Kategorie-Archiv: Zeitzeugen

Zeitzeugen

Massaker an italienischen Zwangsarbeitern bei Treuenbrietzen im April 1945

Das mit schier unvorstellbarer Grausamkeit in der Nähe von Treuenbrietzen am 23. April 1945 verübte Endphaseverbrechen deutscher Soldaten an italienischen Zwangsarbeitern beschrieb der Historiker Gerhard Schreiber bereits 1990 in seinem Buch „Die italienischen Militärinternierten im deutschen Machtbereichbereichs 1943 bis 1945. Verraten – Verachtet – Vergessen“.

Im Märkischen Sand

Im Märkischen Sand – Nella Sabbia del Brandeburgo. Von Katalin Ambrus, Nina Mair und Matthias Neumann.

Nun wurde zu diesem Verbrechen die Web-Dokumentation „Im Märkischen Sand – Nella Sabbia del Brandeburgo“ erstellt.
Das zweisprachige Filmprojekt ist als crossmediale, interaktive Dokumentation entstanden. In 24 Episoden beleuchtet die Webdoku Geschichte und Gegenwart des Massakers von Treuenbrietzen. In 18 thematischen und biografischen Gegenwartsepisoden wird das Ereignis aus heutiger Sicht dokumentiert. Die Hintergründe werden in 6 begleiteten Geschichtsepisoden ausgeleuchtet. Hier kommen animierte Tableaus zur Anwendung, die vom italienischen Zeichner Cosimo Miorelli gestaltet wurden. Die Musik wurde komponiert von Stefano Fornasaro und Andrea Blasetig.

Und am Samstag strahlt der RBB den Film „Das dunkle Geheimnis von Treuenbrietzen“ aus.

Das dunkle Geheimnis von Treuenbrietzen
Film von Katalin Ambrus und Nina Mair
RBB, Samstag 30.4.2016, 18:00 bis 18:30 Uhr
Wiederholungen: 2. Mai 2016, 03:10 Uhr und 4. Mai 2016, 04:00 Uhr

Ungefähr 600.000 italienische Soldaten wurden beim Kriegsaustritt der Italiener nach dem 8. September 1943 von den Deutschen gefangengenommen. Sie wurden vom Verbündeten (Achse Berlin-Rom) zum „Verräter“: Der Status von Kriegsgefangenen wurde ihnen nicht zuerkannt; sie wurden als Militärinternierte bezeichnet, unter Umgehung des Völkerrechts deportiert und zur Zwangsarbeit eingesetzt. Von diesen 600.000 Männern sind ungefähr 45.000 zu Tode gekommen – gestorben an den Folgen von grausamen Arbeitsbedingungen, von Hunger und Krankheit oder in Mordaktionen wie bei Treuenbrietzen getötet.

In der ungefähr 50 Kilometer südwestlich von Berlin gelegenen Stadt leisteten damals annähernd 3.000 Kriegsgefangene – sie stammten aus Italien, Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Polen und der Sowjetunion, wobei die „verräterischen Italiener“ zusammen mit den Russen ganz unten in der Häftlingshierarchie rangierten – Zwangsarbeit. Am 23. April 1945, kurz zuvor hatten sowjetische Truppen die Stadt eingenommen, wurden 131  italienische Insassen des Zwangsarbeiter-Internierungslagers „Sebaldushof“ bei Treuenbrietzen, die dort für die Rüstungsfirma Kopp & Ko arbeiten mussten, von einem Wehrmachtskommando zu einer Sandgrube am Rande eines Kiefernwäldchens getrieben. Die nachfolgende, zwei Stunden andauernde Massenerschießung überlebten nur vier Männer. Edo Mangialardi, Germano Cappelli, Antonio Ceseri und Vittorio Verdolini hatten sich rechtszeitig zu Boden werfen können und wurden von den zusammenbrechenden Körpern ihrer erschossenen Kameraden bedeckt.

Diese vier Männer, die das Massaker überlebten, brachten nach Kriegsende das Massaker zur Anzeige und lieferten wichtige Hinweise, halfen auch dabei, die Toten zu identifzieren. Von den erst sehr spät gegen die Täter ermittelnden Behörden wurden sie dennoch nicht befragt, konstatierte Gerhard Schreiber.
Ihre Berichte dienten den oben angeführten Dokumentationen als Grundlage.

Downolad der Pressemitteilung zu: Im Märkischen Sand – Nella Sabbia del Brandeburgo

 

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Enio Mancini: Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema

Das Massaker von Sant'Anna di StazzemaIn Hamburg kann es zum wahrscheinlich letzten Kriegsverbrecherprozess Deutschlands kommen. Das gerade erschienene Buch mit den Erinnerungen von Enio Mancini, der das Massaker von Sant’Anna di Stazzema überlebte, liefert dazu die eindrückliche Geschichte und gewährt darüberhinaus Einblick in die notorische Verfolgungsverweigerung der deutschen Justiz gegenüber NS-Verbrechen.

Vor 70 Jahren ermordeten am 12. August 1944 Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ im toskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema mindestens 560 wehrlose Zivilisten – vorwiegend Frauen, alte Menschen und über 100 Kinder.

 

 

Dass das Geschehen nicht in Vergessenheit geriet, ist vor allem Enio Mancini zu verdanken, der als kleiner Junge das Massaker überlebte. Dank seines beharrlichen Engagements, seiner Suche nach Erinnerungsstücken und Berichten von anderen Überlebenden, konnte 1991 im ehemaligen Schulgebäude von Sant’Anna das Museum des Historischen Widerstands eröffnet werden, dessen Leiter er bis 2006 war. Seine im Vorjahr in Italien erschienenen Erinnerungen liegen jetzt in deutscher Übersetzung vor. Er schildert darin das Leben in dem abgelegenen Bergdorf, die Ereignisse des 12. August 1944 und die Probleme der teilweise schwer traumatisierten Überlebenden beim Wiederaufbau der Gemeinde. Auch darüber, wie still es danach um die Ereignisse von Sant’Anna wurde: Eine juristische Verfolgung der Greueltaten unterblieb.

Der Mantel des Schweigens, der fünf Jahrzehnte lang in Italien über den vielen von deutscher Wehrmacht und SS verübten Verbrechen lag, wurde spät gelüftet: Die aus Rücksichtnahme gegenüber dem Nato-Partner 1960 bei der Militäranwaltschaft in Rom „vorläufig archivierten“ Ermittlungsakten einer noch während des Krieges eingesetzten amerikanischen Militärkommission wurden ab 1994 Grundlage diverser Ermittlungen. Im Fall des Massakers von Sant’Anna di Stazzema sprach das Militärgericht La Spezia 2005 zehn der angeklagten Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ wegen “fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit” schuldig und verurteilte sie in Abwesenheit jeweils zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Für die Verurteilten folgenlos: Eine Auslieferung war nicht zu befürchten.

Der Geist der furchtbaren Juristen
Seitdem ist auch im Land der Täter viel über das Massaker von Sant’Anna di Stazzema berichtet worden. Vor allem über die schleppend betriebenen Ermittlungen. Seit 1996 lag der Vorgang bei der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. Von 2002 bis 2012 ermittelte die Staatsanwaltschaft Stuttgart und stellte schliesslich die Ermittlungen ein. Das Massaker an mindestens 560 Frauen, Kindern und alten Menschen könne auch als Kollateralschaden im Rahmen der Partisanenbekämpfung zu werten sein. Für die Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung fertigte Dr. Carlo Gentile, historischer Sachverständiger bei vielen NS-Strafverfahren und Mitglied der deutsch-italienischen Historikerkommission, ein Gutachten an, das diesen Ansatz widerlegt. Dennoch bestätigte die Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart im Jahr 2013 die Einstellung des Verfahrens.

Die Strafrechtlerin Gabriele Heinecke, die seit 2005 mit Enrico Pieri den Sprecher der Opfervereinigung von Sant’Anna vertritt, beschreibt in einem eigenem Kapitel minutiös, wie die juristische Aufarbeitung in Deutschland bewusst hintertrieben und verschleppt wurde, wie unstrittige Sachverhalte zugunsten der Beschuldigten uminterpretiert wurden. Vorgänge, die belegen, wie der Geist der die Nachkriegszeit dominierenden furchtbaren Juristen das deutsche Rechtssystem heute noch beherrscht.

Kurz nach Drucklegung des Buches hatte das letztmögliche Rechtsmittel, das Klageerzwingungsverfahren vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe gegen den Kompanieführer, den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer, Erfolg: Der 3. Strafsenat sah „ausreichenden Tatverdacht“ und „keine vernünftigen Zweifel“ daran, dass die Handlungen von vornherein auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung von Sant’Anna gerichtet waren. Das Gericht verwies das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Hamburg, wo Sommer lebt. Dort kann es nun zum wahrscheinlich letzten Kriegsverbrecherprozess Deutschlands kommen. Das Buch mit den Erinnerungen von Enio Mancini, den Ausführungen von Gabriele Heinecke und der historischen Rekonstruktion des Massakers von Carlo Gentile liefert dazu die Informationen.

Sabine Bade

Gabriele Heinecke, Christiane Kohl, Maren Westermann (Hg): Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema – Mit den Erinnerungen von Enio Mancini. Mit Beiträgen von Christiane Kohl und Maren Westermann, der juristischen Einordnung von Gabriele Heinecke sowie einer Untersuchung des Historikers Carlo Gentile. Laika Verlag Hamburg, ISBN: 978-3-944233-27-7, Hardcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten, 19,00 €.

 

Sant’Anna di Stazzema – Anklage im Fall des Massakers möglich

Schallende Ohrfeige für Stuttgarter Juristen
„Hinreichender Tatverdacht“: Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat im Klageerzwingungsverfahren der Opfervertreter des Massakers von Sant’Anna di Stazzema den Einstellungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer aufgehoben. Damit könnte eines der größten und grausamsten Verbrechen, das deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg verübt haben, doch noch vor Gericht aufgearbeitet werden. Außerhalb Baden-Württembergs.

Nächste Woche jährt sich zum 70. Mal der Tag, an dem im toskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema mindestens 560 wehrlose Frauen, Kinder und alte Menschen ermordet wurden: Am frühen Morgen des 12. August 1944 erreichten Einheiten der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ den Ort. Als sie Stunden später das Dorf wieder verließen, lagen mehrere hundert Menschen tot auf dem Kirchplatz und in den Trümmern ihrer Häuser – erschossen, verstümmelt, verbrannt. Darunter über 100 Kinder.


Der an den Taten beteiligte Kompanieführer des II. Bataillons des 35. Panzergrenadier-Regiments der 16. SS-Panzerdivision „Reichsführer SS“ Gerhard Sommer, seit 1939 Mitglied von NSDAP und Waffen-SS, erhielt wenige Tage nach dem Massaker, am 19. August 1944, das Eiserne Kreuz I. Klasse.

Stuttgarts Juristen setzten jahrelang auf die „biologische Lösung“
Vor deutschen Gerichten mussten sich die Täter nie verantworten. Im Gegensatz zu Italien, wo das Militärgericht La Spezia am 22. Juni.2005 zehn der Beschuldigten in Abwesenheit schuldig sprach und wegen „fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit“ zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilte. Auslieferungshaftbefehle der Italiener wurden jedoch abgewiesen, sodass die im fernen La Spezia rechtskräftig Verurteilten unbehelligt blieben.

In Deutschland hatte zunächst die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg Vorermittlungen im Fall des Massakers von Sant’Anna durchgeführt und den Fall danach an die Staatsanwaltschaft Stuttgart verwiesen, in dessen Einzugsbereich einer der Verdächtigen damals lebte. Dort begannen unter Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler, Chefermittler in allen „politischen Fällen“, im Jahr 2002 die Ermittlungen gegen 17 damals noch lebende Tatbeteiligte. „Umfangreich“ und „äußerst aufwändig“ geführt sollen sie gewesen sein, ist der Einstellungsverfügung zu entnehmen, die nach langwieriger, zehnjähriger Ermittlungstätigkeit am 1. Oktober 2012 erging.

Die Verschleppung der Ermittlungen hatte vorher immer wieder zu kritischen Nachfragen geführt und den Verdacht genährt, man setze in Stuttgart auf eine rein „biologische Lösung“: Schließlich waren seit ihrem Beginn bereits mehrere der hochbetagten Beschuldigten gestorben.

Als sich ein Ende der Ermittlungen nicht mehr länger hinauszögern ließ, entschied sich Bernhard Häußler, „keinen hinreichenden Tatverdacht für eine Anklage“ zu erkennen und stellte das Ermittlungsverfahren ein: Es könne sich bei dem Massaker an den über 560 Frauen, Kindern und alten Menschen auch um eine aus dem Ruder gelaufene Aktion im Rahmen der gezielten Bandenbekämpfung gehandelt haben. Diesem im Hinblick auf die strafrechtliche Verantwortlichkeit der damals noch lebenden Beschuldigten maßgeblichen kruden Kollateralschaden-Ansatz schloss sich kurz darauf auch der baden-württembergische Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) an, dem die Einstellungsverfügung zur Prüfung vorlag.

Der lange Weg durch die Instanzen
So lange aber noch einer der Beschuldigten zur Rechenschaft gezogen und damit Geschichtsfälschung verhindert werden könnte, wollten die seit 70 Jahren auf Gerechtigkeit wartenden noch lebenden Opfer des NS-Massakers von Sant’Anna und ihre Angehörigen nicht aufgeben: Im Namen ihres Mandaten Enrico Pieri, der zum Zeitpunkt der Tat zehn Jahre alt war, durch das Massaker am 12. August 1944 25 Familienmitglieder verlor und Sprecher der Opfervereinigung ist, legte die Hamburger Anwältin Gabriele Heinecke bei der zuständigen Generalstaatsanwaltschaft als nächsthöhere Instanz Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung ein.

Enrico Pieri mit Sohn Massimo - Foto: © Wolfram Mikuteit

Enrico Pieri und Sohn Massimo, bei einer Veranstaltung am 19. Mai 2014 in Konstanz

Die damals von uns geäußerte Hoffnung, dass damit der Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart noch eine Chance für den Nachweis geboten würde, dass sich auch in Baden-Württemberg der Umgang mit NS-Verbrechen verändert hat, um den Verdacht auszuräumen, dass der Geist der die Nachkriegszeit dominierenden furchtbaren Juristen unser Rechtssystem auch heute noch beherrscht, wurde nicht bestätigt.

