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Universität Padua – Mitarbeiter und Studenten im Kampf gegen Faschismus und deutsche Besatzung 1943-1945

Die im Jahr 1222 gegründete Universität von Padua, an der auch Galileo Galilei 16 Jahre lang lehrte, hat in den knapp 800 Jahren ihrer Geschichte viele kluge Köpfe angezogen und Bemerkenswertes ermöglicht: So wurde mit Elena Lucrezia Cornaro Piscopia 1678 die weltweit erste Frau in Padua promoviert. Zu einer Zeit, in der andernorts kluge Frauen noch auf dem Scheiterhaufen enden konnten. Und die Universität von Padua war es auch, der für den vehementen Kampf ihrer akademischen Mitarbeiter und Studenten gegen Faschismus und deutsche Besatzung – als einzige in Italien – die Medaglia d’oro al valor militare verliehen wurde.

Der Rektor Concetto Marchesi setzte ein Fanal
Die Eröffnungvorlesung des neuen akademischen Jahres, die der Rektor, Professor Concetto Marchesi, am 9. November 1943 hielt, ist wegen ihrer klar antifaschistischen Ausrichtung in die Geschichte der Universität eingegangen. Zwei Monate nach Beginn der deutschen Besatzung Italiens und kurz nach der Einsetzung  von Mussolinis faschistischem Salò-Regime sprach Marchesi von der Freiheit in Lehre und Wissenschaft, erinnerte an die vom Lehrbetrieb ausgeschlossenen Kollegen und Studenten und appellierte an den Mut und die Entschlossenheit der Studenten, sich für ein von Knechtschaft und Terror befreites Italien einzusetzen.

Obwohl sich der Altphilologe dabei auf das Freiheitsmotto der Universität Padua (“Universa universis patavina libertas”) berief, musste er wenige Tage danach dennoch untertauchen. Nicht ohne vor seiner Flucht in die Schweiz noch einen leidenschaftlichen Aufruf an die Studenten Paduas zu verfassen, sich am aktiven Widerstand gegen das Regime zu beteiligen.

Concetto Marchesi (1878-1957) trat 1895 in die Sozialistische Partei Italiens ein und begann im selben Jahr sein geisteswissenschaftliches Studium. Nach Promotion und einem weiteren Doktortitel in Jura wurde er 1923 als Altphilologe an die Universität Padua berufen. Obwohl er bereits 1921 in die neugegründete Kommunistische Partei Italiens (PCI) eingetreten war, leistete er 1931 den von Mussolini erzwungenen Eid auf den Faschismus, was ihm ermöglichte, seine Lehrtätigkeit fortzusetzen.

Gedenktafel für Marchesi, Meneghetti und Franceschini - Foto: © Wolfram Mikuteit

Gedenktafel für Marchesi, Meneghetti und Franceschini – Foto: © Wolfram Mikuteit

Am 7. September 1943 wurde Marchesi zum Rektor der Universität Padua ernannt. Kurz nach dem Bekanntwerden der Kapitulation Italiens und der anschließenden Besetzung des Landes durch deutsche Truppen gehörte Marchesi Mitte September 1943 zusammen mit Professor Egidio Meneghetti, dem Leiter das pharmakologischen Instituts der Universität, und dem aus dem französischen Exil heimgekehrten Silvio Trentin zu den Gründungsmitgliedern des Befreiungskomitees der Region (CLN, Comitato di liberazione nazionale regionale veneto).

Nach seiner Flucht in die Schweiz war Marchesi Repräsentant der Kommunistischen Partei bei der Delegation des C.L.N.A.I. (CLN Oberitaliens) in Lugano. Von dort aus unterstützte er u.a. die vom 10. September 1944 bis zum 11. Oktober 1944 existierende „Giunta Provvisoria di Governo dell’Ossola”, die freie Republik von Ossola im Norden des Piemont.

Zusammen mit dem Philologen Ezio Franceschini, der sich in Padua promoviert und nun einen Lehrstuhl an der Università Cattolica del Sacro Cuore in Mailand hatte, baute er die Fluchthilfeorganisation FRAMA auf, die vielen unter deutscher Besatzung Verfolgten den Weg in das Schweizer Exil ermöglichte.

Die Universität Padua, als einzige in Italien ausgezeichnet mit der Medaglia d’oro al valor militare
Concetto Marchesi, Egidio Meneghetti und Ezio Franceschini haben die Befreiung ihres Landes vom Faschismus erlebt. Marchesi wurde nach dem Krieg für den PCI in die konstituierende Versammlung der Republik Italien gewählt und war danach für zwei Legislaturperioden Mitglied des Abgeordnetenhauses.

Egidio Meneghetti, für Giustizia e Libertà im CLN Venetiens, wurde im Januar 1945 zusammen mit anderen prominenten Antifaschisten Paduas von Mitgliedern der „Banda Carità“ (halboffizielle faschistische „Anti-Partisanen-Polizeieinheit“, die unter Führung der deutschen Sicherheitspolizei agierte) verhaftet, gefoltert und später der SS übergeben. Über Verona in das Konzentrationslager Bozen-Gries verschleppt, entging er nur wegen mangelnder Transportkapizitäten der Deportation in ein deutsches Vernichtungslager. Nach Kriegsende fungierte Meneghetti von 1945 bis 1947 als Rektor der Universität Padua.

Aber über 100 Studenten und akademischen Mitarbeiter der Universität Padua wurden im Kampf gegen Faschismus und deutsche Besatzung getötet. Wie Professor Mario Todesco, der am 29. Juni 1944 von Mitgliedern der Schwarzen Brigaden erschlagen wurde; wie der Student Luigi Pierobon, einer von 10 Männern, die im August 1944 zur „Vergeltung“ für das vermeintliche Attentat auf einen hochrangigen Faschisten umgebracht wurden.

Für diesen Kampf wurde die Universität Padua am 12. November 1945 mit der Medaglia d’oro al valor militare ausgezeichnet.

Was daran heute noch erinnert
Am Zugang zum neuen Innenhof („Cortile Nuovo”) des Palazzo Bo, seit 1493 Sitz der Universität Padua, befindet sich die Tafel mit den Namen der Opfer und der offiziellen Begründung für die Verleihung der Medaglia d’oro al valor militare:

Asilo secolare di scienza e di pace, ospizio glorioso e munifico di quanti da ogni parte d’Europa accorrevano ad apprendere le arti che fanno civili le genti, l’Università di Padova nell’ultimo immane conflitto seppe, prima fra tutte, tramutarsi in centro di cospirazione e di guerra; né conobbe stanchezze, né si piegò per furia di persecuzioni e di supplizi. Dalla solennità inaugurale del 9 novembre 1943, in cui la gioventù padovana urlò la sua maledizione agli oppressori e lanciò aperta la sfida, sino alla trionfale liberazione della primavera 1945, Padova ebbe nel suo Ateneo un tempio di fede civile e un presidio di eroica resistenza e da Padova la gioventù universitaria partigiana offriva all’Italia il maggiore e più lungo tributo di sangue.“

"Resistenza e Liberazione", von Jannis Kounellis, Mitbegründer der Arte Povera-Bewegung, zum 50. Jahrestag der Befreiung 1995, den drei großen Gelehrten Concetto Marchesi, Egidio Meneghetti und Ezio Franceschini gewidmet - Foto: © Wolfram Mikuteit

„Resistenza e Liberazione“, von Jannis Kounellis, Mitbegründer der Arte Povera-Bewegung, zum 50. Jahrestag der Befreiung 1995, den drei großen Gelehrten Concetto Marchesi, Egidio Meneghetti und Ezio Franceschini gewidmet – Foto: © Wolfram Mikuteit

Der Tafel gegenüber sitzt der marmorne Palinuro, Steuermann des Aeneas auf dessen Irrfahrt vom zerstörten Troja nach Italien, der starb, als das Ziel bereits in Sichtweite war: Der Bildhauer Arturo Martini hat die 1947 fertiggestellte Marmorstatue Primo Visentin gewidmet, Alumnus der Uni und Kommandant der Partisaneneinheit „Martiri di Grappa“, der am 29. April 1945, als sich die deutschen Besatzungstruppen bereits auf dem fluchtartigen Abzug befanden, getötet wurde.

Wenige Meter weiter brachte Jannis Kounellis, Mitbegründer der Arte-Povera-Bewegung, zum 50. Jahrestag der Befreiung 1995 ein Stück Moderne in den altehrwürdigen Cortile Nuovo: Sein Werk „Resistenza e liberazione“ ist den drei großen Gelehrten Concetto Marchesi, Egidio Meneghetti und Ezio Franceschini gewidmet, die sich – obwohl Vertreter unterschiedlicher politischer Richtungen – zusammenfanden, „um Italien seine Freiheit zurück zu geben“ (so die kleine Gedenktafel).

Am 21. Januar 2018 wurden zudem vor dem Eingang zum Cortile Nuovo des Palazzo Bo sechs Stolpersteine für jüdische Studierende und Lehrende der Universität Padua verlegt, die in Auschwitz ermordet wurden.

Stolpersteine vor dem Palazzo Bo – Foto: © Sabine Bade

Am 21. Januar 2018 wurden zudem vor dem Eingang zum Cortile Nuovo des Palazzo Bo sechs Stolpersteine für jüdische Studierende und Lehrende der Universität Padua verlegt, die in Auschwitz ermordet wurden.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit