Die Partisanenrepublik von Ossola – Teil 3

Gescheiterte Hoffnungen
Die vage Idee der Alliierten, in Italien eine zweite Front zu eröffnen und dafür das Val d’Ossola als Basis für Angriffe gegen die Poebene und zur Befreiung Norditaliens auszubauen, war bereits längst zu den Akten gelegt, als das Tal im September 1944 von den Partisanen befreit wurde. Zunächst wegen der großen Durchkämmungsaktion im Juni 1944 zurückgestellt, fiel der Plan danach veränderten strategischen Rahmenbedingungen zum Opfer: Für die unter den Alliierten nicht unumstrittene Landung in der Provence am 15. August 1944 (Operation Dragoon) mussten dafür nötige Truppen teilweise aus Italien abgezogen werden. Es sollte sich zeigen, dass durch die erfolgten Truppenreduzierungen selbst der alliierte Vorstoß gegen die Gotenlinie nach der Einnahmme von Rimini ins Stocken geriet.

Wandgemälde von Angelo del Devero in Domodossola

Wandgemälde von Angelo del Devero in Domodossola

Wenn sie auch darüber informiert waren, dass kaum mehr damit zu rechnen war, dass alliierte Fallschirmjägerabteilungen das Val d’Ossola erreichen würden, legten die Partisanen dennoch zwei Flugplätze an, einen im Val Vigezzo bei Santa Maria Maggiore, den anderen zwischen Domodossola und Valdossola. Außerdem bereiteten sie Felder für die erhofften Versorgungsabwürfe der Alliierten für jede Formation vor. Eine Mühe, die sie sich hätten sparen können: Während der gesamten Zeit der Existenz der freien Republik Ossola kam es gerade einmal zu zwei Versorgungsabwürfen am Monte Mottarone.

Bei einem Treffen mit Vertretern des CLNAI am 25. Oktober 1944 in Lugano gaben die Alliierten dafür die Erklärung: “Im Monat September war das gesamte alliierte Potential für Versorgungsabwürfe über Warschau absorbiert […] Für den Monat Oktober wurden beträchtliche Mengen an Material zur Verfügung gestellt, von denen aber nur ein ganz geringer Teil wegen der Wetterverhältnisse abgeworfen werden konnte.“ Für Ossola speziell führten sie zusätzlich noch an, „daß wegen der strategischen Bedeutungslosigkeit dieser Zone und der zeitlichen Ungelegenheit des Losschlagens der Partisanen keine Versorgungsabwürfe stattfanden“ (zit. nach Bergwitz, Die Partisanerepublik Ossola, S. 113).

Zehn Tage Widerstand
Ohne Unterstützung der Alliierten war es nicht möglich, die befreite Zone der Partisanenrepublik von Ossola aufrecht zu erhalten. Am 1. Oktober 1944 hatte der Oberbefehlshaber in Italien, Generalfeldmarschall Kesselring, den Befehl zu einer ersten „Bandenbekämpfungswoche“ vom 8. bis zum 14. Oktober 1944 erlassen (im Rahmen der zweiten Bandenbekämpfungswoche Anfang Dezember 1944 wurde u.a. das Gebiet der Partisanenrepublik Alto Monferrato von den Faschisten zurückerobert): So begannen am Morgen des 10. Oktober 1944 unterschiedliche deutsche und italienische Verbände unter der Leitung des SS-Polizei-Regiments 15 von Osten und Süden her die Angriffe auf das Val d’Ossola.

Ettore Tibaldi

Ettore Tibaldi

Während die Partisanen versuchten, ihre Stellungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten (Waffen und Munition waren knapp) zu verteidigen, arbeitete die Giunta Provvisoria in Domodossola zunächst unbeirrt weiter; noch am 13. Oktober empfing Ettore Tibaldi einen Vertreter der Schweizer Regierung, der ihn von der Ratifizierung des Handelsabkommens zwischen Ossola und der Schweiz unterrichtete. Parallel dazu wurden seit Beginn des deutschen Angriffs Maßnahmen eingeleitet, um Transporte für diejenigen Ossolaner zu organisieren, die sich in der Schweiz in Sicherheit bringen wollten. Schließlich verlegte die Giunta Provvisoria ihre Amtsgeschäfte in das Val Formazza, bevor am Spätnachmittag des 14. Oktober 1944 deutsche und italienische Faschisten die Stadt Domodossola einnahmen. „Domo ist leergefegt, die Faschisten kamen in eine tote Stadt“, schreibt der Chronist der italienischen Resistenza Giorgio Bocca dazu und zitiert den Berichterstatter des faschistischen Corriere della Sera: „Es ist schmerzhaft, aber notwendig, festzustellen, daß ein Teil der Bevölkerung Domodossolas am 10. September den Einmarsch der außerhalb des Gesetzes Stehenden freudig begrüßte… Heute sind viele Geschäfte geschlossen. In den Straßen sind nur wenige Personen zu sehen.“

Anstatt die zurückgekehrten Besatzer freudig zu begrüßen, hatten viele Menschen fluchtartig den Weg in die benachbarte Schweiz angetreten. Die humanitäre Hilfe der Eidgenossenschaft ist bis heute im Tal unvergessen: Das Schweizerische Rote Kreuz hatte bereits im September 1944 Lebens- und Arzneimittel in das Val d’Ossola gesandt und Anfang Oktober angeboten, 500 Kinder der befreiten Zone für die Wintermonate aufzunehmen. Dass die Zurückeroberung des Tales durch die Deutschen und die erwarteten Repressionen weit mehr Aufnahmekapazität erfordern würde, war da noch nicht abzusehen: Zwischen dem 12. und 22. Oktober 1944 sollen (je nach Quelle *) zwischen 10.000 und annähernd 35.000 Menschen Menschen aus dem Val d’Ossola in der Schweiz Zuflucht gefunden haben. Manche blieben nur einige Tage, andere wurden nach kurzem Aufenthalt in Brig und Locarno in Unterbringungsorte auch anderer Kantone verschickt, wo vor allem Frauen und Kinder teilweise bis zum Mai 1945 blieben. Für das Schweizer Arbeiterhilfswerk (SAH) organisierten Margherita Zoebeli und Gabriella Meyer vor Ort den Grenzübertritt.

Das Ende der Partisanenrepublik
In der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 1944 fand in Ponte di Formazza die letzte Sitzung der Giunta Provvisoria di Governo dell’Ossola statt. Danach löste sie sich auf und all ihre Mitglieder – außer Gisella Floreanini, die im Tal blieb und sich den Garibaldi-Brigaden im Valle Strona anschloss – setzten sich in die Schweiz ab.

Wandgemälde von Angelo del Devero in Goglio

Wandgemälde von Angelo del Devero in Goglio

Am 23. Oktober 1944 ersuchten die letzten Partisanen bei den eidgenössischen Behörden um Asyl. Ihre Flucht war über viele verschiedene Pässe verlaufen, über den Passo San Giacomo im Val Formazza und auch über das Val Devero, wo am 17. Oktober 1944 vier Mitglieder der „Divisione Valdossola“ bei der Flucht in das Schweizerische Binntal getötet wurden. In der alten Seilbahnstation von Goglio erinnert heute ein kleines Museum an die Ereignisse – einer der vielen Orte, an denen im Tal an den Widerstand der „quaranta giorni di libertà“ erinnert und das Gedenken an die Tage der freien Republik wachgehalten wird.

– Fortsetzung folgt –

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

* Die Zahlen gehen weit auseinander: Im Bericht des Schweizer Bundesrates an die Bundesversammlung über die „Flüchtlingspolitik der Schweiz seit 1933 bis zur Gegenwart“ von 1957 ist die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge aus dem Val d’Ossola mit 9.500 beziffert; im Bericht der unabhängigen Expertenkommission „Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus“ von 1999 ist für den Zeitraum September/ Oktober 1944 vermerkt, dass 17.000 Kinder und ihre Mütter aus Frankreich und Italien aufgenommen wurden – und in WIKIPEDIA schließlich ist von 35.000 Flüchtlingen aus dem Val d’Ossola zwischen 12. und 22. Oktober 1944 zu lesen, was sich mit den Angaben von Giorgio Bocca deckt.
Mit keiner Quelle deckt sich hingegen die ebenfalls in WIKIPEDIA zu findende Aussage, dass zwischen 1943 und 1945 allein 30.000 Partisanen (sic!) aus dem Val d’Ossola in die Schweiz geflohen sind.

 

Enio Mancini: Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema

Das Massaker von Sant'Anna di StazzemaIn Hamburg kann es zum wahrscheinlich letzten Kriegsverbrecherprozess Deutschlands kommen. Das gerade erschienene Buch mit den Erinnerungen von Enio Mancini, der das Massaker von Sant’Anna di Stazzema überlebte, liefert dazu die eindrückliche Geschichte und gewährt darüberhinaus Einblick in die notorische Verfolgungsverweigerung der deutschen Justiz gegenüber NS-Verbrechen.

Vor 70 Jahren ermordeten am 12. August 1944 Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ im toskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema mindestens 560 wehrlose Zivilisten – vorwiegend Frauen, alte Menschen und über 100 Kinder.

 

 

Dass das Geschehen nicht in Vergessenheit geriet, ist vor allem Enio Mancini zu verdanken, der als kleiner Junge das Massaker überlebte. Dank seines beharrlichen Engagements, seiner Suche nach Erinnerungsstücken und Berichten von anderen Überlebenden, konnte 1991 im ehemaligen Schulgebäude von Sant’Anna das Museum des Historischen Widerstands eröffnet werden, dessen Leiter er bis 2006 war. Seine im Vorjahr in Italien erschienenen Erinnerungen liegen jetzt in deutscher Übersetzung vor. Er schildert darin das Leben in dem abgelegenen Bergdorf, die Ereignisse des 12. August 1944 und die Probleme der teilweise schwer traumatisierten Überlebenden beim Wiederaufbau der Gemeinde. Auch darüber, wie still es danach um die Ereignisse von Sant’Anna wurde: Eine juristische Verfolgung der Greueltaten unterblieb.

Der Mantel des Schweigens, der fünf Jahrzehnte lang in Italien über den vielen von deutscher Wehrmacht und SS verübten Verbrechen lag, wurde spät gelüftet: Die aus Rücksichtnahme gegenüber dem Nato-Partner 1960 bei der Militäranwaltschaft in Rom „vorläufig archivierten“ Ermittlungsakten einer noch während des Krieges eingesetzten amerikanischen Militärkommission wurden ab 1994 Grundlage diverser Ermittlungen. Im Fall des Massakers von Sant’Anna di Stazzema sprach das Militärgericht La Spezia 2005 zehn der angeklagten Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ wegen “fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit” schuldig und verurteilte sie in Abwesenheit jeweils zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Für die Verurteilten folgenlos: Eine Auslieferung war nicht zu befürchten.

Der Geist der furchtbaren Juristen
Seitdem ist auch im Land der Täter viel über das Massaker von Sant’Anna di Stazzema berichtet worden. Vor allem über die schleppend betriebenen Ermittlungen. Seit 1996 lag der Vorgang bei der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. Von 2002 bis 2012 ermittelte die Staatsanwaltschaft Stuttgart und stellte schliesslich die Ermittlungen ein. Das Massaker an mindestens 560 Frauen, Kindern und alten Menschen könne auch als Kollateralschaden im Rahmen der Partisanenbekämpfung zu werten sein. Für die Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung fertigte Dr. Carlo Gentile, historischer Sachverständiger bei vielen NS-Strafverfahren und Mitglied der deutsch-italienischen Historikerkommission, ein Gutachten an, das diesen Ansatz widerlegt. Dennoch bestätigte die Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart im Jahr 2013 die Einstellung des Verfahrens.

Die Strafrechtlerin Gabriele Heinecke, die seit 2005 mit Enrico Pieri den Sprecher der Opfervereinigung von Sant’Anna vertritt, beschreibt in einem eigenem Kapitel minutiös, wie die juristische Aufarbeitung in Deutschland bewusst hintertrieben und verschleppt wurde, wie unstrittige Sachverhalte zugunsten der Beschuldigten uminterpretiert wurden. Vorgänge, die belegen, wie der Geist der die Nachkriegszeit dominierenden furchtbaren Juristen das deutsche Rechtssystem heute noch beherrscht.

Kurz nach Drucklegung des Buches hatte das letztmögliche Rechtsmittel, das Klageerzwingungsverfahren vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe gegen den Kompanieführer, den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer, Erfolg: Der 3. Strafsenat sah „ausreichenden Tatverdacht“ und „keine vernünftigen Zweifel“ daran, dass die Handlungen von vornherein auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung von Sant’Anna gerichtet waren. Das Gericht verwies das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Hamburg, wo Sommer lebt. Dort kann es nun zum wahrscheinlich letzten Kriegsverbrecherprozess Deutschlands kommen. Das Buch mit den Erinnerungen von Enio Mancini, den Ausführungen von Gabriele Heinecke und der historischen Rekonstruktion des Massakers von Carlo Gentile liefert dazu die Informationen.

Sabine Bade

Gabriele Heinecke, Christiane Kohl, Maren Westermann (Hg): Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema – Mit den Erinnerungen von Enio Mancini. Mit Beiträgen von Christiane Kohl und Maren Westermann, der juristischen Einordnung von Gabriele Heinecke sowie einer Untersuchung des Historikers Carlo Gentile. Laika Verlag Hamburg, ISBN: 978-3-944233-27-7, Hardcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten, 19,00 €.

 

Erste Massenmorde an Juden in Italien – Massaker am Lago Maggiore

Zwischen dem 15. September 1943 und dem 11. Oktober 1943 wurden mehrere idyllische Orte am piemontesischen Westufer des Lago Maggiore und dessen Umgebung Schauplatz der ersten Massenmorde an Juden in Italien nach dessen Kriegsaustritt und der Besetzung durch deutsche Truppen.


Judenverfolgung in Italien

Im faschistischen Italien gab es – verglichen mit der in Deutschland nach dem Machtantritt der Nazis 1933 sofort einsetzenden massiven Judenverfolgung – bis etwa Mitte der 1930er-Jahre keinen offen praktizierten Antisemitismus. Juden, die ihre Emanzipation im Jahr 1848 im Zuge des Risorgimento erlangt hatten, wurden gemeinsam und zeitgleich mit den Nicht-Juden der italienischen Halbinsel zu ‚Italienern‘, als 1861 der italienische Nationalstaat als Zusammenschluss vieler Kleinstaaten gegründet wurde. Die meisten Juden hatten sich mit Begeisterung an der Einheitsbewegung beteiligt. Sie bekleideten später hohe Ränge in Armee und Admiralität, stellten mit Luigi Luzzatti einen italienischen Ministerpräsidenten, mit Ernesto Nathan von 1907 bis 1913 den Bürgermeister der Hauptstadt Rom, agierten als Kriegs- und Justizminister. Kurz: Sie waren Italiener.

Erst 1933 begann, flankiert von antijüdischen Pressekampagnen, die sukzessive Verdrängung von Juden aus leitenden Positionen. In einem Land mit vergleichsweise geringer antisemitischer Tradition und einem so außergewöhnlich hohen Grad jüdischer Assimilation fokussierte sich im faschistischen Italien die ‚Rassen-Frage‘ zunächst auf die Abgrenzung gegenüber der Bevölkerung der italienischen Kolonien Eritrea und Somalia, ein offen und gnadenlos rassistisches Vorgehen, das im Italienisch-Äthiopischen Krieg 1935/1936 seinen Höhepunkt fand.
Das änderte sich mit den ‚Rassegesetzen‘ von 1938, die italienische Juden durch Berufs- und Ausbildungsverbote ihrer ökonomischen Grundlagen beraubten, ihnen mit Ausschluss aus Vereinen und Verbänden Teilhabe am gesellschaftlichen Leben versagten und durch vielfältige Diskriminierung zu stets von der Geheimpolizei überwachten Bürgern zweiter Klasse machten.
Und nach der Besetzung durch deutsche Truppen im September 1943 entschieden sich Mussolini und seine Komplizen dafür, die italienischen Juden der deutschen Deportationsmaschine auszuliefern und der Gestapo bei der Verfolgung der Juden freie Hand zu lassen.

Die Massaker vom Lago Maggiore
Ein Bataillon der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ war von der Ostfront nach Oberitalien verlegt worden und wurde nach der Entwaffnung italienischer Truppen im Gebiet Verona nach dem 11. September 1943 am Lago Maggiore im Wesentlichen in den Gemeinden Meina, Baveno, Stresa, Arona und Intra stationiert. Dort lebten einige jüdische Familien, die teils aus italienischen Städten, teils aus Griechenland und der Türkei Zuflucht vor Verfolgung suchten.
Vom 13. September an verhafteten Angehörige des SS-Bataillons planvoll über 50 Angehörige dieser jüdischen Familien in Baveno, Arona, Meina, Orta, Mergozzo, Stresa, Pian Nava und Novara und hielten sie zunächst in verschiedenen Hotels fest. Einige von ihnen – wie Mario Abramo Covo, Alberto Abramo Arditi und seine Frau Matilde David aus Mergozzo – wurden wenig später ermordet und in Massengräbern verscharrt. Über das Schicksal der übrigen Verhafteten entschied eine Offiziersbesprechung am 19. September 1943: Es wurde beschlossen, die gefangenen Juden – Männer, Frauen, Alte und Kinder –  zu erschießen und die Leichen im See zu versenken.

Die Ermordung folgte in den Nächten vom 21. bis 23. September. Die Opfer wurden gruppenweise aus den Hotelzimmern geholt, in einem Waldstück in der Nähe von Meina erschossen, von SS-Angehörigen in Säcke und Zeltplanen verpackt, mit Steinen beschwert, in ein Boot geladen und im See versenkt. Als am Morgen danach einige der Leichen an das Ufer geschwemmt wurden, beschwerten SS-Angehörige sie erneut mit Steinen und versenkten sie nochmals im See. Insgesamt konnten 53 Menschen, die diesen Mordtaten zum Opfer fielen, später identifiziert werden. Nur die verhaftete Familie Behar hatte wegen ihrer türkischen Staatsangehörigkeit und auf Intervention des türkischen Konsuls entkommen und sich in die Schweiz retten können. Über das Schicksal der anderen Verhafteten, die nicht unter den Toten gefunden wurden, ist nichts bekannt.

Weitere Morde wurden im Oktober 1943 in Verbania-Intra an der jüdischen Familie Ovazza aus Turin begangen: Ettore Ovazza, der am Marsch auf Rom teilgenommen hatte und bis zu seinem Ausschluss Mitglied des Partito Nazionale Fascista war, hatte Anfang Oktober 1943 zusammen mit seiner Frau, Sohn und Tochter versucht, über das Aostatal in die Schweiz zu fliehen. Sohn Riccardo versuchte als erster den Grenzübertritt, wurde dabei von der Schweizer Grenzpolizei abgefangen und in den Zug von Brig nach Domodossola gesetzt. Von dort aus wurde er an die 2. Kompanie des 1. Bataillons des 2. Regiments der Leibstandarte-SS Adolf Hitler unter dem Kommando des SS-Obersturmführers Gottfried Meir überstellt, die in der Mädchenschule von Intra stationiert war. Nachdem seine Folterer den Aufenthaltshaltsort der Familie in Erfahrung gebracht hatten, wurde Riccardo am 9. Oktober 1943 ermordet und seine zerstückelte Leiche im Heizungskeller verbrannt. Seine Familie wurde am selben Tag in Gressoney/Aostatal verhaftet und kurz darauf ebenfalls in der Schule in Intra ermordet und verbrannt.

Eine Ahndung der Verbrechen fand nicht statt
Drei ehemalige Obersturmführer des SS-Bataillons (Hans Krüger, Herbert Schnelle, Hans Roehwer) wurden 1968 vom Landgericht Osnabrück wegen Mordes in 22 Fällen, zwei weitere Angehörige des Bataillons (Oskar Schultz und Ludwig Leithe) wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Der Bundesgerichtshof hob diese Urteile jedoch 1970 wegen Verjährung der Taten wieder auf.

Der für die Morde an der Familie Ovazza verantwortliche, aus Österreich stammende SS-Obersturmführer Gottfried Meir wurde 1954 in Klagenfurt angeklagt, aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Gedenken am Seeufer
Wer in Baveno auf der Promenade am Lago Maggiore entlang flaniert, kommt dort unmittelbar am erst im Jahr 2013 errichteten Monumento alla shoah vorbei.
In Meina gibt es das gleichnamige Hotel, in dem die jüdischen Gäste bis zu ihrer Ermordung eingesperrt waren, nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich heute neben der Residence Antico Verbano der Parco Fratellanza, in dem ein kleiner Gedenkstein an die 16 Opfer aus Meina erinnert. Schon recht verblasste Informationstafeln geben Auskunft über die Geschichte der Ermordung der Juden von Meina.
In Orta hingegen muss man schon sehr genau hinsehen, um in der Via Olina 50 nicht achtlos an der Erinnerungstafel für Mario und Roberto Levi vorbei zu gehen: Bis zu ihrer Verhaftung durch die SS am 15. September 1943 hatten der Onkel und der Cousin von Primo Levi dort gewohnt.

Wer mehr über diese tragischen Ereignisse erfahren möchte, sollte in Fondotoce (Verbania) den Parco della Memoria e della Pace mit dem angeschlossenen Museum, der  Casa della Resistenza, besuchen. Das eindrucksvolle Gedenkareal, dort errichtet, wo am 20. Juni 1944 nach der Durchkämmung des Ossolatals eine große Anzahl von Widerstandskämpfern hingerichtet wurde, informiert auch über die ersten Massenmorde an Juden in Italien. An der Stirnseite der Gedenkmauer mit den über 1.200 eingravierten Namen von Menschen, die dem Kampf gegen deutsche Besatzer und italienische Faschisten in den Provinzen Novara und Verbano-Cusio-Ossola zum Opfer gefallen sind, befindet sich eine Gedenktafel für die jüdischen Opfer vom Lago Maggiore.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Die Partisanenrepublik von Ossola – Teil 2

Die erste Befreiung des Val d‘Ossola
Ossolo-Tal - KarteHatten die Deutschen gehofft, mit den großangelegten Durchkämmungsaktionen im Val d’Ossola im Juni 1944, bei denen ca. 300 Partisanen getötet und ungefähr 400 gefangengenommene Zivilisten in deutsche Lager deportiert worden waren, die Region in ihrem Sinne befriedet zu haben, wurden sie schnell eines anderen belehrt: Aus ihren Rückzugsgebieten heraus formierten sich die Partisanen neu, bekamen weiteren Zulauf und starteten Mitte August 1944parallel zur alliierten Landung in Südfrankreich, der Befreiung von Florenz und der Offensive der Alliierten gegen die Gotenlinie – die militärischen Aktionen, die zur Befreiung des Val d’Ossola führen sollten.

In nicht oder nur wenig aufeinander abgestimmten Angriffen – ein einheitliches Kommando gab es nicht – begannen die „Division Piave“ im Valle Cannobina und Valle Vigezzo, die „Beltrami“ um Omegna, die „Valdossola“ links des Toce, die „Valtoce“ rechts des Toce und die Garibaldini vor allem in den Nebentälern mit Sabotageaktionen gegen Eisenbahnverbindungen, Elekritizitätszentralen und deutsche Präsidien. Lageberichte der Militärkommandantur Novara schilderten dies für den Berichtszeitraum vom 16. 8.-15. 9. 1944 wie folgt: „Das Bandenwesen hat sich im Berichtszeitraum weiter verstärkt. Der Nordteil der Provinz Novara befindet sich fast gänzlich in den Händen der Rebellen. Infolge Sabotage und Kontrolle aller Verkehrswege durch die Rebellen ist die Nutzung der Rüstungsindustrie in diesem Bereich unmöglich geworden.“ Anfang September 1944 standen das gesamte Gebiet nördlich von Domodossola und das Valle Cannobina unter der Kontrolle der Partisanen. Danach wurden weitere Gebiete im Süden bei Villadossola erobert, was zur Folge hatte, dass deutsche Besatzer und italienische RSI-Truppen am 8. September 1944 von allen Verbindungswegen abgeschnitten waren. Die Stärke der Partisanenformationen überschätzend, traten die Deutschen über einen Priester an Oberst Moneta heran – Motto: „Wenn wir schon verhandeln müssen, dann doch wenigstens mit einem Militär und nicht mit dahergelaufenen Banditen“ -, um einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Die Kommandanten der „Valdossola“, „Valtoce“ und „Piave“ unterschrieben die Vereinbarung einen Tag später. Um 6 Uhr früh am 10. September 1944 verließ die ca. 750 Mann starke Kolonne der Besatzer Domodossola in Richtung Verbania.

Die „Giunta Provvisoria di Governo dell’Ossola“
Gleich nach Abzug der Deutschen aus dem Ossolatal wandte sich der Kommandant der „Valdossola“ Dionigi Superti mit einer Botschaft an die Gruppe um Ettore Tibaldi in der Schweiz, um sie zur Rückkehr ins Tal zu bitten und Tibaldi die Leitung der Regierung der nunmehr freien Zone anzutragen.

Die noch am selben Abend aus der Schweiz angereisten Männer fanden sich bereits um Mitternacht zur konstituierenden Sitzung der „Giunta Provvisoria di Governo dell’Ossola“ zusammen:

  • Der Sozialist Professor Ettore Tibaldi wurde deren Präsident und verantwortlich für die Beziehungen zum CLN und Ausland, das Pressewesen und die Justiz;
  • der partei-unabhängige Ingenieur Giorgio Ballarini wurde Kommissar für den öffentlichen Dienst, Transportwesen und Arbeit;
  • dem Kommunisten Giacomo Roberti wurde die Zuständigkeit für das Polizeiwesen übertragen,
  • dem Christdemokraten Professor Luigi Zoppetti die für die Bereiche Erziehung, Kultur und Fürsorge;
  • der Liberale Dr. Alberto Nobili war zuständig für Finanzen, Wirtschaft und Ernährung,
  • der Aktionist Severino Cristofoli für die Organisation der Verwaltung und der Industrieproduktion und
  • der Sozialist Mario Bonfantini (Bandini) für die Beziehungen zu den militärischen Formationen.

Giunta provvisoria di DomodossolaDass die provisorische Regierung der Partisanenrepublik von Ossola zwar paritätisch mit Vertretern aller den Widerstand tragenden Parteien besetzt, aber nicht „von unten“ gewachsen, sondern „von oben“ eingesetzt worden war, gab in der Folge Anlass für einige Kontroversen mit dem CLN in Mailand. Die wurden von der Giunta aber recht eloquent pariert: Dass das geografisch zum Piemont gehörende Ossolatal wegen seiner großen militärstragischen Bedeutung dem lombardischen CLN/CLNAI in Mailand unterstellt war, wurde erst Mitte Juli 1944 entschieden, lokale CLNs existierten noch nicht, und im Augenblick der Befreiung hätte man im Tal nicht auf Weisungen aus Mailand warten können, sondern direkt mit der Arbeit beginnen müssen.

Demokratische Spielregeln nach 22 Jahren Diktatur
Diese Arbeit sollte – so der eigene Anspruch der Giunta – ein Beispiel geben für die noch existierende Fähigkeit der Italiener, sich selbst nach demokratischen Spielregeln regieren zu können. Die Reorganisation des gesamten „Staatsapparates“ nach rechtsstaatlichen Prinzipien umfasste alle Bereiche des ca. 1600 km² großen Gebietes der Partisanerepublik von Ossola, in dem 1944 ungefähr 82.000 Einwohner lebten: Neben der Sicherstellung der Nahrungsversorgung (Festpreise für Lebensmittel, Unterbindung des Schwarzhandels etc.), der Umstellung der Industrieproduktion von Rüstungsgütern auf die von der Schweiz im Handelsaustausch bevorzugten Güter und der gerechten Verteilung der Hilfsgüter wurden Dorf- und Ortsräte gewählt, durch tägliche Kommuniques Transparenz über die Regierungsarbeit hergestellt, das Erziehungs- und Justizwesen reformiert.

Die ambitionierten Reformansätze entstanden nicht ex nihilo: Die antifaschistische intellektuelle Elite Italiens hatte – eingekerkert, auf abgelegenen Inseln oder Bergregionen in der Verbannung („confino“) lebend oder im Untergrund arbeitend – während der über 20 Jahre andauernden faschistischen Diktatur viel Zeit, um sich programmatisch auf die Ära nach Überwindung dieses Regimes vorzubereiten. Auf einer Verbannungsinsel hatten Altiero Spinelli, Ernesto Rossi und Eugenio Colorni das ‚Manifest von Ventotene‘ verfasst; entlang des piemontesischen Alpenbogens hatten Antifaschisten um den Philosophen Federico Chabod die ‚Carta di Chivassoerarbeitet, die heute als eine Art historische Geburtsurkunde des europäischen Föderalismus gilt, etc. etc. Heutige Regierungen wären um einen derartigen Think-Tank zu beneiden.

Flugblatt der provisorischen Regierung im OssolatalDie im Rathaus von Domodossola amtierende antifaschsitische Exekutive konnte darüberhinaus auf einen Zirkel von versierten „Sekretären“ vertrauen. So war der in Domodossola geborene und seit 1938 an der Universität Fribourg lehrende Philologe Professor Gianfranco Contini für das Erziehungswesen zuständig; während seines Studiums in Turin hatte er sich im Umfeld der legendären Bruderschaft kluger junger Männer um Massimo Mila und Leone Ginzburg bewegt, aus der der Einaudi-Verlag hervorging. Die Redaktion des ‚Bollettino Quotidiano di Informazioni‘ übernahm Umberto Terracini: mit Gramsci und Togliatti gehörte er zu den Begründern der ‚Ordine nuovo‘, war Mitglied der Gründungsversammlung des PCI und 1926 Direktor der L’Unita von Mailand; kurz darauf zu 23 Jahren Haft verurteilt, lebte er seit 1937 in der Verbannung („confino“). Nach seiner Befreiung im August 1943 floh er in die Schweiz und kam zusammen mit Ettore Tibaldi am 10. September 1944 nach Domodossola. Als außerordentlicher Untersuchungsrichter wurde der sozialistische Jurist Ezio Vigorelli eingesetzt: Nach mehrmaligen Verhaftungen war ihm die Flucht in die Schweiz gelungen, wo er mit der Gruppe um Tibaldi zusammenarbeitete. Während der 44 Tage der Partisanenrepublik von Ossola wurde kein einziges Todesurteil gefällt; Rachejustiz fand nicht statt. Der Regierung gefährliche Anhänger des Salò-Regimes und mit den deutschen Besatzern kollaborierende Personen wurden lediglich in Druogno im Valle Vigezzo interniert.

Als letztes Beispiel für den Beraterstab der „Giunta Provvisoria di Governo dell’Ossola“ sei ihr Buchhalter angeführt: Für das Rechnungswesen war Piero Malvestiti zuständig. Der Mitbegründer der Democrazia Cristiana (und spätere Präsident der Montanunion) sorgte dafür, die Regierungsgeschäfte auch finanziell ordnungsgemäß abzuwickeln: Bei der Flucht der Regierung wurden keine Schulden hinterlassen.

Gisella Floreanini – die erste Frau Italiens in Regierungsverantwortung
Am 6. Oktober 1944 wurde Gisella Floreanini als 2. Vertreterin der Kommunisten in die Giunta aufgenommen. Verantwortlich für Fürsorge und die Verbindung zu den Massenorganisationen war sie damit die erste Frau in der Geschichte Italiens, die einen Ministerposten bekleidete. Es sollte danach weit über 30 Jahre dauern, bis mit Tina Anselmi 1976 die erste Ministerin der Republik Italien in die 3. Regierung Andreottis eintreten konnte.

Gisella Floreanini - erste Frau Italiens in RegierungsverantwortungEnde der 1920er-Jahre schloss sich Gisella Floreanini dem antifaschistischen Widerstand an, zunächst im Umfeld von Giustizia & Libertà, seit 1936 als Mitglied der im Untergrund arbeitenden Sozialistischen Partei Italiens. 1941 trat sie – bereits im Schweizer Exil als Musiklehrerin lebend – in die Kommunistische Partei ein und war unter dem Pseudonym „Amelia Valli“ mit Nachrichtenübermittlung zwischen der Schweiz und dem besetzten Italien befasst. Aus dem Schweizer Exil kehrte sie nach dem Kriegsaustritt Italiens im September 1943 nach Italien zurück, war aktiv im Frauenwiderstand und arbeitete weiterhin als Staffette zwischen den norditalienischen Partisaneneinheiten und der Vertretung des CLNAI in Lugano. Wegen unerlaubten Grenzübertritts in der Schweiz Mitte 1944 verhaftet, konnte sie nach Gründung der Partisanenrepublik von Ossola im September 1944 ins Ossolatal einreisen.

– Fortsetzung folgt –

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Die Partisanenrepublik von Ossola

Über 20 von deutschen Besatzern und Mussolinis faschistischen Truppen vollständig befreite Gebiete, Partisanenrepubliken, gab es im Sommer und Herbst 1944 in Italien. Die wegen ihrer Ausdehnung und Bevölkerungsdichte bedeutsamste von ihnen war die „Repubblica partigiana della Val d’Ossola“. Sie wurde vor genau 70 Jahren, am 10. September 1944, im piemontesischen Domodossola ausgerufen. Es folgten die 44 Tage der freien Partisanenrepublik Ossola, in deren Verlauf ein funktionierendes Modell einer antifaschistischen, pluralistischen Demokratie aufgebaut wurde.Grenzstein Partisanenrepublik Ossola - Foto: © Wolfram Mikuteit

Der hier beginnende mehrteilige Artikel zur Partisanenrepublik von Ossola soll schlaglichtartig beleuchten, unter welchen politischen und militärischen Rahmenbedingungen die Menschen aus dem Ossolatal das Experiment wagten, in ihrer Heimat nach über 20 Jahren Faschismus demokratische Verhältnisse herzustellen. Und aufzeigen, was in keinem Reiseführer steht: Wo noch heute im Tal an den Widerstand erinnert und das Gedenken an die Tage der freien Republik wachgehalten wird – die am 23. Oktober 1944 von der deutschen Wehrmacht mit Unterstützung italienischer Faschisten in der Operation „Avanti“ zurückerobert wurde.

 

Die Anfänge des Widerstands im Val d‘Ossola
Nach der Absetzung Benito Mussolinis und der Waffenstillstandserklärung Italiens am 8. September 1943, die der Landung der Alliierten auf Sizilien und deren weiterem Vormarsch aufs Festland folgte, wurde das noch nicht von alliierten Truppen eroberte Italien handstreichartig von deutschen Truppen besetzt. Die Front teilte Italien praktisch in zwei Staaten: Im Norden die Marionettenregierung von Hitlers Gnaden, Mussolinis Republik von Salò (Repubblica Sociale Italiana, RSI), im Süden die Regierung von Mussolinis Nachfolger Badoglio, das Regno del Sud. Die hatte am 13. Oktober 1943 Deutschland den Krieg erklärt und wurde damit aus Sicht der Alliierten zur „co-belligerent nation“, zum mitkriegsführenden Land.

Wie in Rom, wo am Tag nach der deutschen Besetzung von Monarchisten, Christdemokraten, Liberalen, Sozialisten und Kommunisten das „Komitee der nationalen Befreiung“ (Comitato di Liberazione Nazionale, CLN) gegründet wurde, fanden sich fast überall im Land Menschen in klandestinen Zirkeln des antifaschistischen Widerstands gegen das deutsche Besatzungs- und faschistische RSI-Regime zusammen. So auch im nordpiemontesischen Val d’Ossola. Einer ihrer Protagonisten war hier der Sozialist Professor Ettore Tibaldi, Chefarzt im Krankenhaus San Biagio von Domodossola. Mitglieder des Klerus arbeiteten in diesen Gruppen ebenso wie Anhänger des gesamten antifaschistischen Spektrums. Daneben bildeten sich in dieser Gebirgsregion, die sich wie ein Dreieck in die Schweiz erstreckt – im Westen durch den Kanton Wallis und im Osten durch den Kanton Tessin und den Lago Maggiore begrenzt wird -, erste Partisanengruppen, die Überfälle zur Erbeutung von Waffen und Munition und Sabotageaktionen zur Unterbrechung des Straßen- und Eisenbahnverkehrs verübten. Getreu der Vorgaben des britischen Oberbefehlshabers in Italien, General Harold Alexander, an die Resistenza: „Sabotate, attaccate, non date tregua al nemico“.
Nach einem gescheiteren Aufstandsversuch in Villadossola im November 1943 wurden der Gewerkschaftsführer Redimisto Fabbri und andere Aktivisten erschossen, Ettore Tibaldi und andere Protagonisten des zivilen Widerstands mussten in die nahe Schweiz flüchten.

Kontakte zu den Alliierten
Im Schweizer Exil unterhielten die Widerstandskräfte aus dem Ossolatal gute Kontakte zum amerikanischen Geheimdienst (Office of Strategie Services, O.S.S.) unter Allan Dulles und dem britischem Geheimdienst (Special Operations Executive, S.O.E.) unter John Mac Caffery. Der Nachrichtenaustausch zwischen den im Tal gebliebenen, nur locker miteinander in Kontakt stehenden Widerstandsgruppen einerseits und den in Lugano ansässigen Mitgliedern der Resistenza, auch der dortigen Vertretung des CLN, und den Alliierten wurde durch einen fast täglich die Grenze überquerenden Kurier sichergestellt.
Im Mai 1944 beauftragten die Briten den Anwalt Giovanni Battista Stucchi (der später zum Repräsentanten des CLN im befreiten Ossola ernannt wude) mit der Ausarbeitung eines Aktionsplanes zur Befreiung des Ossolatals („Plan Morelli“). Eine Zeitlang beschäftigten sich die Alliierten mit dem Vorhaben, in Italien eine zweite Front aufzubauen, das Ossolatal zur Basis für Angriffe gegen die Poebene und zur Befreiung Norditaliens auszubauen.
Infolge der großen Durchkämmungssaktion (Rastrellamento) im Juni 1944 wurden derartige Pläne aber zunächst zurückgestellt.

Die Rastrellamenti vom Juni 1944
Am 4. Juni 1944, nach der Befreiung Roms durch die Alliierten, hatte das CLN einen Appell an die Partisanen gerichtet und zu einer Großoffensive angesichts der erhofften schnellen Befreiung auch Norditaliens aufgerufen.
Dem folgten die Partisanengruppen im Ossolatal: Die „Divisione Valdossola“ unter dem Republikaner Dionigi Superti, die „Divisione Valtoce“ unter dem konservativen Monarchisten Alfredo Di Dio, die „2. Division Garibaldi“, die „Divisione Piave“ und die „Brigata Beltrami“ (um hier nur die größten zu nennen) – darunter viele junge Wehrpflichtige, die dem Einberufungsbefehl der faschistischen Republik von Salò nicht folgen wollten – verübten u.a. Anschläge auf Elekritizitätszentralen, was die Stromlieferungen an die für die Deutschen in Novara und Mailand produzierenden Industrien versiegen ließ, und brachten die für den deutschen Nachschub wichtige Bahnlinie zwischen Domodossola und Arona unter ihre Kontrolle.
l'eccidio di Fondotoce - Foto: Casa della Resistenza, FondotoceMit den vom 10. bis zum 23. Juni 1944 verlaufenden Unternehmen „Köln“ und „Freiburg“ kreisten circa 17.000 Männer (Wehrmacht, SS und faschistische Miliz) mit massiver Luftunterstützung das Ossolatal ein und brachten die Region wieder unter ihre Kontrolle.
Insgesamt wurden bei dieser zweiwöchigen Aktion im Ossolatal ca. 300 Partisanen während der Kämpfe getötet oder hingerichtet, davon allein am 20. Juni 1944 in Verbania-Fondotoce 42 Menschen: Auf ihrem Weg zur Hinrichtungsstätte mußten sie ein Schild vor sich hertragen mit der Aufschrift: „Sono questi i liberatori d’Italia oppure sono i banditi?
Von den ungefähr 400 gefangen genommenen Zivilisten wurden fast alle in deutsche Lager deportiert.Der Widerstand im Ossolatal schien zunächst gebrochen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

 

Durch das Valle Gesso: Attraverso la Memoria 2014

Seit über 15 Jahren finden – jeweils am ersten Septemberwochenende – im italienischen Valle Gesso und im französischen Vallée de la Vésubie Gedenkwanderungen statt, die an die etwa 800 jüdischen Menschen erinnern wollen, die hier zwischen dem 9. und 13. September 1943 aus Saint-Martin-Vésubie vor den aus dem Süden vordringenden Nazis über den Alpenhauptkamm flohen.


Ihre Hoffnung, mit dem beschwerlichen Weg über die Pässe Finestra (2.474 m) und Ciriegia (2.543 m) und weiter über Entracque und Borgo San Dalmazzo in die Freiheit zu gelangen, trog: die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Viele der Flüchtlinge wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 erlassenen ‚Rasse-Gesetze‘ festgenommen und in Borgo San Dalmazzo inhaftiert.

Am Bahnhof dieses kleinen Ortes am Eingang des Sturatales erinnert heute ein Mahnmal, das ‚Memoriale della Deportazione‘ daran, dass hier am 21. November 1943 insgesamt 329 Menschen dieser Fluchtgruppe in Güterwaggons gepfercht und in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert wurden, wo 311 von ihnen ermordet wurden.


… auf den Percorsi Ebraici

Voriges Jahr haben wir an der Gedenkwanderung von San Giacomo di Entracque zum Colle di Finestra teilgenommen und darüber berichtet. In diesem Jahr findet die unter dem Motto „Attraverso la memoria / Marche de la mémoire“ stehende Gedenkwanderung am 7. September statt und führt von Terme di Valdieri zum Colle Ciriegia. Der sehr schöne Wanderweg von Gias della Casa hinauf zum Pass ist – wie auch jener über den Colle di Finestra – vom italienisch-französisch-schweizerischen Gemeinschaftsprojekt ‚La Memoria delle Alpi / La Mémoire des Alpes / Gedächtnis der Alpen’ als Freiheitspfad‚ als ‚Percorsi Ebraici‘, ausgewiesen.

Hier das Programm zum Download.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Sant’Anna di Stazzema – Anklage im Fall des Massakers möglich

Schallende Ohrfeige für Stuttgarter Juristen
„Hinreichender Tatverdacht“: Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat im Klageerzwingungsverfahren der Opfervertreter des Massakers von Sant’Anna di Stazzema den Einstellungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer aufgehoben. Damit könnte eines der größten und grausamsten Verbrechen, das deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg verübt haben, doch noch vor Gericht aufgearbeitet werden. Außerhalb Baden-Württembergs.

Nächste Woche jährt sich zum 70. Mal der Tag, an dem im toskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema mindestens 560 wehrlose Frauen, Kinder und alte Menschen ermordet wurden: Am frühen Morgen des 12. August 1944 erreichten Einheiten der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ den Ort. Als sie Stunden später das Dorf wieder verließen, lagen mehrere hundert Menschen tot auf dem Kirchplatz und in den Trümmern ihrer Häuser – erschossen, verstümmelt, verbrannt. Darunter über 100 Kinder.


Der an den Taten beteiligte Kompanieführer des II. Bataillons des 35. Panzergrenadier-Regiments der 16. SS-Panzerdivision „Reichsführer SS“ Gerhard Sommer, seit 1939 Mitglied von NSDAP und Waffen-SS, erhielt wenige Tage nach dem Massaker, am 19. August 1944, das Eiserne Kreuz I. Klasse.

Stuttgarts Juristen setzten jahrelang auf die „biologische Lösung“
Vor deutschen Gerichten mussten sich die Täter nie verantworten. Im Gegensatz zu Italien, wo das Militärgericht La Spezia am 22. Juni.2005 zehn der Beschuldigten in Abwesenheit schuldig sprach und wegen „fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit“ zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilte. Auslieferungshaftbefehle der Italiener wurden jedoch abgewiesen, sodass die im fernen La Spezia rechtskräftig Verurteilten unbehelligt blieben.

In Deutschland hatte zunächst die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg Vorermittlungen im Fall des Massakers von Sant’Anna durchgeführt und den Fall danach an die Staatsanwaltschaft Stuttgart verwiesen, in dessen Einzugsbereich einer der Verdächtigen damals lebte. Dort begannen unter Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler, Chefermittler in allen „politischen Fällen“, im Jahr 2002 die Ermittlungen gegen 17 damals noch lebende Tatbeteiligte. „Umfangreich“ und „äußerst aufwändig“ geführt sollen sie gewesen sein, ist der Einstellungsverfügung zu entnehmen, die nach langwieriger, zehnjähriger Ermittlungstätigkeit am 1. Oktober 2012 erging.

Die Verschleppung der Ermittlungen hatte vorher immer wieder zu kritischen Nachfragen geführt und den Verdacht genährt, man setze in Stuttgart auf eine rein „biologische Lösung“: Schließlich waren seit ihrem Beginn bereits mehrere der hochbetagten Beschuldigten gestorben.

Als sich ein Ende der Ermittlungen nicht mehr länger hinauszögern ließ, entschied sich Bernhard Häußler, „keinen hinreichenden Tatverdacht für eine Anklage“ zu erkennen und stellte das Ermittlungsverfahren ein: Es könne sich bei dem Massaker an den über 560 Frauen, Kindern und alten Menschen auch um eine aus dem Ruder gelaufene Aktion im Rahmen der gezielten Bandenbekämpfung gehandelt haben. Diesem im Hinblick auf die strafrechtliche Verantwortlichkeit der damals noch lebenden Beschuldigten maßgeblichen kruden Kollateralschaden-Ansatz schloss sich kurz darauf auch der baden-württembergische Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) an, dem die Einstellungsverfügung zur Prüfung vorlag.

Der lange Weg durch die Instanzen
So lange aber noch einer der Beschuldigten zur Rechenschaft gezogen und damit Geschichtsfälschung verhindert werden könnte, wollten die seit 70 Jahren auf Gerechtigkeit wartenden noch lebenden Opfer des NS-Massakers von Sant’Anna und ihre Angehörigen nicht aufgeben: Im Namen ihres Mandaten Enrico Pieri, der zum Zeitpunkt der Tat zehn Jahre alt war, durch das Massaker am 12. August 1944 25 Familienmitglieder verlor und Sprecher der Opfervereinigung ist, legte die Hamburger Anwältin Gabriele Heinecke bei der zuständigen Generalstaatsanwaltschaft als nächsthöhere Instanz Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung ein.

Enrico Pieri mit Sohn Massimo - Foto: © Wolfram Mikuteit

Enrico Pieri und Sohn Massimo, bei einer Veranstaltung am 19. Mai 2014 in Konstanz

Die damals von uns geäußerte Hoffnung, dass damit der Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart noch eine Chance für den Nachweis geboten würde, dass sich auch in Baden-Württemberg der Umgang mit NS-Verbrechen verändert hat, um den Verdacht auszuräumen, dass der Geist der die Nachkriegszeit dominierenden furchtbaren Juristen unser Rechtssystem auch heute noch beherrscht, wurde nicht bestätigt.

Denn der bei der Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart zuständige Oberstaatsanwalt Peter Rörig sah keinen Grund, die Ermittlungsergebnisse anzuzweifeln. Obwohl ihm beim Vergleich der historischen Fakten aus dem Gutachten des Historikers Dr. Carlo Gentile mit dem Elaborat seines Kollegen Häußler (mittlerweile im Ruhestand) schnell hätte klar sein müssen, dass dieser, nun ja: nicht ausreichend ermittelt hat. Carlo Gentile arbeitet seit vielen Jahren als historischer Sachverständiger bei NS-Strafverfahren oder deren Vorbereitungen und ist auch Mitglied der im Jahr 2009 von den Außenministern beider Staaten eingesetzten deutsch-italienischen Historikerkommission. Sein von Enrico Pieri beauftragtes Gutachten zeigt hanebüchene Ermittlungsfehler der Stuttgarter Staatsanwaltschaft auf, sorgfältiger Umgang mit historischen Fakten sieht wahrlich anders aus. Dessenungeachtet hat Oberstaatsanwalt Rörig das Ermittlungsergebnis Häußlers im Mai 2013 für die Generalstaatsanwaltschaft bestätigt.

Häußler, Rörig und Stickelberger endlich ausgebremst!
Als letzte Möglichkeit, die Tatumstände des Massakers von Sant’Anna di Stazzema innerhalb eines ordentlichen Gerichtsverfahrens klären zu lassen, blieb den Überlebenden des Massakers nach dieser Entscheidung OStA Rörigs nur noch der Weg über die Klageerzwingung. Große Hoffnung machte sich längst niemand mehr; versucht hat es Gabriele Heinecke für ihren Mandanten aber dennoch. Und war damit erfolgreich:

Am 5. August 2014 hat der 3. Strafsenat des Oberlandesgericht Karlsruhe den Einstellungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer aufgehoben (AZ: 3 Ws 285/13). Vollkommen anders als die Staatsanwaltschaft und die Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart, vollkommen anders auch als Justizminister Rainer Stickelberger, sieht das OLG Karlsruhe hinreichenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten. Für den 3. Strafsenat bestehen „keine vernünftigen Zweifel“ daran, dass die Befehle – die Sommer als kommandierendem Offizier bekannt waren – „nicht auf die Partisanenbekämpfung beschränkt, sondern von vornherein auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung von Sant’Anna di Stazzema gerichtet waren“. Eine Verurteilung wegen Mordes oder zumindest Beihilfe dazu sei wahrscheinlich, „sodass genügender Anlass zur Anklageerhebung besteht“.

Nachdem ein Verfahren in Stuttgart 12 Jahre lang verhindert wurde, ist die dortige Staatsanwaltschaft zukünftig übrigens außen vor, und die Herren Häußler, Rörig und Stickelberger können sich die Entscheidung des OLG Karlsruhe lediglich zur Mahnung hinter den Spiegel stecken:

Da der beschuldigte Gerhard Sommer heute in Hamburg und damit außerhalb des OLG-Bezirks lebt, konnten die Richter keine Anklage erzwingen. Sie verpflichteten die Stuttgarter Ermittler stattdessen, das Verfahren an die Hamburger Staatsanwaltschaft abzugeben. Dort sollen die Ermittlungen nun zügig wieder aufgenommen und zu einer raschen Anklageerhebung geführt werden.

Und Gauck?
Bundespräsident Joachim Gauck ist viel unterwegs zur Zeit; er folgt der Blutspur, die Wehrmacht und SS mit bestialischen Massakern an der Zivilbevölkerung in den ehemals besetzten Staaten hinterließen. Er bat im griechischen Ligiades, im französischen Oradour-sur-Glane und auch in Sant’Anna di Stazzema wortreich um Vergebung – was viel einfacher ist, als auf berechtigte Entschädigungsforderungen einzugehen oder die Praktiken der baden-württembergischen Justizbehörden kritisch zu hinterfragen: „Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht überführt werden können, weil die Instrumente des Rechtsstaats das nicht zulassen“ (Gauck im März 2013 in Sant’Anna).

Was die Instrumente des Rechtsstaates zulassen, wenn sie nicht durch eine breite Front aus Justiz und Politik blockiert werden, hat die Entscheidung des OLG Karlsruhe aufgezeigt. Ob Joachim Gauck sich wohl bei seinem nächsten Besuch in Sant’Anna bemüßigt fühlen wird, sich für diese Aussage und 12 Jahre Verfahrensverschleppung zu entschuldigen?

Sabine Bade

 

In Kürze erscheinen – erstmals in deutscher Sprache – die Lebenserinnerungen von Enio Mancini, in denen er das Leben in Sant’Anna di Stazzema während des Krieges und die Ereignisse des 12. August 1944 beschreibt. Mancini gehört wie Enrico Pieri zu den wenigen Überlebenden des Massakers. Dank seines Engagements konnte 1991 im ehemaligen Schulgebäude von Sant’Anna das Historische Museum des Widerstands eröffnet werden, dessen Leiter er bis 2006 war. Zusammen mit Enrico Pieri wurde Enio Mancini von den „Anstiftern“ der Stuttgarter Friedenspreis 2013 verliehen.

Gabriele Heinecke, Christiane Kohl, Maren Westermann (Hg): Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema – Mit den Erinnerungen von Enio Mancini. Mit Beiträgen von Christiane Kohl und Maren Westermann, der juristischen Einordnung von Gabriele Heinecke sowie einer Untersuchung des Historikers Carlo Gentile.
Laika Verlag Hamburg, ISBN: 978-3-944233-27-7, Hardcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten, 19,00 €. Erscheint im August 2014.

 

Esther Bejarano beim 10. Festival della Resistenza in Fosdinovo

Das Programm, mit dem Esther Bejarano, die im „Mädchenorchester“ des Vernichtungslagers Auschwitz Akkordeon spielte, am 31. Juli 2014 im Resistenzamuseum von Fosdinovo zu sehen und zu hören ist, entstand – wie auch das Buch „La ragazza con la fisarmonica“ – vor einigen Jahren in Italien. Dorthin kehrt sie jetzt mit der Rap-Band Microphone Mafia zu einem Auftritt zurück. Joram und Esther Bejarano - Foto: © Wolfram Mikuteit

Esther Bejarano, 1924 in Saarlouis als Esther Loewy geboren, ist Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz, wo sie zu den weiblichen Häftlingen gehörte, die durch Aufnahme in das „Mädchenorchester“ vor der Vernichtung durch Arbeit und vor dem Tod in den Gaskammern bewahrt wurden. Seit Jahrzehnten engagiert sie sich künstlerisch und politisch als Sängerin, als Zeitzeugin und bei Kundgebungen und Veranstaltungen gegen jede Menschenfeindlichkeit und für eine anhaltende Erinnerungskultur. Sie ist Mitgründerin und Vorsitzende des Auschwitzkomitees sowie Ehrenvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/ Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA). Und seit 2009 rappt sie mit der deutsch-türkisch-italienischen Band „Microphone Mafia“, um der sich ausweitenden neofaschistischen Propaganda auf deutschen Schulhöfen etwas entgegen zu setzen.


Ein Film, ein Gespräch und ein Konzert

Das Programm dieses Abends entstand in Italien: Im Januar 2011 trat Esther Bejarano mit „Microphone Mafia“ zum Holocaust-Gedenktag in Turin auf. Bei einem Zusammentreffen mit der Journalistin Antonella Romeo, die 17 Jahre in Hamburg gelebt und dort u.a. für die ZEIT und Radio Colonia (WDR) gearbeitet hat, entstand die Idee für ein gemeinsames Buch- und Erinnerungsprojekt. Unter dem Titel „La ragazza con la fisarmonica – Dall’orchestra di Auschwitz alla musica Rap“ erschien zwei Jahre später im Turiner Verlag Edizioni SEB 27 das von Antonella Romeo herausgegebene Buch über Esther Bejarano, das im ersten Teil auch einen bereits in den 1980er-Jahren entstandenen Text enthält, den Esther selbst über ihre Kindheit, die Deportation nach Auschwitz und Ravensbrück, über die Befreiung und die anschließende Emigration nach Palästina, die Schwierigkeiten bei der Rückkehr nach Deutschland und ihr politisches Leben geschrieben hat. Antonella Romeo und Esther Bejarano - Foto: © Wolfram Mikuteit

Zum Holocaust-Gedenktag 2013 hatten Antonella Romeo und Piero Somaglino vom Verlag Edizioni SEB 27 zusammen mit den Resistenza-Instituten der drei Provinzen Turin, Cuneo und Alessandria ein eindrückliches Programm zusammengestellt: „Esther Bejarano – Un incontro, un concerto, un libro e un film per il giorno della memoria“.

Esther Bejarano sang Lieder in Jiddisch, Romanes und Russisch und erzählte aus ihrem Leben und von ihrer politischen Arbeit, von ihren Besuchen an Schulen und der Zusammenarbeit mit den Rappern von Microphone Mafia. Dabei wurde sie von dem Jazz-Akkordeonisten Gianni Coscia begleitet.

Am 31. Juli 2014 ist Esther Bejarano, die mit diesem Programm bereits in vielen deutschen Städten zu sehen und zu hören war, nun wieder Italien: Im Resistenzamuseum des kleinen Ortes Fosdinovo, direkt an der Grenze zwischen Ligurien und der Toskana, tritt sie wieder mit Microphone Mafia zur Eröffnung des 10. Festival della Resistenza auf: Mit Ausschnitten aus dem Dokumentarfilm „Esther, die Akkordeonspielerin im Auschwitzorchester“, der rund um die Veranstaltung in Turin 2011 entstanden ist, einem Gespräch zwischen Esther Bejarano und Antonella Romeo und Liedern über den Widerstand, aus den Lagern und über die Deportation von Juden, Sinti und Roma.

Esther Bejarano: Erinnerungen – Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts. Herausgegeben von Antonella Romeo. Laika-Verlag Hamburg, 2013. Hardcover mit Schutzumschlag, 208 S., 21 Euro, ISBN:978-3-94233-04-8

Wer nicht gerade im Urlaub in dieser Region ist und die Gelegenheit hat, Esther Bejarano dort zu sehen, kann zum Buch greifen: Im Herbst 2013 ist die deutsche Ausgabe von Esther Bejaranos „Erinnerungen“ im Laika Verlag erschienen; ihr ist der Dokumentarfilm als DVD beigelegt.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Die Partisanenrepublik im Val di Cogne

Eine von über 20 freien Partisanenrepubliken in Italien
Viele wissen, dass es im Sommer und Herbst 1944 in Italien Freie Republiken gegeben hat. Von deutschen Besatzern und Mussolinis RSI-Armee vollständig befreite Gebiete, in denen die Partisanen für kurze Zeit die Macht übernommen hatten. Befreite Zonen, in denen ein Teil der Partisanen ihre Waffen kurzfristig beiseite legten, sich administrativen Aufgaben zuwandten und mit Hilfe des CLN (Comitato di Liberazione Nazionale) eine Selbstverwaltung aufbauten. Die bei uns bekannteste dieser Freien Republiken ist die vom 10. September bis 19. Oktober 1944 existierende Repubblica partigiana dell’Ossola, über die es mehrere deutschsprachige Veröffentlichungen gibt. Und schon 1952 hatte Beppe Fenoglio mit seiner Erzählung „I ventitré giorni della città di Alba“ (Die 23 Tage von Alba) der Repubblica di Alba (10. Oktober 1944 – 2. November 1944) ein nicht unumstrittenes literarisches Denkmal gesetzt.


Weniger bekannt ist im deutschsprachigen Raum, dass es sich bei den Freien Republiken von Ossola und Alba nicht um Einzelphänomene handelte, sondern in Italien, auch entlang des Westalpenbogens, recht viele dieser befreiten Zonen existierten. Am 4. Juni 1944, nach der Befreiung Roms durch die Alliierten, hatte der CLN einen Appell an die Partisanen gerichtet und zu einer Großoffensive angesichts der erhofften schnellen Befreiung auch Norditaliens aufgerufen.
Über 20 dieser befreiten Zonen entstanden im Sommer und Herbst 1944. Sie konnten sich unterschiedlich lange – zwischen einigen Wochen und drei Monaten – halten. Am längsten dürfte die Partisanenrepublik im valdostanischen Val di Cogne bestanden haben (2. Juli bis 2. November 1944).

Die Partisanenrepublik im Val di Cogne
Als im Sommer und Herbst 1944 fast alle Seitentäler des Aostatals von den Partisanen besetzt waren – lediglich das Haupttal, La Thuile und Courmayeur blieben unter deutscher Kontrolle – wurde der Sitz des bewaffneten Widerstands der gesamten (damals noch piemontesischen) Provinz Aostatal in die Partisanenrepublik „Repubblica di Cogne” verlegt. Dort, wo auf über 2.400 Metern Höhe in den Minen Colonna und Liconi Eisenerz abgebaut wurde, das mit der 1922 eröffneten „Ferrovia del Drinc“ – einer Materialeisenbahnlinie, die fast durchgängig in Tunneln durch das Bergmassiv verlief, das das Val di Cogne vom Aostatal trennt – hinunter zu den Anlagen der Eisen- und Stahlproduktion und angeschlossener Rüstungsbetriebe in Aosta befördert wurde, die seit Mitte Oktober 1943 unter deutscher Besatzungskontrolle standen.

Die Minenarbeiter in Cogne waren gut organisiert: Seit Mitte der 1930er-Jahre gab es dort Zellen der kommunistischen Partei (PCI). Nach der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen unterhielten sie auch Verbindungen zum französischen Widerstand.


Geleitet wurde die Mine von dem Geologen Franz Elter, der ausgezeichnete, aber strikt geheimgehaltene Verbindungen zum antifaschistischem Widerstand besaß. Sein Sohn Giorgio, der bereits an den Märzstreiks 1943 in Turin teilgenommen hatte, musste sich unmittelbar nach der deutschen Besetzung des Aostatals in die Schweiz absetzen. Arbeiter der Minen in Cogne, der Werke in Aosta, Männer, die sich der Einberufung in die Armee des Salò-Regimes entziehen wollten und Flüchtlinge aus Gefangenenlagern bildeten die ersten Partisaneneinheiten, die Sabotageaktionen durchführten.
Um den Betrieb der Minen von Cogne durch Kampfhandlungen nicht zum Erliegen zu bringen, verließen die Faschisten – nachdem Franz Elter reibungslose Weiterproduktion zugesichert hatte – am 1. Juli Cogne kampflos. Am Tag darauf erreichten die ersten Partisanengruppen den Ort; sie kamen über die Berge oder nutzten den Minenzug aus Aqua Fredde. Auch aus der Schweiz kamen junge Leute zurück, die dort ab Herbst 1943 Zuflucht gefunden hatten, unter ihnen auch Giorgio Elter, der sich sofort der „Banda Arturo Verraz“ anschloss (er starb am 7. September 1944 bei einem Überfall auf den Posten bei Pont-Suaz).
Mit dem Anführer der Garibaldi-Brigaden Emile Lexert schloß Franz Elter eine geheime Vereinbarung über die Angriffsziele der Partisanen: Weil er die Demontage der Anlagen und die Deportation der Arbeiter nach Deutschland befürchtete, bat er darum, die Minen von Cogne nicht anzugreifen und sicherte im Gegenzug Sabotage mittels Reduzierung der Förderleistung zu.

Die Partisanenrepublik im Val di Cogne bestand vier Monate lang vom 2. Juli bis zum 2. November 1944. Die Partisanen übernahmen in dieser Zeit die Leitung der Minen und die Administration im Tal, der Anwalt Renato Chabod – der Bruder von Federico Chabod – leitete die Gerichtsbarkeit, freie Wahlen wurden abgehalten. Für die Untergrundzeitung „Il Patriota della Valle d’Aosta“ arbeitete zeitweise der ebenfalls aus der Schweiz zurückgekehrte Giulio Einaudi, und „Radio Valle d’Aosta libera“ sendete täglich. Mitte September wurde auch der Sitz des von General Emilio Magliano geleiteten Kommandos der gesamten Zone II (Provinz Aostatal) des CLN im Piemont nach Cogne verlegt. Funkverbindungen zum Plateau Rosa in die Schweiz und nach Turin wurden mit Mitteln der Organisation „Glass e Cross“ hergestellt.

Aber der alliierte Vormarsch war an der Goten-Linie zum Stillstand gekommen, und im Rahmen der großen deutschen Herbstoffensive wurde das Val di Cogne am 2. November 1944 von faschistischen und deutschen Verbänden zurückerobert. Die Partisanen und gefährdete Zivilisten setzten sich auf verschiedenen Wegen entweder in die Schweiz oder in das bereits befreite Frankreich ab. Dafür diente zwischen dem 2. und dem 6. November 1944 auch das obere Valsavarenche als Fluchtweg: Eine Gruppe von annähernd 350 Personen – Partisanen und Zivilisten – floh aus dem Val di Cogne und dem Valsavarenche über Pont, die Nivolet-Hochebene und den Colle Galisia (2.998 m) nach Val d’Isère.

Am 26. April 1945 mussten die Deutschen Aosta verlassen, am 4. Mai 1945 erreichten die Alliierten die Stadt. Nach deren Abzug Ende 1945 wurde am 10. Januar 1946 der frühere Widerstandskämpfer Federico Chabod erster Präsident der Region. 1948 wurde ein Sonderstatut verabschiedet, das den Valdostanern autonome Rechte gewährte – was von Beginn an eine zentrale Forderung des antifaschistischen Widerstands im Aostatal gewesen war – und Italienisch und Französisch als offizielle Amtssprachen gleichstellte.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Rede zum 70. Jahrestag des Massakers am Colle del Lys

Als wir vor kurzem die Gedenkveranstaltung am Colle del Lys ankündigten, haben wir dabei auch auf die intensiven Kontakte hingewiesen, die die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der AntifaschistInnen (VVN-BdA) Ravensburg-Oberschwaben seit Jahrzehnten zum Comitato Resistenza Colle del Lys pflegt.


Joseph Kaiser als Vertreter der VVN-BdA Ravensburg-Oberschwaben war Ehrengast bei der Gedenkveranstaltung am 6. Juli 2014 und hat uns erlaubt, seine Rede anlässlich des 70. Jahrestags des Massakers hier nachfolgend wiederzugeben:

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