Denn der bei der Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart zuständige Oberstaatsanwalt Peter Rörig sah keinen Grund, die Ermittlungsergebnisse anzuzweifeln. Obwohl ihm beim Vergleich der historischen Fakten aus dem Gutachten des Historikers Dr. Carlo Gentile mit dem Elaborat seines Kollegen Häußler (mittlerweile im Ruhestand) schnell hätte klar sein müssen, dass dieser, nun ja: nicht ausreichend ermittelt hat. Carlo Gentile arbeitet seit vielen Jahren als historischer Sachverständiger bei NS-Strafverfahren oder deren Vorbereitungen und ist auch Mitglied der im Jahr 2009 von den Außenministern beider Staaten eingesetzten deutsch-italienischen Historikerkommission. Sein von Enrico Pieri beauftragtes Gutachten zeigt hanebüchene Ermittlungsfehler der Stuttgarter Staatsanwaltschaft auf, sorgfältiger Umgang mit historischen Fakten sieht wahrlich anders aus. Dessenungeachtet hat Oberstaatsanwalt Rörig das Ermittlungsergebnis Häußlers im Mai 2013 für die Generalstaatsanwaltschaft bestätigt.

Häußler, Rörig und Stickelberger endlich ausgebremst!
Als letzte Möglichkeit, die Tatumstände des Massakers von Sant’Anna di Stazzema innerhalb eines ordentlichen Gerichtsverfahrens klären zu lassen, blieb den Überlebenden des Massakers nach dieser Entscheidung OStA Rörigs nur noch der Weg über die Klageerzwingung. Große Hoffnung machte sich längst niemand mehr; versucht hat es Gabriele Heinecke für ihren Mandanten aber dennoch. Und war damit erfolgreich:

Am 5. August 2014 hat der 3. Strafsenat des Oberlandesgericht Karlsruhe den Einstellungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer aufgehoben (AZ: 3 Ws 285/13). Vollkommen anders als die Staatsanwaltschaft und die Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart, vollkommen anders auch als Justizminister Rainer Stickelberger, sieht das OLG Karlsruhe hinreichenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten. Für den 3. Strafsenat bestehen „keine vernünftigen Zweifel“ daran, dass die Befehle – die Sommer als kommandierendem Offizier bekannt waren – „nicht auf die Partisanenbekämpfung beschränkt, sondern von vornherein auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung von Sant’Anna di Stazzema gerichtet waren“. Eine Verurteilung wegen Mordes oder zumindest Beihilfe dazu sei wahrscheinlich, „sodass genügender Anlass zur Anklageerhebung besteht“.

Nachdem ein Verfahren in Stuttgart 12 Jahre lang verhindert wurde, ist die dortige Staatsanwaltschaft zukünftig übrigens außen vor, und die Herren Häußler, Rörig und Stickelberger können sich die Entscheidung des OLG Karlsruhe lediglich zur Mahnung hinter den Spiegel stecken:

Da der beschuldigte Gerhard Sommer heute in Hamburg und damit außerhalb des OLG-Bezirks lebt, konnten die Richter keine Anklage erzwingen. Sie verpflichteten die Stuttgarter Ermittler stattdessen, das Verfahren an die Hamburger Staatsanwaltschaft abzugeben. Dort sollen die Ermittlungen nun zügig wieder aufgenommen und zu einer raschen Anklageerhebung geführt werden.

Und Gauck?
Bundespräsident Joachim Gauck ist viel unterwegs zur Zeit; er folgt der Blutspur, die Wehrmacht und SS mit bestialischen Massakern an der Zivilbevölkerung in den ehemals besetzten Staaten hinterließen. Er bat im griechischen Ligiades, im französischen Oradour-sur-Glane und auch in Sant’Anna di Stazzema wortreich um Vergebung – was viel einfacher ist, als auf berechtigte Entschädigungsforderungen einzugehen oder die Praktiken der baden-württembergischen Justizbehörden kritisch zu hinterfragen: „Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht überführt werden können, weil die Instrumente des Rechtsstaats das nicht zulassen“ (Gauck im März 2013 in Sant’Anna).

Was die Instrumente des Rechtsstaates zulassen, wenn sie nicht durch eine breite Front aus Justiz und Politik blockiert werden, hat die Entscheidung des OLG Karlsruhe aufgezeigt. Ob Joachim Gauck sich wohl bei seinem nächsten Besuch in Sant’Anna bemüßigt fühlen wird, sich für diese Aussage und 12 Jahre Verfahrensverschleppung zu entschuldigen?

Sabine Bade

 

In Kürze erscheinen – erstmals in deutscher Sprache – die Lebenserinnerungen von Enio Mancini, in denen er das Leben in Sant’Anna di Stazzema während des Krieges und die Ereignisse des 12. August 1944 beschreibt. Mancini gehört wie Enrico Pieri zu den wenigen Überlebenden des Massakers. Dank seines Engagements konnte 1991 im ehemaligen Schulgebäude von Sant’Anna das Historische Museum des Widerstands eröffnet werden, dessen Leiter er bis 2006 war. Zusammen mit Enrico Pieri wurde Enio Mancini von den „Anstiftern“ der Stuttgarter Friedenspreis 2013 verliehen.

Gabriele Heinecke, Christiane Kohl, Maren Westermann (Hg): Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema – Mit den Erinnerungen von Enio Mancini. Mit Beiträgen von Christiane Kohl und Maren Westermann, der juristischen Einordnung von Gabriele Heinecke sowie einer Untersuchung des Historikers Carlo Gentile.
Laika Verlag Hamburg, ISBN: 978-3-944233-27-7, Hardcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten, 19,00 €. Erscheint im August 2014.

 

Esther Bejarano beim 10. Festival della Resistenza in Fosdinovo

Das Programm, mit dem Esther Bejarano, die im „Mädchenorchester“ des Vernichtungslagers Auschwitz Akkordeon spielte, am 31. Juli 2014 im Resistenzamuseum von Fosdinovo zu sehen und zu hören ist, entstand – wie auch das Buch „La ragazza con la fisarmonica“ – vor einigen Jahren in Italien. Dorthin kehrt sie jetzt mit der Rap-Band Microphone Mafia zu einem Auftritt zurück. Joram und Esther Bejarano - Foto: © Wolfram Mikuteit

Esther Bejarano, 1924 in Saarlouis als Esther Loewy geboren, ist Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz, wo sie zu den weiblichen Häftlingen gehörte, die durch Aufnahme in das „Mädchenorchester“ vor der Vernichtung durch Arbeit und vor dem Tod in den Gaskammern bewahrt wurden. Seit Jahrzehnten engagiert sie sich künstlerisch und politisch als Sängerin, als Zeitzeugin und bei Kundgebungen und Veranstaltungen gegen jede Menschenfeindlichkeit und für eine anhaltende Erinnerungskultur. Sie ist Mitgründerin und Vorsitzende des Auschwitzkomitees sowie Ehrenvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/ Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA). Und seit 2009 rappt sie mit der deutsch-türkisch-italienischen Band „Microphone Mafia“, um der sich ausweitenden neofaschistischen Propaganda auf deutschen Schulhöfen etwas entgegen zu setzen.


Ein Film, ein Gespräch und ein Konzert

Das Programm dieses Abends entstand in Italien: Im Januar 2011 trat Esther Bejarano mit „Microphone Mafia“ zum Holocaust-Gedenktag in Turin auf. Bei einem Zusammentreffen mit der Journalistin Antonella Romeo, die 17 Jahre in Hamburg gelebt und dort u.a. für die ZEIT und Radio Colonia (WDR) gearbeitet hat, entstand die Idee für ein gemeinsames Buch- und Erinnerungsprojekt. Unter dem Titel „La ragazza con la fisarmonica – Dall’orchestra di Auschwitz alla musica Rap“ erschien zwei Jahre später im Turiner Verlag Edizioni SEB 27 das von Antonella Romeo herausgegebene Buch über Esther Bejarano, das im ersten Teil auch einen bereits in den 1980er-Jahren entstandenen Text enthält, den Esther selbst über ihre Kindheit, die Deportation nach Auschwitz und Ravensbrück, über die Befreiung und die anschließende Emigration nach Palästina, die Schwierigkeiten bei der Rückkehr nach Deutschland und ihr politisches Leben geschrieben hat. Antonella Romeo und Esther Bejarano - Foto: © Wolfram Mikuteit

Zum Holocaust-Gedenktag 2013 hatten Antonella Romeo und Piero Somaglino vom Verlag Edizioni SEB 27 zusammen mit den Resistenza-Instituten der drei Provinzen Turin, Cuneo und Alessandria ein eindrückliches Programm zusammengestellt: „Esther Bejarano – Un incontro, un concerto, un libro e un film per il giorno della memoria“.

Esther Bejarano sang Lieder in Jiddisch, Romanes und Russisch und erzählte aus ihrem Leben und von ihrer politischen Arbeit, von ihren Besuchen an Schulen und der Zusammenarbeit mit den Rappern von Microphone Mafia. Dabei wurde sie von dem Jazz-Akkordeonisten Gianni Coscia begleitet.

Am 31. Juli 2014 ist Esther Bejarano, die mit diesem Programm bereits in vielen deutschen Städten zu sehen und zu hören war, nun wieder Italien: Im Resistenzamuseum des kleinen Ortes Fosdinovo, direkt an der Grenze zwischen Ligurien und der Toskana, tritt sie wieder mit Microphone Mafia zur Eröffnung des 10. Festival della Resistenza auf: Mit Ausschnitten aus dem Dokumentarfilm „Esther, die Akkordeonspielerin im Auschwitzorchester“, der rund um die Veranstaltung in Turin 2011 entstanden ist, einem Gespräch zwischen Esther Bejarano und Antonella Romeo und Liedern über den Widerstand, aus den Lagern und über die Deportation von Juden, Sinti und Roma.

Esther Bejarano: Erinnerungen – Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts. Herausgegeben von Antonella Romeo. Laika-Verlag Hamburg, 2013. Hardcover mit Schutzumschlag, 208 S., 21 Euro, ISBN:978-3-94233-04-8

Wer nicht gerade im Urlaub in dieser Region ist und die Gelegenheit hat, Esther Bejarano dort zu sehen, kann zum Buch greifen: Im Herbst 2013 ist die deutsche Ausgabe von Esther Bejaranos „Erinnerungen“ im Laika Verlag erschienen; ihr ist der Dokumentarfilm als DVD beigelegt.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Der Staatsanwalt und das Massaker von Sant’Anna di Stazzema

Überprüft und für gut befunden hat der baden-württembergische Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) im Oktober 2012 die zwei Wochen zuvor von Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler verfügte Einstellung des Ermittlungsverfahren gegen Angehörige der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ wegen Beteiligung am Massaker im toskanischen Dorf Sant’Anna di Stazzema. Hätte diese Entscheidung Bestand, wäre die Aufarbeitung eines der größten und grausamsten Massaker, das deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg verübt haben, in Deutschland gescheitert.

Damit bleibt Stickelberger seiner Linie treu, sich vorbehaltlos hinter seinen umstrittenen Chefermittler Bernhard Häußler zu stellen. Erst vor kurzem hat er dessen – auch wegen des Verschleppens des Falles Sant’Anna di Stazzema – in einer Petition geforderte Ablösung abgelehnt. Dabei hätte es sehr viele gute Gründe gegeben, die Einstellungsverfügung einer exakteren Prüfung zu unterziehen.


Dass die Recherchen der Staatsanwaltschaft Stuttgart und des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg „umfangreich“ und „äußerst aufwändig“ geführt wurden, kann wirklich nicht bezweifelt werden. Ob die Richtungen, in die sie gingen, aber wirklich in jedem Fall sachdienlich waren, hätte in Frage gestellt werden sollen. Gerade die Länge des bereits im Jahr 2002 eingeleiteten Ermittlungsverfahrens hat immer wieder zu kritischen Nachfragen geführt und den Verdacht entstehen lassen, man setze in Stuttgart auf eine rein ‚biologische Lösung’: Schließlich sind seit Aufnahme der Ermittlungen bereits mehrere der hochbetagten Beschuldigten gestorben.

Massaker an Frauen und Kindern als Kollateralschaden?

Da eine weitere Verschleppung nun wohl nicht mehr länger möglich erschien, präsentierte uns die Staatsanwaltschaft Stuttgart in ihrer Presseerklärung zur Einstellung des Verfahrens am 1.10.2012 als wenig befriedigendes Ergebnis, das Massaker an mindestens 560 Frauen, Kindern und alten Menschen könne auch als Kollateralschaden im Rahmen der Partisanenbekämpfung zu werten sein: „Für die Entscheidung, das Verfahren einzustellen, war maßgebend, dass sich der Nachweis, bei dem Massaker habe es sich um eine von vorneherein geplante und befohlene Vernichtungsaktion gegen die Zivilbevölkerung gehandelt, nicht mit der für eine Anklageerhebung erforderlichen Sicherheit führen lässt. Nach dem Ergebnis der Ermittlungen besteht nämlich auch die Möglichkeit, dass Ziel des Einsatzes ursprünglich die Bekämpfung von Partisanen und die Ergreifung arbeitsfähiger Männer zum Zweck der Verschleppung nach Deutschland war und die Erschießung der Zivilbevölkerung erst befohlen wurde, als klar war, dass dieses Ziel nicht erreicht werden konnte.“

Geplante Ermordung von Zivilisten (etwa aus Abschreckungsgründen oder im Zuge einer Strategie der verbrannten Erde) oder aus dem Ruder gelaufene Aktion im Rahmen der gezielten Bandenbekämpfung? Hierin liegt der Unterschied im Hinblick auf die strafrechtliche Verantwortlichkeit der noch lebenden Beschuldigten.

Schuldig vor italienischem Gericht

Das Militärgericht La Spezia sah die Dinge anders als die Staatsanwaltschaft Stuttgart, sprach am 22.06.2005 zehn der im vorliegenden Fall Beschuldigten in Abwesenheit schuldig und verurteilte sie jeweils zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Es verwarf damit auch die von der Verteidigung vorgebrachte These der womöglich eskalierten, aber legitimen Partisanenbekämpfung. Das Gericht betonte, dass den Deutschen bereits seit dem 9. August 1944 – also 3 Tage vor der Tat – bekannt gewesen sei, dass sich die Partisanen nach Osten zurückgezogen hatten und sich in der Gegend von Sant’Anna di Stazzema ausschließlich Zivilisten aufhielten.

Eine Auffassung, der sich sicher auch einige mit der Thematik vertraute Historiker anschliessen würden – hätte man sie in einem ordentlichen Gerichtsverfahren angehört. Zumindest die von der Staatsanwaltschaft veröffentlichte Mitteilung zur Einstellungsverfügung liest sich jedoch, als hätte die Behörde nicht nur den ihr zustehenden Part der Ermittlungsarbeit übernommen, sondern sich darüber hinaus Sachverständigenkompetenz angemaßt – und dann auch noch gleich die Rolle des Gerichts eingenommen.

Erbe der furchtbaren Juristen?

Da nun gegen diese Einstellungsverfügung Beschwerde eingelegt wird, hat die zuständige Generalstaatsanwaltschaft als nächsthöhere Instanz die Aufgabe zu überprüfen, ob die Sichtung der gesamten Ermittlungsunterlagen den Schluss zulässt, dass im Zuge der 10 Jahre andauernden Ermittlungen wirklich alles unternommen wurde, um den Tathergang aufzuklären. Dazu gehört hoffentlich auch die Prüfung, ob die durch die Staatsanwaltschaft vorgenommene historische Einordnung des Massakers nicht bloße Spekulation ist. Die einzig und allein dem Zweck dienen dürfte, eine Anklage zu verhindern.

Damit wird der zuständigen Generalstaatsanwaltschaft die vermutlich letzte Chance für den Nachweis geboten, dass sich auch in Baden-Württemberg der Umgang mit NS-Verbrechen verändert hat. Sie sollte sie nutzen. Um den Verdacht auszuräumen, dass der Geist der die Nachkriegszeit dominierenden furchtbaren Juristen unser Rechtssystem auch heute noch beherrscht. Fatal genug, dass sie unsere Gesetzgebung noch bis Ende der 1960er-Jahre prägten und damit den meisten NS-Verbrechern ermöglichten, völlig straffrei weiter zu leben.Gelegenheit dazu wird sie bekommen. Die Hamburger Anwältin Gabriele Heinecke hat bereits angekündigt, im Namen ihres Mandaten Enrico Pieri Beschwerde einzulegen, um die Anklage zu erzwingen. Enrico Pieri war zum Zeitpunkt der Tat 10 Jahre alt und hat durch das Massaker am 12. August 1944 in Sant’Anna di Stazzema 25 Familienmitglieder verloren.

Wie Lidice, wie Oradour, wie Marzabotto … Sant’Anna di Stazzema
Sant Anna di Stazzema - EccidioWer von La Spezia auf der Autobahn A12 nach Süden in die Toskana fährt, passiert kurz hinter Massa ein Hinweisschild, das in Richtung Sant’Anna di Stazzema weist. Die großflächige Grafik ist ganz schlicht mit „L’Eccidio“ untertitelt (s.Foto). Nur 15 Kilometer abseits der Autobahn liegt auf 600 Metern Höhe am Südrand der apuanischen Alpen dieses Bergdorf, das am 12. August 1944 Schauplatz eines der größten und grausamsten Massaker (italienisch: eccidio) wurde, das deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg verübten und dem mindestens 560 wehrlose Frauen, Kinder und alte Menschen zum Opfer fielen. Damals hatte Sant’Anna circa 400 Einwohner. Darüber hinaus befand sich im Dorf eine große Anzahl von Menschen aus dem nahen Küstenbereich, nachdem dieser auf Anordnung der Deutschen hatte geräumt werden müssen. Sie waren vorübergehend bei Familien und in Behelfsunterkünften untergekommen und wähnten sich nun in Sicherheit.

Am frühen Morgen des 12. August 1944 erreichten Einheiten der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ Sant’Anna di Stazzema. Als sie Stunden später das Dorf wieder verließen, lagen mehrere hundert Menschen tot auf dem Kirchplatz und in den Trümmern ihrer Häuser – erschossen, verstümmelt, verbrannt. Darunter über 100 Kinder. Was zwischenzeitlich passiert war, berichten Zeitzeugen in ihren eigenen Worten:

Milena Bernabò (damals 16 Jahre):

„Sie haben alle Tiere, die in den Ställen waren, herausgeholt und dann haben sie uns dort hineingeführt. Wir mussten uns da mit Gewalt hineinzwängen, diese Ställe waren ganz voll von Menschen. Sie haben schließlich alle eingesperrt. Sie haben begonnen, die Erschießung vorzubereiten, sie haben die Tür des Stallgebäudes geöffnet und haben zu schießen begonnen – was das Zeug hielt. Die Leute schrien, weinten, versteckten sich. Auch meine Schwester ist hinausgerannt, und dann haben sie sie draußen erschossen. Dann haben sie Holzbündel hereingeworfen und Feuer gelegt. Die Menschen begannen zu brennen und auch die Tür vom Stall, in dem wir waren, sodass wir nicht mehr heraus konnten.“
Milena hat überlebt, konnte sich unerkannt durch eine Luke ins Obergeschoss retten.

Enrico Pieri (damals 10 Jahre):

„Die Deutschen kamen das Wäldchen herunter und betraten unsere Küche. Sie haben uns schroff aufgefordert, nach draußen zu gehen und uns zusammen mit der Familie Pierotti Richtung Kirchplatz geführt. Kaum waren wir 50 Meter gegangen, haben sie uns befohlen, wieder umzukehren und uns in die Küche der Familie Pierotti gebracht, Leuten aus Pietrasanta, die im Haus meiner Großmutter mütterlicherseits evakuiert waren. Wir Kinder gingen vorneweg. Kaum waren wir in der Küche, sind die Männer hereingekommen und haben sich wie Schilde vor uns gestellt. Die Deutschen begannen zu schießen und haben immer weiter geschossen. Inzwischen hatte mich eine der Schwestern Pierotti, Grazia, gerufen, da wir ja vorweg gegangen waren, und mich in einen kleinen Verschlag unter der Treppe geholt. Sie haben weiter mit der Pistole geschossen und haben Handgranaten geworfen, und wir haben uns in diesen kleinen Verschlag gerettet. Dann haben sie Feuer ams Haus gelegt, aber zum Glück hat es nicht gebrannt. Ohne diese zwei Zufälle wäre ich heute nicht hier. Wenn das Haus brannte, verbrannte man bei lebendigem Leib. Nach einiger Zeit konnten wir wegen des Rauchs im Haus nicht mehr atmen. Wir haben das Haus nach zehn Minuten, einer Viertelstunde, genau weiß ich das nicht mehr, verlassen, und wir haben uns in einem Bohnenfeld ganz in der Nähe des Hauses versteckt und sind dort einige Stunden bis zum Nachmittag geblieben. Dann sind wir wieder in die Küche gegangen, um zu sehen, ob dort noch etwas war. Und wir sahen, dass alle tot waren.“

Am Ort des Massakers entstand der Parco Nazionale della Pace, …

Die Liste der während der deutschen Besatzung Norditaliens von Wehrmacht und SS begangenen Massaker an der Zivilbevölkerung ist lang. Insgesamt etwa 10.000 Zivilisten, darunter viele Kinder, wurden zwischen September 1943 und April 1945 während sogenannter ‚Sühnemaßnahmen‘ umgebracht.
Die ersten dieser Kriegsverbrechen wurden begangen, als Generalfeldmarschall Rommel noch Oberbefehlshaber in Norditalien war. Seinem Nachfolger Albert Kesselring ist das Gedicht gewidmet, das sich an der Außenwand des Museo Storico della Resistenza Toscana im alten Schulhaus von Sant’Anna di Stazzema befindet. Verfasst hat es Piero Calamandrei, Professor für Zivilprozessrecht, als Reaktion auf Kesselrings menschenverachtende Aussage von 1952, die Italiener täten gut daran, ihm für sein Verhalten in der Zeit, in der er den Oberbefehl auf dem italienischen Kriegsschauplatz innehatte, ein Denkmal zu errichten.

Stattdessen haben die Italiener Sant’Anna di Stazzema zu einer nationalen Gedenkstätte gemacht: Zunächst wurde 1948 auf dem Col di Cava gleich oberhalb des Dorfes das 12 Meter hohe Ossario errichtet. Dessen Sockel birgt die Überreste der Opfer des Massakers vom 12. August 1944. Auf der Tafel an der Rückseite des Denkmals sind die Namen der Toten verewigt, die identifiziert werden konnten.
In den 1980er-Jahren wurde im alten Schulhaus ein erstes kleines Museum errichtet – dank der unermüdlichen Arbeit von Enio Mancini, der das Massaker als damals Siebenjähriger überlebte. Das Museum wurde 1991 in regionaler Verantwortung übernommen, beherbergt heute das ganzjährig geöffnete Museo Storico della Resistenza Toscana und dokumentiert sehr anschaulich die Geschehnisse des 12. August 1944. Im Dezember 2000 wurde die bereits in den 1980er-Jahren entwickelte Idee realisiert, das gesamte Dorf als ‚Parco Nazionale della Pace’ auszuweisen.

… aber die juristische Aufarbeitung in Deutschland fehlt noch immer

Was aber immer noch fehlt, ist die juristische Aufarbeitung des Massakers in Deutschland. Nach der jahrelangen Verschleppung der Ermittlungen muss den Angehörigen der Opfer die Erklärung von Minister Stickelberger wie der blanke Hohn erscheinen: Anstatt darauf hinzuweisen, dass es rechtswidrig sei, ein Verfahren ohne Verurteilungswahrscheinlichkeit zu eröffnen, nur „um damit den Opfern und ihren Angehörigen Genüge zu tun“, hätte er die Einseitigkeit der vorgenommenen Ermittlungen erkennen müssen, die eben diese Verurteilungswahrscheinlichkeit minimiert haben.

Sabine Bade