Kategorie-Archiv: Museen

Museen

Museo della Resistenza Europea in Genua

Auch dieses Jahr gibt es im April um den Jahrestag der Befreiung von der deutschen Besatzung (25. April, Anniversario della Liberazione) herum wieder Möglichkeiten zum Besuch des Museo della Resistenza Europea in Genua. Dort, wo sich früher das Gestapo-Hauptquartier befand, wird auch des Widerstands in Deutschland gedacht.

das Museo della Resistenza Europea in Genua in der ex. Casa dello Studente - Genua - Foto: © Sabine Bade

Die Gestapo in der Casa dello Studente
Die Universität Genua ließ zwischen 1933 und 1935 die Casa dello Studente am Corso Aldo Gastaldi (damals: Corso Giulio Cesare) als Studentenwohnheim errichten. Kurz nach Fertigstellung wurde das 5-geschossige Gebäude von der Faschistischen Partei übernommen. Nach der Besetzung Genuas durch deutsche Truppen war die Casa dello Studente ab Mitte Oktober 1943 Sitz der Gestapo, war deren Verhör- und Folterzentrum unter Leitung von SS-Obersturmbannführer Friedrich Engel, dem SD- und Polizeichef von Genua, der in internationalen Medien auch als „Schlächter von Genua“ bezeichnet wird.

Casa dello Studente, Genua - Folterkeller - Foto: © Sabine Bade

Nach der Befreiung Genuas am 25. April 1945 – die deutschen Truppen unter dem Kommando von Generalmajor Günther Meinhold hatten sich direkt den Vertretern des Widerstands ergeben – fanden die Partisanen im Keller der Casa della Studente Folterwerkzeuge, Blutspuren, Knochenteile und Fingernägel. Die Medien berichteten über die Funde, und für eine kurze Zeit stand das Gebäude, in dem Hunderte von Widerstandskämpfern gefangen gehalten und in dem sogenannten „Keller der Qualen“ vor ihrer Hinrichtung oder Deportation gefoltert wurden, der Bevölkerung Genuas offen.
Aber schon ab 1946 wurde die Casa dello Studente wieder von der Universität genutzt, die Gefängniszellen wurden als Vorratsspeicher für die Mensa verwendet und der Zugang zum für die Folterungen genutzten unterirdischen Luftschutzraum wurde – im Namen der nationalen Versöhnung – zugemauert.

Gedenken an deutschen Widerstandskämpfer im ehemaligen Folterkeller der Gestapo
27 Jahre lang rührte niemand an der grausigen Vergangenheit des Studentenwohnheims. Erst nachdem Studenten Ende der 1960er-Jahre zusammen mit ehemaligen Widerstandskämpfern damit begonnen hatten, die Geschichte des Gebäudes zu rekonstruieren, legten sie 1972 diesen Zugang wieder frei. Damals entstand die Idee, den „Keller der Qualen“ als Gedenkstätte des internationalen Widerstandes zu erhalten. Das Ziel der Initiatoren war es, den oft längst vergessenen Beitrag all jener zu würdigen, die in ganz Europa für den Widerstand gegen Nationalsozialismus und Faschismus kämpften, der „kein Vaterland und keine Grenzen kannte“. Hier sollte nicht nur an den ehemaligen Folterkeller der Gestapo erinnert werden. Dass das Gebäude auch von italienischen faschistischen Organisationen im Wissen um die Ereignisse in den Folterkellern genutzt wurde, sollte ebenso in Erinnerung bleiben wie die vielen Opfer des deutschen Widerstandes gegen das NS-Regime, vor allem in den Reihen der Arbeiterbewegung, über den in Italien relativ wenig bekannt war/ ist.

Casa dello Studente, Genua - Folterkeller, mit Gedenktafel für Rudolf Seiffert - Foto: © Sabine Bade

Um diese nach Ansicht der Initiatoren verborgen gebliebene Seite des deutschen Widerstandes, vor allem den der Arbeiter in Berlin, zu würdigen, ehren sie in der Casa dello Studente seit 1974 Rudolf Seiffert stellvertretend für die deutschen Widerstandskämpfer. Seiffert (1908-1945) war Leiter einer illegalen Betriebsgruppe bei den Siemens & Halske-Werken in Berlin-Siemensstadt und Mitglied der Berliner Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation. Am 29. Januar 1945 wurde er im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.

Casa dello Studente: Veranstaltungsprogramm zum Tag der Befreiung, 25. April 2017

Am Sonntag, den 23. April (10.00-12.00 Uhr und 14.00-18.00 Uhr), und am Dienstag, den 25. April (12.00-18.00 Uhr) werden Führungen durchgeführt. Casa dello Studente, Corso Aldo Gastaldi, ab Metrostation Genua-Brignole Buslinien 16, 45 und 87.
Wer das Museo della Resistenza Europea zu anderen Zeiten besichtigen möchte, muss sich anmelden. Kontakt: centrodocumentazionelogos@gmail.com

 

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Ferragosto-Konzert 2015 bei Paraloup

Seit 1981 findet alljährlich am 15. August – zum Höhepunkt der italienischen Feriensaison – das ‚Concerto Sinfonico di Ferragosto‘ statt.
Damals wurde am Rifugio Quintino Sella unterhalb des Monviso eine Tradition begründet, die sich längst etabliert hat: jedes Jahr an einem anderen Ort spielt an diesem Tag das Orchestra Bartolomeo Bruni auf und zieht in aller Regel um die 10.000 Besucher zu einer Veranstaltung in die Berge, die auch vom italienischen Fernsehen RAI übertragen wird.

70 Jahre nach der Befreiung: Ferragosto-Konzert bei Paraloup
70 Jahre nach Ende des Krieges, 70 Jahre nach Ende der deutschen Besatzung Norditaliens findet das 35. Ferragosto-Konzert dieses Jahr an einem für die piemontesische Widerstandsbewegung geschichtsträchtigen Ort statt: Auf der kleinen Hochebene von Chiot Rosa unterhalb der von der Bewegung Giustizia & Libertà als eines ihrer Hauptquartiere genutzten ehemaligen Sommersiedlung Paraloup. So schrieb denn auch ‚La Stampa‘ zum diesjährigen Ferragosto-Konzert: „Nella «borgata dei partigiani» per celebrare i 70 anni della Resistenza“.

Paraloup gestern und heute
Direkt nach dem Kriegsaustritt Italiens und mit Beginn der deutschen Okkupation am 8. September 1943 zog sich eine kleine Gruppe von Antifaschisten aus dem Umfeld der Bewegung Giustizia e Libertà um Duccio Galimberti und Dante Livio Bianco aus Cuneo in die Berge zurück, um der drohenden Verhaftung zu entgehen und den Kampf gegen italienische Faschisten und deutsche Besatzer aufzunehmen. Einige wenige Tage hielten sie sich in Madonna del Colletto auf, einem kleinen Pass zwischen Gesso- und Sturatal. Da dieser Ort nicht genug Sicherheit bot, zog die Gruppe, die sich den Namen „Italia Libera“ gegeben hatte, weiter ins Sturatal und erreichte am 20. September 1943 die aus nur wenigen Häusern bestehende abgelegene Sommersiedlung Paraloup nah am Übergang zum Granatal. Bereits Ende Oktober 1943 war die Gruppe auf über 100 Männer angewachsen, unter ihnen Nuto Revelli, Giorgio Bocca, Detto Dalmastre, Alberto Bianco und viele andere mehr, die die 20 Monate der italienischen Resistenza entscheidend prägten. In Paraloup und den umliegenden Weilern wurde die Basis gelegt für die in der gesamten Provinz Cuneo operierenden Giustizia e Libertà-Partisanengruppen.

Paralup war als Sommersiedlung seit langem ungenutzt und die Häuser waren großteils verfallen. Wegen der historischen Bedeutung des Ortes hat die Fondazione Nuto Revelli vor einigen Jahren damit begonnen, den Ort wiederaufzubauen. Viele Geäude wurden bereits überaus gelungen restauriert: In einem ist ein Museum über die Geschichte des Ortes als Standort der Partisanenbewegung untergebracht, ein anderes dient Vorführungen von Zeitzeugen-Videos. Mittlerweile gibt es auch eine Bar und ein Rifugio.
Die Revelli-Stiftung hat sich aber darüberhinaus zum Ziel gesetzt, hier einen Platz zu schaffen, an dem kreative Lösungsvorschläge und Möglichkeiten ausgearbeitet werden sollen, die abgelegenen und stark von Landflucht betroffenen Orten in den Bergen Wege für eine nachhaltige und selbständige Wiederbelebung aufzeigen.

Praktische Informationen
Das Konzert beginnt am 15. August 2015 um 13 Uhr, und auf dem Programm stehen dieses Jahr überwiegend Werke von Dmitri Schostakowitsch. Wer den Trubel einer Massenveranstaltung scheut, kann sich tags zuvor um 14 Uhr die öffentliche Generalprobe anhören.
Der Veranstaltungsort Chiot Rosa wird für den privaten KFZ-Verkehr gesperrt; Busse von Cuneo nach Rittana starten um 7.00 – 7.15 – 7.30 – 7.45 – 8.00 Uhr; Shuttlebusse von dort nach Gorrè di Rittana (Navetta 1) und Tetto Sottano di Rittana (Navetta 2). Zu Fuß geht es dann weiter nach Chiot Rosa.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Partisanenrepublik Ossola, Orte der Erinnerung – Teil 4

Der erbitterte Kampf gegen die von vielen Kriegsverbrechen begleitete deutsche Besatzung und der Versuch vieler Menschen aus dem Ossolatal, im Herbst 1944 in ihrer Heimat nach über 20 Jahren Faschismus endlich wieder demokratische Verhältnisse herzustellen, hat vielerorts Spuren hinterlassen. Aber Hinweise darauf, wo noch heute im Tal an den Widerstand erinnert und das Gedenken an die 44 Tage der „Repubblica partigiana della Val d’Ossola“ wachgehalten wird, sucht man in deutschsprachigen Reiseführern leider vergeblich.

Domodossola, die Hauptstadt der Bewegung
Dass der Rathausvorplatz von Domodossola heute „Piazza Repubblica dell’Ossola“ heißt, mag wenig erstaunen. Ungewöhnlicher schon, dass im Rathaus an der Stirnseite des Sitzungssaals – wo andernorts in Italien das Porträt des gerade amtierenden Staatspräsidenten hängt – stattdessen Ettore Tibaldi auf die Ratsmitglieder schaut: Domodossola ist stolz auf den Chef der kurzlebigen „Giunta Provvisoria di Governo dell’Ossola“.
Dieser Sitzungssaal wird auch als „Sala Storica della Resistenza“ bezeichnet, und wenn der Gemeinderat gerade nicht tagt, ist der Raum für Besucher frei zugänglich: Entlang der Wände stehen Glasvitrinen, die mit historischen Fotos und Erklärungstexten entscheidende Ereignisse des Widerstands im Ossolatal dokumentieren.

Wer mehr über die Geschichte der Partisanenrepublik von Ossola erfahren wollte, musste bis vor kurzem in die Provinzhauptstadt Verbania fahren und dort die Ausstellung in der „Casa della Resistenza“ von Fondotoce besuchen. Zum 70. Jahrestag der Partisanenrepublik im Oktober 2014 wurde nun aber in Domodossola mit der „Casa 40“ ein eigenes Informations- und Dokumentationszentrum zu den „40 giorni di libertà“ eröffnet.

Auch die humanitäre Hilfe der Eidgenossenschaft ist bis heute in Domodossola unvergessen. Eine am Gleis 1 des Bahnhofs angebrachte Gedenktafel weist auf die Hilfe der Schweizer Nachbarn hin: „Zum 30. Jahrestag der Republik des Ossola im Gedenken an die Bruderhilfe der Walliser und Tessiner an die Bevölkerung des Ossola“. Dreißig Jahre später wurde im Jahr 2004 am Rand der kleinen Grünfläche gegenüber dem Rathaus ein Gedenkstein aufgestellt, mit dem sich die Stadt Domodossola dafür bedankt, dass 1944 Tausende von Flüchtlingen aus dem Ossolatal Aufnahme in der Schweiz fanden: „Am 60. Jahrestag der Partisanenrepublik Ossola zum Gedenken an die brüderliche Hilfe gewährt von Schweizer Freunden“.

Pallanzeno, Megolo, Finero, Goglio – Erinnerungsorte des antifaschistischen Widerstands
Etwas südlich von Villadossola weist an der Landstraße im Weiler Pallanzeno ein Hinweisschild zu einer schlichten Gedenkstätte („Cippo“) für die Opfer des Aufstands von Villadossola: Am 8. November 1943 blockierten Partisanen die Zufahrtswege nach Villadossola, besetzten Post und Kasernen, und in den Fabriken kam es zu Arbeitsniederlegungen. Der sich schnell auch auf andere Orte des Tals ausweitende Aufstand wurde nach zwei Tagen von den deutschen Besatzern blutig niedergeschlagen. Am Ort der Gedenkstätte wurden einige Tage später sechs sogenannte „Rädelsführer“ des Aufstands erschossen, unter ihnen der kommunistische Arbeiter Redimisto Fabbri, nach dem später eine eigene Partisanenformation benannt wurde.

An der Kirche von Megolo Mezzo, einer Teilgemeinde von Pieve Vergonte, beginnt der Wanderweg „Sentiero Beltrami“, benannt nach einem der wichtigsten Protagonisten des Widerstands im Ossolatal. Nach wiederholten, von Omegna ausgehenden Durchkämmungsaktionen des Val Strona wurde Ende Januar 1944 in Campello Monti (oberstes Val Strona) beschlossen, die unter Filippo Beltrami zusammengefassten Widerstandsgruppen „Patrioti Valstrona“ nach Megolo im Ossolatal zu verlegen. Als am 13. Februar 1944 deutsche Truppen Megolo auf der Suche nach Partisanen angriffen und Häuser in Brand steckten, wurden bei Cortavolo oberhalb von Megolo bei einem Gefecht 12 Männer getötet, unter ihnen Filippo Beltrami.
Eine schmale Straße führt vom Kirchplatz in Megolo Mezzo hinauf nach Cortavolo mit der Gedenkstätte.

An der Straße von Canobbio (Lago Maggiore) ins Val d’Ossola befinden sich gleich zwei Gedenkstätten des Widerstands. In Finero ist das Monument für die Opfer des Befreiungskampfes nicht zu übersehen. Es steht direkt an der Straße, unweit der Stelle, wo am 23. Juni 1944 an der Friedhofsmauer von Finero 15 Partisanen hingerichtet wurden. Sie fielen einer großangelegten „Säuberungsaktion“ zum Opfer, mit der ab 10. Juni 1944 circa 17.000 Männer (Wehrmacht, SS und faschistische Miliz) mit massiver Luftunterstützung das Ossolatal durchkämmten. Insgesamt wurden bei dieser dreiwöchigen Aktion im Ossolatal ca. 300 Partisanen während der Kämpfe getötet oder hingerichtet (davon allein wenige Tage zuvor in Verbania-Fondotoce 42 und in Baveno 17 Widerstandskämpfer).
Der zweite Erinnerungsort liegt etwas versteckter am stillgelegten und durch die Galleria di Creves ersetzten Teilstück der Straße. Hier wird Alfredo Di Dio, dem Anführer der „Division Valtoce“, und Attilio Moneta, dem Kommandanten der Guardia Nazionale der Partisanenrepublik, gedacht, die bei der Rückeroberung der Partisanenrepublik durch deutsche Wehrmacht und italienische Faschisten am 12. Oktober 1944 erschossen wurden.

In Goglio wurde die längst stillgelegte Kabinenbahn zur Alpe Devero zu einem kleinen Museum des Widerstands ausgebaut. Bei der Rückeroberung der Partisanenrepublik von Ossola durch deutsche Wehrmacht und italienische Faschisten wurden am 17. Oktober 1944 vier Mitglieder der „Divisione Valdossola“ bei der Flucht in das Schweizerische Binntal getötet. Für den Aufstieg zur Alpe Devero, von der aus der Grenzübertritt unternommen werden sollte, nutzten 24 Partisanen die zwischen Goglio und der Alpe Devero verkehrnde Seilbahn. Als diese wegen Überladung ins Stocken geriet, wurde sie von den Verfolgern beschossen. Die meisten der Partisanen konnten sich durch Sprung aus der Kabine retten; vier von ihnen wurden erschossen.

Varzo – die vereitelte Sprengung des Simplontunnels
Am Bahnhof des an der Simplonstrecke gelegenen Ortes Varzo erinnert eine Gedenktafel daran, dass kurz vor Ende des Krieges in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945 Partisanen der 2. Garibaldi-Division die von den Deutschen nach dem „Prinzip der verbrannten Erde“ geplante Sprengung des Simplontunnels verhinderten.
Werner „Swiss“ Schweizer hat dieses Ereignis mit dem Film „Dynamit am Simplon“ (1989) dokumentiert. In Gino Vermicellis Buch „Die unsichtbaren Dörfer“ schreibt er dazu:
„Bereits im November 44 traf in Varzo, dem letzten Dorf vor der italienischen Seite des Simplontunnels, eine Spezialeinheit von deutschen Mineuren ein. Sie begannen, die bereits vorhandenen Sprengkammern im Simplontunnel auszubauen und für die Sprengung vorzubereiten. Auch grosse Elektrizitätswerke und Staumauern wurden miniert. Da die Simplonstrecke bis nach Domodossola unter der Aufsicht der schweizerischen Bundesbahn stand, entdeckten Eisenbahnarbeiter diese Vorbereitungen und meldeten sie dem Zollchef von Domodossola, dem Schweizer Peter Bammatter. Dieser war vom Schweizer Geheimdienst für Beobachtungsaufgaben in Norditalien eingesetzt worden. Ein erster Versuch, den Sprengstoffkonvoi durch eine Partisanenaktion bereits am Lago di Mergozzo zu zerstören, misslang.
So blieb es die Aufgabe der „2. Garibaldi-Division“, den Sprengstoff, der inzwischen bis nach Varzo gebracht worden war, unschädlich zu machen. Mit den Brigaden „Camasco“, „Fabbri“ und „Volante Alpina“, insgesamt 120 Mann, riegelte „Mirco“ das Tal vollständig ab, hielt die SS- sowie die österreichischen Wachtruppen in ihren Kasernen fest und liess die 64 Tonnen Trotyl abbrennen. Eine riesige Feuersäule, über 300 Meter hoch, leuchtete bis nach Domodossola, wo der Schweizer Nachrichtenchef Peter Bammatter, in den hell erleuchteten Himmel blickend, von der erfolgreichen Durchführung „seiner“ Aktion Kenntnis nahm.“

Gedenkorte Europa 1939-1945

 

Weitere Informationen zu Gedenkorten im Ossolatal
Weiterführende Informationen, detaillierte Anfahrtsbeschreibungen, GPS-Koordinaten und Literaturhinweise haben wir auf den Seiten des Gedenkorte-Portals www.gedenkorte-europa.eu unter „Ossolatal“ abgelegt.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Erste Massenmorde an Juden in Italien – Massaker am Lago Maggiore

Zwischen dem 15. September 1943 und dem 11. Oktober 1943 wurden mehrere idyllische Orte am piemontesischen Westufer des Lago Maggiore und dessen Umgebung Schauplatz der ersten Massenmorde an Juden in Italien nach dessen Kriegsaustritt und der Besetzung durch deutsche Truppen.


Judenverfolgung in Italien

Im faschistischen Italien gab es – verglichen mit der in Deutschland nach dem Machtantritt der Nazis 1933 sofort einsetzenden massiven Judenverfolgung – bis etwa Mitte der 1930er-Jahre keinen offen praktizierten Antisemitismus. Juden, die ihre Emanzipation im Jahr 1848 im Zuge des Risorgimento erlangt hatten, wurden gemeinsam und zeitgleich mit den Nicht-Juden der italienischen Halbinsel zu ‚Italienern‘, als 1861 der italienische Nationalstaat als Zusammenschluss vieler Kleinstaaten gegründet wurde. Die meisten Juden hatten sich mit Begeisterung an der Einheitsbewegung beteiligt. Sie bekleideten später hohe Ränge in Armee und Admiralität, stellten mit Luigi Luzzatti einen italienischen Ministerpräsidenten, mit Ernesto Nathan von 1907 bis 1913 den Bürgermeister der Hauptstadt Rom, agierten als Kriegs- und Justizminister. Kurz: Sie waren Italiener.

Erst 1933 begann, flankiert von antijüdischen Pressekampagnen, die sukzessive Verdrängung von Juden aus leitenden Positionen. In einem Land mit vergleichsweise geringer antisemitischer Tradition und einem so außergewöhnlich hohen Grad jüdischer Assimilation fokussierte sich im faschistischen Italien die ‚Rassen-Frage‘ zunächst auf die Abgrenzung gegenüber der Bevölkerung der italienischen Kolonien Eritrea und Somalia, ein offen und gnadenlos rassistisches Vorgehen, das im Italienisch-Äthiopischen Krieg 1935/1936 seinen Höhepunkt fand.
Das änderte sich mit den ‚Rassegesetzen‘ von 1938, die italienische Juden durch Berufs- und Ausbildungsverbote ihrer ökonomischen Grundlagen beraubten, ihnen mit Ausschluss aus Vereinen und Verbänden Teilhabe am gesellschaftlichen Leben versagten und durch vielfältige Diskriminierung zu stets von der Geheimpolizei überwachten Bürgern zweiter Klasse machten.
Und nach der Besetzung durch deutsche Truppen im September 1943 entschieden sich Mussolini und seine Komplizen dafür, die italienischen Juden der deutschen Deportationsmaschine auszuliefern und der Gestapo bei der Verfolgung der Juden freie Hand zu lassen.

Die Massaker vom Lago Maggiore
Ein Bataillon der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ war von der Ostfront nach Oberitalien verlegt worden und wurde nach der Entwaffnung italienischer Truppen im Gebiet Verona nach dem 11. September 1943 am Lago Maggiore im Wesentlichen in den Gemeinden Meina, Baveno, Stresa, Arona und Intra stationiert. Dort lebten einige jüdische Familien, die teils aus italienischen Städten, teils aus Griechenland und der Türkei Zuflucht vor Verfolgung suchten.
Vom 13. September an verhafteten Angehörige des SS-Bataillons planvoll über 50 Angehörige dieser jüdischen Familien in Baveno, Arona, Meina, Orta, Mergozzo, Stresa, Pian Nava und Novara und hielten sie zunächst in verschiedenen Hotels fest. Einige von ihnen – wie Mario Abramo Covo, Alberto Abramo Arditi und seine Frau Matilde David aus Mergozzo – wurden wenig später ermordet und in Massengräbern verscharrt. Über das Schicksal der übrigen Verhafteten entschied eine Offiziersbesprechung am 19. September 1943: Es wurde beschlossen, die gefangenen Juden – Männer, Frauen, Alte und Kinder –  zu erschießen und die Leichen im See zu versenken.

Die Ermordung folgte in den Nächten vom 21. bis 23. September. Die Opfer wurden gruppenweise aus den Hotelzimmern geholt, in einem Waldstück in der Nähe von Meina erschossen, von SS-Angehörigen in Säcke und Zeltplanen verpackt, mit Steinen beschwert, in ein Boot geladen und im See versenkt. Als am Morgen danach einige der Leichen an das Ufer geschwemmt wurden, beschwerten SS-Angehörige sie erneut mit Steinen und versenkten sie nochmals im See. Insgesamt konnten 53 Menschen, die diesen Mordtaten zum Opfer fielen, später identifiziert werden. Nur die verhaftete Familie Behar hatte wegen ihrer türkischen Staatsangehörigkeit und auf Intervention des türkischen Konsuls entkommen und sich in die Schweiz retten können. Über das Schicksal der anderen Verhafteten, die nicht unter den Toten gefunden wurden, ist nichts bekannt.

Weitere Morde wurden im Oktober 1943 in Verbania-Intra an der jüdischen Familie Ovazza aus Turin begangen: Ettore Ovazza, der am Marsch auf Rom teilgenommen hatte und bis zu seinem Ausschluss Mitglied des Partito Nazionale Fascista war, hatte Anfang Oktober 1943 zusammen mit seiner Frau, Sohn und Tochter versucht, über das Aostatal in die Schweiz zu fliehen. Sohn Riccardo versuchte als erster den Grenzübertritt, wurde dabei von der Schweizer Grenzpolizei abgefangen und in den Zug von Brig nach Domodossola gesetzt. Von dort aus wurde er an die 2. Kompanie des 1. Bataillons des 2. Regiments der Leibstandarte-SS Adolf Hitler unter dem Kommando des SS-Obersturmführers Gottfried Meir überstellt, die in der Mädchenschule von Intra stationiert war. Nachdem seine Folterer den Aufenthaltshaltsort der Familie in Erfahrung gebracht hatten, wurde Riccardo am 9. Oktober 1943 ermordet und seine zerstückelte Leiche im Heizungskeller verbrannt. Seine Familie wurde am selben Tag in Gressoney/Aostatal verhaftet und kurz darauf ebenfalls in der Schule in Intra ermordet und verbrannt.

Eine Ahndung der Verbrechen fand nicht statt
Drei ehemalige Obersturmführer des SS-Bataillons (Hans Krüger, Herbert Schnelle, Hans Roehwer) wurden 1968 vom Landgericht Osnabrück wegen Mordes in 22 Fällen, zwei weitere Angehörige des Bataillons (Oskar Schultz und Ludwig Leithe) wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Der Bundesgerichtshof hob diese Urteile jedoch 1970 wegen Verjährung der Taten wieder auf.

Der für die Morde an der Familie Ovazza verantwortliche, aus Österreich stammende SS-Obersturmführer Gottfried Meir wurde 1954 in Klagenfurt angeklagt, aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Gedenken am Seeufer
Wer in Baveno auf der Promenade am Lago Maggiore entlang flaniert, kommt dort unmittelbar am erst im Jahr 2013 errichteten Monumento alla shoah vorbei.
In Meina gibt es das gleichnamige Hotel, in dem die jüdischen Gäste bis zu ihrer Ermordung eingesperrt waren, nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich heute neben der Residence Antico Verbano der Parco Fratellanza, in dem ein kleiner Gedenkstein an die 16 Opfer aus Meina erinnert. Schon recht verblasste Informationstafeln geben Auskunft über die Geschichte der Ermordung der Juden von Meina.
In Orta hingegen muss man schon sehr genau hinsehen, um in der Via Olina 50 nicht achtlos an der Erinnerungstafel für Mario und Roberto Levi vorbei zu gehen: Bis zu ihrer Verhaftung durch die SS am 15. September 1943 hatten der Onkel und der Cousin von Primo Levi dort gewohnt.

Wer mehr über diese tragischen Ereignisse erfahren möchte, sollte in Fondotoce (Verbania) den Parco della Memoria e della Pace mit dem angeschlossenen Museum, der  Casa della Resistenza, besuchen. Das eindrucksvolle Gedenkareal, dort errichtet, wo am 20. Juni 1944 nach der Durchkämmung des Ossolatals eine große Anzahl von Widerstandskämpfern hingerichtet wurde, informiert auch über die ersten Massenmorde an Juden in Italien. An der Stirnseite der Gedenkmauer mit den über 1.200 eingravierten Namen von Menschen, die dem Kampf gegen deutsche Besatzer und italienische Faschisten in den Provinzen Novara und Verbano-Cusio-Ossola zum Opfer gefallen sind, befindet sich eine Gedenktafel für die jüdischen Opfer vom Lago Maggiore.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Gedenkveranstaltung am Colle del Lys

Seit Jahrzehnten findet im Piemont jedes Jahr am ersten Juli-Wochenende eine Gedenkveranstaltung am Colle del Lys statt – dort wo unweit von Turin am Übergang zwischen Susa- und Viùtal am 2. Juli 1944 26 junge Männer einem blutigen Massaker zum Opfer fielen. Auch dieses Ereignis jährt sich – wie so viele andere – dieses Jahr zum 70. Mal.

70. Jahrestag des Massakers am Colle del Lys

Nachdem bereits Ende Juni 1944 Auskämmungsaktionen in verschiedenen Orten des Susatals stattfanden, stießen im Morgengrauen des 2. Juli 1944 deutsche und italienische SS-Truppen zum Colle del Lys vor. Sie näherten sich dem Pass von zwei Seiten, sowohl vom Viù- als auch vom Susatal. Ihr Ziel war die Zerschlagung der 17. Garibaldi-Brigade „Felice Cima“. Während heftiger Gefechte wurden sechs Partisanen getötet, die meisten anderen konnten sich in Richtung der schwer zugänglichen Region um den Monte Rognoso retten. Für 26 Männer gab es dagegen kein Entkommen. Sie waren erst kurz vorher aus der Ebene zu den Partisanen gestoßen und wussten weder, wie man sich im felsigen, unwegsamen Gelände zu bewegen hatte, noch trugen sie dafür das richtige Schuhwerk. Sie sahen sich außerstande, den anderen zu folgen und waren zur Umkehr gezwungen. Die Männer – die meisten waren unbewaffnet – wurden von den SS-lern gefasst, gefoltert und anschließend erschlagen. Erst zwei Tage später war es möglich, die schwer geschändeten Leichen zu bergen und in einem Massengrab beizusetzen.

Per non dimenticare – Orte der Erinnerung am Colle del Lys

1947 wurde am Colle del Lys eine erste kleine Gedenktafel für die Toten der 17. Garibaldi-Brigade „Felice Cima“aufgestellt. Als aber am 11. September 1955 – bereits mitten im Kalten Krieg und einige Jahre nach Aufspaltung der A.N.P.I. – der knapp acht Meter hohe Rundturm eingeweiht wurde, der heute das Wahrzeichen des Passes ist, wählte man einen anderen Ansatz: Seit damals wird nicht mehr nur der Opfer einer einzelnen Partisanenorganisation gedacht, sondern parteiübergreifend aller 2.024 Menschen aus den Valli di Lanzo, Susa, Sangone und Chisone, die während der 20 Monate des Widerstands gegen deutsche und italienische Faschisten ihr Leben verloren.

In diesem eher regionalen als organisationsbezogenen Sinn versteht sich auch das im Jahr 2000 in der ehemaligen Casa Cantoniera errichtete „Ecomuseo della Resistenza Carlo Mastri“. Zwar setzt die ständige Fotoausstellung ihren unübersehbaren Schwerpunkt auf die Geschichte der 17. Garibaldi-Brigade – Wechselausstellungen und Veranstaltungen widmen sich aber dem gesamten Komplex der Resistenza.

Gedenkveranstaltung 2014

Die diesjährige Gedenkveranstaltung beginnt am Samstag, den 5. Juli 2014, mit der Wanderung zum Colle della Portia, die wir auch in unser Buch „Partisanenpfade im Piemont“ aufgenommen haben. Die weiteren Programmpunkte können dem Veranstaltungsplakat entnommen werden.

Ein kleiner Hinweis noch zum Ehrengast der sonntäglichen Hauptveranstaltung Joseph Kaiser (VVN-BdA Ravensburg/Oberschwaben): Die VVN-BdA Ravensburg/Oberschwaben pflegt – wie auch die VVN-BdA Konstanz – intensive Kontakte zu ehemaligen WiderstandskämpferInnen, PartisanInnen, AntifaschistInnen und GewerkschafterInnen aus dem Piemont, die aus der Städtepartnerschaft Ravensburg-Rivoli vor über 30 Jahren hervorgegangen sind. So wie Elena Cattaneo, die Präsidentin des Comitato Resistenza Colle del Lys, im Mai mit ihrem Mann Franco Voghera zur Gedenkveranstaltung am KZ-Friedhof an der Birnau kam, ist auch dieses Jahr wieder eine Delegation der VVN-BdA Ravensburg/Oberschwaben am Colle del Lys dabei.

Plakat / Veranstaltungsprogramm als Download

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Gedenken an deutschen Widerstandskämpfer im ehemaligen Folterkeller der Gestapo in Genua

Die Gestapo in der Casa dello Studente
Die Universität Genua ließ zwischen 1933 und 1935 die Casa dello Studente am Corso Aldo Gastaldi (damals: Corso Giulio Cesare) als Studentenwohnheim errichten. Kurz nach Fertigstellung wurde das 5-geschossige Gebäude von der Faschistischen Partei übernommen. Nach der Besetzung Genuas durch deutsche Truppen war die Casa dello Studente ab Mitte Oktober 1943 Sitz der Gestapo, war deren Verhör- und Folterzentrum unter Leitung von SS-Obersturmbannführer Friedrich Engel, dem SD- und Polizeichef von Genua, der in internationalen Medien auch als „Schlächter von Genua“ bezeichnet wird.


Nach der Befreiung Genuas am 25. April 1945 – die deutschen Truppen unter dem Kommando von Generalmajor Günther Meinhold hatten sich direkt den Vertretern des Widerstands ergeben – fanden die Partisanen im Keller der Casa della Studente Folterwerkzeuge, Blutspuren, Knochenteile und Fingernägel. Die Medien berichteten über die Funde, und für eine kurze Zeit stand das Gebäude, in dem Hunderte von Widerstandskämpfern gefangen gehalten und in dem sogenannten „Keller der Qualen“ vor ihrer Hinrichtung oder Deportation gefoltert wurden, der Bevölkerung Genuas offen.
Aber schon ab 1946 wurde die Casa dello Studente wieder von der Universität genutzt, die Gefängniszellen wurden als Vorratsspeicher für die Mensa verwendet und der Zugang zum für die Folterungen genutzten unterirdischen Luftschutzraum wurde – im Namen der nationalen Versöhnung – zugemauert.

Die verborgene Seite des deutschen Widerstandes
27 Jahre lang rührte niemand an der grausigen Vergangenheit des Studentenwohnheims.  Erst nachdem Studenten Ende der 1960er-Jahre zusammen mit ehemaligen Widerstandskämpfern damit begonnen hatten, die Geschichte des Gebäudes zu rekonstruieren, legten sie 1972 diesen Zugang wieder frei. Damals entstand die Idee, den „Keller der Qualen“ als Gedenkstätte des internationalen Widerstandes zu erhalten. Das Ziel der Initiatoren war es, den oft längst vergessenen Beitrag all jener zu würdigen, die in ganz Europa für den Widerstand gegen Nationalsozialismus und Faschismus kämpften, der „kein Vaterland und keine Grenzen kannte“. Hier sollte nicht nur an den ehemaligen Folterkeller der Gestapo erinnert werden. Dass das Gebäude auch von italienischen faschistischen Organisationen im Wissen um die Ereignisse in den Folterkellern genutzt wurde, sollte ebenso in Erinnerung bleiben wie die vielen Opfer des deutschen Widerstandes gegen das NS-Regime, vor allem in den Reihen der Arbeiterbewegung, über den in Italien relativ wenig bekannt war/ ist.

La Casa dello Studente di Genova

Luigi Barco e Piero Ferrazza: Una pagina della Resistenza. La Casa dello Studente di Genova. Edizioni PANTAREI s.r.l., Milano, 2012. ISBN: 978-88-86591-29-4.

Um diese nach Ansicht der Initiatoren verborgen gebliebene Seite des deutschen Widerstandes, vor allem den der Arbeiter in Berlin, zu würdigen, ehren sie in der Casa dello Studente seit 1974 Rudolf Seiffert stellvertretend für die deutschen Widerstandskämpfer. Seiffert (1908-1945) war Leiter einer illegalen Betriebsgruppe bei den Siemens & Halske-Werken in Berlin-Siemensstadt und Mitglied der Berliner Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation. Am 29. Januar 1945 wurde er im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.

Museo della Resistenza Europea in der Casa dello Studente
In das Museo della Resistenza Europea gelangt man durch die Mensa des Studentenwohnheims. Im Eingangsbereich hängt eine Kopie des Abschiedsbriefes, den Rudolf Seiffert kurz vor seiner Ermordung schrieb.
Zu besichtigen sind im Rahmen einer Führung die winzigen Zellen, in denen die Häftlinge untergebracht waren, der Gewölbekeller mit Erklärungstafeln zu den Geschehnissen im ehemaligen Folterkeller des Gestapogefängnisses und weitere Gedenktafeln für Rudolf Seiffert.

Für Führungen ist die Anmeldung beim Centro di documentazione Logos notwendig: centrodocumentazionelogos@gmail.com, Casa dello Studente, Corso Aldo Gastaldi, ab Metrostation Genua-Brignole Buslinien 16, 45 und 87.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit