Die Partisanenrepublik von Ossola – Teil 3

Gescheiterte Hoffnungen
Die vage Idee der Alliierten, in Italien eine zweite Front zu eröffnen und dafür das Val d’Ossola als Basis für Angriffe gegen die Poebene und zur Befreiung Norditaliens auszubauen, war bereits längst zu den Akten gelegt, als das Tal im September 1944 von den Partisanen befreit wurde. Zunächst wegen der großen Durchkämmungsaktion im Juni 1944 zurückgestellt, fiel der Plan danach veränderten strategischen Rahmenbedingungen zum Opfer: Für die unter den Alliierten nicht unumstrittene Landung in der Provence am 15. August 1944 (Operation Dragoon) mussten dafür nötige Truppen teilweise aus Italien abgezogen werden. Es sollte sich zeigen, dass durch die erfolgten Truppenreduzierungen selbst der alliierte Vorstoß gegen die Gotenlinie nach der Einnahmme von Rimini ins Stocken geriet.

Wandgemälde von Angelo del Devero in Domodossola

Wandgemälde von Angelo del Devero in Domodossola

Wenn sie auch darüber informiert waren, dass kaum mehr damit zu rechnen war, dass alliierte Fallschirmjägerabteilungen das Val d’Ossola erreichen würden, legten die Partisanen dennoch zwei Flugplätze an, einen im Val Vigezzo bei Santa Maria Maggiore, den anderen zwischen Domodossola und Valdossola. Außerdem bereiteten sie Felder für die erhofften Versorgungsabwürfe der Alliierten für jede Formation vor. Eine Mühe, die sie sich hätten sparen können: Während der gesamten Zeit der Existenz der freien Republik Ossola kam es gerade einmal zu zwei Versorgungsabwürfen am Monte Mottarone.

Bei einem Treffen mit Vertretern des CLNAI am 25. Oktober 1944 in Lugano gaben die Alliierten dafür die Erklärung: “Im Monat September war das gesamte alliierte Potential für Versorgungsabwürfe über Warschau absorbiert […] Für den Monat Oktober wurden beträchtliche Mengen an Material zur Verfügung gestellt, von denen aber nur ein ganz geringer Teil wegen der Wetterverhältnisse abgeworfen werden konnte.“ Für Ossola speziell führten sie zusätzlich noch an, „daß wegen der strategischen Bedeutungslosigkeit dieser Zone und der zeitlichen Ungelegenheit des Losschlagens der Partisanen keine Versorgungsabwürfe stattfanden“ (zit. nach Bergwitz, Die Partisanerepublik Ossola, S. 113).

Zehn Tage Widerstand
Ohne Unterstützung der Alliierten war es nicht möglich, die befreite Zone der Partisanenrepublik von Ossola aufrecht zu erhalten. Am 1. Oktober 1944 hatte der Oberbefehlshaber in Italien, Generalfeldmarschall Kesselring, den Befehl zu einer ersten „Bandenbekämpfungswoche“ vom 8. bis zum 14. Oktober 1944 erlassen (im Rahmen der zweiten Bandenbekämpfungswoche Anfang Dezember 1944 wurde u.a. das Gebiet der Partisanenrepublik Alto Monferrato von den Faschisten zurückerobert): So begannen am Morgen des 10. Oktober 1944 unterschiedliche deutsche und italienische Verbände unter der Leitung des SS-Polizei-Regiments 15 von Osten und Süden her die Angriffe auf das Val d’Ossola.

Ettore Tibaldi

Ettore Tibaldi

Während die Partisanen versuchten, ihre Stellungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten (Waffen und Munition waren knapp) zu verteidigen, arbeitete die Giunta Provvisoria in Domodossola zunächst unbeirrt weiter; noch am 13. Oktober empfing Ettore Tibaldi einen Vertreter der Schweizer Regierung, der ihn von der Ratifizierung des Handelsabkommens zwischen Ossola und der Schweiz unterrichtete. Parallel dazu wurden seit Beginn des deutschen Angriffs Maßnahmen eingeleitet, um Transporte für diejenigen Ossolaner zu organisieren, die sich in der Schweiz in Sicherheit bringen wollten. Schließlich verlegte die Giunta Provvisoria ihre Amtsgeschäfte in das Val Formazza, bevor am Spätnachmittag des 14. Oktober 1944 deutsche und italienische Faschisten die Stadt Domodossola einnahmen. „Domo ist leergefegt, die Faschisten kamen in eine tote Stadt“, schreibt der Chronist der italienischen Resistenza Giorgio Bocca dazu und zitiert den Berichterstatter des faschistischen Corriere della Sera: „Es ist schmerzhaft, aber notwendig, festzustellen, daß ein Teil der Bevölkerung Domodossolas am 10. September den Einmarsch der außerhalb des Gesetzes Stehenden freudig begrüßte… Heute sind viele Geschäfte geschlossen. In den Straßen sind nur wenige Personen zu sehen.“

Anstatt die zurückgekehrten Besatzer freudig zu begrüßen, hatten viele Menschen fluchtartig den Weg in die benachbarte Schweiz angetreten. Die humanitäre Hilfe der Eidgenossenschaft ist bis heute im Tal unvergessen: Das Schweizerische Rote Kreuz hatte bereits im September 1944 Lebens- und Arzneimittel in das Val d’Ossola gesandt und Anfang Oktober angeboten, 500 Kinder der befreiten Zone für die Wintermonate aufzunehmen. Dass die Zurückeroberung des Tales durch die Deutschen und die erwarteten Repressionen weit mehr Aufnahmekapazität erfordern würde, war da noch nicht abzusehen: Zwischen dem 12. und 22. Oktober 1944 sollen (je nach Quelle *) zwischen 10.000 und annähernd 35.000 Menschen Menschen aus dem Val d’Ossola in der Schweiz Zuflucht gefunden haben. Manche blieben nur einige Tage, andere wurden nach kurzem Aufenthalt in Brig und Locarno in Unterbringungsorte auch anderer Kantone verschickt, wo vor allem Frauen und Kinder teilweise bis zum Mai 1945 blieben. Für das Schweizer Arbeiterhilfswerk (SAH) organisierten Margherita Zoebeli und Gabriella Meyer vor Ort den Grenzübertritt.

Das Ende der Partisanenrepublik
In der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 1944 fand in Ponte di Formazza die letzte Sitzung der Giunta Provvisoria di Governo dell’Ossola statt. Danach löste sie sich auf und all ihre Mitglieder – außer Gisella Floreanini, die im Tal blieb und sich den Garibaldi-Brigaden im Valle Strona anschloss – setzten sich in die Schweiz ab.

Wandgemälde von Angelo del Devero in Goglio

Wandgemälde von Angelo del Devero in Goglio

Am 23. Oktober 1944 ersuchten die letzten Partisanen bei den eidgenössischen Behörden um Asyl. Ihre Flucht war über viele verschiedene Pässe verlaufen, über den Passo San Giacomo im Val Formazza und auch über das Val Devero, wo am 17. Oktober 1944 vier Mitglieder der „Divisione Valdossola“ bei der Flucht in das Schweizerische Binntal getötet wurden. In der alten Seilbahnstation von Goglio erinnert heute ein kleines Museum an die Ereignisse – einer der vielen Orte, an denen im Tal an den Widerstand der „quaranta giorni di libertà“ erinnert und das Gedenken an die Tage der freien Republik wachgehalten wird.

– Fortsetzung folgt –

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

* Die Zahlen gehen weit auseinander: Im Bericht des Schweizer Bundesrates an die Bundesversammlung über die „Flüchtlingspolitik der Schweiz seit 1933 bis zur Gegenwart“ von 1957 ist die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge aus dem Val d’Ossola mit 9.500 beziffert; im Bericht der unabhängigen Expertenkommission „Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus“ von 1999 ist für den Zeitraum September/ Oktober 1944 vermerkt, dass 17.000 Kinder und ihre Mütter aus Frankreich und Italien aufgenommen wurden – und in WIKIPEDIA schließlich ist von 35.000 Flüchtlingen aus dem Val d’Ossola zwischen 12. und 22. Oktober 1944 zu lesen, was sich mit den Angaben von Giorgio Bocca deckt.
Mit keiner Quelle deckt sich hingegen die ebenfalls in WIKIPEDIA zu findende Aussage, dass zwischen 1943 und 1945 allein 30.000 Partisanen (sic!) aus dem Val d’Ossola in die Schweiz geflohen sind.

 

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