Kategorie-Archiv: Bücher Und Filme

Bücher und Filme

Massaker an italienischen Zwangsarbeitern bei Treuenbrietzen im April 1945

Das mit schier unvorstellbarer Grausamkeit in der Nähe von Treuenbrietzen am 23. April 1945 verübte Endphaseverbrechen deutscher Soldaten an italienischen Zwangsarbeitern beschrieb der Historiker Gerhard Schreiber bereits 1990 in seinem Buch „Die italienischen Militärinternierten im deutschen Machtbereichbereichs 1943 bis 1945. Verraten – Verachtet – Vergessen“.

Im Märkischen Sand

Im Märkischen Sand – Nella Sabbia del Brandeburgo. Von Katalin Ambrus, Nina Mair und Matthias Neumann.

Nun wurde zu diesem Verbrechen die Web-Dokumentation „Im Märkischen Sand – Nella Sabbia del Brandeburgo“ erstellt.
Das zweisprachige Filmprojekt ist als crossmediale, interaktive Dokumentation entstanden. In 24 Episoden beleuchtet die Webdoku Geschichte und Gegenwart des Massakers von Treuenbrietzen. In 18 thematischen und biografischen Gegenwartsepisoden wird das Ereignis aus heutiger Sicht dokumentiert. Die Hintergründe werden in 6 begleiteten Geschichtsepisoden ausgeleuchtet. Hier kommen animierte Tableaus zur Anwendung, die vom italienischen Zeichner Cosimo Miorelli gestaltet wurden. Die Musik wurde komponiert von Stefano Fornasaro und Andrea Blasetig.

Und am Samstag strahlt der RBB den Film „Das dunkle Geheimnis von Treuenbrietzen“ aus.

Das dunkle Geheimnis von Treuenbrietzen
Film von Katalin Ambrus und Nina Mair
RBB, Samstag 30.4.2016, 18:00 bis 18:30 Uhr
Wiederholungen: 2. Mai 2016, 03:10 Uhr und 4. Mai 2016, 04:00 Uhr

Ungefähr 600.000 italienische Soldaten wurden beim Kriegsaustritt der Italiener nach dem 8. September 1943 von den Deutschen gefangengenommen. Sie wurden vom Verbündeten (Achse Berlin-Rom) zum „Verräter“: Der Status von Kriegsgefangenen wurde ihnen nicht zuerkannt; sie wurden als Militärinternierte bezeichnet, unter Umgehung des Völkerrechts deportiert und zur Zwangsarbeit eingesetzt. Von diesen 600.000 Männern sind ungefähr 45.000 zu Tode gekommen – gestorben an den Folgen von grausamen Arbeitsbedingungen, von Hunger und Krankheit oder in Mordaktionen wie bei Treuenbrietzen getötet.

In der ungefähr 50 Kilometer südwestlich von Berlin gelegenen Stadt leisteten damals annähernd 3.000 Kriegsgefangene – sie stammten aus Italien, Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Polen und der Sowjetunion, wobei die „verräterischen Italiener“ zusammen mit den Russen ganz unten in der Häftlingshierarchie rangierten – Zwangsarbeit. Am 23. April 1945, kurz zuvor hatten sowjetische Truppen die Stadt eingenommen, wurden 131  italienische Insassen des Zwangsarbeiter-Internierungslagers „Sebaldushof“ bei Treuenbrietzen, die dort für die Rüstungsfirma Kopp & Ko arbeiten mussten, von einem Wehrmachtskommando zu einer Sandgrube am Rande eines Kiefernwäldchens getrieben. Die nachfolgende, zwei Stunden andauernde Massenerschießung überlebten nur vier Männer. Edo Mangialardi, Germano Cappelli, Antonio Ceseri und Vittorio Verdolini hatten sich rechtszeitig zu Boden werfen können und wurden von den zusammenbrechenden Körpern ihrer erschossenen Kameraden bedeckt.

Diese vier Männer, die das Massaker überlebten, brachten nach Kriegsende das Massaker zur Anzeige und lieferten wichtige Hinweise, halfen auch dabei, die Toten zu identifzieren. Von den erst sehr spät gegen die Täter ermittelnden Behörden wurden sie dennoch nicht befragt, konstatierte Gerhard Schreiber.
Ihre Berichte dienten den oben angeführten Dokumentationen als Grundlage.

Downolad der Pressemitteilung zu: Im Märkischen Sand – Nella Sabbia del Brandeburgo

 

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Enio Mancini: Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema

Das Massaker von Sant'Anna di StazzemaIn Hamburg kann es zum wahrscheinlich letzten Kriegsverbrecherprozess Deutschlands kommen. Das gerade erschienene Buch mit den Erinnerungen von Enio Mancini, der das Massaker von Sant’Anna di Stazzema überlebte, liefert dazu die eindrückliche Geschichte und gewährt darüberhinaus Einblick in die notorische Verfolgungsverweigerung der deutschen Justiz gegenüber NS-Verbrechen.

Vor 70 Jahren ermordeten am 12. August 1944 Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ im toskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema mindestens 560 wehrlose Zivilisten – vorwiegend Frauen, alte Menschen und über 100 Kinder.

 

 

Dass das Geschehen nicht in Vergessenheit geriet, ist vor allem Enio Mancini zu verdanken, der als kleiner Junge das Massaker überlebte. Dank seines beharrlichen Engagements, seiner Suche nach Erinnerungsstücken und Berichten von anderen Überlebenden, konnte 1991 im ehemaligen Schulgebäude von Sant’Anna das Museum des Historischen Widerstands eröffnet werden, dessen Leiter er bis 2006 war. Seine im Vorjahr in Italien erschienenen Erinnerungen liegen jetzt in deutscher Übersetzung vor. Er schildert darin das Leben in dem abgelegenen Bergdorf, die Ereignisse des 12. August 1944 und die Probleme der teilweise schwer traumatisierten Überlebenden beim Wiederaufbau der Gemeinde. Auch darüber, wie still es danach um die Ereignisse von Sant’Anna wurde: Eine juristische Verfolgung der Greueltaten unterblieb.

Der Mantel des Schweigens, der fünf Jahrzehnte lang in Italien über den vielen von deutscher Wehrmacht und SS verübten Verbrechen lag, wurde spät gelüftet: Die aus Rücksichtnahme gegenüber dem Nato-Partner 1960 bei der Militäranwaltschaft in Rom „vorläufig archivierten“ Ermittlungsakten einer noch während des Krieges eingesetzten amerikanischen Militärkommission wurden ab 1994 Grundlage diverser Ermittlungen. Im Fall des Massakers von Sant’Anna di Stazzema sprach das Militärgericht La Spezia 2005 zehn der angeklagten Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ wegen “fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit” schuldig und verurteilte sie in Abwesenheit jeweils zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Für die Verurteilten folgenlos: Eine Auslieferung war nicht zu befürchten.

Der Geist der furchtbaren Juristen
Seitdem ist auch im Land der Täter viel über das Massaker von Sant’Anna di Stazzema berichtet worden. Vor allem über die schleppend betriebenen Ermittlungen. Seit 1996 lag der Vorgang bei der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. Von 2002 bis 2012 ermittelte die Staatsanwaltschaft Stuttgart und stellte schliesslich die Ermittlungen ein. Das Massaker an mindestens 560 Frauen, Kindern und alten Menschen könne auch als Kollateralschaden im Rahmen der Partisanenbekämpfung zu werten sein. Für die Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung fertigte Dr. Carlo Gentile, historischer Sachverständiger bei vielen NS-Strafverfahren und Mitglied der deutsch-italienischen Historikerkommission, ein Gutachten an, das diesen Ansatz widerlegt. Dennoch bestätigte die Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart im Jahr 2013 die Einstellung des Verfahrens.

Die Strafrechtlerin Gabriele Heinecke, die seit 2005 mit Enrico Pieri den Sprecher der Opfervereinigung von Sant’Anna vertritt, beschreibt in einem eigenem Kapitel minutiös, wie die juristische Aufarbeitung in Deutschland bewusst hintertrieben und verschleppt wurde, wie unstrittige Sachverhalte zugunsten der Beschuldigten uminterpretiert wurden. Vorgänge, die belegen, wie der Geist der die Nachkriegszeit dominierenden furchtbaren Juristen das deutsche Rechtssystem heute noch beherrscht.

Kurz nach Drucklegung des Buches hatte das letztmögliche Rechtsmittel, das Klageerzwingungsverfahren vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe gegen den Kompanieführer, den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer, Erfolg: Der 3. Strafsenat sah „ausreichenden Tatverdacht“ und „keine vernünftigen Zweifel“ daran, dass die Handlungen von vornherein auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung von Sant’Anna gerichtet waren. Das Gericht verwies das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Hamburg, wo Sommer lebt. Dort kann es nun zum wahrscheinlich letzten Kriegsverbrecherprozess Deutschlands kommen. Das Buch mit den Erinnerungen von Enio Mancini, den Ausführungen von Gabriele Heinecke und der historischen Rekonstruktion des Massakers von Carlo Gentile liefert dazu die Informationen.

Sabine Bade

Gabriele Heinecke, Christiane Kohl, Maren Westermann (Hg): Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema – Mit den Erinnerungen von Enio Mancini. Mit Beiträgen von Christiane Kohl und Maren Westermann, der juristischen Einordnung von Gabriele Heinecke sowie einer Untersuchung des Historikers Carlo Gentile. Laika Verlag Hamburg, ISBN: 978-3-944233-27-7, Hardcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten, 19,00 €.

 

Ada Gobetti – eine Frau im Widerstand

Es gibt kaum ein Buch über den antifaschistischen Widerstand im Piemont, dem Ada Gobettis Diario partigiano nicht als Quelle dient.

Ada Gobetti und Benedetto Croce - 1939. Mit freundlicher Genehmigung: © Centro Studi Piero Gobetti

Ada Gobetti und Benedetto Croce – 1939. Mit freundlicher Genehmigung: © Centro Studi Piero Gobetti

Der Philosoph Benedetto Croce regte sie nach dem Krieg dazu an, ihre in englischer Kurzschrift verfassten Tagebucheinträge über ihre Erlebnisse im Widerstand zu veröffentlichen. Nach Lesen des Manuskriptes urteilte er 1951: „Welch ein Glück, wenn jemand, der daran [der Resistenza] teilgenommen hat, solche Zeilen schreiben kann, wie Sie sie geschrieben haben! […] Sie können also mit dem vollbrachten Werk zufrieden sein“.

Für die Erstauflage des Diario partigiano, 1956 bei Einaudi erschienen, schrieb Italo Calvino das Vorwort. Es beginnt mit den Worten:
„Dieses Buch mit den Memoiren der Resistenza stellt eine Ausnahme dar, nicht so sehr wegen der Wichtigkeit der geschilderten Tatsachen, als wegen der Person, die das Buch geschrieben hat und der Art und Weise, wie der Partisanenkrieg gesehen und gelebt wird. […] Es ist das Buch einer Frau, deren Leben bereits vom Kampf gegen den Faschismus gezeichnet war. Ada Prospero, die Witwe von Piero Gobetti, dem jungen Märtyrer des frühen italienischen Antifaschismus, die zwischen den wichtigsten Verschwörern des zwanzigjährigen italienischen Faschismus gelebt hat, und die von ihrem Freiheitsdrang, dem Bedürfnis zu handeln und einer außergewöhnlichen Courage angetrieben wurde.“

„Ich habe keine politischen Ideen, ich habe nur moralische Gewissheiten“


Wer war diese Frau, die wie Ferruccio Parri und Duccio Galimberti 1942 zu den Gründungsmitgliedern des Partito d’Azione gehörte, die mit dem Philosophen Benedetto Croce eine lebenslange Freundschaft pflegte, die unter anderem für ihre legendäre Winterüberquerung des Passo dell’Orso am 30. Dezember 1944, die die Kontaktaufnahme mit den Alliierten in Frankreich ermöglichte, mit einer der höchsten Tapferkeitsmedaillen Italiens ausgezeichnet und nach dem Krieg zur Vizebürgermeisterin von Turin gewählt wurde? Und die von sich dennoch behauptete: „Io non ho idee politiche, ho solo certezze morali.“

Mit 16 Jahren lernte Ada Prospero 1918 im Turiner Liceo Gioberti den ein Jahr älteren Piero Gobetti kennen, dessen Schriften später die theoretische Grundlage für die Bewegung Giustizia e Libertà und des Partito d’Azione bildeten. Ada arbeitete, parallel zu ihrem Philosophie- und Literaturstudium, mit an seinen Zeitungen Energie Nove und La Rivoluzione Liberale. Das alles bestimmende Thema für die beiden war die Forderung nach einer radikalen Erneuerung in Politik und Kultur. Ihr Privatleben – sie heirateten 1923 – scheint immer vom Politischen bestimmt worden zu sein. La Rivoluzione Liberale war zu einer der exponiertesten oppositionellen Publikationen Italiens mit klar antifaschistischer, radikaldemokratischer Ausrichtung geworden, und die beiden standen nach der Machtergreifung Mussolinis mit anderen Widerstandsgruppen in ganz Italien in Verbindung.

Erstmals verhaftet wurde Piero Gobetti im Februar 1923. Einige Ausgaben der Zeitung wurden beschlagnahmt, andere zensiert. Weitere kurze Inhaftierungen folgten. Am 5. September 1925 wurde er von vier Angehörigen der faschistischen Sturmtruppen, den berüchtigten Squadristi, vor ihrem Haus in der Turiner Via Fabro 6 niedergeprügelt und erlitt schwere Verletzungen. Am 8. November 1925, unmittelbar nach dem Verbot aller oppositionellen Parteien und Druckerzeugnisse, musste La Rivoluzione Liberale ihr Erscheinen endgültig einstellen. Piero wartete noch die Geburt ihres Sohnes Paolo am 28. Dezember 1925 ab und ging kurz darauf, wie so viele andere Antifaschisten vor und nach ihm, ins Pariser Exil. Dort starb er wenig später nach kurzer Krankheit am 16. Februar 1926 an den Spätfolgen des Attentats.


Mit knapp 24 Jahren war Ada Gobetti Witwe und hatte einen erst wenige Wochen alten Sohn. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie durch Übersetzungen klassischer und zeitgenössischer englischsprachiger Autoren und begann, an einer Turiner Schule zu unterrichten. Sie veröffentlichte pädagogische Texte und schrieb das Kinderbuch La storia del gallo Sebastiano. Adas Haus in der Turiner Via Fabro blieb klandestiner Treffpunkt der antifaschistischen Intellektuellen um Carlo Rosselli, Norberto Bobbio und Vittorio Foa. Und als sich 1942 der Partito d’Azione konstituierte, gehörte Ada zu den Gründungsmitgliedern.

Diario partigiano

Ada hat ihre Aufzeichnungen am 10. September 1943 begonnen, zu dem Zeitpunkt, als die Deutschen Turin besetzten. Ihr knapp 18-jähriger Sohn Paolo unternahm von Meana di Susa aus, wo Ada ein Wochendhaus besass, noch am selben Tag mit gleichaltrigen Freunden seine ersten Streifzüge in die Berge: Sie durchsuchten die vom italienischen Militär aufgegebenen Kasernen und Bunker nach Waffen und Munition. Am Abend legte er Ada mit triumphalem Lächeln – „mit derselben Geste wie vor einigen Jahren, als er mir Pilze mitbrachte“ – die erste erbeutete Handgranate auf den Küchentisch. Und schloss sich unmittelbar danach den sich im Susatal bildenden Partisaneneinheiten an.

Ada hatte als Pendlerin zwischen Turin und Meana di Susa viel Bewegungsfreiheit, konnte permanent Unterlagen und Informationen zwischen dem Hauptquartier des CLN in Turin und den Tälern hin und her befördern. Daneben galt es, geflüchtete alliierte Kriegsgefangene in Sicherheit zu bringen, Ausweise zu fälschen und Flugblätter zur Aufklärung der Bevölkerung zu verfassen, sobald eine neue Einberufungsaktion zu Mussolinis RSI-Armee anstand. Sie koordinierte die Partisaneneinheiten der Aktionspartei – die Brigate Giustizia e Libertà (GL) – im Susatal und übernahm dort die auch bei Einheiten der GL obligatorische Stellung des politischen Kommissars einer Einheit. Zusammen mit Silvia Pons, Bianca Guidetti Serra und anderen baute sie die Frauenbewegung des Partito d’Azione, das Movimento Femminile Giustizia e Libertà auf. Frauenarbeit blieb bis zu ihrem Tod im Jahr 1968 eines ihrer zentralen Anliegen.

Ada Gobetti hat in den 20 Monaten ihrer Partisanentätigkeit keinen einzigen Schuss abgefeuert. Liefert aber dennoch mit ihrem Diario partigiano ein sehr plastisches Bild des Partisanenkampfes: Von Hunger und Kälte, von den Versuchen, neue Einheiten aufzustellen, Sprengstoff zu organisieren und von geglückten und misslungenen Anschlägen. Das Buch ist durchzogen von „sanfter Pädagogik“ (Italo Calvino) und ihrem unermüdlichen Pochen darauf, dass die Zukunft keine Fortsetzung der faschistischen Vergangenheit werden darf.

Schade, dass ihr Buch nie ins Deutsche übersetzt wurde.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Seit 1961 ist im früheren Wohnhaus von Ada und Piero Gobetti in Turin das Centro Studi Piero Gobetti untergebracht. Es umfasst neben der Biblioteca Noberto Bobbio auch ein umfassendes Archiv und viele online verfügbare Quellen. An ihrem ehemaligen Haus in Meana di Susa in der Nähe von Turin erinnert eine Tafel an Ada Gobetti.

 

Die Geige aus Cervarolo

Gerechtigkeit hat kein Verfallsdatum – Der italienische Dokumentarfilm «Il violino di Cervarolo» («Die Geige aus Cervarolo») will die Erinnerung an von Deutschen während der Besatzung Italiens begangene Verbrechen wachhalten.

Die Geige aus Cervarolo - Il Violino di CervaroloAls 1962 der italienische Spielfilm «Die vier Tage von Neapel» von Nanni Loy in deutschen Kinos anlief, löste er Empörung aus. Weil er deutsche Wehrmachtsangehörige als Täter zeigte, die in Italien willkürliche Erschießungen, brutal durchgeführte Deportationen und entsetzliche Grausamkeiten begingen, nachdem der ehemalige Bündnispartner Italien im September 1943 aus dem Krieg geschieden war. Dem Mythos vom «sauberen Krieg an der Südfront» konnte der Film aber nichts anhaben. Bis heute hat sich die Geschichtsfälschung behauptet, die deutsche Wehrmacht habe – wenn überhaupt – lediglich in der Sowjetunion eine verbrecherische Kriegsführung praktiziert.

Um nicht zu vergessen

Das macht 67 Jahre nach Ende des Krieges den Film «Il violino di Cervarolo» («Die Geige aus Cervarolo») von Nico Guidetti und Matthias Durchfeld so aktuell. Er erzählt von den Bewohnern des kleinen Dorfes Cervarolo in der Emilia Romagna im nördlichen Apennin, die am 20. März 1944 Opfer eines von deutschen Truppen verübten Massakers wurden. Als «Sühnemaßnahme» für die Präsenz von Partisanengruppen in der Umgebung hatten Einheiten der Fallschirm-Panzerdivision «Hermann Göring» – unterstützt von italienischen Faschisten – vorher bereits Massaker an den Einwohnern der umliegenden Dörfer begangen. Nun fielen sie in Cervarolo ein, trieben 24 Männer aus ihren Häusern und erschossen sie. Danach wurden Frauen vergewaltigt und Häuser in Brand gesteckt. Der Film erzählt vom damaligen und heutigen Leben der Angehörigen der Opfer des Massakers, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und zeigt Ausschnitte aus dem Prozess, der in Verona gegen ehemalige Mitglieder der deutschen Wehrmachtseinheit geführt wurde. Protagonist ist Italo Rovali, Sohn eines Geigers, der durch das Massaker seinen Großvater und seinen Onkel verlor. Rovalis langjährige Nachforschungen haben den Prozess erst möglich gemacht. Mitarbeiter des Geschichtsinstituts Istoreco der Provinz Reggio Emilia begleiteten die Bewohner von Cervarolo durch das Verfahren und filmten alle 41 Prozesstage zu Dokumentationszwecken – «Il violino di Cervarolo» ist ein Ergebnis dieser Arbeit.

Il Violino di Cervarolo (Die Geige aus Cervarolo)
Nico Guidetti / Matthias Durchfeld, I 2012; 75 min., Italienisch mit deutschen Untertiteln. Der Film lief 2012/2013 in einigen deutschen und schweizerischen Programmkinos. Die DVD kann für 12 Euro + 2 Euro Versankosten bei www.resistenza.de bestellt werden.

Im Juli 2011 wurden sechs Männer dieser Einheit in Abwesenheit zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Drei sind im Oktober 2012 in zweiter Instanz freigesprochen worden, die anderen Urteile wurden bestätigt. Eine Inhaftierung droht den Tätern jedoch nicht, da Deutschland die Verurteilten nicht ausliefert.

Blanko-Befehle zum Töten

Die Liste der während der deutschen Besatzung Italiens von Wehrmacht und SS begangenen Massaker an der Zivilbevölkerung ist lang. Etwa 10 000 ZivilistInnen wurden zwischen September 1943 und April 1945 im Rahmen der sogenannten «Bandenbekämpfung» umgebracht.

Nur wenige der NS-Verbrechen wurden nach Kriegsende verfolgt. Aus dem anfänglichen Vorsatz der Alliierten, bis zu 60 000 TäterInnen vor Gericht zu stellen, gingen in den Westzonen nur wenige Anklageerhebungen hervor. Und: Je später der Prozess angesetzt war, desto milder fiel die Bestrafung aus. Bereits vor dem Hintergrund des einsetzenden Kalten Krieges und eher widerstrebend abgehalten fand 1947 in Venedig vor einem britischen Militärgericht der Prozess gegen Generalfeldmarschall Albert Kesselring statt. Er war ab November 1943 Oberbefehlshaber in Italien und verantwortlich für Blanko-Befehle zum Töten auch von unschuldigen Frauen und Kindern. Er wurde zunächst zum Tode verurteilt, gleich darauf zu lebenslänglicher Haft begnadigt und 1952 entlassen: Seine Entlassung war ein erfolgreiches Ergebnis einer breiten Pressekampagne, die in der Forderung «Nicht Gnade, sondern Recht» gipfelte. Als Gegenleistung für ihre Mitarbeit am Aufbau deutscher Streitkräfte sollte die Wehrmacht rehabilitiert werden.

Nachdem die westlichen Alliierten ihr Programm zur Verfolgung von NS-Gewaltverbrechen eingestellt hatten, wurden viele Ermittlungsunterlagen den italienischen Behörden ausgehändigt. Zunächst mit Blick auf die eigenen Kriegsgefangenen auf dem Balkan, später aus Rücksichtnahme auf den Nato-Partner Deutschland, wurde in Italien auf die Eröffnung von entsprechenden Verfahren jedoch verzichtet. Die über 700 Aktenbündel kamen in der Militärstaatsanwaltschaft von Rom unter Verschluss und wurden dort «provisorisch archiviert». Als sie 1994 zufällig in einem Aktenschrank, dem «Schrank der Schande», entdeckt wurden, begann die späte Aufarbeitung, die zu einer Reihe von Prozessen führte.

Kein Schleier des Vergessens

In Deutschland sorgte im Jahr 1968 ein unscheinbares Gesetz (Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz) für eine kalte Amnestie: Es setzte die Verjährungsfrist für Mordgehilfen, damals jene Personen, denen «besondere persönliche Motive» an der Tat nicht nachgewiesen werden konnten, auf fünfzehn Jahre herunter. Was zur Folge hatte, dass viele NS-Verbrechen bereits seit dem Jahr 1960 verjährt waren.

Während das Landgericht München im Jahr 2010 Josef Scheungraber wegen seiner Beteiligung am Massaker von Falzano di Cortona (Toskana) zu lebenslanger Haft wegen zehnfachen Mordes verurteilte, stellte die Staatsanwaltschaft Stuttgart die Ermittlungen zum ganz ähnlich gelagerten Massaker in Sant’Anna di Stazzema im Oktober 2012 ein. Der kleine toskanische Ort war am 12. August 1944 Schauplatz eines der grössten und grausamsten Massaker, das deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg verübten und dem mindestens 560 wehrlose Frauen, Kinder und alte Menschen zum Opfer fielen. Die zehn Jahre andauernden Ermittlungen hatten bereits vorher den Verdacht aufkommen lassen, man setze in Stuttgart auf eine rein «biologische Lösung»: Schliesslich waren seit Beginn der Ermittlungen bereits mehrere der Beschuldigten verstorben. Der Einstellungsverfügung ist nun zu entnehmen, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass es sich um eine aus dem Ruder gelaufene Aktion im Rahmen der gezielten Bandenbekämpfung gehandelt habe.

In einem Interview hat der Militärstaatsanwalt in Turin, Dr. Pier Paolo Rivello, erklärt: «Es geht [bei diesen Prozessen] auch darum, Klarheit darüber herzustellen, was passiert ist. Über diese Ereignisse sollte nicht der Schleier des Vergessens gelegt werden. Eine Funktion solcher Prozesse ist es auch, mittels der gesammelten Dokumente und Zeitzeugenberichte Geschichtsfälschungen zu verhindern.» Deshalb sind Filme wie «Il violino di Cervarolo» so wichtig.

Sabine Bade

Le Clézio, ein fliehender Stern und die Seealpen

Als dem Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio im Oktober 2008 der Literaturnobelpreis verliehen wurde, sagte er: „Der Schriftsteller besitzt schon seit einiger Zeit nicht mehr die Überheblichkeit zu glauben, dass er die Welt verändert und mit seinen Kurzgeschichten, seinen Romanen ein besseres Lebensmodell schafft. Heute will er nur noch Zeuge sein.“
Nur noch? Ereignisse zu „bezeugen“, die sonst in Vergessenheit gerieten, ist ja nicht der schlechteste Anspruch. Aber wir wollen uns hier nicht aufs glatte Eis der Literaturkritik begeben (Marcel Reich-Ranicki kannte Le Clézios Bücher vor der Entscheidung des Nobelpreiskomitees nicht, Sigrid Löffler fand eben diese „bizarr“), sondern lediglich davon berichten, dass Le Clézio in seinem Buch ‚Fliehender Stern‘ (*) auf den ersten 145 (von 377) Seiten jene Geschichte erzählt, von der wir in unserem Beitrag Das Memoriale della Deportazione in Borgo San Dalmazzo auch schon berichtet haben.


Von März bis September 1943 hatte eine Gruppe von Juden unterschiedlichster Nationalitäten in Saint-Martin de Vésubie Zuflucht gefunden und suchte, da die Deutschen von Süden vorrückten, einen Weg nach Italien. Ihre Hoffnung – mittlerweile war Mussolini abgesetzt und am 8. September der italienische Waffenstillstand erklärt – mit dem beschwerlichen Weg über den Col de Fenestre oder alternativ den Col de Ciriegia und weiter über Entracque und Borgo San Dalmazzo in die Freiheit zu gelangen, trog: die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Die Flüchtlinge – insgesamt circa 300 Familien – wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 erlassenen ‚Rasse-Gesetze‘ festgenommen und in Borgo San Dalmazzo inhaftiert.

Le Clézio erzählt diese Geschichte aus der Sicht des Mädchens Esther, die dem Schicksal entgangen ist, in Borgo San Dalmazzo in Güterwaggons gepfercht und in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert zu werden, wo 311 Menschen dieser Fluchtgruppe ermordet wurden – worauf heute das ‚Memoriale della Deportazione‘ hinweist.

Wer das Buch mitnimmt auf eine Wanderung auf dem ‚Percorso Ebraici‘ von Madone de Fenestre ins Gessotal, wird einige wenige geografische Ungenauigkeiten darin entdecken (die französisch-italienische Grenze verlief beispielsweise 1943 noch nicht genau auf der Passlinie) und auch feststellen, dass Le Clézio – es handelt sich schließlich um einen Roman und keinen Tatsachenbericht – die zweimonatige Phase, in der die Fluchtgruppe in San Dalmazzo im Campo di Concentramento eingesperrt war, ausgelassen hat. Was der Eindringlichkeit des Romans allerdings nicht den geringsten Abbruch tut.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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J.M.G. Le Clézio: Fliehender Stern, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, ISBN: 978-3-462-04118-7. Im Original: ‚Étoile errante‘, erschienen 1992 bei Gallimard