Kategorie-Archiv: Lanzotäler

Neue aktualisierte Auflage unseres Wanderlesebuchs ‚Partisanenpfade im Piemont‘

Fast ein Vierteljahr ist mittlerweile verstrichen seit Veröffentlichung der Neuauflage unseres Wanderlesebuchs Partisanenpfade im Piemont im Februar 2018. Hier im Blog darüber zu berichten, hatten wir schlicht vergessen. Das holen wir hiermit nach.

von der Nivolet-Passstraße Blick auf die Seen Agnel und Serrù - Foto: © Wolfram Mikueit

Dass wir für die Neuauflage manche Wege nochmals abgegangen sind und sowohl Preise als auch Kontaktinformationen aktualisiert haben, versteht sich von selbst.

Ansonsten hat sich nichts verändert, sodass noch immer gilt:

Partisanenpfade im Piemont ist ein Wanderbuch, ein Reisebuch und auch ein Geschichtenbuch.

Pietramorta (1.812 m), Valle di Viù, längst verlassene Sommersiedlung am Logo di Malciaussia - Foto: © Wolfram Mikuteit

23 Touren vom Stadtspaziergang bis hinauf auf über 3.000 Meter Höhe
‚Partisanenpfade im Piemont‘ ist ein Wanderführer, der 23 Touren – vom Stadtspaziergang durch Turin bis zur Hochtour auf den über 3.000 Meter hohen Colle Autaret – umfasst. Alle GPS-kartiert, alle anhand von Waypoints exakt nachvollziehbar und jede Tour mit herunterladbarem Track für das eigene GPS-Gerät. Mit Hinweisen zum ÖPNV, Kartenmaterial und Einkehrtipps.

Blick über das Susatal, im Hintergrund der Monviso - Foto: © Wolfram Mikuteit

Unsere Touren zwischen Gran Paradiso im Norden und Monviso im Süden folgen ausgewiesenen Wanderwegen durch National- oder Naturparkgebiete, führen über königliche Jagdsteige, alte Saumwege und stille Gebirgspfade. Und oberste Priorität hatte bei der Auswahl der Wege neben der historischen Bedeutung stets die Attraktivität des Weges und die der Landschaft.

Ein Reisebuch, das an Orte führt, in denen gut gegessen und genächtigt werden kann
‚Partisanenpfade im Piemont‘ ist ein Reisebuch, das einführt in die Welt der Alpentäler, die sich fächerartig westlich der Barockstadt Turin bis zum Alpenhauptkamm ziehen. An Plätze führt, in denen die Geschichte der Resistenza wachgehalten wird, und an Orte, in denen gut gegessen und genächtigt werden kann.

Sangonetal, kurz vor der Alpe Sellery inferiore - Foto: © Wolfram Mikuteit

Ein Geschichtenbuch über Orte und Wege des Widerstands
Die 20 Monate der italienischen Resistenza, in denen sich Menschen unterschiedlichster politischer Couleur ab September 1943 zusammenschlossen, um gegen deutsche Besatzung und italienischen Faschismus und für einen radikalen Wandel in ihrem Land zu kämpfen, haben Italien nachhaltig geprägt. Ganz besonders die stark entvölkerte Gebirgsregion des Piemonts nah an der Grenze zu Frankreich. Wir nehmen die Leserinnen und Leser mit auf eine historische Zeitreise und machen die Geschichte der piemontesischen Widerstandsbewegung erlebbar – zu Fuß, automobilisiert oder zu Hause auf dem Sofa.

vom Assiettakamm Aussicht nach Westen auf die Grande Ruine (3.765 m) - Foto: © Wolfram Mikuteit

Wir haben aber kein Geschichtsbuch geschrieben, sondern anhand ganz unterschiedlicher Artikel versucht, diese Geschichte erlebbar zu machen. Wir erzählen von Mussolinis Aufstieg – weil die Widerstandsbewegung nur verständlich wird vor dem Hintergrund, dass beim Kriegseintritt Italiens an der Seite Hitler-Deutschlands 1940 ein damals 18-jähriger italienischer Wehrpflichtiger nicht einen einzigen Tag in einem demokratischen Staat gelebt hatte. Wir erzählen auch von dem 1933 in Turin gegründeten Verlag ‚Giulio Einaudi Editore’, mit dem Leone Ginzburg, Cesare Pavese, Giulio Einaudi, Carlo Levi, Vittorio Foa und viele andere versuchten, die faschistische Zensur zu unterlaufen und Bücher zu verlegen, die zu kritischem Denken anregen sollten – und dafür auch langjährige Haftstrafen und Verbannung in Kauf nahmen.

Blick hinunter auf die Conca del Pra - beim Abstieg vom Colle Selliere - Foto: © Wolfram Mikuteit

Wir erzählen auch von dem Phänomen, das die italienische Historikerin Anna Bravo als eine der “größten Verkleidungsaktionen der italienischen Geschichte” bezeichnet hat: Dass sich circa die Hälfte der Soldaten des italienischen Heeres, die sich am Tag der Waffenstillstandserklärung im deutschen Machtbereich befunden hat, durch Flucht der Gefangennahme und dem Transport in die deutschen Zwangsarbeitslager entziehen konnte.

Forte Chaberton, höchstgelegen Festungsanlage der Alpen (3.136 m) - Foto: © Wolfram Mikuteit

Und weil ‚Partisanenpfade im Piemont’ ein Wanderlesebuch ist, haben wir in Ergänzung zu den Tourbeschreibungen auch ganz viele kurze Hintergrundgeschichten geschrieben. In diesen ‚Themensplittern’ kann – wer mag – nachlesen, warum jedes kleine Dorf in Italien seine ‚Via Roma’ hat, was genau unter der italienischen ‚Judenkartei’ zu verstehen ist, wie Piero Gobettis Witwe Ada ihre Winterüberschreitung des Passo dell’Orso in ihrem Tagebuch beschrieb. Hier findet sich auch das Gedicht ‚Kamerad Kesselring’, geschrieben in Erinnerung an den Kriegsverbrecher, der kaltschnäuzig genug für die Bemerkung war, die Italiener täten gut daran, ihm für sein Verhalten in der Zeit, in der er den Oberbefehl auf dem italienischen Kriegsschauplatz innehatte, ein Denkmal zu errichten.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

P.S.

Die Rezensionen zur Erstauflage von ZEIT bis Zürcher Wochenzeitung sind hier nachzulesen.
Das Inhaltsverzeichnis kann hier angesehen oder heruntergeladen werden.

 

 

Die Hospitäler der Resistenza in den Lanzotälern

Am 12. September 1943 – wenige Tage nach dem Waffenstillstand – erhielt der Dermatologe Dr. Attilio Bersano Begey vom italienischen Roten Kreuz die offizielle Weisung, seine alte Arbeitsstelle im Ospedale Maria Vittoria in Turin wieder anzutreten. Was er auch tat – und unmittelbar danach Kontakt aufnahm zu den Widerstandszellen in Turin.

Villa Cibrario - Foto: © Wolfram Mikuteit

Villa Cibrario im oberen Viùtal bei Usseglio, ehemaliges Partisanenhospital

Für die Garibaldini organisierte er ab diesem Zeitpunkt das Sanitätswesen in den Valli di Lanzo. Ging es anfangs lediglich um die heimliche Verlegung von verletzten Kriegsgefangenen aus aller Herren Länder, mussten nach den ersten Rastrellamenti Partisanen medizinisch versorgt werden. Während ihre Erstversorgung meist über ein Netzwerk von Ambulanzen und Hospitälern durchgeführt wurde, deren Personal mit dem Widerstand sympatisierte, waren die Krankenstationen der Resistenza im Winter 1943/44 meist nicht mehr als unzureichende Provisorien: Hochgelegene, im Winter ungenutzte Almgebäude, in denen noch nicht einmal Feuer gemacht werden konnte, um nicht die Aufmerksamkeit des Feindes auf sich zu ziehen.

Dr. Begey konnte seine Vorstellung von einer wirklich effizienten Krankenversorgung erst realisieren, als die Partisanen an Einfluss gewannen und die Lanzotäler Ende Juni 1944 zur Zona Libera erklärten. Am 30. Juni 1944 requirierten sie die leerstehende Villa Cibrario in Margone im oberen Viùtal. Der große Billardsaal des noblen Gebäudes diente fortan als Operationssaal. In einen Nebenraum kam die Intensivstation, und in der ersten Etage wurden drei Krankensäle eingerichtet, einer davon als Isolierstation für Patienten mit antsteckenden Krankheiten. Das nötige Mobiliar, Matratzen und Wäsche, wurden fürs Erste aus den umliegenden, ebenfalls leerstehenden Villen entliehen. Mit der aus dem Valtournenche stammenden Piera Brunodet fand sich eine Köchin, und Frauen aus Usseglio und Margone kümmerten sich um die Wäsche. Diese Aufgabe musste zwingend auf viele verschiedene Haushalte verteilt werden, um die Gefahr, bei Hausdurchsuchungen durch belastendes Material aufzufallen, so gering wie möglich zu halten. Insgesamt bot die Villa Cibrario Platz für 60 Patienten.

Das Einzugsgebiet der Klinik war riesig und reichte auch über die Valli di Lanzo hinaus: Garibaldini brachten ihre Verletzten auch aus dem Susatal entweder mit dem Auto via Rubiana – Colle del Lys – Viù oder zu Fuß auf provisorischen Tragen über den Col delle Coupe und Malciaussia. Diesen Weg mutzte auch die Divisione Stellina der GL für den Transport ihrer Verletzten nach Margone.

Von Anfang an war Dr. Begey aber klar, dass er einen Evakuierungsplan für die Villa Cibrario brauchte: Im Rahmen des Unternehmen Nachtigall durchforsteten die Nazis gerade die südlicher gelegenen Täler nach Partisanen, und es war nur noch eine Frage der Zeit, wann sie sich den Valli di Lanzo zuwenden würden. Unter dem Namen Unternehmen Strassburg – nach Sperber, Habicht und Nachtigall scheinen den Deutschen die Vogelnamen ausgegangen zu sein – begann dann auch tatsächlich am 5. September 1944 die Auskämmungsaktion der Valli di Lanzo und Orco. Mit Hilfe des erfahrenen Bergführers Berto Vulpot aus Malciaussia begab sich Dr. Begey auf die Suche nach einem geeigneten Ausweichquartier. Seine Wahl fiel auf ein Gebäude der Socièta Idroelettrica Ovest Ticino am Ufer des kleinen Stausees Lago Dietro La Torre auf 2.366 Metern Höhe, der wie der große Lago della Rossa (2.781 m) in den 1930er-Jahren geschaffen wurde. Hier entstand nun das Convalescenziario Interdivisionale d’Alta Montagna mit 30 Betten für Leichtverletzte und Rekonvaleszenten.
Die Patienten wurden mit dem Wagen nach Crot bei Usseglio zur Talstation der zum Bau der Stauseen errichteten Decauville-Bahn gebracht und dann hinaufgefahren. Die vor Ort Verantwortlichen der Socièta Idroelettrica Ovest Ticino unterstützten dieses Vorhaben übrigens nach Kräften.
Ein Rundfunkgerät für den Empfang von Radio London und eine kleine Bibliothek, bestückt mit Beständen aus den Villen in Margone, sorgten dafür, dass den Patienten in dieser hochgelegenen Abgeschiedenheit die Decke nicht auf den Kopf fiel.
Ein Pfleger und ein Medizinstudent wechselten sich in wöchentlichem Turnus bei der Grundversorgung ab und hielten Dr. Begey, der in regelmäßigen Abständen vorbeikam, zwischenzeitlich mit den Krankenblättern auf dem Laufenden.

Als aber im Zuge des Unternehmen Strassburg die Luft immer dünner wurde unten im Tal und die Bandenjäger sich festzusetzen begannen, wurde für die noch nicht wieder einsatzfähigen Patienten die endgültige Evakuierung nach Frankreich eingeleitet.
Sie wurden nach Malciaussia (1.800 m) gefahren, wo der mühsame Krankentransport hinauf zum 3.077 Meter hohen Colle Autaret begann. In der Kaserne unterhalb des Passes wurde übernachtet, und dann ging es hinab nach Bessans, von wo aus die Patienten in das Militärkrankenhaus von Aix-les-Bains gebracht wurden.
Dr. Begey führte genau Buch: 328 Patienten wurden von ihm in Margone und Lago Dietro La Torre versorgt, nur fünf von ihnen konnte er nicht retten.

Die Krankenhäuser von Margone und am Lago Dietro La Torre waren aber lediglich zwei von sehr vielen, von denen wir wenigstens noch einige anführen wollen:

Im Val Grande baute der junge jüdische Arzt Dr. Simone Teich Alasia – wegen der Rassengesetze mit Berufsverbot belegt – in Ricchiardi bei Pialpetta Ende Juni 1944 das Schulhaus von jetzt auf gleich zur Krankenstation aus: Der Kommandant der Garibaldini hatte ihn darüber informiert, dass Partisanen aus den drei Lanzotälern zwei Tage später das Hauptquartier der Deutschen in Lanzo angreifen würden. Und mit Verletzten zu rechnen sei.

In Balme im Val d’Ala übernahmen die Garibaldini am 26. Juni 1944 die leerstehende Villa Castagneri und funktionierten sie zur Krankenstation um. Die medizinische Leitung lag bei Dr. d’Agata. Auch in diesem Fall lief die Beschlagnahmung der Villa geradezu formvollendet ab: Eine Ausfertigung der Inventarliste über den Hausrat ging an den Eigentümer des Hauses, eine an die für diesen Fall zuständige Kommandoleitung der XI. Brigata Garibaldi Torino und eine Kopie verblieb beim Schriftführer.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit