Die Partisanenrepublik von Ossola

Über 20 von deutschen Besatzern und Mussolinis faschistischen Truppen vollständig befreite Gebiete, Partisanenrepubliken, gab es im Sommer und Herbst 1944 in Italien. Die wegen ihrer Ausdehnung und Bevölkerungsdichte bedeutsamste von ihnen war die „Repubblica partigiana della Val d’Ossola“. Sie wurde vor genau 70 Jahren, am 10. September 1944, im piemontesischen Domodossola ausgerufen. Es folgten die 44 Tage der freien Partisanenrepublik Ossola, in deren Verlauf ein funktionierendes Modell einer antifaschistischen, pluralistischen Demokratie aufgebaut wurde.Grenzstein Partisanenrepublik Ossola - Foto: © Wolfram Mikuteit

Der hier beginnende mehrteilige Artikel zur Partisanenrepublik von Ossola soll schlaglichtartig beleuchten, unter welchen politischen und militärischen Rahmenbedingungen die Menschen aus dem Ossolatal das Experiment wagten, in ihrer Heimat nach über 20 Jahren Faschismus demokratische Verhältnisse herzustellen. Und aufzeigen, was in keinem Reiseführer steht: Wo noch heute im Tal an den Widerstand erinnert und das Gedenken an die Tage der freien Republik wachgehalten wird – die am 23. Oktober 1944 von der deutschen Wehrmacht mit Unterstützung italienischer Faschisten in der Operation „Avanti“ zurückerobert wurde.

 

Die Anfänge des Widerstands im Val d‘Ossola
Nach der Absetzung Benito Mussolinis und der Waffenstillstandserklärung Italiens am 8. September 1943, die der Landung der Alliierten auf Sizilien und deren weiterem Vormarsch aufs Festland folgte, wurde das noch nicht von alliierten Truppen eroberte Italien handstreichartig von deutschen Truppen besetzt. Die Front teilte Italien praktisch in zwei Staaten: Im Norden die Marionettenregierung von Hitlers Gnaden, Mussolinis Republik von Salò (Repubblica Sociale Italiana, RSI), im Süden die Regierung von Mussolinis Nachfolger Badoglio, das Regno del Sud. Die hatte am 13. Oktober 1943 Deutschland den Krieg erklärt und wurde damit aus Sicht der Alliierten zur „co-belligerent nation“, zum mitkriegsführenden Land.

Wie in Rom, wo am Tag nach der deutschen Besetzung von Monarchisten, Christdemokraten, Liberalen, Sozialisten und Kommunisten das „Komitee der nationalen Befreiung“ (Comitato di Liberazione Nazionale, CLN) gegründet wurde, fanden sich fast überall im Land Menschen in klandestinen Zirkeln des antifaschistischen Widerstands gegen das deutsche Besatzungs- und faschistische RSI-Regime zusammen. So auch im nordpiemontesischen Val d’Ossola. Einer ihrer Protagonisten war hier der Sozialist Professor Ettore Tibaldi, Chefarzt im Krankenhaus San Biagio von Domodossola. Mitglieder des Klerus arbeiteten in diesen Gruppen ebenso wie Anhänger des gesamten antifaschistischen Spektrums. Daneben bildeten sich in dieser Gebirgsregion, die sich wie ein Dreieck in die Schweiz erstreckt – im Westen durch den Kanton Wallis und im Osten durch den Kanton Tessin und den Lago Maggiore begrenzt wird -, erste Partisanengruppen, die Überfälle zur Erbeutung von Waffen und Munition und Sabotageaktionen zur Unterbrechung des Straßen- und Eisenbahnverkehrs verübten. Getreu der Vorgaben des britischen Oberbefehlshabers in Italien, General Harold Alexander, an die Resistenza: „Sabotate, attaccate, non date tregua al nemico“.
Nach einem gescheiteren Aufstandsversuch in Villadossola im November 1943 wurden der Gewerkschaftsführer Redimisto Fabbri und andere Aktivisten erschossen, Ettore Tibaldi und andere Protagonisten des zivilen Widerstands mussten in die nahe Schweiz flüchten.

Kontakte zu den Alliierten
Im Schweizer Exil unterhielten die Widerstandskräfte aus dem Ossolatal gute Kontakte zum amerikanischen Geheimdienst (Office of Strategie Services, O.S.S.) unter Allan Dulles und dem britischem Geheimdienst (Special Operations Executive, S.O.E.) unter John Mac Caffery. Der Nachrichtenaustausch zwischen den im Tal gebliebenen, nur locker miteinander in Kontakt stehenden Widerstandsgruppen einerseits und den in Lugano ansässigen Mitgliedern der Resistenza, auch der dortigen Vertretung des CLN, und den Alliierten wurde durch einen fast täglich die Grenze überquerenden Kurier sichergestellt.
Im Mai 1944 beauftragten die Briten den Anwalt Giovanni Battista Stucchi (der später zum Repräsentanten des CLN im befreiten Ossola ernannt wude) mit der Ausarbeitung eines Aktionsplanes zur Befreiung des Ossolatals („Plan Morelli“). Eine Zeitlang beschäftigten sich die Alliierten mit dem Vorhaben, in Italien eine zweite Front aufzubauen, das Ossolatal zur Basis für Angriffe gegen die Poebene und zur Befreiung Norditaliens auszubauen.
Infolge der großen Durchkämmungssaktion (Rastrellamento) im Juni 1944 wurden derartige Pläne aber zunächst zurückgestellt.

Die Rastrellamenti vom Juni 1944
Am 4. Juni 1944, nach der Befreiung Roms durch die Alliierten, hatte das CLN einen Appell an die Partisanen gerichtet und zu einer Großoffensive angesichts der erhofften schnellen Befreiung auch Norditaliens aufgerufen.
Dem folgten die Partisanengruppen im Ossolatal: Die „Divisione Valdossola“ unter dem Republikaner Dionigi Superti, die „Divisione Valtoce“ unter dem konservativen Monarchisten Alfredo Di Dio, die „2. Division Garibaldi“, die „Divisione Piave“ und die „Brigata Beltrami“ (um hier nur die größten zu nennen) – darunter viele junge Wehrpflichtige, die dem Einberufungsbefehl der faschistischen Republik von Salò nicht folgen wollten – verübten u.a. Anschläge auf Elekritizitätszentralen, was die Stromlieferungen an die für die Deutschen in Novara und Mailand produzierenden Industrien versiegen ließ, und brachten die für den deutschen Nachschub wichtige Bahnlinie zwischen Domodossola und Arona unter ihre Kontrolle.
l'eccidio di Fondotoce - Foto: Casa della Resistenza, FondotoceMit den vom 10. bis zum 23. Juni 1944 verlaufenden Unternehmen „Köln“ und „Freiburg“ kreisten circa 17.000 Männer (Wehrmacht, SS und faschistische Miliz) mit massiver Luftunterstützung das Ossolatal ein und brachten die Region wieder unter ihre Kontrolle.
Insgesamt wurden bei dieser zweiwöchigen Aktion im Ossolatal ca. 300 Partisanen während der Kämpfe getötet oder hingerichtet, davon allein am 20. Juni 1944 in Verbania-Fondotoce 42 Menschen: Auf ihrem Weg zur Hinrichtungsstätte mußten sie ein Schild vor sich hertragen mit der Aufschrift: „Sono questi i liberatori d’Italia oppure sono i banditi?
Von den ungefähr 400 gefangen genommenen Zivilisten wurden fast alle in deutsche Lager deportiert.Der Widerstand im Ossolatal schien zunächst gebrochen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

 

Durch das Valle Gesso: Attraverso la Memoria 2014

Seit über 15 Jahren finden – jeweils am ersten Septemberwochenende – im italienischen Valle Gesso und im französischen Vallée de la Vésubie Gedenkwanderungen statt, die an die etwa 800 jüdischen Menschen erinnern wollen, die hier zwischen dem 9. und 13. September 1943 aus Saint-Martin-Vésubie vor den aus dem Süden vordringenden Nazis über den Alpenhauptkamm flohen.


Ihre Hoffnung, mit dem beschwerlichen Weg über die Pässe Finestra (2.474 m) und Ciriegia (2.543 m) und weiter über Entracque und Borgo San Dalmazzo in die Freiheit zu gelangen, trog: die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Viele der Flüchtlinge wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 erlassenen ‚Rasse-Gesetze‘ festgenommen und in Borgo San Dalmazzo inhaftiert.

Am Bahnhof dieses kleinen Ortes am Eingang des Sturatales erinnert heute ein Mahnmal, das ‚Memoriale della Deportazione‘ daran, dass hier am 21. November 1943 insgesamt 329 Menschen dieser Fluchtgruppe in Güterwaggons gepfercht und in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert wurden, wo 311 von ihnen ermordet wurden.


… auf den Percorsi Ebraici

Voriges Jahr haben wir an der Gedenkwanderung von San Giacomo di Entracque zum Colle di Finestra teilgenommen und darüber berichtet. In diesem Jahr findet die unter dem Motto „Attraverso la memoria / Marche de la mémoire“ stehende Gedenkwanderung am 7. September statt und führt von Terme di Valdieri zum Colle Ciriegia. Der sehr schöne Wanderweg von Gias della Casa hinauf zum Pass ist – wie auch jener über den Colle di Finestra – vom italienisch-französisch-schweizerischen Gemeinschaftsprojekt ‚La Memoria delle Alpi / La Mémoire des Alpes / Gedächtnis der Alpen’ als Freiheitspfad‚ als ‚Percorsi Ebraici‘, ausgewiesen.

Hier das Programm zum Download.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Sant’Anna di Stazzema – Anklage im Fall des Massakers möglich

Schallende Ohrfeige für Stuttgarter Juristen
„Hinreichender Tatverdacht“: Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat im Klageerzwingungsverfahren der Opfervertreter des Massakers von Sant’Anna di Stazzema den Einstellungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer aufgehoben. Damit könnte eines der größten und grausamsten Verbrechen, das deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg verübt haben, doch noch vor Gericht aufgearbeitet werden. Außerhalb Baden-Württembergs.

Nächste Woche jährt sich zum 70. Mal der Tag, an dem im toskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema mindestens 560 wehrlose Frauen, Kinder und alte Menschen ermordet wurden: Am frühen Morgen des 12. August 1944 erreichten Einheiten der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ den Ort. Als sie Stunden später das Dorf wieder verließen, lagen mehrere hundert Menschen tot auf dem Kirchplatz und in den Trümmern ihrer Häuser – erschossen, verstümmelt, verbrannt. Darunter über 100 Kinder.


Der an den Taten beteiligte Kompanieführer des II. Bataillons des 35. Panzergrenadier-Regiments der 16. SS-Panzerdivision „Reichsführer SS“ Gerhard Sommer, seit 1939 Mitglied von NSDAP und Waffen-SS, erhielt wenige Tage nach dem Massaker, am 19. August 1944, das Eiserne Kreuz I. Klasse.

Stuttgarts Juristen setzten jahrelang auf die „biologische Lösung“
Vor deutschen Gerichten mussten sich die Täter nie verantworten. Im Gegensatz zu Italien, wo das Militärgericht La Spezia am 22. Juni.2005 zehn der Beschuldigten in Abwesenheit schuldig sprach und wegen „fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit“ zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilte. Auslieferungshaftbefehle der Italiener wurden jedoch abgewiesen, sodass die im fernen La Spezia rechtskräftig Verurteilten unbehelligt blieben.

In Deutschland hatte zunächst die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg Vorermittlungen im Fall des Massakers von Sant’Anna durchgeführt und den Fall danach an die Staatsanwaltschaft Stuttgart verwiesen, in dessen Einzugsbereich einer der Verdächtigen damals lebte. Dort begannen unter Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler, Chefermittler in allen „politischen Fällen“, im Jahr 2002 die Ermittlungen gegen 17 damals noch lebende Tatbeteiligte. „Umfangreich“ und „äußerst aufwändig“ geführt sollen sie gewesen sein, ist der Einstellungsverfügung zu entnehmen, die nach langwieriger, zehnjähriger Ermittlungstätigkeit am 1. Oktober 2012 erging.

Die Verschleppung der Ermittlungen hatte vorher immer wieder zu kritischen Nachfragen geführt und den Verdacht genährt, man setze in Stuttgart auf eine rein „biologische Lösung“: Schließlich waren seit ihrem Beginn bereits mehrere der hochbetagten Beschuldigten gestorben.

Als sich ein Ende der Ermittlungen nicht mehr länger hinauszögern ließ, entschied sich Bernhard Häußler, „keinen hinreichenden Tatverdacht für eine Anklage“ zu erkennen und stellte das Ermittlungsverfahren ein: Es könne sich bei dem Massaker an den über 560 Frauen, Kindern und alten Menschen auch um eine aus dem Ruder gelaufene Aktion im Rahmen der gezielten Bandenbekämpfung gehandelt haben. Diesem im Hinblick auf die strafrechtliche Verantwortlichkeit der damals noch lebenden Beschuldigten maßgeblichen kruden Kollateralschaden-Ansatz schloss sich kurz darauf auch der baden-württembergische Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) an, dem die Einstellungsverfügung zur Prüfung vorlag.

Der lange Weg durch die Instanzen
So lange aber noch einer der Beschuldigten zur Rechenschaft gezogen und damit Geschichtsfälschung verhindert werden könnte, wollten die seit 70 Jahren auf Gerechtigkeit wartenden noch lebenden Opfer des NS-Massakers von Sant’Anna und ihre Angehörigen nicht aufgeben: Im Namen ihres Mandaten Enrico Pieri, der zum Zeitpunkt der Tat zehn Jahre alt war, durch das Massaker am 12. August 1944 25 Familienmitglieder verlor und Sprecher der Opfervereinigung ist, legte die Hamburger Anwältin Gabriele Heinecke bei der zuständigen Generalstaatsanwaltschaft als nächsthöhere Instanz Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung ein.

Enrico Pieri mit Sohn Massimo - Foto: © Wolfram Mikuteit

Enrico Pieri und Sohn Massimo, bei einer Veranstaltung am 19. Mai 2014 in Konstanz

Die damals von uns geäußerte Hoffnung, dass damit der Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart noch eine Chance für den Nachweis geboten würde, dass sich auch in Baden-Württemberg der Umgang mit NS-Verbrechen verändert hat, um den Verdacht auszuräumen, dass der Geist der die Nachkriegszeit dominierenden furchtbaren Juristen unser Rechtssystem auch heute noch beherrscht, wurde nicht bestätigt.

Denn der bei der Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart zuständige Oberstaatsanwalt Peter Rörig sah keinen Grund, die Ermittlungsergebnisse anzuzweifeln. Obwohl ihm beim Vergleich der historischen Fakten aus dem Gutachten des Historikers Dr. Carlo Gentile mit dem Elaborat seines Kollegen Häußler (mittlerweile im Ruhestand) schnell hätte klar sein müssen, dass dieser, nun ja: nicht ausreichend ermittelt hat. Carlo Gentile arbeitet seit vielen Jahren als historischer Sachverständiger bei NS-Strafverfahren oder deren Vorbereitungen und ist auch Mitglied der im Jahr 2009 von den Außenministern beider Staaten eingesetzten deutsch-italienischen Historikerkommission. Sein von Enrico Pieri beauftragtes Gutachten zeigt hanebüchene Ermittlungsfehler der Stuttgarter Staatsanwaltschaft auf, sorgfältiger Umgang mit historischen Fakten sieht wahrlich anders aus. Dessenungeachtet hat Oberstaatsanwalt Rörig das Ermittlungsergebnis Häußlers im Mai 2013 für die Generalstaatsanwaltschaft bestätigt.

Häußler, Rörig und Stickelberger endlich ausgebremst!
Als letzte Möglichkeit, die Tatumstände des Massakers von Sant’Anna di Stazzema innerhalb eines ordentlichen Gerichtsverfahrens klären zu lassen, blieb den Überlebenden des Massakers nach dieser Entscheidung OStA Rörigs nur noch der Weg über die Klageerzwingung. Große Hoffnung machte sich längst niemand mehr; versucht hat es Gabriele Heinecke für ihren Mandanten aber dennoch. Und war damit erfolgreich:

Am 5. August 2014 hat der 3. Strafsenat des Oberlandesgericht Karlsruhe den Einstellungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer aufgehoben (AZ: 3 Ws 285/13). Vollkommen anders als die Staatsanwaltschaft und die Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart, vollkommen anders auch als Justizminister Rainer Stickelberger, sieht das OLG Karlsruhe hinreichenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten. Für den 3. Strafsenat bestehen „keine vernünftigen Zweifel“ daran, dass die Befehle – die Sommer als kommandierendem Offizier bekannt waren – „nicht auf die Partisanenbekämpfung beschränkt, sondern von vornherein auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung von Sant’Anna di Stazzema gerichtet waren“. Eine Verurteilung wegen Mordes oder zumindest Beihilfe dazu sei wahrscheinlich, „sodass genügender Anlass zur Anklageerhebung besteht“.

Nachdem ein Verfahren in Stuttgart 12 Jahre lang verhindert wurde, ist die dortige Staatsanwaltschaft zukünftig übrigens außen vor, und die Herren Häußler, Rörig und Stickelberger können sich die Entscheidung des OLG Karlsruhe lediglich zur Mahnung hinter den Spiegel stecken:

Da der beschuldigte Gerhard Sommer heute in Hamburg und damit außerhalb des OLG-Bezirks lebt, konnten die Richter keine Anklage erzwingen. Sie verpflichteten die Stuttgarter Ermittler stattdessen, das Verfahren an die Hamburger Staatsanwaltschaft abzugeben. Dort sollen die Ermittlungen nun zügig wieder aufgenommen und zu einer raschen Anklageerhebung geführt werden.

Und Gauck?
Bundespräsident Joachim Gauck ist viel unterwegs zur Zeit; er folgt der Blutspur, die Wehrmacht und SS mit bestialischen Massakern an der Zivilbevölkerung in den ehemals besetzten Staaten hinterließen. Er bat im griechischen Ligiades, im französischen Oradour-sur-Glane und auch in Sant’Anna di Stazzema wortreich um Vergebung – was viel einfacher ist, als auf berechtigte Entschädigungsforderungen einzugehen oder die Praktiken der baden-württembergischen Justizbehörden kritisch zu hinterfragen: „Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht überführt werden können, weil die Instrumente des Rechtsstaats das nicht zulassen“ (Gauck im März 2013 in Sant’Anna).

Was die Instrumente des Rechtsstaates zulassen, wenn sie nicht durch eine breite Front aus Justiz und Politik blockiert werden, hat die Entscheidung des OLG Karlsruhe aufgezeigt. Ob Joachim Gauck sich wohl bei seinem nächsten Besuch in Sant’Anna bemüßigt fühlen wird, sich für diese Aussage und 12 Jahre Verfahrensverschleppung zu entschuldigen?

Sabine Bade

 

In Kürze erscheinen – erstmals in deutscher Sprache – die Lebenserinnerungen von Enio Mancini, in denen er das Leben in Sant’Anna di Stazzema während des Krieges und die Ereignisse des 12. August 1944 beschreibt. Mancini gehört wie Enrico Pieri zu den wenigen Überlebenden des Massakers. Dank seines Engagements konnte 1991 im ehemaligen Schulgebäude von Sant’Anna das Historische Museum des Widerstands eröffnet werden, dessen Leiter er bis 2006 war. Zusammen mit Enrico Pieri wurde Enio Mancini von den „Anstiftern“ der Stuttgarter Friedenspreis 2013 verliehen.

Gabriele Heinecke, Christiane Kohl, Maren Westermann (Hg): Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema – Mit den Erinnerungen von Enio Mancini. Mit Beiträgen von Christiane Kohl und Maren Westermann, der juristischen Einordnung von Gabriele Heinecke sowie einer Untersuchung des Historikers Carlo Gentile.
Laika Verlag Hamburg, ISBN: 978-3-944233-27-7, Hardcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten, 19,00 €. Erscheint im August 2014.

 

Esther Bejarano beim 10. Festival della Resistenza in Fosdinovo

Das Programm, mit dem Esther Bejarano, die im „Mädchenorchester“ des Vernichtungslagers Auschwitz Akkordeon spielte, am 31. Juli 2014 im Resistenzamuseum von Fosdinovo zu sehen und zu hören ist, entstand – wie auch das Buch „La ragazza con la fisarmonica“ – vor einigen Jahren in Italien. Dorthin kehrt sie jetzt mit der Rap-Band Microphone Mafia zu einem Auftritt zurück. Joram und Esther Bejarano - Foto: © Wolfram Mikuteit

Esther Bejarano, 1924 in Saarlouis als Esther Loewy geboren, ist Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz, wo sie zu den weiblichen Häftlingen gehörte, die durch Aufnahme in das „Mädchenorchester“ vor der Vernichtung durch Arbeit und vor dem Tod in den Gaskammern bewahrt wurden. Seit Jahrzehnten engagiert sie sich künstlerisch und politisch als Sängerin, als Zeitzeugin und bei Kundgebungen und Veranstaltungen gegen jede Menschenfeindlichkeit und für eine anhaltende Erinnerungskultur. Sie ist Mitgründerin und Vorsitzende des Auschwitzkomitees sowie Ehrenvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/ Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA). Und seit 2009 rappt sie mit der deutsch-türkisch-italienischen Band „Microphone Mafia“, um der sich ausweitenden neofaschistischen Propaganda auf deutschen Schulhöfen etwas entgegen zu setzen.


Ein Film, ein Gespräch und ein Konzert

Das Programm dieses Abends entstand in Italien: Im Januar 2011 trat Esther Bejarano mit „Microphone Mafia“ zum Holocaust-Gedenktag in Turin auf. Bei einem Zusammentreffen mit der Journalistin Antonella Romeo, die 17 Jahre in Hamburg gelebt und dort u.a. für die ZEIT und Radio Colonia (WDR) gearbeitet hat, entstand die Idee für ein gemeinsames Buch- und Erinnerungsprojekt. Unter dem Titel „La ragazza con la fisarmonica – Dall’orchestra di Auschwitz alla musica Rap“ erschien zwei Jahre später im Turiner Verlag Edizioni SEB 27 das von Antonella Romeo herausgegebene Buch über Esther Bejarano, das im ersten Teil auch einen bereits in den 1980er-Jahren entstandenen Text enthält, den Esther selbst über ihre Kindheit, die Deportation nach Auschwitz und Ravensbrück, über die Befreiung und die anschließende Emigration nach Palästina, die Schwierigkeiten bei der Rückkehr nach Deutschland und ihr politisches Leben geschrieben hat. Antonella Romeo und Esther Bejarano - Foto: © Wolfram Mikuteit

Zum Holocaust-Gedenktag 2013 hatten Antonella Romeo und Piero Somaglino vom Verlag Edizioni SEB 27 zusammen mit den Resistenza-Instituten der drei Provinzen Turin, Cuneo und Alessandria ein eindrückliches Programm zusammengestellt: „Esther Bejarano – Un incontro, un concerto, un libro e un film per il giorno della memoria“.

Esther Bejarano sang Lieder in Jiddisch, Romanes und Russisch und erzählte aus ihrem Leben und von ihrer politischen Arbeit, von ihren Besuchen an Schulen und der Zusammenarbeit mit den Rappern von Microphone Mafia. Dabei wurde sie von dem Jazz-Akkordeonisten Gianni Coscia begleitet.

Am 31. Juli 2014 ist Esther Bejarano, die mit diesem Programm bereits in vielen deutschen Städten zu sehen und zu hören war, nun wieder Italien: Im Resistenzamuseum des kleinen Ortes Fosdinovo, direkt an der Grenze zwischen Ligurien und der Toskana, tritt sie wieder mit Microphone Mafia zur Eröffnung des 10. Festival della Resistenza auf: Mit Ausschnitten aus dem Dokumentarfilm „Esther, die Akkordeonspielerin im Auschwitzorchester“, der rund um die Veranstaltung in Turin 2011 entstanden ist, einem Gespräch zwischen Esther Bejarano und Antonella Romeo und Liedern über den Widerstand, aus den Lagern und über die Deportation von Juden, Sinti und Roma.

Esther Bejarano: Erinnerungen – Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts. Herausgegeben von Antonella Romeo. Laika-Verlag Hamburg, 2013. Hardcover mit Schutzumschlag, 208 S., 21 Euro, ISBN:978-3-94233-04-8

Wer nicht gerade im Urlaub in dieser Region ist und die Gelegenheit hat, Esther Bejarano dort zu sehen, kann zum Buch greifen: Im Herbst 2013 ist die deutsche Ausgabe von Esther Bejaranos „Erinnerungen“ im Laika Verlag erschienen; ihr ist der Dokumentarfilm als DVD beigelegt.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Die Partisanenrepublik im Val di Cogne

Eine von über 20 freien Partisanenrepubliken in Italien
Viele wissen, dass es im Sommer und Herbst 1944 in Italien Freie Republiken gegeben hat. Von deutschen Besatzern und Mussolinis RSI-Armee vollständig befreite Gebiete, in denen die Partisanen für kurze Zeit die Macht übernommen hatten. Befreite Zonen, in denen ein Teil der Partisanen ihre Waffen kurzfristig beiseite legten, sich administrativen Aufgaben zuwandten und mit Hilfe des CLN (Comitato di Liberazione Nazionale) eine Selbstverwaltung aufbauten. Die bei uns bekannteste dieser Freien Republiken ist die vom 10. September bis 19. Oktober 1944 existierende Repubblica partigiana dell’Ossola, über die es mehrere deutschsprachige Veröffentlichungen gibt. Und schon 1952 hatte Beppe Fenoglio mit seiner Erzählung „I ventitré giorni della città di Alba“ (Die 23 Tage von Alba) der Repubblica di Alba (10. Oktober 1944 – 2. November 1944) ein nicht unumstrittenes literarisches Denkmal gesetzt.


Weniger bekannt ist im deutschsprachigen Raum, dass es sich bei den Freien Republiken von Ossola und Alba nicht um Einzelphänomene handelte, sondern in Italien, auch entlang des Westalpenbogens, recht viele dieser befreiten Zonen existierten. Am 4. Juni 1944, nach der Befreiung Roms durch die Alliierten, hatte der CLN einen Appell an die Partisanen gerichtet und zu einer Großoffensive angesichts der erhofften schnellen Befreiung auch Norditaliens aufgerufen.
Über 20 dieser befreiten Zonen entstanden im Sommer und Herbst 1944. Sie konnten sich unterschiedlich lange – zwischen einigen Wochen und drei Monaten – halten. Am längsten dürfte die Partisanenrepublik im valdostanischen Val di Cogne bestanden haben (2. Juli bis 2. November 1944).

Die Partisanenrepublik im Val di Cogne
Als im Sommer und Herbst 1944 fast alle Seitentäler des Aostatals von den Partisanen besetzt waren – lediglich das Haupttal, La Thuile und Courmayeur blieben unter deutscher Kontrolle – wurde der Sitz des bewaffneten Widerstands der gesamten (damals noch piemontesischen) Provinz Aostatal in die Partisanenrepublik „Repubblica di Cogne” verlegt. Dort, wo auf über 2.400 Metern Höhe in den Minen Colonna und Liconi Eisenerz abgebaut wurde, das mit der 1922 eröffneten „Ferrovia del Drinc“ – einer Materialeisenbahnlinie, die fast durchgängig in Tunneln durch das Bergmassiv verlief, das das Val di Cogne vom Aostatal trennt – hinunter zu den Anlagen der Eisen- und Stahlproduktion und angeschlossener Rüstungsbetriebe in Aosta befördert wurde, die seit Mitte Oktober 1943 unter deutscher Besatzungskontrolle standen.

Die Minenarbeiter in Cogne waren gut organisiert: Seit Mitte der 1930er-Jahre gab es dort Zellen der kommunistischen Partei (PCI). Nach der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen unterhielten sie auch Verbindungen zum französischen Widerstand.


Geleitet wurde die Mine von dem Geologen Franz Elter, der ausgezeichnete, aber strikt geheimgehaltene Verbindungen zum antifaschistischem Widerstand besaß. Sein Sohn Giorgio, der bereits an den Märzstreiks 1943 in Turin teilgenommen hatte, musste sich unmittelbar nach der deutschen Besetzung des Aostatals in die Schweiz absetzen. Arbeiter der Minen in Cogne, der Werke in Aosta, Männer, die sich der Einberufung in die Armee des Salò-Regimes entziehen wollten und Flüchtlinge aus Gefangenenlagern bildeten die ersten Partisaneneinheiten, die Sabotageaktionen durchführten.
Um den Betrieb der Minen von Cogne durch Kampfhandlungen nicht zum Erliegen zu bringen, verließen die Faschisten – nachdem Franz Elter reibungslose Weiterproduktion zugesichert hatte – am 1. Juli Cogne kampflos. Am Tag darauf erreichten die ersten Partisanengruppen den Ort; sie kamen über die Berge oder nutzten den Minenzug aus Aqua Fredde. Auch aus der Schweiz kamen junge Leute zurück, die dort ab Herbst 1943 Zuflucht gefunden hatten, unter ihnen auch Giorgio Elter, der sich sofort der „Banda Arturo Verraz“ anschloss (er starb am 7. September 1944 bei einem Überfall auf den Posten bei Pont-Suaz).
Mit dem Anführer der Garibaldi-Brigaden Emile Lexert schloß Franz Elter eine geheime Vereinbarung über die Angriffsziele der Partisanen: Weil er die Demontage der Anlagen und die Deportation der Arbeiter nach Deutschland befürchtete, bat er darum, die Minen von Cogne nicht anzugreifen und sicherte im Gegenzug Sabotage mittels Reduzierung der Förderleistung zu.

Die Partisanenrepublik im Val di Cogne bestand vier Monate lang vom 2. Juli bis zum 2. November 1944. Die Partisanen übernahmen in dieser Zeit die Leitung der Minen und die Administration im Tal, der Anwalt Renato Chabod – der Bruder von Federico Chabod – leitete die Gerichtsbarkeit, freie Wahlen wurden abgehalten. Für die Untergrundzeitung „Il Patriota della Valle d’Aosta“ arbeitete zeitweise der ebenfalls aus der Schweiz zurückgekehrte Giulio Einaudi, und „Radio Valle d’Aosta libera“ sendete täglich. Mitte September wurde auch der Sitz des von General Emilio Magliano geleiteten Kommandos der gesamten Zone II (Provinz Aostatal) des CLN im Piemont nach Cogne verlegt. Funkverbindungen zum Plateau Rosa in die Schweiz und nach Turin wurden mit Mitteln der Organisation „Glass e Cross“ hergestellt.

Aber der alliierte Vormarsch war an der Goten-Linie zum Stillstand gekommen, und im Rahmen der großen deutschen Herbstoffensive wurde das Val di Cogne am 2. November 1944 von faschistischen und deutschen Verbänden zurückerobert. Die Partisanen und gefährdete Zivilisten setzten sich auf verschiedenen Wegen entweder in die Schweiz oder in das bereits befreite Frankreich ab. Dafür diente zwischen dem 2. und dem 6. November 1944 auch das obere Valsavarenche als Fluchtweg: Eine Gruppe von annähernd 350 Personen – Partisanen und Zivilisten – floh aus dem Val di Cogne und dem Valsavarenche über Pont, die Nivolet-Hochebene und den Colle Galisia (2.998 m) nach Val d’Isère.

Am 26. April 1945 mussten die Deutschen Aosta verlassen, am 4. Mai 1945 erreichten die Alliierten die Stadt. Nach deren Abzug Ende 1945 wurde am 10. Januar 1946 der frühere Widerstandskämpfer Federico Chabod erster Präsident der Region. 1948 wurde ein Sonderstatut verabschiedet, das den Valdostanern autonome Rechte gewährte – was von Beginn an eine zentrale Forderung des antifaschistischen Widerstands im Aostatal gewesen war – und Italienisch und Französisch als offizielle Amtssprachen gleichstellte.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit