Der böse Deutsche und der gute Italiener – Zu Filippo Focardis Buch „Falsche Feunde?“

Italien kann für sich den zweifelhaften Ruhm in Anspruch nehmen, den Faschismus gewissermaßen erfunden zu haben. Das Land stand nach dem erbarmungslosen, auch mit Chemiewaffen geführten Angriffskrieg gegen Äthiopien ab Mitte der 1930er-Jahre stramm an der Seite des nationalsozialistischen Deutschlands. Von Großmachtambitionen geleitet, griffen Mussolinis Soldaten zusammen mit der Deutschen Wehrmacht zahlreiche Staaten an und haben sich in den besetzten Ländern zahlloser Verbrechen auch gegen die Zivilbevölkerung schuldig gemacht. Ein Bündnis, das Italien im September 1943 erst verließ, als mit einem Sieg nicht mehr zu rechnen war. Dennoch ist es in der Nachkriegszeit gelungen, in weiten Kreisen der italienischen Bevölkerung ein Geschichtsbild zu verankern, das die Italiener – mit Ausnahme von Mussolini und einer kleinen, ihn umgebenden faschistischen Clique – im Gegensatz zu den barbarischen Deutschen von jeder Schuld freispricht.

Filippo Focardi - Falsche Freunde
Filippo Focardi, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Padua, geht in seinem Buch „Falsche Freunde?“ – die im Jahr 2013 erschienene italienische Originalausgabe trägt den Titel „Il cattivo tedesco e il bravo italiano“ – den Ansätzen und Strategien nach, mit Hilfe derer die Entstehung dieser verzerrten kollektiven Erinnerung befördert wurde. Seine Untersuchung konzentriert sich auf die Jahre zwischen 1943 und 1947, also die Zeitspanne zwischen der Ausrufung des Waffenstillstands und den ersten Nachkriegsjahren, in denen der Friedensvertrag zwischen Italien und den Siegermächten vorbereitet und ausgehandelt wurde. Der Grundstein des nützlichen Stereotyps vom „bösen Deutschen“ wurde in diesem Zeitraum gelegt, um – so Focardis zentrale These – das Schicksal des besiegten, aber vorher mitkriegführenden Italiens von dem des nationalsozialistischen Deutschlands, das bis zuletzt zum Führer gestanden hatte und die strengsten Sanktionen durch die Siegermächte verdiente, zu trennen. Das Bild des Italieners, der allenfalls ein Hühnerdieb, aber kein Kriegsverbrecher sei, sollte dazu dienen, Italien einen harten Friedensvertrag zu ersparen.

Die Basis für diesen Versuch, die Geschichte im Sinne Italiens umzudeuten, hatten bereits die Alliierten gelegt: Seit 1940 zielte deren Propaganda mit der klaren Unterscheidung zwischen italienischem Volk und faschistischer Regierung darauf ab, die Achse Berlin-Rom zu spalten und einen Separatfrieden zu vereinbaren. Die Inhalte der Sendungen von Radio London und der von den angloamerikanischen Flugzeugen abgeworfenen Flugblätter, die den Krieg als einen von den Italienern ungeliebten, von Mussolini und den Deutschen aufgezwungenen darstellten, konnten nach dem Waffenstillstand als Leitmotiv weiterverwendet werden. Die Hervorhebung der Verdienste der an sich friedliebenden italienischen Soldaten, die sich der Judenverfolgung entgegengestellt, die eigene und auch die Bevölkerung besetzter Staaten geschützt und selbst zu Opfern der Regime von Hitler und Mussolini wurden, weist Focardi penibel anhand vieler Zitate aus veröffentlichten Stellungnahmen nach. Wobei es lediglich leichte graduelle Unterschiede zwischen den Aussagen von Vertretern des alten monarchistischen Establishment und jenen der Protagonisten der antifaschistischen Linken gab.

Auf diese Weise entstand in Italien ein Geschichtsbild, so Focardi, bei dem „die Beteiligung des italienischen Volkes am Faschismus und die Verantwortung des Landes im faschistischen Krieg und seinen zahlreichen Verbrechen, die vor allem auf dem Balkan begangen wurden, verschwiegen, verharmlost oder geleugnet wurden.“

In diesem Buch, das im Kern auf seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 1999 beruht, arbeitet Focardi akribisch heraus, wie das Begriffspaar des „guten Italieners“ und des „schlechten Deutschen“ entstand, wie es in Presse und Literatur ständig wiederholt und wofür es genutzt wurde: Die über alle Kanäle verbreitete Dämonisierung der Deutschen sollte dazu dienen, die lange Periode des italienischen Faschismus vergessen zu machen, einen harten, mit allzu großen Gebietsverlusten verbundenen Friedensvertrag tunlichst zu vermeiden und auch die Auslieferung italienischer Kriegsverbrecher zu blockieren. Es beleuchtet damit detail- und quellenreich die bei uns wenig bekannte erste Phase der italienischen Nachkriegsgeschichte.

Einige kritische Anmerkungen seien dennoch erlaubt. So befremdet im Schlusswort Focardis überschwengliches Lob für die in Deutschland früh vorgenommene Aufarbeitung der Geschichte, wenn er schreibt: „Deutschland hat spätestens seit den sechziger Jahren gezeigt, dass es mit Mut und Opferbereitschaft möglich ist, diesen Weg der ‚Aufarbeitung der Vergangenheit‘ zu gehen“ (S. 249). Zudem hätte das Buch ein sorgfältigeres Lektorat verdient. Wenn Sinti und Roma schon als „Zigeuner“ bezeichnet werden, sollten Anführungsstriche dabei nicht fehlen. Auch wäre eine Bibliographie hilfreich gewesen und hätte den Leser/innen erspart, bibliographische Angaben im ca. 100-seitigen – zwar übersetzten, aber nicht für die deutsche Fassung überarbeitetem – Fußnotenapparat aufzuspüren.

Filippo Focardi: Falsche Freunde? Italiens Geschichtspolitik und die Frage der Mitschuld am Zweiten Weltkrieg. Paderborn: Ferdinand Schöningh Verlag, 2015

Sabine Bade

(zuerst veröffentlicht in: Studienkreis deutscher Widerstand (Hg.), Frankfurt, Informationen Nr. 85/2017)

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