöhnung – zugemauert.

Gedenken an deutschen Widerstandskämpfer im ehemaligen Folterkeller der Gestapo
27 Jahre lang rührte niemand an der grausigen Vergangenheit des Studentenwohnheims. Erst nachdem Studenten Ende der 1960er-Jahre zusammen mit ehemaligen Widerstandskämpfern damit begonnen hatten, die Geschichte des Gebäudes zu rekonstruieren, legten sie 1972 diesen Zugang wieder frei. Damals entstand die Idee, den „Keller der Qualen“ als Gedenkstätte des internationalen Widerstandes zu erhalten. Das Ziel der Initiatoren war es, den oft längst vergessenen Beitrag all jener zu würdigen, die in ganz Europa für den Widerstand gegen Nationalsozialismus und Faschismus kämpften, der „kein Vaterland und keine Grenzen kannte“. Hier sollte nicht nur an den ehemaligen Folterkeller der Gestapo erinnert werden. Dass das Gebäude auch von italienischen faschistischen Organisationen im Wissen um die Ereignisse in den Folterkellern genutzt wurde, sollte ebenso in Erinnerung bleiben wie die vielen Opfer des deutschen Widerstandes gegen das NS-Regime, vor allem in den Reihen der Arbeiterbewegung, über den in Italien relativ wenig bekannt war/ ist.

Casa dello Studente, Genua - Folterkeller, mit Gedenktafel für Rudolf Seiffert - Foto: © Sabine Bade

Um diese nach Ansicht der Initiatoren verborgen gebliebene Seite des deutschen Widerstandes, vor allem den der Arbeiter in Berlin, zu würdigen, ehren sie in der Casa dello Studente seit 1974 Rudolf Seiffert stellvertretend für die deutschen Widerstandskämpfer. Seiffert (1908-1945) war Leiter einer illegalen Betriebsgruppe bei den Siemens & Halske-Werken in Berlin-Siemensstadt und Mitglied der Berliner Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation. Am 29. Januar 1945 wurde er im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.

Casa dello Studente: Veranstaltungsprogramm zum Tag der Befreiung, 25. April 2017

Am Sonntag, den 23. April (10.00-12.00 Uhr und 14.00-18.00 Uhr), und am Dienstag, den 25. April (12.00-18.00 Uhr) werden Führungen durchgeführt. Casa dello Studente, Corso Aldo Gastaldi, ab Metrostation Genua-Brignole Buslinien 16, 45 und 87.
Wer das Museo della Resistenza Europea zu anderen Zeiten besichtigen möchte, muss sich anmelden. Kontakt: centrodocumentazionelogos@gmail.com

 

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Brotaufstände in Rom unter deutscher Besatzung

Die Bevölkerung Roms hungerte im Frühjahr 1944. Elsa Morante schrieb dazu in ihrem Buch ‚La Storia‘:
In den letzten Monaten der deutschen Besatzung sah Rom allmählich wie gewisse indische Städte aus, wo nur die Geier sich sattfressen können und keine Bestandsaufnahme der Lebenden und der Toten mehr stattfindet“.

Brotaufstände in Rom - Gedenkstele für die 10 am 7. April 1944 ermordeten Frauen - Foto: © Wolfram Mikuteit

Gedenkstele für die 10 am 7. April 1944 ermordeten Frauen – Foto: © Wolfram Mikuteit

Die drastische Reduzierung der täglichen Brotration (kaum Mehl enthaltendes „Pane nero“) von 150 auf 100 Gramm pro Person am 25. März 1944 – zwei Tage nach dem Attentat in der Via Rasella – führte ab Anfang April zu spontanen Demonstrationen und Plünderungen von Bäckereien.

Am 7. April 1944 eskalierten die Zusammenstöße zwischen den um Brot und Mehl kämpfenden Frauen auf der einen und faschistischer Polizei und deutschen Besatzungstruppen auf der anderen Seite. Frauen stürmten eine Bäckerei im Viertel Ostiense, die die Besatzungstruppen mit Brot belieferte. Ein herbeigerufenes deutsches Kommando sperrte die Ponte dell’Industria und hinderte die Frauen damit an der Flucht. Zehn Frauen wurden aufgegriffen, mit dem Gesicht zum Wasser auf der Brücke aufgestellt und sofort erschossen, „so wie die Tiere im Schlachthaus getötet werden“, wie Carla Capponi dazu schrieb. Zur Abschreckung mussten die Leichen von Clorinda Falsetti, Italia Ferracci, Esperia Pellegrini, Elvira Ferrante, Eulalia Fiorentino, Elettra Maria Giardini, Concetta Piazza, Assunta Maria Izzi, Arialda Pistolesi und Silvia Loggreolo den ganzen Tag auf der Brücke liegen bleiben.

Brotaufstände in Rom - Gedenkstele für die 10 ermordeten Frauen an der Ponte dell'Industria in Rom - Foto: © Wolfram Mikuteit

Gedenkstele für die 10 ermordeten Frauen an der Ponte dell’Industria in Rom – Foto: © Wolfram Mikuteit

Veranlasst durch eine Initiative, an der auch Carla Capponi beteiligt war, wurde im September 1997 an der Ponte dell’Industria eine Gedenkstele für die 10 ermordeten Frauen errichtet  – und zur Erinnerung an die Brotaufstände in Rom.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Der Campo della Gloria in Turin

48 kubusförmige Marmorstelen mit den Namen von Opfern des Widerstands gegen die deutsche Besatzung aus der gesamten Provinz stellen das Zentrum des Campo della Gloria auf dem Zentralfriedhof von Turin dar. Gleich nach dem Krieg wurde diese eindrückliche Gedenkstätte auf Initiative von Nicola Grosa, Vize-Kommandeur der Zone III des piemontesischen Widerstands (Valli di Lanzo und Valle Orco), angelegt: Den Eingang markiert ein Gedenkstein mit einem Zitat von Thomas Mann aus dem Jahr 1954 „L’Avanguardia di una migliore Società umana“. Damals hatte Mann über die europäischen Widerstandsbewegungen geschrieben, dass sie mehr wollten als nur Widerstand zu leisten, sich als die „Avantgarde einer besseren menschlichen Gesellschaft“ empfanden. Das große Monumento al Partigiano Caduto hat der Bildhauer Umberto Mastroianni zusammen mit dem Architekten und Universalkünstler Carlo Mollino bereits 1945 geschaffen.

Nachdem Hinweise darauf eingegangen waren, dass nicht alle Namen der Männer aus der Sowjetunion, die sich dem piemontesischen Widerstand angeschlossen hatten, korrekt seien, hat die Verwaltung des Turiner Hauptfriedhofs anhand der Archive der ANPI (Associazione Nazionale Partigiani d’Italia) und anderer Unterlagen in den vergangenen zwei Jahren gleich alle der ca. 1.200 gelisteten Opfer überprüft. Im Laufe dieses Jahres werden die Fehler  korrigiert.

Wer den Campo della Gloria besuchen will, findet alles Wissenswerte dazu in unserem Buch Partisanenpfade im Piemont im Kapitel „Stadtspaziergang durch Turin“.

 

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Massaker an italienischen Zwangsarbeitern bei Treuenbrietzen im April 1945

Das mit schier unvorstellbarer Grausamkeit in der Nähe von Treuenbrietzen am 23. April 1945 verübte Endphaseverbrechen deutscher Soldaten an italienischen Zwangsarbeitern beschrieb der Historiker Gerhard Schreiber bereits 1990 in seinem Buch „Die italienischen Militärinternierten im deutschen Machtbereichbereichs 1943 bis 1945. Verraten – Verachtet – Vergessen“.

Im Märkischen Sand

Im Märkischen Sand – Nella Sabbia del Brandeburgo. Von Katalin Ambrus, Nina Mair und Matthias Neumann.

Nun wurde zu diesem Verbrechen die Web-Dokumentation „Im Märkischen Sand – Nella Sabbia del Brandeburgo“ erstellt.
Das zweisprachige Filmprojekt ist als crossmediale, interaktive Dokumentation entstanden. In 24 Episoden beleuchtet die Webdoku Geschichte und Gegenwart des Massakers von Treuenbrietzen. In 18 thematischen und biografischen Gegenwartsepisoden wird das Ereignis aus heutiger Sicht dokumentiert. Die Hintergründe werden in 6 begleiteten Geschichtsepisoden ausgeleuchtet. Hier kommen animierte Tableaus zur Anwendung, die vom italienischen Zeichner Cosimo Miorelli gestaltet wurden. Die Musik wurde komponiert von Stefano Fornasaro und Andrea Blasetig.

Und am Samstag strahlt der RBB den Film „Das dunkle Geheimnis von Treuenbrietzen“ aus.

Das dunkle Geheimnis von Treuenbrietzen
Film von Katalin Ambrus und Nina Mair
RBB, Samstag 30.4.2016, 18:00 bis 18:30 Uhr
Wiederholungen: 2. Mai 2016, 03:10 Uhr und 4. Mai 2016, 04:00 Uhr

Ungefähr 600.000 italienische Soldaten wurden beim Kriegsaustritt der Italiener nach dem 8. September 1943 von den Deutschen gefangengenommen. Sie wurden vom Verbündeten (Achse Berlin-Rom) zum „Verräter“: Der Status von Kriegsgefangenen wurde ihnen nicht zuerkannt; sie wurden als Militärinternierte bezeichnet, unter Umgehung des Völkerrechts deportiert und zur Zwangsarbeit eingesetzt. Von diesen 600.000 Männern sind ungefähr 45.000 zu Tode gekommen – gestorben an den Folgen von grausamen Arbeitsbedingungen, von Hunger und Krankheit oder in Mordaktionen wie bei Treuenbrietzen getötet.

In der ungefähr 50 Kilometer südwestlich von Berlin gelegenen Stadt leisteten damals annähernd 3.000 Kriegsgefangene – sie stammten aus Italien, Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Polen und der Sowjetunion, wobei die „verräterischen Italiener“ zusammen mit den Russen ganz unten in der Häftlingshierarchie rangierten – Zwangsarbeit. Am 23. April 1945, kurz zuvor hatten sowjetische Truppen die Stadt eingenommen, wurden 131  italienische Insassen des Zwangsarbeiter-Internierungslagers „Sebaldushof“ bei Treuenbrietzen, die dort für die Rüstungsfirma Kopp & Ko arbeiten mussten, von einem Wehrmachtskommando zu einer Sandgrube am Rande eines Kiefernwäldchens getrieben. Die nachfolgende, zwei Stunden andauernde Massenerschießung überlebten nur vier Männer. Edo Mangialardi, Germano Cappelli, Antonio Ceseri und Vittorio Verdolini hatten sich rechtszeitig zu Boden werfen können und wurden von den zusammenbrechenden Körpern ihrer erschossenen Kameraden bedeckt.

Diese vier Männer, die das Massaker überlebten, brachten nach Kriegsende das Massaker zur Anzeige und lieferten wichtige Hinweise, halfen auch dabei, die Toten zu identifzieren. Von den erst sehr spät gegen die Täter ermittelnden Behörden wurden sie dennoch nicht befragt, konstatierte Gerhard Schreiber.
Ihre Berichte dienten den oben angeführten Dokumentationen als Grundlage.

Downolad der Pressemitteilung zu: Im Märkischen Sand – Nella Sabbia del Brandeburgo

 

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Ferragosto-Konzert 2015 bei Paraloup

Seit 1981 findet alljährlich am 15. August – zum Höhepunkt der italienischen Feriensaison – das ‚Concerto Sinfonico di Ferragosto‘ statt.
Damals wurde am Rifugio Quintino Sella unterhalb des Monviso eine Tradition begründet, die sich längst etabliert hat: jedes Jahr an einem anderen Ort spielt an diesem Tag das Orchestra Bartolomeo Bruni auf und zieht in aller Regel um die 10.000 Besucher zu einer Veranstaltung in die Berge, die auch vom italienischen Fernsehen RAI übertragen wird.

70 Jahre nach der Befreiung: Ferragosto-Konzert bei Paraloup
70 Jahre nach Ende des Krieges, 70 Jahre nach Ende der deutschen Besatzung Norditaliens findet das 35. Ferragosto-Konzert dieses Jahr an einem für die piemontesische Widerstandsbewegung geschichtsträchtigen Ort statt: Auf der kleinen Hochebene von Chiot Rosa unterhalb der von der Bewegung Giustizia & Libertà als eines ihrer Hauptquartiere genutzten ehemaligen Sommersiedlung Paraloup. So schrieb denn auch ‚La Stampa‘ zum diesjährigen Ferragosto-Konzert: „Nella «borgata dei partigiani» per celebrare i 70 anni della Resistenza“.

Paraloup gestern und heute
Direkt nach dem Kriegsaustritt Italiens und mit Beginn der deutschen Okkupation am 8. September 1943 zog sich eine kleine Gruppe von Antifaschisten aus dem Umfeld der Bewegung Giustizia e Libertà um Duccio Galimberti und Dante Livio Bianco aus Cuneo in die Berge zurück, um der drohenden Verhaftung zu entgehen und den Kampf gegen italienische Faschisten und deutsche Besatzer aufzunehmen. Einige wenige Tage hielten sie sich in Madonna del Colletto auf, einem kleinen Pass zwischen Gesso- und Sturatal. Da dieser Ort nicht genug Sicherheit bot, zog die Gruppe, die sich den Namen „Italia Libera“ gegeben hatte, weiter ins Sturatal und erreichte am 20. September 1943 die aus nur wenigen Häusern bestehende abgelegene Sommersiedlung Paraloup nah am Übergang zum Granatal. Bereits Ende Oktober 1943 war die Gruppe auf über 100 Männer angewachsen, unter ihnen Nuto Revelli, Giorgio Bocca, Detto Dalmastre, Alberto Bianco und viele andere mehr, die die 20 Monate der italienischen Resistenza entscheidend prägten. In Paraloup und den umliegenden Weilern wurde die Basis gelegt für die in der gesamten Provinz Cuneo operierenden Giustizia e Libertà-Partisanengruppen.

Paralup war als Sommersiedlung seit langem ungenutzt und die Häuser waren großteils verfallen. Wegen der historischen Bedeutung des Ortes hat die Fondazione Nuto Revelli vor einigen Jahren damit begonnen, den Ort wiederaufzubauen. Viele Geäude wurden bereits überaus gelungen restauriert: In einem ist ein Museum über die Geschichte des Ortes als Standort der Partisanenbewegung untergebracht, ein anderes dient Vorführungen von Zeitzeugen-Videos. Mittlerweile gibt es auch eine Bar und ein Rifugio.
Die Revelli-Stiftung hat sich aber darüberhinaus zum Ziel gesetzt, hier einen Platz zu schaffen, an dem kreative Lösungsvorschläge und Möglichkeiten ausgearbeitet werden sollen, die abgelegenen und stark von Landflucht betroffenen Orten in den Bergen Wege für eine nachhaltige und selbständige Wiederbelebung aufzeigen.

Praktische Informationen
Das Konzert beginnt am 15. August 2015 um 13 Uhr, und auf dem Programm stehen dieses Jahr überwiegend Werke von Dmitri Schostakowitsch. Wer den Trubel einer Massenveranstaltung scheut, kann sich tags zuvor um 14 Uhr die öffentliche Generalprobe anhören.
Der Veranstaltungsort Chiot Rosa wird für den privaten KFZ-Verkehr gesperrt; Busse von Cuneo nach Rittana starten um 7.00 – 7.15 – 7.30 – 7.45 – 8.00 Uhr; Shuttlebusse von dort nach Gorrè di Rittana (Navetta 1) und Tetto Sottano di Rittana (Navetta 2). Zu Fuß geht es dann weiter nach Chiot Rosa.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Judenrettung in Assisi 1943/1944 – der „Assisi-Untergrund“

Alexander Ramatis Roman „Der Assisi Untergrund“ über ein geheimes Netzwerk, das in Assisi, dem Geburtsort des Hl. Franz von Assisi und der Hl. Klara, während der deutschen Besatzung Italiens mehreren Hundert Jüdinnen und Juden das Leben rettete, wurde 1985 mit Maximilian Schell verfilmt. Ramati (1920-2006) kam im Juni 1944 als Kriegsreporter mit dem 2. polnischen Korps unter General Władysław Anders mit den alliierten Truppen nach Assisi und ließ sich die Geschichte vor Ort erzählen. In sein Buch, wie auch in die spätere Hollywood-Verfilmung, flossen – wie bei Romanen nicht anders zu erwarten – auch einige fiktive Aspekte ein. Die lassen wir weg, wenn wir nachfolgend die Geschichte der Judenrettung in Assisi erzählen.

Assisi, Piazza del Comune - Foto: © Wolfram Mikuteit

Nach Assisi, das wegen seiner kunsthistorisch-architektonischen und religiösen Bedeutung als sicher vor Bombenangriffen galt, hatten sich bereits vor dem Kriegsaustritt der Italiener am 8. September 1943 mehrere tausend Menschen geflüchtet. Mit der Besetzung Italiens durch die Deutschen kamen viele jüdische Flüchtlinge hinzu, die in kirchlichen Einrichtungen und Klöstern in Assisi Schutz vor der drohenden Deportation in deutsche Vernichtungslager suchten. Auf Veranlassung des Bischofs von Assisi, Monsignor Giuseppe Placido Nicolini, wurde ein geheimes Netzwerk errichtet, das während der 9-monatigen deutschen Besatzung Assisis bis zum 17. Juni 1944 (Befreiung der Stadt durch die Alliierten) circa 300 Jüdinnen und Juden das Leben rettete.

Pater Rufino Niccacci, der Vorstand des Franziskaner-Seminars, und Pater Aldo Brunacci, der Sekretär des Bischofs, sorgten für die temporäre oder dauerhafte Unterbringung der verfolgten Juden in Kirchen und Klöstern in Assisi und den umliegenden Dörfern, ihre Versorgung und auch für den Schulunterricht der versteckten Kinder. Der kommunistische Drucker Luigi Brizi und sein Sohn Trento fertigten in ihrer Druckerei in der Via Santa Chiara falsche Papiere für die Verfolgten: Sie stellten sie anhand von Telefonverzeichnissen auf Namen von Personen aus, die im bereits von den Alliierten befreiten Süden Italiens lebten, wodurch die Papiere für die Deutschen nicht nachprüfbar waren. Auch der legendäre Radrennfahrer Gino Bartali war in das geheime Netzwerk eingebunden: Auf „Trainingsfahrten“ transportierte er Dokumente und stellte die Verbindung zur jüdischen Hilfsorganisation DELASEM her.
Zugute kam dem Netzwerk, dass mit Dr. Valentin Müller ein Mann als Leiter der beiden in Assisi eingerichteten Lazarette, später auch als deutscher Stadtkommandant, eingesetzt war, der als strenggläubiger Katholik beste Verbindungen zu Bischof Nicolini unterhielt. Die Bemühungen, Assisi zur „offenen Stadt“ erklären zu lassen, scheiterten zwar, den Einflussbereich von SS und Wehrmacht konnte er jedoch erfolgreich zurückdrängen, damit auch indirekt das Assisi-Netzwerk unterstützen. Als nicht zu verteidigende „Lazarettstadt“ wurde der Ort Anfang Juni 1944 anerkannt.

Pater Rufino Niccacci wurde 1976, Monsignor Giuseppe Placido Nicolini und Pater Aldo Brunacci 1977, die beiden Drucker Luigi und Trento Brizi im Jahr 1997, Giuseppina Biviglia, die Äbtissin des Klosters San Quirico in Assisi, und Gino Bartali im Jahr 2013 durch die israelische Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

Gedenkstätten in Assisi
In der Pinacoteca comunale im Palazzo Vallemani ist seit 2011 das „Museo della Memoria, Assisi 1943-1944“ untergebracht, das sich ausschließlich dieser Rettungsgeschichte von Jüdinnen und Juden in Assisi und ihren Protagonisten Nicolini, Niccacci, Brunacci, Biviglia, Bartali, Müller und den Brizis widmet. Im Eingangsbereich steht die Druckmaschine, auf der Luigi und sein Sohn Trento Brizi die falschen Identifikationspapiere herstellten. Im 1. Stock werden in mehreren kleinen Sälen mithilfe zweisprachiger (it/en) Schautafeln die Hintergründe erläutert. Hier findet sich auch ein Foto der (mittlerweile abgehängten) Gedenktafel für die Brizis an ihrer früheren Druckerei in der Via Santa Chiara.
Und an der zentralen Piazza del Comune ist auf einer Gedenktafel der Text der „Medaglia d’oro al Merito Civile“ aufgeführt, die Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi im Jahr 2004 der Stadt Assisi für die Rettung von Flüchtlingen während des Faschismus verlieh.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Stolpersteine in Turin

In Turin wurden am 10. und 11. Januar 2015 erstmals Stolpersteine verlegt.

Nachdem im Jahr 2010 in Rom die ersten italienischen Stolpersteine – “Pietre d’Inciampo” – verlegt wurden, entstanden (und entstehen nachwievor) in vielen italienischen Städten und Gemeinden Initiativen, die Verlegungen dieser kleinen, mit Messing überzogenen und in den Boden eingelassenen Gedenksteine organisieren, um an das Schicksal von Menschen zu erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert, ermordet, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

In Turin wird das Stolperstein-Projekt von einem breiten Spektrum an Organisationen getragen, dem das Museo della Resistenza, die Jüdische Gemeinde, das Resistenza-Institut, die ANED (Nationale Vereinigung der Deportierten), das Goethe-Institut u.v.a.m. angehören. So konnten 27 Gedenksteine für TurinerInnen verlegt werden, die aus politischen oder rassistischen Gründen deportiert wurden.

Nun liegt beispielsweise vor dem Eingang der Schule am Corso San Maurizio 8 ein Stolperstein für Teresio Fasciolo:

 

 

 

QUI STUDIAVA
TERESIO FASCIOLO
NATO 1925
ARRESTATO MARZO 1944
DEPORTATO 1944
MAUTHAUSEN
ASSASSINATO 30.5.1944

 

Warum der 18-jährige Schüler nach Mauthausen deportiert und dort ermordet wurde, geht aus der knappen Inschrift leider nicht hervor. Dass sich der Junge den Partisanen der 2. Garibaldi-Division angeschlossen und in den Valli di Lanzo verhaftet, also „per motivi politici“ deportiert wurde, erfährt aber, wer das Stolperstein-Faltblatt mit ganz kurzen biografischen Notizen abruft. Darin sind auch die Verlegestellen eingezeichnet.

 

Weitere Stolpersteine in Turin:

  • in der Via Carlo Alberto 22 für Filippo Acciarini (politisch),
  • in der Via Po 25 für Michele Valabrega, seine Frau Maria Elena und Tochter Stella,
  • am Corso Regio Parco 35 für Lucio Pernaci (politisch),
  • am Corso Casale 10 für Luigi Porcellana (politisch),
  • am Corso Cairoli 32 für Lina Zargani,
  • am Corso Massimo D’Azeglio 12 für Eleonora Levi,
  • am Corso Marconi 38/40 für Gino Rossi,
  • in der Via Campana 18 für Luciano und Renato Treves (politisch),
  • in der Via Principe Tommaso 42 für Eugenio Nizza,
  • in der Via Principe Tommaso für Salvatore und Alberto Segre (politisch),
  • in der Via Gioberti 69 für Alfonso Ogliaro (politisch),
  • in der Via Fratelli Carle 6 für Alessandro, Germana, Luciana und Sergio Levi,
  • in der Via Amadeo Avogadro 19 für Marianna Sacerdote,
  • in der Via Giacinto Collegno 45 für Enzo Lolli,
  • in der Via Duchessa Jolanda für Donato Giorgio Levi,
  • in der Via Aurelio Saffi 13 für Rosetta Rimini und ihre Tochter Lidia Tedeschi,
  • am Corso Tassoni 33 für Corrado Lolli
  • und in der Via Vicenza 23 für Gelindo Augusti (politisch).

Spaziergang durch Turin auf den Spuren der Resistenza

So lässt sich nun der von uns beschriebene „Spaziergang durch Turin auf den Spuren der Resistenza“ (unsere Tour 1 in Partisanenpfade im Piemont) um einen kleinen Stolperstein-Spaziergang erweitern.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Die Hospitäler der Resistenza in den Lanzotälern

Am 12. September 1943 – wenige Tage nach dem Waffenstillstand – erhielt der Dermatologe Dr. Attilio Bersano Begey vom italienischen Roten Kreuz die offizielle Weisung, seine alte Arbeitsstelle im Ospedale Maria Vittoria in Turin wieder anzutreten. Was er auch tat – und unmittelbar danach Kontakt aufnahm zu den Widerstandszellen in Turin.

Villa Cibrario - Foto: © Wolfram Mikuteit

Villa Cibrario im oberen Viùtal bei Usseglio, ehemaliges Partisanenhospital

Für die Garibaldini organisierte er ab diesem Zeitpunkt das Sanitätswesen in den Valli di Lanzo. Ging es anfangs lediglich um die heimliche Verlegung von verletzten Kriegsgefangenen aus aller Herren Länder, mussten nach den ersten Rastrellamenti Partisanen medizinisch versorgt werden. Während ihre Erstversorgung meist über ein Netzwerk von Ambulanzen und Hospitälern durchgeführt wurde, deren Personal mit dem Widerstand sympatisierte, waren die Krankenstationen der Resistenza im Winter 1943/44 meist nicht mehr als unzureichende Provisorien: Hochgelegene, im Winter ungenutzte Almgebäude, in denen noch nicht einmal Feuer gemacht werden konnte, um nicht die Aufmerksamkeit des Feindes auf sich zu ziehen.

Dr. Begey konnte seine Vorstellung von einer wirklich effizienten Krankenversorgung erst realisieren, als die Partisanen an Einfluss gewannen und die Lanzotäler Ende Juni 1944 zur Zona Libera erklärten. Am 30. Juni 1944 requirierten sie die leerstehende Villa Cibrario in Margone im oberen Viùtal. Der große Billardsaal des noblen Gebäudes diente fortan als Operationssaal. In einen Nebenraum kam die Intensivstation, und in der ersten Etage wurden drei Krankensäle eingerichtet, einer davon als Isolierstation für Patienten mit antsteckenden Krankheiten. Das nötige Mobiliar, Matratzen und Wäsche, wurden fürs Erste aus den umliegenden, ebenfalls leerstehenden Villen entliehen. Mit der aus dem Valtournenche stammenden Piera Brunodet fand sich eine Köchin, und Frauen aus Usseglio und Margone kümmerten sich um die Wäsche. Diese Aufgabe musste zwingend auf viele verschiedene Haushalte verteilt werden, um die Gefahr, bei Hausdurchsuchungen durch belastendes Material aufzufallen, so gering wie möglich zu halten. Insgesamt bot die Villa Cibrario Platz für 60 Patienten.

Das Einzugsgebiet der Klinik war riesig und reichte auch über die Valli di Lanzo hinaus: Garibaldini brachten ihre Verletzten auch aus dem Susatal entweder mit dem Auto via Rubiana – Colle del Lys – Viù oder zu Fuß auf provisorischen Tragen über den Col delle Coupe und Malciaussia. Diesen Weg mutzte auch die Divisione Stellina der GL für den Transport ihrer Verletzten nach Margone.

Von Anfang an war Dr. Begey aber klar, dass er einen Evakuierungsplan für die Villa Cibrario brauchte: Im Rahmen des Unternehmen Nachtigall durchforsteten die Nazis gerade die südlicher gelegenen Täler nach Partisanen, und es war nur noch eine Frage der Zeit, wann sie sich den Valli di Lanzo zuwenden würden. Unter dem Namen Unternehmen Strassburg – nach Sperber, Habicht und Nachtigall scheinen den Deutschen die Vogelnamen ausgegangen zu sein – begann dann auch tatsächlich am 5. September 1944 die Auskämmungsaktion der Valli di Lanzo und Orco. Mit Hilfe des erfahrenen Bergführers Berto Vulpot aus Malciaussia begab sich Dr. Begey auf die Suche nach einem geeigneten Ausweichquartier. Seine Wahl fiel auf ein Gebäude der Socièta Idroelettrica Ovest Ticino am Ufer des kleinen Stausees Lago Dietro La Torre auf 2.366 Metern Höhe, der wie der große Lago della Rossa (2.781 m) in den 1930er-Jahren geschaffen wurde. Hier entstand nun das Convalescenziario Interdivisionale d’Alta Montagna mit 30 Betten für Leichtverletzte und Rekonvaleszenten.
Die Patienten wurden mit dem Wagen nach Crot bei Usseglio zur Talstation der zum Bau der Stauseen errichteten Decauville-Bahn gebracht und dann hinaufgefahren. Die vor Ort Verantwortlichen der Socièta Idroelettrica Ovest Ticino unterstützten dieses Vorhaben übrigens nach Kräften.
Ein Rundfunkgerät für den Empfang von Radio London und eine kleine Bibliothek, bestückt mit Beständen aus den Villen in Margone, sorgten dafür, dass den Patienten in dieser hochgelegenen Abgeschiedenheit die Decke nicht auf den Kopf fiel.
Ein Pfleger und ein Medizinstudent wechselten sich in wöchentlichem Turnus bei der Grundversorgung ab und hielten Dr. Begey, der in regelmäßigen Abständen vorbeikam, zwischenzeitlich mit den Krankenblättern auf dem Laufenden.

Als aber im Zuge des Unternehmen Strassburg die Luft immer dünner wurde unten im Tal und die Bandenjäger sich festzusetzen begannen, wurde für die noch nicht wieder einsatzfähigen Patienten die endgültige Evakuierung nach Frankreich eingeleitet.
Sie wurden nach Malciaussia (1.800 m) gefahren, wo der mühsame Krankentransport hinauf zum 3.077 Meter hohen Colle Autaret begann. In der Kaserne unterhalb des Passes wurde übernachtet, und dann ging es hinab nach Bessans, von wo aus die Patienten in das Militärkrankenhaus von Aix-les-Bains gebracht wurden.
Dr. Begey führte genau Buch: 328 Patienten wurden von ihm in Margone und Lago Dietro La Torre versorgt, nur fünf von ihnen konnte er nicht retten.

Die Krankenhäuser von Margone und am Lago Dietro La Torre waren aber lediglich zwei von sehr vielen, von denen wir wenigstens noch einige anführen wollen:

Im Val Grande baute der junge jüdische Arzt Dr. Simone Teich Alasia – wegen der Rassengesetze mit Berufsverbot belegt – in Ricchiardi bei Pialpetta Ende Juni 1944 das Schulhaus von jetzt auf gleich zur Krankenstation aus: Der Kommandant der Garibaldini hatte ihn darüber informiert, dass Partisanen aus den drei Lanzotälern zwei Tage später das Hauptquartier der Deutschen in Lanzo angreifen würden. Und mit Verletzten zu rechnen sei.

In Balme im Val d’Ala übernahmen die Garibaldini am 26. Juni 1944 die leerstehende Villa Castagneri und funktionierten sie zur Krankenstation um. Die medizinische Leitung lag bei Dr. d’Agata. Auch in diesem Fall lief die Beschlagnahmung der Villa geradezu formvollendet ab: Eine Ausfertigung der Inventarliste über den Hausrat ging an den Eigentümer des Hauses, eine an die für diesen Fall zuständige Kommandoleitung der XI. Brigata Garibaldi Torino und eine Kopie verblieb beim Schriftführer.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit