Rom vor 70 Jahren: Befreiung von den Nazis und Ende der deutschen Okkupation

Am 4. Juni 1944 beendete der Einzug von Truppen der 5. US-Armee unter General Clark die über acht Monate andauernde deutsche Okkupation Roms. Als erste Hauptstadt einer der Achsenmächte und nur zwei Tage vor der Landung der Alliierten in der Normandie war die von deutscher Wehrmacht und SS installierte Gewaltherrschaft dort vorüber.


Das lange Warten auf die Befreiung
Die Bevölkerung von Rom hatte sehr viel früher mit diesem Moment gerechnet. Ein Tagebucheintrag der im Vatikan lebenden amerikanischen Nonne Jane Scrivener vom 21. September 1943:
„Wenn man glaubt, dass die Alliierten nicht vor Mitte Oktober eintreffen werden, wird man sofort für einen Pessimisten gehalten.“
Kein Wunder, war es doch den alliierten Truppen nach ihrer Landung in Salerno und in Tarent relativ zügig gelungen, die nach der Bekanntgabe der Kapitulation Italiens am 8. September 1943 einsetzende Besetzung Süditaliens zu stoppen. Nachdem das nur gut 200 Kilometer südlich von Rom gelegene Neapel am 30. September 1943 befreit war, hofften die Römer auf ein schnelles Ende der Okkupation. Dass jedoch die Überwindung der zwischen beiden Städten liegenden „Gustav-Linie“ bis zum Mai 1944 dauern würde – was auch die Landung weiterer alliierter Truppen bei Anzio im Januar 1944 nicht verhindern konnte -, war nicht vorauszusehen.


Kriegsverbrechen vom (fast) ersten bis zum letzten Tag

Die Deutschen hatten sich – begünstigt durch die Flucht von König Vittorio Emanuele III. und des Regierungschefs Badoglio, die es vorzogen, im bereits von den Allierten befreiten Brindisi Schutz zu suchen und Armee und Bevölkerung sich selbst zu überlassen – nach kurzen Kämpfen in Rom etabliert. Schon am 16. Oktober 1943 wurde das jüdische Ghetto in Rom von Einheiten der Ordnungs- und Sicherheitspolizei unter der Leitung des eigens zu diesem Zweck angereisten „Judenreferenten“, des SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker, durchkämmt. Zwei Tage später wurden die über 1000 aus ihren Häusern getriebenen  Juden (die Mehrzahl waren Frauen und Kinder) vom Bahnhof Tiburtina aus in die Vernichtungslager deportiert. Ohne dass Papst Pius XII. – davon überzeugt, dass Stalins gottloses Russland ein weitaus größeres Übel sei als Hitlers Deutschland – Einwände dagegen erhob.

Als Synonym für die deutsche Schreckensherrschaft gilt bis heute der Sitz des Sipo- und SD-Außenkommandos in der Via Tasso: Hier wurden – neben all den Juden, die noch nach der großen Razzia vom Oktober 1943 verhaftet wurden – vor allem Antifaschisten, aber auch andere politische Gegner, vom einfachen Priester bis zu Oberst Giuseppe Cordero Lanza di Montezemolo, dem Chef der royalistischen Militärischen Widerstandsfront (FMCR), eingekerkert und bestialisch gefoltert.
Seit 1957 ist in dem Gebäude das Museo Storico della Liberazione untergebracht. Wir hören oft, es sei nicht mehr „zeitgemäß“, lasse didaktisch viel zu wünschen übrig. Das ist schon wahr: Hier gibt es keine touch-screens, keinen Multi-Media-Einsatz, nichts blinkt und leuchtet. Aber wer eine der fensterlosen Zellen betritt, benötigt wenig Phantasie, um sich vorzustellen, welch Barbarei in diesen Räumen auf der Tagesordnung stand.

Das größte Kriegsverbrechen während der deutschen Besatzung Roms wurde in den Fosse Ardeatine verübt: Als Vergeltungsmaßnahme für das Attentat in der Via Rasella erschossen am 24. März 1944 Männer des Sipo- und SD-Außenkommandos in Rom unter der Leitung von SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler 335 italienischen Zivilisten – darunter 75 Juden –, von denen kein einziger auch nur im Entferntesten etwas mit dem Anschlag zu tun hatte.
Rom-Besucher sind auf ihrem Weg zur Calixtus-Katakombe an der Via Ardeatina nur einen Steinwurf vom Eingang der Gedenkstätte für die Opfer dieses Massakers entfernt. Lassen es aber meist links liegen, da ihr Reiseführer zwar die alten Römer ausführlich behandelt, Tipps für jedes Forum gibt und auch das kleinste Detail an einer der vielen Siegessäulen aufzeigt – die Stätten der deutschen Besatzungsherrschaft aber geflissentlich ausspart.

Wer mit offenen Augen durch Rom geht, findet dennoch viele Hinweise auf die in den acht Monaten verübten Verbrechen: An vielen Hauswänden und auch auf den Trottoirs, wo seit dem Jahr 2010 über 200 Stolpersteine verlegt wurden, für Juden und für ermordete und deportierte politische Gegner des Besatzungsregimes.
Was die deutsche Besatzung aber auch für jede Frau, jedes Kind, für die gesamte hungernde Bevölkerung von Rom bedeutete, macht Elsa Morante in „La Storia“ deutlich:
„In den letzten Monaten der deutschen Besatzung nahm Rom das Aussehen gewisser indischer Metropolen an, wo nur die Aasgeier ihr Futter bekommen.“
Die Verzweiflung darüber kam bei den Brotaufständen im April 1944 zum Ausdruck.
Die tägliche Ration des pane nero (Ersatzbrot) war auf 100 Gramm pro Person reduziert worden, und Frauen stürmten vielerorts die Ausgabestellen. Nach der Plünderung einer Bäckerei, die die in Rom stationierten deutschen Truppen mit Brot versorgte, wurden 10 Frauen von der SS an den nahen Tiber gezerrt und dort sofort erschossen.
Denkmal für die am 7. April 1944 ermordeten 10 Frauen - Foto: © Wolfram Mikuteit

Der Ort des letzten, während des Abzugs der Deutschen am 4. Juni 1944 begangenen Verbrechens liegt etwas außerhalb der Stadt:
14 Gefangene – für weitere stand kein fahrbereiter LKW zur Verfügung – mussten bei ihrem Abzug in Richtung Norden das flüchtende Personal der Via Tasso begleiten. Auf der Via Cassia wurden sie bei La Storta zum Aussteigen genötigt, wurden auf die Knie gezwungen und auf der Stelle erschossen, unter ihnen auch der sozialistische Gewerkschaftsführer Bruno Buozzi.
An diesem Ort beginnt am 4. Juni die große Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Befreiung Roms von den Nazis.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

Gedenkfeier am KZ-Friedhof Birnau am Bodensee 2014

Seit vielen Jahren wird am KZ-Friedhof nahe der Wallfahrtskirche Birnau um den 8. Mai herum, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, der Menschen gedacht, die im KZ-Außenlager Überlingen-Aufkirch starben. Mindestens 185 Häftlinge – die meisten von ihnen Italiener und Slowenen – wurden dort zwischen September 1944 und April 1945 ermordet oder fielen den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen beim Bau des Goldbacher Stollens zum Opfer. Sie alle waren dort beim Bau eines unterirdisches Stollensystems eingesetzt, in das die Produktion der Friedrichshafener Rüstungsbetriebe Dornier, Zeppelin, ZF und Maybach vor Bomben geschützt unter Tage verlagert werden sollte.


Anfangs wurden die Opfer zur Einäscherung in das Konstanzer Krematorium gebracht. Einem Mitarbeiter war es trotz aller Verbote gelungen, die Urnen zu beschriften und zu verstecken. Nach dem Krieg konnten sie dadurch den Angehörigen übergeben und in ihre  Heimat überführt werden. Per Zufall entdeckten wir bei unseren Recherchen auf dem zwischen Lago Maggiore und Luganer See gelegenen Monte San Martino in der dortigen Gedenkstätte das Urnengrab des Rechtsanwalts Franco Tranfaglia: Er hatte sich dem lokalen Widerstand gegen die deutsche Besetzung Italiens angeschlossen, wurde verhaftet, über Bozen im Oktober 1944 nach Deutschland deportiert und starb am 17.1.1945 im Außenlager Überlingen-Aufkirch. An „allgemeiner Schwäche“, wie es damals stets hieß.

Als die Kohleversorgung des Konstanzer Krematoriums aber für eine Verbrennung nicht mehr ausreichte, wurden etwa 97 Tote unbekleidet im nahen Degenhardter Wäldchen in einem Massengrab verscharrt. Nach dem Krieg ordnete die französische Militärbehörde die Öffnung des Massengrabs an und verlangte die Umbettung der Leichen. Am 9. April 1946 wurden die namenlosen Toten auf dem KZ-Gedenkfriedhof Birnau bestattet.


Während der diesjährigen Gedenkveranstaltung am KZ-Friedhof Birnau am 10. Mai legte als Ehrengast der letzte überlebende Häftling des Lagers, der fast 89-jährige Anton Jež aus Slowenien, einen Kranz am Kreuz des Friedhofs nieder. Und die Hauptrednerin Janka Kluge (VVN-BdA Landessprecherin) erinnerte an das Schicksal einer dieser Männer: Giuseppe Beltrame aus dem Val Bormida (Piemont/ Ligurien) gehörte zu jenen Wehrpflichtigen, die in der „größten Verkleidungsaktion der italienischen Geschichte“, wie es die Historikerin Anna Bravo nennt, am 8. September 1943, dem Tag des Waffenstillstands der Italiener mit den Alliierten, ihre Uniform klammheimlich gegen Zivilkleidung tauschten, um der Gefangennahme und anschließender Deportation durch die deutsche Wehrmacht zu entgehen. Erst vor einigen Jahren wurde bekannt, dass Giuseppe Beltrame, dessen Geschichte Oswald Burger nachgezeichnet hat, in einem der 97 namenlosen Gräber bestattet wurde.

Die alljährlich stattfindende Gedenkfeier am KZ-Friedhof Birnau, veranstaltet von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BDA Bodensee-Oberschwaben und Singen-Konstanz), DGB, IG Metall und dieses Jahr erstmalig auch der lokalen Stolperstein-Initiativen, ist darüberhinaus immer auch ein Treffen von Deutschen und Italienern. Was mit der Städtepartnerschaft zwischen Ravensburg und Rivoli nahe Turin vor über 30 Jahren begann, hat schnell zu ganz intensiven Kontakten zwischen der VVN und dem Comitato Resistenza Colle del Lys geführt. Kein Wunder also, dass wir dort vor zwei Jahren auch unser Buch „Partisanenpfade im Piemont“ vorstellen durften.

Elena Cattaneo, die Präsidentin des Comitato Resistenza Colle del Lys, war mit ihrem Mann Franco Voghera zur Birnau gekommen und erinnnerte nicht nur an die faschistische Hitler-Diktatur, sondern wies zudem – wie auch alle anderen Redner und Rednerinnen – auf die Gefahr der aktuelle Entwicklung rechter Parteien in Europa hin.

Verstärkt wurde die kleine italienische Delegation durch Giuseppe Rizzo und seine Frau Enza Giordano aus Grugliasco. Der Präsident der ‚Consulta antifascista comunale di Grugliasco‘ kam als Vertreter des Bürgermeisters dieses kleinen Ortes, der am 29./30. April 1945 – als das nahe Turin bereits befreit war und der Sieg über den Faschismus schon gefeiert wurde – blutiger Schauplatz eines Massakers durch deutsche Wehrmachtsangehörige wurde: Diesem Massaker fielen 68 Partisanen und Zivilisten zum Opfer.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Literatur zum Thema:

Oswald Burger: Der Stollen. Verein Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen, Überlingen 1996; 10. Auflage: Isele, Eggingen 2012, ISBN 978-3-86142-087-3.

Führungen zum Goldbacher Stollen und Informationen dazu:
http://www.stollen-ueberlingen.de

 

Das Massaker von Benedicta

Zwischen Mitte März und Mitte April 1944 fanden an vielen Orten im von den Deutschen besetzten Italien Razzien und sogenannte „Auskämmungsaktionen“ statt, die meisten in Ligurien und Piemont. Im noch zum Piemont gehörenden ligurischen Apennin, in der Provinz Alessandria und nur wenige Kilometer nordwestlich von Genua, wird an der damals als Gutshof genutzten alten Abtei von Benedicta an eines dieser blutigen Geschehen erinnert, das heute vor genau 70 Jahren begann.Das Massaker von Benedicta - Foto: © Wolfram Mikuteit

Wer im Hinterland von Genua durch den Parco naturale delle Capanne di Marcarolo fährt, gelangt zwangsläufig zum „Parco della Pace“ von Benedicta. Am Karfreitag 1944, im Morgengrauen des 7. April, begann hier in der unwegsamen Gegend rund um den Monte Tobbio eine großangelegte „Auskämmungsaktion“ faschistischer Guardia nazionale repubblicana-Truppen unter deutscher Wehrmachtsleitung, bei der fast 100 sogenannte „Rebellen“ starben. In den folgenden Tagen wurden in benachbarten Orten weitere 50 Männer erschossen, circa 400 wurden gefangen genommen und viele von ihnen in deutsche Konzentrationslager deportiert. 17 von denen, die das Massaker in Benedicta überlebt hatten, wurden im Gefängnis Marassi in Genua inhaftiert und am 19. Mai 1944 mit anderen Häftlingen am Turchino-Pass ermordet.


Was genau unter „Rebellen“ zu verstehen war, schildert der Historiker Lutz Klinkhammer in seinem Buch „Zwischen Bündnis und Besatzung – Das nationalsozialistische Deutschland und die Republik von Salò 1943-1945“:

„Auch in diesem Fall handelte es sich bei den Rebellen nicht um eine kompakte Partisanen-„Bande“. Dies verrät nicht nur die große Zahl der Aufständischen, deren mangelnde Bewaffnung und eingeschränkte Widerstandsmöglichkeiten dazu führten, daß die Häscher eine große Zahl von Toten und Gefangenen machen konnten, sondern auch die Zusammensetzung der Gruppe am Monte Tobbio: Der größte Teil waren geflüchtete Jugendliche, entflohene alliierte Kriegsgefangene, untergetauchte Soldaten des ehemaligen königlich-italienischen Heeres; auch kommunistische Arbeiter aus den ligurischen Fabriken gehörten dazu. Die mehr unter dem Zwang der Ereignisse Geflüchteten hatten sich – abgesehen von den Kommunisten unter den Arbeitern und einem Grüppchen von Christdemokraten – politisch nicht weiter artikuliert und auch keine besonderen Aktionen unternommen, sondern sich auf die Beschaffung von Lebensmitteln beschränkt“ (S.441).

Und konstatiert:
Die Partisanenbekämpfung hatte also bereits in dieser Phase zu einem beträchtlichen Teil eine ,,Auskämmung zum Arbeitseinsatz“ zum Ziel.

Eine kleine Kapelle und ein schlichtes Kreuz stehen heute dort, wo am 7. April 1944 die Erschießungen stattfanden. Gegenüber befindet sich das Massengrab und die Gedenkstätte, das Sacrario dei Martiri della Benedicta, für die Opfer des Massakers.  Etwas höher gelegen wird an den Ruinen der Capanne di Marcarolo ein Informationsort geschaffen; viele Schautafeln geben dort bereits heute einen Überblick über die Vorfälle, die sich Ostern 1944 ereigneten.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

 

Rom – der Anschlag in der Via Rasella

Vor 70 Jahren, am 23. März 1944 – dem 25. Jahrestag der Gründung von Mussolinis „Fasci di combattimento“, der berüchtigten faschistischen Kampfbünde – explodierten in Rom an der Kreuzung Via Rasella und Via del Boccaccio eine in einem Müllkarren verborgene Bombe und eine präparierte Mörsergranate. Durch diesen Anschlag wurden 33 der 156 Mann starken, mit Waffen im Anschlag täglich zur gleichen Zeit durch die Via Rasella marschierenden 11. Kompanie des III. Bataillons des Polizei-Regiments „Bozen“ getötet, 67 verwundet. Auch zwei Italiener kamen dabei ums Leben.

Via Rasella - die Einschusslöcher sind heute noch zu sehen - Foto: © Wolfram Mikuteit

Die Deutschen übten mit dem Massaker in den Ardeatinischen Höhlen grausame Rache an 335 italienischen Zivilisten – darunter 75 Juden –, von denen kein einziger auch nur im Entferntesten etwas mit dem Anschlag zu tun hatte.  Das durch Männer des Sipo- und SD-Außenkommandos in Rom unter der Leitung von SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler ausgeführte Gemetzel gilt in Italien als das Symbol für die Schrecken der 20 Monate andauernden deutschen Besatzungszeit.


Der Anschlag in der Via Rasella war nicht die erste gegen die deutsche und faschistische Gewaltherrschaft gerichtete Aktion der römischen Gruppi d’Azione Patriottica, kurz GAP; das Massaker in den Fosse Ardeatine nicht die erste „Repressionsmaßnahme“, die die deutschen Besatzungsorgane ergriffen. Die Unterdrückung der Zivilbevölkerung begann unmittelbar nach der deutschen Besetzung Roms und fand ihren ersten tragischen Höhepunkt bereits am 16. Oktober 1943, als das Ghetto durchkämmt und 1007 Juden in die Vernichtungslager deportiert wurden. Weitere Deportationen folgten, und bis zum letzten Tag vor der Befreiung wurden regelmäßig Partisanen – oder wer dafür gehalten wurde – im Forte Bravetta erschossen und ganze Stadtviertel „ausgekämmt“. Auch die bestialische Barbarei der Folterknechte in der Via Tasso, dem Gefängnis der SS und Sicherheitspolizei, war der hungernden Bevölkerung von Rom bekannt.

Organisiert und ausgeführt wurde der Anschlag in der Via Rasella von jungen Studenten, die sich in den GAP organisiert hatten, unter ihnen Rosario Bentivegna, Carla Capponi und Franco Calamandrei (das berühmte Gedicht „Se voi volete andare …“ stammt von seinem Vater) unter Leitung von Mario Fiorentini. Sie alle konnten sich kurz nach der Zündung der in einem Müllkarren deponierten Sprengladung in Sicherheit bringen und waren längst nicht mehr am Ort des Geschehens, als hochrangige Nazis und Faschisten von der Gedenkfeier zum 23. März in der Via Rasella eintrafen. Sofort wurden die circa 200 Anwohner der Via Rasella aus ihren Häusern getrieben und mussten sich, Frauen und Männer getrennt, am Zaun des Palazzo Barberini stundenlang mit erhobenen Händen aufstellen. Zehn Männer, denen vage Sympathien für die kommunistische Partei unterstellt wurden, kamen auf die „Todesliste“ von Obersturmbannführer Herbert Kappler und wurden am nächsten Tag in den Fosse Ardeatine ermordet. Darunter befanden sich Kunsthandwerker, denen ein Handtaschenladen gehörte, ein unpolitischer Beamter, der gerade in seiner Wohnung in der Via Rasella ein Nickerchen gemacht hatte, als die Bombe explodierte, und Romolo Gigliozzi, der hinter der Theke eines kleinen Cafés arbeitete.

Genau gegenüber der Einmündung der Via Rasella in die Via delle Quattro Fontane erinnert eine Gedenktafel an der Mauer des Palazzo Barberini erst seit dem Jahr 2010 an diese 10 Opfer.
Am Ort des Anschlags sind in der Via Rasella noch heute Einschusslöcher zu sehen: Im Glauben, von diesen Häusern aus angegriffen worden zu sein, hatten die Deutschen die Fenster der der Straße zugewandten Wohnungen unter Beschuss genommen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Ada Gobetti – eine Frau im Widerstand

Es gibt kaum ein Buch über den antifaschistischen Widerstand im Piemont, dem Ada Gobettis Diario partigiano nicht als Quelle dient.

Ada Gobetti und Benedetto Croce - 1939. Mit freundlicher Genehmigung: © Centro Studi Piero Gobetti

Ada Gobetti und Benedetto Croce – 1939. Mit freundlicher Genehmigung: © Centro Studi Piero Gobetti

Der Philosoph Benedetto Croce regte sie nach dem Krieg dazu an, ihre in englischer Kurzschrift verfassten Tagebucheinträge über ihre Erlebnisse im Widerstand zu veröffentlichen. Nach Lesen des Manuskriptes urteilte er 1951: „Welch ein Glück, wenn jemand, der daran [der Resistenza] teilgenommen hat, solche Zeilen schreiben kann, wie Sie sie geschrieben haben! […] Sie können also mit dem vollbrachten Werk zufrieden sein“.

Für die Erstauflage des Diario partigiano, 1956 bei Einaudi erschienen, schrieb Italo Calvino das Vorwort. Es beginnt mit den Worten:
„Dieses Buch mit den Memoiren der Resistenza stellt eine Ausnahme dar, nicht so sehr wegen der Wichtigkeit der geschilderten Tatsachen, als wegen der Person, die das Buch geschrieben hat und der Art und Weise, wie der Partisanenkrieg gesehen und gelebt wird. […] Es ist das Buch einer Frau, deren Leben bereits vom Kampf gegen den Faschismus gezeichnet war. Ada Prospero, die Witwe von Piero Gobetti, dem jungen Märtyrer des frühen italienischen Antifaschismus, die zwischen den wichtigsten Verschwörern des zwanzigjährigen italienischen Faschismus gelebt hat, und die von ihrem Freiheitsdrang, dem Bedürfnis zu handeln und einer außergewöhnlichen Courage angetrieben wurde.“

„Ich habe keine politischen Ideen, ich habe nur moralische Gewissheiten“


Wer war diese Frau, die wie Ferruccio Parri und Duccio Galimberti 1942 zu den Gründungsmitgliedern des Partito d’Azione gehörte, die mit dem Philosophen Benedetto Croce eine lebenslange Freundschaft pflegte, die unter anderem für ihre legendäre Winterüberquerung des Passo dell’Orso am 30. Dezember 1944, die die Kontaktaufnahme mit den Alliierten in Frankreich ermöglichte, mit einer der höchsten Tapferkeitsmedaillen Italiens ausgezeichnet und nach dem Krieg zur Vizebürgermeisterin von Turin gewählt wurde? Und die von sich dennoch behauptete: „Io non ho idee politiche, ho solo certezze morali.“

Mit 16 Jahren lernte Ada Prospero 1918 im Turiner Liceo Gioberti den ein Jahr älteren Piero Gobetti kennen, dessen Schriften später die theoretische Grundlage für die Bewegung Giustizia e Libertà und des Partito d’Azione bildeten. Ada arbeitete, parallel zu ihrem Philosophie- und Literaturstudium, mit an seinen Zeitungen Energie Nove und La Rivoluzione Liberale. Das alles bestimmende Thema für die beiden war die Forderung nach einer radikalen Erneuerung in Politik und Kultur. Ihr Privatleben – sie heirateten 1923 – scheint immer vom Politischen bestimmt worden zu sein. La Rivoluzione Liberale war zu einer der exponiertesten oppositionellen Publikationen Italiens mit klar antifaschistischer, radikaldemokratischer Ausrichtung geworden, und die beiden standen nach der Machtergreifung Mussolinis mit anderen Widerstandsgruppen in ganz Italien in Verbindung.

Erstmals verhaftet wurde Piero Gobetti im Februar 1923. Einige Ausgaben der Zeitung wurden beschlagnahmt, andere zensiert. Weitere kurze Inhaftierungen folgten. Am 5. September 1925 wurde er von vier Angehörigen der faschistischen Sturmtruppen, den berüchtigten Squadristi, vor ihrem Haus in der Turiner Via Fabro 6 niedergeprügelt und erlitt schwere Verletzungen. Am 8. November 1925, unmittelbar nach dem Verbot aller oppositionellen Parteien und Druckerzeugnisse, musste La Rivoluzione Liberale ihr Erscheinen endgültig einstellen. Piero wartete noch die Geburt ihres Sohnes Paolo am 28. Dezember 1925 ab und ging kurz darauf, wie so viele andere Antifaschisten vor und nach ihm, ins Pariser Exil. Dort starb er wenig später nach kurzer Krankheit am 16. Februar 1926 an den Spätfolgen des Attentats.


Mit knapp 24 Jahren war Ada Gobetti Witwe und hatte einen erst wenige Wochen alten Sohn. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie durch Übersetzungen klassischer und zeitgenössischer englischsprachiger Autoren und begann, an einer Turiner Schule zu unterrichten. Sie veröffentlichte pädagogische Texte und schrieb das Kinderbuch La storia del gallo Sebastiano. Adas Haus in der Turiner Via Fabro blieb klandestiner Treffpunkt der antifaschistischen Intellektuellen um Carlo Rosselli, Norberto Bobbio und Vittorio Foa. Und als sich 1942 der Partito d’Azione konstituierte, gehörte Ada zu den Gründungsmitgliedern.

Diario partigiano

Ada hat ihre Aufzeichnungen am 10. September 1943 begonnen, zu dem Zeitpunkt, als die Deutschen Turin besetzten. Ihr knapp 18-jähriger Sohn Paolo unternahm von Meana di Susa aus, wo Ada ein Wochendhaus besass, noch am selben Tag mit gleichaltrigen Freunden seine ersten Streifzüge in die Berge: Sie durchsuchten die vom italienischen Militär aufgegebenen Kasernen und Bunker nach Waffen und Munition. Am Abend legte er Ada mit triumphalem Lächeln – „mit derselben Geste wie vor einigen Jahren, als er mir Pilze mitbrachte“ – die erste erbeutete Handgranate auf den Küchentisch. Und schloss sich unmittelbar danach den sich im Susatal bildenden Partisaneneinheiten an.

Ada hatte als Pendlerin zwischen Turin und Meana di Susa viel Bewegungsfreiheit, konnte permanent Unterlagen und Informationen zwischen dem Hauptquartier des CLN in Turin und den Tälern hin und her befördern. Daneben galt es, geflüchtete alliierte Kriegsgefangene in Sicherheit zu bringen, Ausweise zu fälschen und Flugblätter zur Aufklärung der Bevölkerung zu verfassen, sobald eine neue Einberufungsaktion zu Mussolinis RSI-Armee anstand. Sie koordinierte die Partisaneneinheiten der Aktionspartei – die Brigate Giustizia e Libertà (GL) – im Susatal und übernahm dort die auch bei Einheiten der GL obligatorische Stellung des politischen Kommissars einer Einheit. Zusammen mit Silvia Pons, Bianca Guidetti Serra und anderen baute sie die Frauenbewegung des Partito d’Azione, das Movimento Femminile Giustizia e Libertà auf. Frauenarbeit blieb bis zu ihrem Tod im Jahr 1968 eines ihrer zentralen Anliegen.

Ada Gobetti hat in den 20 Monaten ihrer Partisanentätigkeit keinen einzigen Schuss abgefeuert. Liefert aber dennoch mit ihrem Diario partigiano ein sehr plastisches Bild des Partisanenkampfes: Von Hunger und Kälte, von den Versuchen, neue Einheiten aufzustellen, Sprengstoff zu organisieren und von geglückten und misslungenen Anschlägen. Das Buch ist durchzogen von „sanfter Pädagogik“ (Italo Calvino) und ihrem unermüdlichen Pochen darauf, dass die Zukunft keine Fortsetzung der faschistischen Vergangenheit werden darf.

Schade, dass ihr Buch nie ins Deutsche übersetzt wurde.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Seit 1961 ist im früheren Wohnhaus von Ada und Piero Gobetti in Turin das Centro Studi Piero Gobetti untergebracht. Es umfasst neben der Biblioteca Noberto Bobbio auch ein umfassendes Archiv und viele online verfügbare Quellen. An ihrem ehemaligen Haus in Meana di Susa in der Nähe von Turin erinnert eine Tafel an Ada Gobetti.

 

Erste Stolpersteine in Venedig

In Rom hat Gunter Demnig am 28. Januar 2010 die ersten italienischen Stolpersteine verlegt. Über 200 dieser kleinen, mit Messing überzogenen und in den Boden eingelassenen Gedenksteine, die an das Schicksal von Menschen erinnern sollen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden, gibt es mittlerweile in der italienischen Hauptstadt. Danach wurden auch in Genua, Brescia, Livorno, Ravenna, Prato bei Florenz, Sarezzo und Meran einige Stolpersteine – “Pietre d’Inciampo” – verlegt.Venedig - Relief des Bildhauers Arbit Blatas - Foto: © Wolfram Mikuteit

Seit dem 12. Januar 2014 liegen Stolpersteine nun auch in Venedig, alle im Stadtteil Cannaregio, einige im Areal des ehemaligen jüdischen Ghettos. Die deutschen Besatzer deportierten im Dezember 1943 und im August 1944 zahlreiche Juden aus Venedig und ermordeten rund 200 von ihnen.

Für den Ingenieur Bartolomeo Meloni wurde am Campo SS. Apostoli der erste Stein verlegt:

QUI ABITAVA BARTOLOMEO MELONI
NATO 1900
ARRESTATO COME POLITICO 4.10.1943
DEPORTATO DACHAU
MORTO 9.7.1944

Viele Eisenbahner in Venedig, so auch deren Generalinspektor Bartolomeo Meloni, hatten sich direkt nach dem italienischen Kriegsaustritt am 8. September 1943 und der darauffolgenden deutschen Besetzung dem örtlichen Widerstandskommando (CLN) angeschlossen. Da die einzige Verbindung zwischen Venedig und dem Festland über die Eisenbahn- und Autobrücke verlief und heute immer noch verläuft, kam gerade Eisenbahnern im Widerstand bei der Rettung von Flüchtlingen, der Logistik der Widerstandsgruppen etc. große Bedeutung zu. Nach nur wenigen Wochen clandestiner Tätigkeit wurde Meloni am 4. Oktober 1943 von Männern der deutschen SS verhaftet, zunächst im Gefängnis Santa Maria Maggiore inhaftiert und dann über Verona nach Dachau deportiert, wo er starb. Ihm und anderen Opfern des Widerstands der Eisenbahner ist bereits eine Gedenksäule am Gleis 8 des  Bahnhofs von Venedig gewidmet.


Weitere Stolpersteine wurden am Rio Terà della Maddalena für die junge jüdische Verkäuferin Elena Mariani verlegt, die in Auschwitz ermordet wurde, und am Campo della Maddalena für den katholischen Untergrund-Drucker Giuseppe Modena, der in Mauthausen starb.

Für einige Opfer der Deportation vom Dezember 1943 (Alberto Leone Todesco, Adele Dina, Marco Todesco, Attilio Grassini, Cesira Clerle, Alba Clerle, Ugo Beniamino Levi, Bruna Grassini) wurden Stolpersteine am Fondamenta dei Mori und im alten Ghetto in den Boden eingelassen: Sie alle starben in Auschwitz.

Auf dem Campo di Ghetto Nuovo, dort wo Reliefs des litauischen Bildhauers Arbit Blatas  an die Opfer der Deportationen erinnern, wurde vor der Casa Israelitica di Riposa ein Stolperstein für 21 ältere Jüdinnen und Juden verlegt, die am 17. August 1944 aus diesem Haus deportiert und in Konzentrationslagern ermordet wurden:

17 AGOSTO 1944
DA QUESTA CASA
FURONO DEPORTATI
21 ANZIANI OSPITI
ASSASSINATI NEI
LAGER NAZISTI

Weitere Gedenkorte in Venedig
Für Informationen zu anderen Gedenkorten in Venedig verweisen wir auf die entsprechende Seite des Gedenkorte-Portals des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945 www.gedenkorte-europa.eu: Für die Frauen im venezianischen Widerstand nahe der Vaporetto-Haltestelle „Giardini“, für Opfer von Geiselmorden in der Calle dei 13 Martiri und an der Riva dei sette martiri und viele weitere mehr.

Wer durch Venedig streift, sollte auch einen Blick in das Foyer des Teatro Goldoni nahe dem Campo San Lucca werfen. Hier erinnert eine Tafel an den Überraschungscoup vom 12. März 1945, als Partisanen den so genannten „Goldoni-Streich“ (Beffa del Godoni) organisierten: Während einer Aufführung besetzten sie das Theater und kündigten die bevorstehende Befreiung an. Die Aktion erfolgte so spontan und überraschend, dass eine Reaktion der faschistischen Kräfte nicht möglich war.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Das neue Memoriale della Shoah in Mailand

Memoriale della Shoah Mailand - Foto: © Wolfram MikuteitDie Juden Mailands wurden ab November 1943 zunächst im Mailänder Gefängnis San Vittore inhaftiert und dann vom Hauptbahnhof aus in die Vernichtungslager deportiert. Bis Januar 1945 verließen ingesamt 15 Deportationszüge Mailand.

Eine schlichte Gedenktafel ganz am Ende von Bahnsteig 21 des Mailänder Hauptbahnhofs für die Menschen, die aus rassistischen und/oder politischen Gründen von Mailand aus in die Vernichtungslager der Nazis deportiert wurden, gibt es bereits seit 1998. Zufällig sieht man die Tafel mit den darauf eingelassenen Zeilen von Primo Levi nicht, Reisende gelangen selten an diese etwas abgelegene Stelle.

Die Viehwaggons, die Mailand in Richtung Auschwitz-Birkenau, Mauthausen, Bergen-Belsen und in die italienischen Lager zum späteren Weitertransport verließen, wurden aber ohnehin an anderer Stelle beladen: Durch einen Seiteneingang des Mailänder Hauptbahnhofs in der Via Ferrante Aporti – ansonsten ausschließlich für Waren-, Post- und Viehtransporte genutzt und weit weg von neugierigen Blicken – wurden die zur Deportation bestimmten Menschen in die Waggons getrieben.

Und genau dort hat die ‚Fondazione Memoriale della Shoah di Milano‘ nun mit dem Memoriale einen sehr eindrücklichen Gedenkort geschaffen. Mit den Bauarbeiten für das im Jahr 2002 von der Stiftung initiierte Projekt wurde 2010 begonnen. Am 27. Januar 2013 wurde das Kernstück offiziell eingeweiht und erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Danach wurden die Arbeiten daran fortgesetzt. Seit Ende Januar 2014 steht das Memoriale della Shoah nun zumindest tageweise (s.u.) Besuchern offen.


Per non dimenticare – um nicht zu vergessen: Auf dem noch erhaltenen kurzen Gleis stehen Viehwaggons, auch der Aufzug ist noch vorhanden, mit dem die beladenen Waggons hinauf zum Bahnhof befördert wurden. In den Boden der Verladerampe sind die Abfahrtstage und Ziele der Deportationszüge eingelassen. Und an die ‚Mauer der Namen‘ werden die Namen aller 774 jüdischen Männer, Frauen und Kinder projeziert, die mit den Deportationszügen am 6. Dezember 1943 und 30. Januar 1944 Mailand in Richtung Auschwitz verließen. Die Namen der 27 Überlebenden sind hervorgehoben.

Viele Schautafeln bieten auf den insgesamt circa 7.000 qm des Memoriale della Shoah die nötigen Informationen zur – mit der deutschen Besetzung ab dem 8. September 1943 einsetzenden – physischen Verfolgung der Juden in Italien, veranschaulicht durch Wochenschauberichte dieser Epoche. Eine große Video-Leinwand steht für Zeitzeugenberichte zur Verfügung: Bei unserem Besuch sahen wir ein Gespräch mit Liliana Segre, die am 30. Januar 1944 von hier aus als 13-Jährige zusammen mit ihrem Vater und 603 weiteren Menschen nach Auschwitz deportiert wurde. Nur 22 von ihnen überlebten den Holocaust – ihr Vater gehörte nicht dazu.

Noch ist das Memoriale della Shoah in Mailand nicht an jedem Tag geöffnet. Aber es steht – nach Voranmeldung – jeden ersten und dritten Donnerstag von 15.00 – 18.30 Uhr und an jedem letzten Sonntag eines Monats von 9.30-12.30 Uhr Besuchern offen. Informationen unter: www.memorialeshoah.it

Voranmeldungen können über coordinamento.memoriale@memorialeshoah.it vorgenommen werden.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Die Geige aus Cervarolo

Gerechtigkeit hat kein Verfallsdatum – Der italienische Dokumentarfilm «Il violino di Cervarolo» («Die Geige aus Cervarolo») will die Erinnerung an von Deutschen während der Besatzung Italiens begangene Verbrechen wachhalten.

Die Geige aus Cervarolo - Il Violino di CervaroloAls 1962 der italienische Spielfilm «Die vier Tage von Neapel» von Nanni Loy in deutschen Kinos anlief, löste er Empörung aus. Weil er deutsche Wehrmachtsangehörige als Täter zeigte, die in Italien willkürliche Erschießungen, brutal durchgeführte Deportationen und entsetzliche Grausamkeiten begingen, nachdem der ehemalige Bündnispartner Italien im September 1943 aus dem Krieg geschieden war. Dem Mythos vom «sauberen Krieg an der Südfront» konnte der Film aber nichts anhaben. Bis heute hat sich die Geschichtsfälschung behauptet, die deutsche Wehrmacht habe – wenn überhaupt – lediglich in der Sowjetunion eine verbrecherische Kriegsführung praktiziert.

Um nicht zu vergessen

Das macht 67 Jahre nach Ende des Krieges den Film «Il violino di Cervarolo» («Die Geige aus Cervarolo») von Nico Guidetti und Matthias Durchfeld so aktuell. Er erzählt von den Bewohnern des kleinen Dorfes Cervarolo in der Emilia Romagna im nördlichen Apennin, die am 20. März 1944 Opfer eines von deutschen Truppen verübten Massakers wurden. Als «Sühnemaßnahme» für die Präsenz von Partisanengruppen in der Umgebung hatten Einheiten der Fallschirm-Panzerdivision «Hermann Göring» – unterstützt von italienischen Faschisten – vorher bereits Massaker an den Einwohnern der umliegenden Dörfer begangen. Nun fielen sie in Cervarolo ein, trieben 24 Männer aus ihren Häusern und erschossen sie. Danach wurden Frauen vergewaltigt und Häuser in Brand gesteckt. Der Film erzählt vom damaligen und heutigen Leben der Angehörigen der Opfer des Massakers, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und zeigt Ausschnitte aus dem Prozess, der in Verona gegen ehemalige Mitglieder der deutschen Wehrmachtseinheit geführt wurde. Protagonist ist Italo Rovali, Sohn eines Geigers, der durch das Massaker seinen Großvater und seinen Onkel verlor. Rovalis langjährige Nachforschungen haben den Prozess erst möglich gemacht. Mitarbeiter des Geschichtsinstituts Istoreco der Provinz Reggio Emilia begleiteten die Bewohner von Cervarolo durch das Verfahren und filmten alle 41 Prozesstage zu Dokumentationszwecken – «Il violino di Cervarolo» ist ein Ergebnis dieser Arbeit.

Il Violino di Cervarolo (Die Geige aus Cervarolo)
Nico Guidetti / Matthias Durchfeld, I 2012; 75 min., Italienisch mit deutschen Untertiteln. Der Film lief 2012/2013 in einigen deutschen und schweizerischen Programmkinos. Die DVD kann für 12 Euro + 2 Euro Versankosten bei www.resistenza.de bestellt werden.

Im Juli 2011 wurden sechs Männer dieser Einheit in Abwesenheit zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Drei sind im Oktober 2012 in zweiter Instanz freigesprochen worden, die anderen Urteile wurden bestätigt. Eine Inhaftierung droht den Tätern jedoch nicht, da Deutschland die Verurteilten nicht ausliefert.

Blanko-Befehle zum Töten

Die Liste der während der deutschen Besatzung Italiens von Wehrmacht und SS begangenen Massaker an der Zivilbevölkerung ist lang. Etwa 10 000 ZivilistInnen wurden zwischen September 1943 und April 1945 im Rahmen der sogenannten «Bandenbekämpfung» umgebracht.

Nur wenige der NS-Verbrechen wurden nach Kriegsende verfolgt. Aus dem anfänglichen Vorsatz der Alliierten, bis zu 60 000 TäterInnen vor Gericht zu stellen, gingen in den Westzonen nur wenige Anklageerhebungen hervor. Und: Je später der Prozess angesetzt war, desto milder fiel die Bestrafung aus. Bereits vor dem Hintergrund des einsetzenden Kalten Krieges und eher widerstrebend abgehalten fand 1947 in Venedig vor einem britischen Militärgericht der Prozess gegen Generalfeldmarschall Albert Kesselring statt. Er war ab November 1943 Oberbefehlshaber in Italien und verantwortlich für Blanko-Befehle zum Töten auch von unschuldigen Frauen und Kindern. Er wurde zunächst zum Tode verurteilt, gleich darauf zu lebenslänglicher Haft begnadigt und 1952 entlassen: Seine Entlassung war ein erfolgreiches Ergebnis einer breiten Pressekampagne, die in der Forderung «Nicht Gnade, sondern Recht» gipfelte. Als Gegenleistung für ihre Mitarbeit am Aufbau deutscher Streitkräfte sollte die Wehrmacht rehabilitiert werden.

Nachdem die westlichen Alliierten ihr Programm zur Verfolgung von NS-Gewaltverbrechen eingestellt hatten, wurden viele Ermittlungsunterlagen den italienischen Behörden ausgehändigt. Zunächst mit Blick auf die eigenen Kriegsgefangenen auf dem Balkan, später aus Rücksichtnahme auf den Nato-Partner Deutschland, wurde in Italien auf die Eröffnung von entsprechenden Verfahren jedoch verzichtet. Die über 700 Aktenbündel kamen in der Militärstaatsanwaltschaft von Rom unter Verschluss und wurden dort «provisorisch archiviert». Als sie 1994 zufällig in einem Aktenschrank, dem «Schrank der Schande», entdeckt wurden, begann die späte Aufarbeitung, die zu einer Reihe von Prozessen führte.

Kein Schleier des Vergessens

In Deutschland sorgte im Jahr 1968 ein unscheinbares Gesetz (Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz) für eine kalte Amnestie: Es setzte die Verjährungsfrist für Mordgehilfen, damals jene Personen, denen «besondere persönliche Motive» an der Tat nicht nachgewiesen werden konnten, auf fünfzehn Jahre herunter. Was zur Folge hatte, dass viele NS-Verbrechen bereits seit dem Jahr 1960 verjährt waren.

Während das Landgericht München im Jahr 2010 Josef Scheungraber wegen seiner Beteiligung am Massaker von Falzano di Cortona (Toskana) zu lebenslanger Haft wegen zehnfachen Mordes verurteilte, stellte die Staatsanwaltschaft Stuttgart die Ermittlungen zum ganz ähnlich gelagerten Massaker in Sant’Anna di Stazzema im Oktober 2012 ein. Der kleine toskanische Ort war am 12. August 1944 Schauplatz eines der grössten und grausamsten Massaker, das deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg verübten und dem mindestens 560 wehrlose Frauen, Kinder und alte Menschen zum Opfer fielen. Die zehn Jahre andauernden Ermittlungen hatten bereits vorher den Verdacht aufkommen lassen, man setze in Stuttgart auf eine rein «biologische Lösung»: Schliesslich waren seit Beginn der Ermittlungen bereits mehrere der Beschuldigten verstorben. Der Einstellungsverfügung ist nun zu entnehmen, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass es sich um eine aus dem Ruder gelaufene Aktion im Rahmen der gezielten Bandenbekämpfung gehandelt habe.

In einem Interview hat der Militärstaatsanwalt in Turin, Dr. Pier Paolo Rivello, erklärt: «Es geht [bei diesen Prozessen] auch darum, Klarheit darüber herzustellen, was passiert ist. Über diese Ereignisse sollte nicht der Schleier des Vergessens gelegt werden. Eine Funktion solcher Prozesse ist es auch, mittels der gesammelten Dokumente und Zeitzeugenberichte Geschichtsfälschungen zu verhindern.» Deshalb sind Filme wie «Il violino di Cervarolo» so wichtig.

Sabine Bade

Die Freiheit zum Greifen nah – Tragödie am Colle Galisia

Das tragische Schicksal der 41 Männer, die bei der Überquerung des Colle Galisia im November 1944 starben, gehört zur Geschichte der Resistenza im Valle Orco. Sie wachzuhalten, hat sich u. a. das Cà del Meist mit seiner permanenten Ausstellung auf die Fahnen geschrieben.

Lago Serrù, 2.278 m - links die Cima della Vacca, 3.186 m - und rechts der Colle Galisia, 2.987 m - Foto: © Wolfram Mikuteit

Den seit alters her von Schmugglern, Händlern und Auswanderern genutzten Weg über den Colle Galisia (2.987 m) nahmen die Partisanen regelmäßig. Um sich bei Auskämmungsaktionen kurzfristig in das bereits befreite französische Arctal abzusetzen, zur Verbindungsaufnahme mit den Alliierten und um Flüchtlinge in Sicherheit zu bringen.

So auch im November 1944:
Eine Gruppe englischer Kriegsgefangener, der im September 1943 die Flucht aus einem Internierungslager gelungen war und die sich seitdem bei den Partisanen im Valle Sacra aufhielt, sollte nach Frankreich gebracht werden. Geführt wurden sie von ortskundigen Partisanen der VI. Divisione Canavesana Giustizia e Libertà und einigen Autonomen.

Von Ceresole Reale stiegen die 44 Männer am 7. November auf zum Lago Agnel, übernachteten dort und gingen dann, obwohl sich das Wetter zusehends verschlechterte, weiter zum Pass. Erst nach Einbruch der Dunkelheit kamen sie dort an, viel später als geplant. Zwei Engländer blieben – sie waren zu erschöpft, um weitergehen zu können – in Begleitung von Giuseppe Mina und Carlo Diffurville zurück. Sie sollten später nachgeholt werden. Bei Eiseskälte (minus 25 Grad) suchten sie Schutz unter einer Felswand am Galisia und warteten auf Rettung. Als die nicht kam, machten sich Mina und Diffurville donn doch an den Abstieg. Und fanden bei den Gorges du Malpasset, ganz in der Nähe des alten Refuge Prarirond, die gesamte Gruppe begraben unter einer Lawine. Erst am 17. November 1944 konnte Alfred Southon mit schwersten Erfrierungen vom Galisia geborgen werden. Sein Begleiter Walter Rattue war einen Tag vorher gestorben.

Am Lago Serrù beginnt ein anspruchsvoller Weg, vorbei am unbewirtschafteten und nur mit Schlüssel zugänglichen Rifugio Pian della Ballotta, hinauf zum Colle Galisia – der Sentiero Internazionale Colle della Losa. Schwierigkeitsgrad nach italienischem Rating EEA, was in etwa dem Schwierigkeitsgrad T6 für „schwieriges Alpinwandern“ der Wanderskala des Schweizer Alpen-Clubs entspricht. Der Aufstieg von Frankreich aus über das Refuge Prarirond gestaltet sich einfacher.

Cà del Meist - mit Bibliothek und Ausstellung zum Colle Galisia - Foto: © Wolfram Mikuteit

Im Cà del Meist in Ceresole Reale (etwas zurückgesetzt ggü. des Albergo Meuble Sport) ist im Erdgeschoss die Dokumentation Galisiaquarantaquattro zur Tragödie am Colle Galisia zu sehen. Im Obergeschoss ist die Biblioteca della Montagna Gianni Oberto untergebracht. Wer nach Literatur zum Tal und der gesamten Gran-Paradiso-Region sucht, wird hier ganz bestimmt fündig.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Gedenken an deutschen Widerstandskämpfer im ehemaligen Folterkeller der Gestapo in Genua

Die Gestapo in der Casa dello Studente
Die Universität Genua ließ zwischen 1933 und 1935 die Casa dello Studente am Corso Aldo Gastaldi (damals: Corso Giulio Cesare) als Studentenwohnheim errichten. Kurz nach Fertigstellung wurde das 5-geschossige Gebäude von der Faschistischen Partei übernommen. Nach der Besetzung Genuas durch deutsche Truppen war die Casa dello Studente ab Mitte Oktober 1943 Sitz der Gestapo, war deren Verhör- und Folterzentrum unter Leitung von SS-Obersturmbannführer Friedrich Engel, dem SD- und Polizeichef von Genua, der in internationalen Medien auch als „Schlächter von Genua“ bezeichnet wird.


Nach der Befreiung Genuas am 25. April 1945 – die deutschen Truppen unter dem Kommando von Generalmajor Günther Meinhold hatten sich direkt den Vertretern des Widerstands ergeben – fanden die Partisanen im Keller der Casa della Studente Folterwerkzeuge, Blutspuren, Knochenteile und Fingernägel. Die Medien berichteten über die Funde, und für eine kurze Zeit stand das Gebäude, in dem Hunderte von Widerstandskämpfern gefangen gehalten und in dem sogenannten „Keller der Qualen“ vor ihrer Hinrichtung oder Deportation gefoltert wurden, der Bevölkerung Genuas offen.
Aber schon ab 1946 wurde die Casa dello Studente wieder von der Universität genutzt, die Gefängniszellen wurden als Vorratsspeicher für die Mensa verwendet und der Zugang zum für die Folterungen genutzten unterirdischen Luftschutzraum wurde – im Namen der nationalen Versöhnung – zugemauert.

Die verborgene Seite des deutschen Widerstandes
27 Jahre lang rührte niemand an der grausigen Vergangenheit des Studentenwohnheims.  Erst nachdem Studenten Ende der 1960er-Jahre zusammen mit ehemaligen Widerstandskämpfern damit begonnen hatten, die Geschichte des Gebäudes zu rekonstruieren, legten sie 1972 diesen Zugang wieder frei. Damals entstand die Idee, den „Keller der Qualen“ als Gedenkstätte des internationalen Widerstandes zu erhalten. Das Ziel der Initiatoren war es, den oft längst vergessenen Beitrag all jener zu würdigen, die in ganz Europa für den Widerstand gegen Nationalsozialismus und Faschismus kämpften, der „kein Vaterland und keine Grenzen kannte“. Hier sollte nicht nur an den ehemaligen Folterkeller der Gestapo erinnert werden. Dass das Gebäude auch von italienischen faschistischen Organisationen im Wissen um die Ereignisse in den Folterkellern genutzt wurde, sollte ebenso in Erinnerung bleiben wie die vielen Opfer des deutschen Widerstandes gegen das NS-Regime, vor allem in den Reihen der Arbeiterbewegung, über den in Italien relativ wenig bekannt war/ ist.

La Casa dello Studente di Genova

Luigi Barco e Piero Ferrazza: Una pagina della Resistenza. La Casa dello Studente di Genova. Edizioni PANTAREI s.r.l., Milano, 2012. ISBN: 978-88-86591-29-4.

Um diese nach Ansicht der Initiatoren verborgen gebliebene Seite des deutschen Widerstandes, vor allem den der Arbeiter in Berlin, zu würdigen, ehren sie in der Casa dello Studente seit 1974 Rudolf Seiffert stellvertretend für die deutschen Widerstandskämpfer. Seiffert (1908-1945) war Leiter einer illegalen Betriebsgruppe bei den Siemens & Halske-Werken in Berlin-Siemensstadt und Mitglied der Berliner Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation. Am 29. Januar 1945 wurde er im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.

Museo della Resistenza Europea in der Casa dello Studente
In das Museo della Resistenza Europea gelangt man durch die Mensa des Studentenwohnheims. Im Eingangsbereich hängt eine Kopie des Abschiedsbriefes, den Rudolf Seiffert kurz vor seiner Ermordung schrieb.
Zu besichtigen sind im Rahmen einer Führung die winzigen Zellen, in denen die Häftlinge untergebracht waren, der Gewölbekeller mit Erklärungstafeln zu den Geschehnissen im ehemaligen Folterkeller des Gestapogefängnisses und weitere Gedenktafeln für Rudolf Seiffert.

Für Führungen ist die Anmeldung beim Centro di documentazione Logos notwendig: centrodocumentazionelogos@gmail.com, Casa dello Studente, Corso Aldo Gastaldi, ab Metrostation Genua-Brignole Buslinien 16, 45 und 87.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit