Kategorie-Archiv: Lombardei

Lombardei

Das Mailänder Architekturbüro BBPR

Im Januar 2017 wurden in Mailand die ersten sechs Stolpersteine verlegt, einer davon für den Architekten und Stadtplaner Gian Luigi Banfi (1910-1945). Er war im August 1944 als Mitglied der antifaschistischen Widerstandsbewegung Giustizia & Libertà verhaftet und von den deutschen Besatzern über das Durchgangslager Fossoli in das Konzentrationslager Mauthausen deportiert worden. Dort starb er im Nebenlager Gusen – kurz vor der Befreiung des Lagers – am 10. April 1945 an völliger Entkräftigung. Verlegt wurde der Gian Luigi Banfi gewidmete Stolperstein in der Mailäner Via dei Chiostri vor dem Gebäude, in dem das von ihm mitgegründete Mailänder Architekturbüro BBPR seinen Sitz hatte.

Monument für die Opfer der NS-Vernichtungslager - Foto: © Wolfram Mikuteit

Monument für die Opfer der NS-Vernichtungslager – Foto: © Wolfram Mikuteit

Banfi, Barbiano di Belgiojoso, Peressutti und Rogers
Gian Luigi Banfi, Lodovico Barbiano di Belgiojoso, Enrico Peressutti und Ernesto Nathan Rogers – drei von ihnen kannten sich bereits seit der gemeinsamen Schulzeit am Liceo Classico Parini – gründeten nach ihrem Studium am Mailänder Polytechnikum 1932 ihr Architekturbüro, dessen Namen aus den Initialen der Mitglieder entstand. BBPR zählten zu den wichtigsten Vertretern des italienischen Rationalismus, entwarfen u.a. für die Esposizione Universale 1942 in Rom, ein Prestigeprojekt von Mussolini, den Palazzo delle Poste e Telegrafi, beteiligten sich an architekturtheoretischen Debatten und publizierten in verschiedenen Architekturzeitschriften auch als Mitherausgeber. Zu den be­deu­tends­ten Wer­ken der Gruppe BBPR avan­cierte das Wohn- und Bü­ro­ge­bäude Torre Velasca im Zen­trum von Mailand (1958).

Stolperstein fuer Gian Luigi Banfi - Foto: © Wolfram Mikuteit

Stolperstein fuer Gian Luigi Banfi – Foto: © Wolfram Mikuteit

Der Erlass der perfiden italienischen Rassegesetze zwang Rogers dazu, seine Mitwirkung bei BBPR zu verbergen und führte seine Kollegen in den antifaschistischen Widerstand. Nach der Besetzung Italiens durch Wehrmacht und SS am 8. September 1943 wurde ihr Studio in der Via Chiostri zu einem der Treffpunkte der Mitglieder der klandestinen Bewegung Giustizia & Libertà, zu der auch Altiero Spinelli, Ernesto Rossi, Vittorio Foa und Mario Alberto Rollier zählten. Banfis Bruder Arialdo beteiligte sich am bewaffneten Widerstand im piemontesischen Val Pellice, wo er eine Partisaneneinheit befehligte.

Tafel am Büro der Architekten BBPR in der Mailänder Via Dei Chostri – Foto: © Wolfram Mikuteit

Tafel am Büro der Architekten BBPR in der Mailänder Via Dei Chostri – Foto: © Wolfram Mikuteit

Am 21. März 1944 wurden Gian Luigi Banfi und Lodovico Barbiano di Belgiojoso verhaftet, Enrico Peressutti entging der Verhaftung nur knapp und Ernesto Nathan Rogers konnte sich in die Schweiz retten. Lodovico Barbiano di Belgiojoso wurde zusammen mit Gian Luigi Banfi über Fossoli nach Gusen deportiert, überlebte aber – anders als Banfi – die katastrophalen, von Vernichtung durch Arbeit geprägten Haftbedingungen im Konzentrationslager und konnte 1945 nach Italien zurückkehren.

Büro der Architekten BBPR in der Mailänder Via dei Chostri - Foto: © Wolfram Mikuteit

Büro der Architekten BBPR in der Mailänder Via Dei Chostri – Foto: © Wolfram Mikuteit

Belgiojoso, Peressutti und Rogers führten das Studio nach dem Krieg weiter – behielten aber den Namen BBPR in Erinnerung an ihren verstorbenen Kollegen stets bei und widmeten sich immer wieder der Gestaltung von Gedenkorten: Im Jahr 1946 bauten sie in Mailand das Monumento ai caduti nei campi di concentramento, in den 1960er-Jahren das Memorial Gusen, 1970 die italienische Gedenkstätte im ehemaligen KZ Auschwitz (die nun nicht mehr der Gedenkstättenkonzeption der polnischen Regierung entspricht und deshalb jüngst abgebaut und wieder nach Italien gebracht werden musste), 1973 das Museo monumento al deportato in Carpi nahe Fossoli. Und noch in hohem Alter konzipierte Lodovico Barbiano di Belgiojoso 1996 (zusammen mit seinem Sohn, der BBPR nun weiterführt) in Sesto San Giovanni bei Mailand ein weiteres Deportationsmahnmal.

Die in Italien von BBPR geschaffenen Mahn- und Gedenkorte stellen wir hier kurz vor. 

Monumento ai caduti nei campi di concentramento
Als eine der ersten Gedenkstätten im gerade befreiten Europa errichteten BBPR 1946 auf dem Mailänder Hauptfriedhof das Monument für die Opfer der NS-Vernichtungslager: Ein leerer Kubus aus weiß lackierten Metallstäben, die sich schneiden und Rechtecke bilden, von denen einige Gedenktafeln beinhalten. Der Kubus steht auf einem kreuzförmigen Podest, unter dem sich Erde des Konzentrationslagers Mauthausen befindet.

Museo monumento al deportato di Carpi
Carpi war zwischen Januar und Herbst 1944 der Ausgangsort für die Transportzüge, die politische und jüdische Gefangene aus dem nur wenige Kilometer entfernten Durchgangslager Fossoli in die deutschen Vernichtungslager beförderten. In einem Seitenflügel des Palazzo dei Pio in Carpi wurde 1973 das von BBPR in Zusammenarbeit mit dem Künstler Renato Guttuso konzipierte Museo monumento al deportato eingeweiht.

Das beeindruckende Museum entstand auf Initiative der Vereinigung der ehemaligen Deportierten (ANED), der Jüdischen Gemeinde und der Stadt Carpi. Es soll die Erinnerung an das Deportationslager Fossoli lebendig erhalten. An den Wänden der 13 Museumssäle haben Corrado Cagli, Renato Gattuso, Alberto Longoni, Fernand Legér und Pablo Picasso eindrucksvolle Graffiti geschaffen. Ebenfalls an den Wänden sind bewegende Zitate aus den letzten Briefen zum Tode verurteilter europäischer WiderstandskämpferInnen zu lesen. Die Texte stammen aus den „Lettere di condannati a morte della resistenza europea“, erstmals veröffentlicht bei Einaudi 1954. Im Hof des Palastes machen die auf hohen Betonstelen eingravierten Namen der Lager die Zielorte der Transportzüge sichtbar.

Monumento ai deportati im Parco Nord Milano
Auf einem Hügel im zur Gemeinde Sesto San Giovanni gehörenden Parco Nord Milano konzipierte Lodovico Barbiano di Belgiojoso 1996 zusammen mit seinem Sohn – Ernesto Nathan Rogers ist 1969, Enrico Peressutti 1976 gestorben – das Monumento ai Deportati.

Viele der Arbeiter aus den für die Kriegswirtschaft wichtigen Industrieunternehmen nördlich von Mailand – u.a. Breda, Pirelli und Falck – wurden vor allem nach dem Generalstreik im März 1944 anhand „schwarzer Listen“ verhaftet und in deutsche Konzentrationslager deportiert. Allein in Gusen, einem Nebenlager von Mauthausen, starben 97 Arbeiter aus Sesto San Giovanni.

Das Gedenkareal ist über eine Treppe erreichbar, die an die „Todesstiege“ erinnern soll, die das  Konzentrationslager Mauthausen mit einem der dortigen Steinbrüche verband und Ort ganz besonderer Grausamkeiten des Lagerpersonals war. Das Mahnmal selbst besteht aus einer hohen Gedenkstele, die einen Deportierten darstellen soll, dessen „Kopf“ aus Blöcken der Steinbrüche von Mauthausen stammen. Zu seinen Füßen ist die Asche verschiedener Konzentrationslager eingelassen. Im weiten Halbrund vor der Stele befinden sich Tafeln mit den Namen der 552 Deportierten, gruppiert nach den Fabriken, in denen sie arbeiteten.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Das neue Memoriale della Shoah in Mailand

Memoriale della Shoah Mailand - Foto: © Wolfram MikuteitDie Juden Mailands wurden ab November 1943 zunächst im Mailänder Gefängnis San Vittore inhaftiert und dann vom Hauptbahnhof aus in die Vernichtungslager deportiert. Bis Januar 1945 verließen ingesamt 15 Deportationszüge Mailand.

Eine schlichte Gedenktafel ganz am Ende von Bahnsteig 21 des Mailänder Hauptbahnhofs für die Menschen, die aus rassistischen und/oder politischen Gründen von Mailand aus in die Vernichtungslager der Nazis deportiert wurden, gibt es bereits seit 1998. Zufällig sieht man die Tafel mit den darauf eingelassenen Zeilen von Primo Levi nicht, Reisende gelangen selten an diese etwas abgelegene Stelle.

Die Viehwaggons, die Mailand in Richtung Auschwitz-Birkenau, Mauthausen, Bergen-Belsen und in die italienischen Lager zum späteren Weitertransport verließen, wurden aber ohnehin an anderer Stelle beladen: Durch einen Seiteneingang des Mailänder Hauptbahnhofs in der Via Ferrante Aporti – ansonsten ausschließlich für Waren-, Post- und Viehtransporte genutzt und weit weg von neugierigen Blicken – wurden die zur Deportation bestimmten Menschen in die Waggons getrieben.

Und genau dort hat die ‚Fondazione Memoriale della Shoah di Milano‘ nun mit dem Memoriale einen sehr eindrücklichen Gedenkort geschaffen. Mit den Bauarbeiten für das im Jahr 2002 von der Stiftung initiierte Projekt wurde 2010 begonnen. Am 27. Januar 2013 wurde das Kernstück offiziell eingeweiht und erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Danach wurden die Arbeiten daran fortgesetzt. Seit Ende Januar 2014 steht das Memoriale della Shoah nun zumindest tageweise (s.u.) Besuchern offen.


Per non dimenticare – um nicht zu vergessen: Auf dem noch erhaltenen kurzen Gleis stehen Viehwaggons, auch der Aufzug ist noch vorhanden, mit dem die beladenen Waggons hinauf zum Bahnhof befördert wurden. In den Boden der Verladerampe sind die Abfahrtstage und Ziele der Deportationszüge eingelassen. Und an die ‚Mauer der Namen‘ werden die Namen aller 774 jüdischen Männer, Frauen und Kinder projeziert, die mit den Deportationszügen am 6. Dezember 1943 und 30. Januar 1944 Mailand in Richtung Auschwitz verließen. Die Namen der 27 Überlebenden sind hervorgehoben.

Viele Schautafeln bieten auf den insgesamt circa 7.000 qm des Memoriale della Shoah die nötigen Informationen zur – mit der deutschen Besetzung ab dem 8. September 1943 einsetzenden – physischen Verfolgung der Juden in Italien, veranschaulicht durch Wochenschauberichte dieser Epoche. Eine große Video-Leinwand steht für Zeitzeugenberichte zur Verfügung: Bei unserem Besuch sahen wir ein Gespräch mit Liliana Segre, die am 30. Januar 1944 von hier aus als 13-Jährige zusammen mit ihrem Vater und 603 weiteren Menschen nach Auschwitz deportiert wurde. Nur 22 von ihnen überlebten den Holocaust – ihr Vater gehörte nicht dazu.

Noch ist das Memoriale della Shoah in Mailand nicht an jedem Tag geöffnet. Aber es steht – nach Voranmeldung – jeden ersten und dritten Donnerstag von 15.00 – 18.30 Uhr und an jedem letzten Sonntag eines Monats von 9.30-12.30 Uhr Besuchern offen. Informationen unter: www.memorialeshoah.it

Voranmeldungen können über coordinamento.memoriale@memorialeshoah.it vorgenommen werden.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit