Intellektuelle im Widerstand: die Einaudis …

… heißt ein einleitendes Kapitel unseres Buches ‚Partisanenpfade im Piemont’, das wir als Beispiel für gelebten Widerstand während der 20 Jahre andauernden faschistischen Herrschaft Mussolinis geschrieben haben. Widerstand, der – wenn auch klandestin – aktiv betrieben wurde, lange bevor im September 1943 der bewaffnete Kampf, die Resistenza gegen deutsche Besatzung und italienischen Faschismus begann.

Am 15. November 1933 gründete Giulio Einaudi zusammen mit Leone Ginzburg und Cesare Pavese in Turin den Buchverlag Einaudi. 2012 wäre Giulio Einaudi 100 Jahre alt geworden, was die Stadt Turin zum Anlass nahm, unter den Arkaden der Via Po mit einer Plakataktion an ihn zu erinnern.
Wir tun es ihr nach.

Lalla Romano und Giulio Einaudi - Foto: © Wolfram Mikuteit

Dass es elf Jahre nach der Machtübernahme der Faschisten in Italien (und ein halbes Jahr nach den Bücherverbrennungen in Hitler-Deutschland) überhaupt möglich war, zur alles dominierenden patriotischen Kultur des Faschismus auf Distanz zu gehen, setzte gratwanderndes Geschick im Umgehen von Vorschriften voraus, für die die Protagonisten auch Haftstrafen und Verbannung in Kauf nahmen.

Massimo Mila

Die Wurzeln des Verlages gehen auf das Turiner Liceo d’Azeglio zurück. Dort unterrichtete mit Augusto Monti ein Lehrer aus dem Kreis um den früh verstorbenen Piero Gobetti, der sich wenig an die vorgegebenen faschistischen Erziehungsideale hielt und seine Schüler zu kritischem Denken anregte. Cesare Pavese, Leone Ginzburg, Norberto Bobbio, Massimo Mila, Vittorio Foa und der etwas jüngere Giulio Einaudi hatten sich durch ihn kennengelernt und gründeten 1927 ihre legendäre Confraternità.

Cesare Pavese - Leone Ginzburg - Franco Antonicelli

Eine Bruderschaft kluger junger Männer (Ginzburg beherrschte bereits als 15-Jähriger mehrere Sprachen fließend und schrieb für diverse Zeitungen), die zusammen viel Spaß hatten und dabei die Welt theoretisch auseinandernahmen und viel besser wieder zusammensetzten.
Viele von ihnen traten zu Beginn der 1930er-Jahre der 1929 im Pariser Exil gegründeten Widerstandsorganisation Giustizia e Libertà bei.

Norberto Bobbio

Und als Luigi Einaudi (damals als bedeutender Wirtschaftswissenschaftler Herausgeber mehrerer Zeitschriften, im Nachkriegs-Italien Ministerpräsident von 1948–1955) seinem damals gerade 21-jährigen Sohn 1933 die Herausgeberschaft der wirtschaftswissenschaftlichen Zeitung La Riforma Sociale übertrug, machten sich die Freunde daran, das Blatt nach ihren Vorstellungen umzukrempeln und auch in die Buchproduktion einzusteigen.

Pater Luigi

Was die Ausrichtung ihres Verlages anbelangte, orientierten sie sich an Laterza Editori, zu dieser Zeit das einzige italienische Verlagshaus mit antifaschistischem Profil. Für Laterza gab der Philosoph Benedetto Croce, den die Mitglieder der Confraternità seit ihrer Schulzeit verehrten, diverse theoretische Buchreihen heraus. Benedetto Croce war eine der großen Leitfiguren Leone Ginzburgs. Zwar konnte sich ihr Verlag offene Kritik am Faschismus, wie Croce – seit 1910 vom König ernannter Senator auf Lebenszeit – sie formulierte, nicht leisten, aber er sollte mit anderen Mitteln dasselbe bewirken: Provinzialismus entgegenwirken und neue Denkräume erschließen, neue und vor allem breitere Leserschichten erreichen. Bildung für jedermann schwebte ihnen vor. So schrieb Pavese über in Italien damals vollkommen unbekannte amerikanische Schriftsteller wie Sinclair Lewis, Sherwood Anderson, Edgar Lee Masters, John Dos Passos und Walt Whitman. Massimo Mila schrieb über Musik, Norberto Bobbio über Philosophie und der Maler Carlo Levi über Kunstgeschichte. Einaudi kümmerte sich um das Geschäftliche und leitete den Verlag mit großem Geschick.

Cesare Pavese

Das Verlagsprogramm war international ausgerichtet, zu den amerikanischen Autoren kamen die russischen hinzu: Ginzburg übersetzte Puschkin, Dostojewski und Tolstoi. Was vor allem nach dem Einmarsch der Italiener in Russland an der Seite Hitler-Deutschlands zu Problemen führte. Als Anfang 1942 Tolstois Krieg und Frieden erschien, startete der Journalist Goffredo Coppola – ein Wegbegleiter Mussolinis bis zur gemeinsamen Flucht Richtung Schweizer Grenze Ende April 1945 – in der Zeitung Popolo d’Italia einen scharfen Angriff gegen Einaudi: Mit der Veröffentlichung habe der Verlag Parallelen ziehen wollen zwischen Napoleons Angriff auf Russland und der deutsch-italienischen Achse, was nur Anhängern von Benedetto Croce und Hörern von Radio London einfallen könne. Und ganz generell: Ein Verlag, der unter 33 Neuveröffentlichungen 23 Übersetzungen aus dem Französischen, Englischen und Russischen liefere, sei durch und durch unitalienisch.
„Basta!“ schloss der Artikel, „Basta mit diesen Nataschas, diesen Borissen, diesen Idioten.“

Natalia Ginzburg

Jede Neuerscheinung musste vom zuständigen Ministerium genehmigt, die Zensur jedes Mal aufs Neue ausgetrickst werden. Immer mal wieder auch ein Buch ins Programm genommen werden, nur um „die Rhetorik des Nationalsozialismus zu dokumentieren“, wie Einaudi es formulierte.
Giulio Einaudi Editore blieb dem gesteckten Ziel der Confraternità bis zum Jahr 1983 treu.

Weitere Informationen über die Protagonisten des Einaudi-Verlages, wie sie sich neben der Verlagsarbeit in den Widerstand einbrachten und wo heute noch an sie erinnert wird, finden sich im Buch.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Stolperstein-Spaziergang durch Saluzzo

Dass Saluzzo mit seiner sehr gut erhaltenen mittelalterlichen Altstadt, den vielen Palazzi, engen Gassen und Torbögen und wegen der herrlichen Lage am Alpenrand eine Reise wert ist, kann man in den meisten Piemont-Reiseführern nachlesen.

Stolperstein-Spaziergang durch Saluzzo

Hinweise auf die jüngere Geschichte – auch wie die Stadt ihrer gedenkt – fehlen dort jedoch. Die Geschehnisse der 20 Monate andauernden deutschen Besatzung Norditaliens bleiben ein ‚weißer Fleck‘. Dem versuchen wir ein wenig entgegen zu setzen; hier mit dem Hinweis auf einen Stolperstein-Spaziergang entlang der ‚Tracce del ricordo‘, die wissenswerte Einblicke in die Historie des Ortes vermitteln. Eine etwas andere Art des ‚Sightseeings‘.

Tracce del ricordo

Stolpersteine in Saluzzo - Foto: © Wolfram Mikuteit

Im Jahr 2009 wurden in Saluzzo die ‚Tracce del Ricordo‘ eingerichtet: Vor den früheren Wohnhäusern von 21 in deutschen Konzentrationslagern ermordeten Juden wurden Gedenkplatten in den Boden eingelassen. Sie sind nur unwesentlich größer als die von Gunter Demnig verlegten Stolpersteine und dienen demselben Zweck: die Erinnerung wachzuhalten an das Schicksal der Menschen, die im Nationalsozialismus vertrieben, deportiert und ermordet wurden. Unter den Namen der Opfer, ihrem Alter und dem Konzentrationslager steht jeweils, warum sie dort ermordet wurden: „perché ebreo“ – weil sie Juden waren.

Synagoge in Saluzzo - Foto: © Wolfram Mikuteit

Die jüdische Gemeinde von Saluzzo

Seit Ende des 15. Jahrhunderts leben Menschen jüdischen Glaubens in Saluzzo. Ende des 18. Jahrhunderts siedelten sie sich nach und nach entlang der heutigen Via Deportati Ebrei (früher: Via degli Israeiliti) an, wo das jüdische Ghetto entstand. Im Jahr 1832 wurde dort die Synagoge errichtet. Nachdem Juden im Zuge des italienischen Risorgimento im Jahr 1848 ihre Emanzipation erlangt hatten, wuchs die jüdische Gemeinde von Saluzzo zu einer der größten in der Provinz Cuneo. Als angesehene Bürger der Stadt nahmen ihre Mitglieder am gesellschaftlichen Leben teil, beteiligten sich am Ersten Weltkrieg, und einige von ihnen waren Mitglieder der faschistischen Partei Mussolinis.

Il Popolo d'Italia - Ausgabe vom 15. Juli 1938

Nachdem ab Mitte der 1930er-Jahre eine breitangelegte antisemitische Pressekampagne sukzessive den Boden für eine Ausgrenzung der Juden gelegt hatte, ließ Mussolini im Juli 1938 das Rassenmanifest (Il fascismo e i problemi della razza) veröffentlichen, das die theoretische Grundlage für die späteren Gesetze darstellen sollte. Darin wurde u.a. behauptet, dass es eine „reine italienische Rasse“ arischen Ursprungs gäbe, der die Juden nicht angehörten. Im August 1938 fand die Zählung der Juden (censimento nazionale degli ebrei) statt, die später den Deutschen für Verhaftungen und anschließende Deportationen in die Vernichtungslager diente.

1938 lebten 45 Juden in Saluzzo. Mit den ab September 1938 verabschiedeten Rassegesetzen wurden sie aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen: ihre Kinder mussten die Schulen und Universitäten verlassen, sie verloren ihre Anstellung in öffentlichen Institutionen und die Lizenz zum Betreiben ihrer Firmen. Durch die damit ausgesprochenen Berufsverbote und die Enteignung jüdischen Vermögens wurde ihnen ihre ökonomische Grundlage entzogen. Ihre physische Verfolgung setzte mit der deutschen Besatzung ein, die unmittelbar auf die italienische Waffenstillstandserklärung vom 8. September 1943 erfolgte, als sich Mussolini und seine Komplizen dafür entschieden, die italienischen Juden der deutschen Deportations-Maschinerie auszuliefern und der Gestapo bei der Verfolgung der Juden freie Hand zu lassen. Die in Saluzzo und der gesamten Provinz Cuneo lebenden Juden wurden verhaftet und die meisten von ihnen im Sammellager von Borgo San Dalmazzo interniert. Einige andere, wie die 74-jährige Anna Segre Levi, zunächst nach Turin gebracht, dort verhört und gefoltert, später deportiert.
Memoriale della Deportazione in Borgo San Dalmazzo - Foto: © Wolfram Mikuteit

Am 15. Februar 1944 wurden die in Borgo San Dalmazzo Inhaftierten zunächst in Viehwaggons in das Lager in Fossoli gebracht, von wo aus der Weitertransport im August 1944 über Bozen in die Vernichtungslager von Auschwitz und Buchenwald erfolgte. 29 Menschen aus Saluzzo wurden dort ermordet. Der junge Isacco Levi, der sich durch Flucht in die Berge rettete, wo er sich der Partisanenbewegung anschloss, verlor auf diese Weise seine gesamte 13-köpfige Familie.

Informationen:
An der Piazza Risorgimento (Ecke Via Spielberg/ Via Deportati Ebrei) gibt es einen Plan zu den ‚Tracce del ricordo‘. Dort sind die Verlegeorte der einzelnen Stolpersteine eingezeichnet.
jüdischer Friedhof in Saluzzo - Foto: © Wolfram Mikuteit

Wer den Spaziergang noch erweitern möchte, sollte die Synagoge und den jüdischen Friedhof von Saluzzo besuchen.
jüdischer Friedhof in Saluzzo - Foto: © Wolfram Mikuteit Der Friedhof befindet sich seit 1795 in der Via Lagnasco. Hier wurden für alle in den Vernichtungslagern ermordeten Juden spezielle Gedenktafeln aufgestellt: „Per non dimenticare“, um nicht zu vergessen. Die seit 1964 nicht mehr genutzte Synagoge steht in der Via Deportati Ebrei. Friedhof und Synagoge können nur nach Anmeldung in der Tourismuszentrale von Saluzzo besichtigt werden: info@saluzzoturistica.it – Tel. 0175-46710, Fax 0175- 46718.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Das Monumento Partigiano in Trois-Villes, Aostatal

Der Ort
Trois-Villes ist eine auf ca. 1.350 Metern Höhe liegende Teilgemeinde von Quart. Erreichbar ist der Ort von Aosta in östlicher Richtung über die Strada Statale (SS) 26, von der man in Saint-Christoph in Richtung Trois-Villes abbiegt, der Ausschilderung bis Avisod folgt und dort an der Kirche rechts abbiegt (ca. 22 km ab Aosta).

Monumento Partigiano in Trois Villes, Aostatal - Foto: © Wolfram Mikuteit

Monumento Partigiano in Trois Villes, Aostatal – Foto: © Wolfram Mikuteit

Das Geschehen
Im Sommer 1944 hatte die Partisanengruppe „13. Banda Émile Chanoux“ in Trois-Villes ihr Quartier. Am 17. August unternahm sie einen Angriff auf einen Posten der faschistischen Miliz in Nus und machte dabei zwei Gefangene. Noch vor Ablauf der Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch griffen deutsche und italienische Truppen am 23. August 1944 Porsan, Avisod und Fonteil (Trois-Villes) an und setzten das gesamte Dorf in Brand. Vier Partisanen kamen dabei ums Leben, über 100 Häuser brannten bis auf die Grundmauern ab.
Nach Ende des Krieges beteiligten sich ehemalige Partisanen am Wiederaufbau von Trois-Villes.

Gedenken
Oberhalb des Dorfes wurde zehn Jahre nach dem verheerenden Brand eine erste – mittlerweile erneuerte – Gedenktafel angebracht. 1963 wurde die „Area Monumentale del Partigiano“ eingeweiht. Die auf einem Felsbrocken stehende weithin sichtbare Statue stellt einen Partisanen unter der Folter dar.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Der Schwur von Garda

Giuramento della Garda, 8. Dezember 1943

Neben den 23 dort beschriebenen Wandertouren haben wir in unserem Buch Partisanenpfade im Piemont auch eine Vielzahl von Erinnerungsplätzen aufgeführt, die mühelos ganz ohne körperliche Anstrengungen besucht werden können. So auch den kleinen ‚Parco della Memoria‘ bei San Giorio di Susa, wo bei der ‚Commemorazione Giuramento della Garda‘ unter dem Motto „Ieri, ora e sempre Resistenza“ wie in jedem  Jahr viele NO-TAV-Fahnen wehen werden.

8. Dezember 1943 - der "Schwur von Garda" - die Geburtsstunde der Resistenza im Susatal - Foto: © Wolfram Mikuteit

8. Dezember 1943 – der „Schwur von Garda“ – die Geburtsstunde der Resistenza im Susatal – Foto: © Wolfram Mikuteit

Unmittelbar nach der Proklamation des italienischen Waffenstillstandes am 8. September 1943 hatten sich um Carlo Carli, Egidio Liberti, Walter Fontan, Felice Cima und Marcello Albertazzi im unteren Susatal erste Widerstandsgruppen, ‚le prime bande‘, gebildet. Aufgrund der von ihnen verübten Sabotageakte auf die für die Deutschen strategisch extrem wichtige Eisenbahnverbindung Turin – Modane, Brücken und Telegrafenleitungen, wurden Teile der Region bereits Ende Oktober 1943 zum ‚Bandengebiet‘ erklärt.

Die offizielle Geburtsstunde der Resistenza im Susatal wird auf den 8. Dezember 1943 datiert. An diesem Tag versammelten sich die Männer, die sich nun nicht mehr ‚Rebellen‘ oder ‚Patrioten‘, sondern ab jetzt ‚Partisanen‘ nannten, auf einer Lichtung bei Martinetti oberhalb von San Giorio di Susa. Don Francesco Foglia – wegen seiner Erfahrungen im Umgang mit Sprengstoff auch ‚Don Dinamite‘ genannt – zelebrierte die Messe. Danach legten die Männer den Schwur von Garda ab: Sie schworen auf die mitgeführte italienische Trikolore, so lange gegen den Nazi-Faschismus zu kämpfen, bis das Land befreit wäre.

Im Jahr 2004 wurde an dieser Stelle eine Erinnerungsstätte eingerichtet. Dieser kleine ‚Parco della Memoria‘ ist über einen einstündigen durch Kastanienwald führenden Rundweg erreichbar. Anfahrt ab San Giorio di Susa über die Weiler Martinetti und Vietti auf der Straße nach Pognant. Kurz hinter Vietti beginnt der ‚Sentiero della Memoria‘ an einer links abzweigenden Forststraße. Dem Hinweisschild zum ‚Pilone di Garda‘ folgen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Der Fluchtweg der Juden über die Seealpen

Aus dem Valle Gesso zum Colle di Finestra, besser noch: über die dort verlaufende Grenze zur Sanctuaire de la Madone de Fenestre zu wandern, ist immer lohnenswert. An jedem ersten Septembersonntag im Jahr aber etwas ganz Besonderes. Dann trifft man auf diesem Weg Menschen, die ein Stück tragischer Geschichte wachhalten, die an die etwa 800 Menschen erinnern wollen, die hier zwischen dem 9. und 13. September 1943 vor den aus dem Süden vordringenden Nazis über den Alpenhauptkamm flohen.

Dass zeitgleich die Deutschen auch Norditalien besetzten – woran dieser Tage nach genau 70 Jahren in vielen Orten Italiens von Boves bis Sant’Anna di Stazzema erinnert wird – wussten die Flüchtlinge damals nicht.

 

Percorsi Ebraici und Memoriale della deportazione
Das Département Alpes-Maritimes gehörte zur italienischen Besatzungszone Frankreichs, was den dort lebenden Juden Schutz vor der Deportation in die deutschen Vernichtungslager gewährte. Ausländischen Juden waren zwar Wohnorte in speziellen Internierungsorten zugewiesen worden, ausgeliefert wurden sie trotz unverhohlener Proteste des „Achsenpartners“ aber nicht. Allein in Saint-Martin-Vésubie lebten zum Zeitpunkt des italienischen Kriegsaustritts am 8. September 1943 etwa 1.200 Juden unterschiedlichster Nationalitäten, nun massiv bedroht, nachdem sich die Italiener über die Alpen zurückziehen mußten. Etwa 800 Juden, darunter Frauen, Kinder und alte Menschen, suchten nun, da die Deutschen von Süden vorrückten, einen Weg nach Italien. Ihre Hoffnung, mit dem beschwerlichen Fluchtweg über die Pässe Finestra (2.474 m) und Ciriegia (2.543 m) und weiter über Entracque und Borgo San Dalmazzo in die Freiheit zu gelangen, trog: die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Viele der Flüchtlinge wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 erlassenen ‚Rasse-Gesetze‘ festgenommen und in Borgo San Dalmazzo inhaftiert.

Am Bahnhof dieses kleinen Ortes am Eingang des Sturatales erinnert heute ein Mahnmal, das ‚Memoriale della Deportazione‘ daran, dass hier am 21. November 1943 insgesamt 329 Menschen dieser Fluchtgruppe in Güterwaggons gepfercht und in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert wurden, wo 311 von ihnen ermordet wurden.

Das italienisch-französisch-schweizerische Gemeinschaftsprojekt ‚La Memoria delle Alpi / La Mémoire des Alpes / Gedächtnis der Alpen’‚ das sich u.a. zur Aufgabe gesetzt hat, politische und rassistische Verfolgungen, Kriegsereignisse sowie geistige und militärische Widerstandsbewegungen, die den Alpenraum so stark geprägt haben, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hat diese Fluchtwege über den Colle di Finestra und den Colle di Ciriegia als Freiheitspfade‚ als ‚Percorsi Ebraici‘ ausgewiesen. Und der französische Literaturnobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézio hat die Ereignisse in seinem Buch „Fliehender Stern“ festgehalten.

Attraverso la memoria 2013 – 70 Jahre später
Vor 15 Jahren wurden die Gedenkwanderungen „Attraverso la memoria/ Marche de la mémoire“ ins Leben gerufen, unterstützt und begleitet werden sie vom Istituto storico della Resistenza in Cuneo, der Associazione Giorgio Biandrata in Saluzzo, der Association pour la Mémoire des Enfants Juifs Déportés des Alpes-Maritimes, Yad Vashem Nizza uvm. Jeweils am ersten Sonntag im September treffen sich auf einem der beiden Pässe Franzosen, Italiener und Nachfahren der Flüchtlinge: „Per non dimenticare“, „Pour ne pas oublier“, „To not forget“ – um nicht zu vergessen.

Dieses Jahr hatte es am Freitag zuvor Gedenkveranstaltungen in Saint-Martin-Vésubie und in Saluzzo gegeben, und am Samstag war den Schwestern Gitta und Chaya Horowitz, die als Kinder über diese Berge geflüchtet sind, in Valdieri die Ehrenbürgerinnenwürde verliehen worden. Zusammen mit ihren Kindern und Enkeln, die sich wie wir am Sonntag morgen auf den Weg zum Colle di Finestra machten, sind sie aus den USA angereist.

So trafen sich oben am Pass annähernd 200 Menschen, als die Namen der Kinder, die diesen Exodus miterleben mussten, bei der Gedenkveranstaltung verlesen wurden.

Kurz unterhalb des Passes ist eine Gedenktafel angebracht, die an allen Tagen auf die hier beschriebenen Geschehnisse hinweist:

Per questo colle, nel settembre 1943, centinaia di ebrei di tutte europa cercarono molti invano la salvezza dalla persecuzione antisemita. Tu che passi libero ricorda che questo è stato ogni volta che accetti che un altro abbia meno diritti di te.“

„Im September 1943 versuchten hunderte von Juden aus ganz Europa, häufig vergeblich, sich über diesen Pass vor der antisemitischen Verfolgung zu retten. Du, der Du Dich frei bewegen kannst, bedenke, dass das geschehen ist, immer wenn Du toleriert hast, dass jemand anderes nicht die gleichen Rechte hatte wie Du.“

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

Le Clézio, ein fliehender Stern und die Seealpen

Als dem Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio im Oktober 2008 der Literaturnobelpreis verliehen wurde, sagte er: „Der Schriftsteller besitzt schon seit einiger Zeit nicht mehr die Überheblichkeit zu glauben, dass er die Welt verändert und mit seinen Kurzgeschichten, seinen Romanen ein besseres Lebensmodell schafft. Heute will er nur noch Zeuge sein.“
Nur noch? Ereignisse zu „bezeugen“, die sonst in Vergessenheit gerieten, ist ja nicht der schlechteste Anspruch. Aber wir wollen uns hier nicht aufs glatte Eis der Literaturkritik begeben (Marcel Reich-Ranicki kannte Le Clézios Bücher vor der Entscheidung des Nobelpreiskomitees nicht, Sigrid Löffler fand eben diese „bizarr“), sondern lediglich davon berichten, dass Le Clézio in seinem Buch ‚Fliehender Stern‘ (*) auf den ersten 145 (von 377) Seiten jene Geschichte erzählt, von der wir in unserem Beitrag Das Memoriale della Deportazione in Borgo San Dalmazzo auch schon berichtet haben.


Von März bis September 1943 hatte eine Gruppe von Juden unterschiedlichster Nationalitäten in Saint-Martin de Vésubie Zuflucht gefunden und suchte, da die Deutschen von Süden vorrückten, einen Weg nach Italien. Ihre Hoffnung – mittlerweile war Mussolini abgesetzt und am 8. September der italienische Waffenstillstand erklärt – mit dem beschwerlichen Weg über den Col de Fenestre oder alternativ den Col de Ciriegia und weiter über Entracque und Borgo San Dalmazzo in die Freiheit zu gelangen, trog: die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Die Flüchtlinge – insgesamt circa 300 Familien – wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 erlassenen ‚Rasse-Gesetze‘ festgenommen und in Borgo San Dalmazzo inhaftiert.

Le Clézio erzählt diese Geschichte aus der Sicht des Mädchens Esther, die dem Schicksal entgangen ist, in Borgo San Dalmazzo in Güterwaggons gepfercht und in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert zu werden, wo 311 Menschen dieser Fluchtgruppe ermordet wurden – worauf heute das ‚Memoriale della Deportazione‘ hinweist.

Wer das Buch mitnimmt auf eine Wanderung auf dem ‚Percorso Ebraici‘ von Madone de Fenestre ins Gessotal, wird einige wenige geografische Ungenauigkeiten darin entdecken (die französisch-italienische Grenze verlief beispielsweise 1943 noch nicht genau auf der Passlinie) und auch feststellen, dass Le Clézio – es handelt sich schließlich um einen Roman und keinen Tatsachenbericht – die zweimonatige Phase, in der die Fluchtgruppe in San Dalmazzo im Campo di Concentramento eingesperrt war, ausgelassen hat. Was der Eindringlichkeit des Romans allerdings nicht den geringsten Abbruch tut.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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(*)
J.M.G. Le Clézio: Fliehender Stern, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, ISBN: 978-3-462-04118-7. Im Original: ‚Étoile errante‘, erschienen 1992 bei Gallimard

Das Memoriale della Deportazione in Borgo San Dalmazzo im Sturatal

Am 25. April wird in Italien wieder der Tag der Befreiung vom Nazifaschismus gefeiert – was wir schon früher und an anderer Stelle zum Anlass nahmen, auf das italienisch-französisch-schweizerische Gemeinschaftsprojekt ‚La Memoria delle Alpi / La Mémoire des Alpes / Gedächtnis der Alpen’ aufmerksam zu machen‚ das sich u.a. zur Aufgabe gesetzt hat, politische und rassistische Verfolgungen, Kriegsereignisse sowie geistige und militärische Widerstandsbewegungen, die den Alpenraum so stark geprägt haben, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.


Meist sind es nur einfache Schautafeln, die entlang der angelegten ‚Freiheitspfade’ aufgestellt wurden und Informationen liefern über bestimmte historische Ereignisse, die ohne diese Hinweise leicht in Vergessenheit geraten könnten. So auch am Percorso Ebraici, der einer großen Gruppe von Juden, darunter Frauen, Kinder und alte Menschen im September 1943 als vermeintlicher Fluchtweg vor den Nazis diente. Von März bis September 1943 hatten sie in Saint-Martin de Vésubie Zuflucht gefunden und suchten nun, da die Deutschen von Süden vorrückten, einen Weg nach Italien. Ihre Hoffnung – mittlerweile war Mussolini abgesetzt und am 8. September der italienische Waffenstillstand erklärt – mit dem beschwerlichen Weg über den Col de Fenestre und weiter über Entracque und Borgo San Dalmazzo in die Freiheit zu gelangen, trog: die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Die Flüchtlinge – insgesamt circa 300 Familien – wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 erlassenen ‚Rasse-Gesetze‘ festgenommen und in Borgo San Dalmazzo inhaftiert.

Am Bahnhof dieses kleinen Ortes am Eingang des Sturatales erinnert heute ein Mahnmal, das Memoriale della Deportazione, daran, dass hier am 21. November 1943 insgesamt 329 Menschen dieser Fluchtgruppe in Güterwaggons gepfercht und in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert wurden, wo 311 von ihnen ermordet wurden.

Die Namen all der Menschen – es gab noch weitere Transporte, auch nach Buchenwald – die von Borgo San Dalmazzo aus in die KZs transportiert wurden, sind nun auf dem Bahnhofsvorplatz eingelassen. Nur die Namen der Wenigen, die überlebt haben, sind auf senkrecht stehenden Stelen angebracht. „… Sie erzählen von den vielen Menschenschicksalen, die in Borgo aufeinander getroffen sind, hierher getrieben von einer Verfolgungsjagd ohne Grenzen, die das damalige Europa nicht verhindern konnte und wollte….“.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Neues Internetportal zu Orten von NS-Verbrechen und Widerstand

Gedenkorte Europa 1939-1945Italien und Frankreich gehören zu den beliebtesten Ferienzielen der Deutschen. Das Internetportal „Gedenkorte Europa“ bietet einen interessanten Wegweiser zu Orten, in denen an die Besetzung durch Nazi-Deutschland, an Lager, Deportationen, Zwangsarbeit, Massaker an der Zivilbevölkerung und den Widerstand durch französische Résistance und italienische Resistenza erinnert wird. Ein etwas anderer Blick auf Côte d’Azur, Toskana, Korsika und Rom.

 

Digitaler Reiseführer zur jüngeren Geschichte

Mit dem Internetportal www.gedenkorte-europa.eu will der in Frankfurt am Main ansässige, 1967 von Martin Niemöller, Wolfgang Abendroth und anderen gegründete Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V. an die Geschichte der Besatzung und des Widerstands in Europa während der Nazi-Diktatur erinnern und zu Besuchen der Gedenkorte anregen, die Wege dorthin aufzeigen und erste Informationen anbieten. Damit soll auch ein Verständnis für die Narben in den kulturellen Gedächtnissen der ehemals besetzten Regionen geweckt werden.


Mehr als 700 Gedenkstätten in Frankreich und Italien umfasst das Portal bereits, das seit Ende Januar 2013 – punktgenau zum Gedenken an den 80. Jahrestag der Machtübernahme durch die NSDAP – zur Verfügung steht: Neben auch bei uns bekannten Orten wie Marzabotto, den Ardeatinischen Höhlen, Sant’Anna di Stazzema und Oradour-sur-Glane, Lagern wie Drancy, Gurs, Fossoli und Bozen sind es vor allem kleinere Orte, die in keinem Reiseführer erwähnt werden. Und auch bei Städten, die wir gut zu kennen glaubten – wie etwa Rom, Paris, Florenz und Genua – werden wir auf Orte und Plätze hingewiesen, die uns bisher nie aufgefallen sind.

Punkte auf der Landkarte …

Gegliedert nach Staat und Regionen wird zu jedem der aufgeführten Gedenkorte über die Geschehnisse und das Gedenken daran vor Ort informiert. Google-Maps-Karten erleichtern nicht nur die Anfahrt sondern auch das Auffinden von Museen, Monumenten, Gedenksteinen für Opfer des Widerstands und Hinweistafeln auf Verbrechen der Besatzungsmacht.

Einführungen zu den Regionen, Sachstichworte wie z. B. Kollaboration, Judenverfolgung, Partisanenbekämpfung, Maquis oder Frauen im Widerstand bietet das Portal ebenso wie viele Kurzporträts von Tätern/ Faschisten (u.a. Kesselring, Rommel, Engel, Barbie und Best) und Opfern/ Widerständlern wie Duccio Galimberti, Primo Levi, Jean Moulin, Lucie Aubrac und vielen anderen. Fotos und Wegbeschreibungen, Literatur- und Medienhinweise ergänzen die Texte.
Gedenkorte Europa 1939 - 1945
… für Geschichte, die nicht im Reiseführer steht

Wer sich im Urlaub in Frankreich oder Italien – neben Kultur, Landschaft, Sprache und Erholung – auch für die jüngste Geschichte der Region interessiert, findet hier Hinweise, die in keinem Reiseführer stehen: Im Elsass beispielsweise den Chemin de la Mémoire et des Droits de l’Homme, der 19 Gedenkorte an die NS-Zeit im Elsass und in Baden miteinander verbindet; im piemontesischen, malerisch am Alpenrand gelegenen Saluzzo vor den früheren Wohnhäusern 21 ermordeter Juden kleine, Stolpersteinen ähnelnde Gedenkplatten („Chi abitava Marco Levi ucciso ad Auschwitz all’eta di 73 anni perché ebreo“ – Hier wohnte Marco Levi, ermordet in Auschwitz im Alter von 73 Jahren, weil er Jude war); in Genua das frühere Gestapo-Hauptquartier, in dessen ehemaligem Folterkeller heute – stellvertretend für die Opfer des deutschen Widerstandes in den Reihen der Arbeiterbewegung – Rudolf Seiffert, Mitglied der Berliner Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation, geehrt wird. Um hier nur einige Beispiele zu nennen, die bereits erkennen lassen, dass das Stöbern im Gedenkorteportal durchaus nicht nur unter touristischem Aspekt lohnenswert ist.

Obwohl Vollständigkeit in keiner Weise angestrebt ist – sie ist allein schon wegen der großen Zahl der betroffenen Orte nicht möglich – werden weitere Gedenkorte in Frankreich und Italien nach und nach eingepflegt. In den nächsten Jahren soll das Projekt mit Wegweisern zu Gedenkorten in Griechenland fortgesetzt werden.

Sabine Bade

Mitglied der Redaktion von gedenkorte-europa.eu

 

Der Staatsanwalt und das Massaker von Sant’Anna di Stazzema

Überprüft und für gut befunden hat der baden-württembergische Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) im Oktober 2012 die zwei Wochen zuvor von Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler verfügte Einstellung des Ermittlungsverfahren gegen Angehörige der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ wegen Beteiligung am Massaker im toskanischen Dorf Sant’Anna di Stazzema. Hätte diese Entscheidung Bestand, wäre die Aufarbeitung eines der größten und grausamsten Massaker, das deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg verübt haben, in Deutschland gescheitert.

Damit bleibt Stickelberger seiner Linie treu, sich vorbehaltlos hinter seinen umstrittenen Chefermittler Bernhard Häußler zu stellen. Erst vor kurzem hat er dessen – auch wegen des Verschleppens des Falles Sant’Anna di Stazzema – in einer Petition geforderte Ablösung abgelehnt. Dabei hätte es sehr viele gute Gründe gegeben, die Einstellungsverfügung einer exakteren Prüfung zu unterziehen.


Dass die Recherchen der Staatsanwaltschaft Stuttgart und des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg „umfangreich“ und „äußerst aufwändig“ geführt wurden, kann wirklich nicht bezweifelt werden. Ob die Richtungen, in die sie gingen, aber wirklich in jedem Fall sachdienlich waren, hätte in Frage gestellt werden sollen. Gerade die Länge des bereits im Jahr 2002 eingeleiteten Ermittlungsverfahrens hat immer wieder zu kritischen Nachfragen geführt und den Verdacht entstehen lassen, man setze in Stuttgart auf eine rein ‚biologische Lösung’: Schließlich sind seit Aufnahme der Ermittlungen bereits mehrere der hochbetagten Beschuldigten gestorben.

Massaker an Frauen und Kindern als Kollateralschaden?

Da eine weitere Verschleppung nun wohl nicht mehr länger möglich erschien, präsentierte uns die Staatsanwaltschaft Stuttgart in ihrer Presseerklärung zur Einstellung des Verfahrens am 1.10.2012 als wenig befriedigendes Ergebnis, das Massaker an mindestens 560 Frauen, Kindern und alten Menschen könne auch als Kollateralschaden im Rahmen der Partisanenbekämpfung zu werten sein: „Für die Entscheidung, das Verfahren einzustellen, war maßgebend, dass sich der Nachweis, bei dem Massaker habe es sich um eine von vorneherein geplante und befohlene Vernichtungsaktion gegen die Zivilbevölkerung gehandelt, nicht mit der für eine Anklageerhebung erforderlichen Sicherheit führen lässt. Nach dem Ergebnis der Ermittlungen besteht nämlich auch die Möglichkeit, dass Ziel des Einsatzes ursprünglich die Bekämpfung von Partisanen und die Ergreifung arbeitsfähiger Männer zum Zweck der Verschleppung nach Deutschland war und die Erschießung der Zivilbevölkerung erst befohlen wurde, als klar war, dass dieses Ziel nicht erreicht werden konnte.“

Geplante Ermordung von Zivilisten (etwa aus Abschreckungsgründen oder im Zuge einer Strategie der verbrannten Erde) oder aus dem Ruder gelaufene Aktion im Rahmen der gezielten Bandenbekämpfung? Hierin liegt der Unterschied im Hinblick auf die strafrechtliche Verantwortlichkeit der noch lebenden Beschuldigten.

Schuldig vor italienischem Gericht

Das Militärgericht La Spezia sah die Dinge anders als die Staatsanwaltschaft Stuttgart, sprach am 22.06.2005 zehn der im vorliegenden Fall Beschuldigten in Abwesenheit schuldig und verurteilte sie jeweils zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Es verwarf damit auch die von der Verteidigung vorgebrachte These der womöglich eskalierten, aber legitimen Partisanenbekämpfung. Das Gericht betonte, dass den Deutschen bereits seit dem 9. August 1944 – also 3 Tage vor der Tat – bekannt gewesen sei, dass sich die Partisanen nach Osten zurückgezogen hatten und sich in der Gegend von Sant’Anna di Stazzema ausschließlich Zivilisten aufhielten.

Eine Auffassung, der sich sicher auch einige mit der Thematik vertraute Historiker anschliessen würden – hätte man sie in einem ordentlichen Gerichtsverfahren angehört. Zumindest die von der Staatsanwaltschaft veröffentlichte Mitteilung zur Einstellungsverfügung liest sich jedoch, als hätte die Behörde nicht nur den ihr zustehenden Part der Ermittlungsarbeit übernommen, sondern sich darüber hinaus Sachverständigenkompetenz angemaßt – und dann auch noch gleich die Rolle des Gerichts eingenommen.

Erbe der furchtbaren Juristen?

Da nun gegen diese Einstellungsverfügung Beschwerde eingelegt wird, hat die zuständige Generalstaatsanwaltschaft als nächsthöhere Instanz die Aufgabe zu überprüfen, ob die Sichtung der gesamten Ermittlungsunterlagen den Schluss zulässt, dass im Zuge der 10 Jahre andauernden Ermittlungen wirklich alles unternommen wurde, um den Tathergang aufzuklären. Dazu gehört hoffentlich auch die Prüfung, ob die durch die Staatsanwaltschaft vorgenommene historische Einordnung des Massakers nicht bloße Spekulation ist. Die einzig und allein dem Zweck dienen dürfte, eine Anklage zu verhindern.

Damit wird der zuständigen Generalstaatsanwaltschaft die vermutlich letzte Chance für den Nachweis geboten, dass sich auch in Baden-Württemberg der Umgang mit NS-Verbrechen verändert hat. Sie sollte sie nutzen. Um den Verdacht auszuräumen, dass der Geist der die Nachkriegszeit dominierenden furchtbaren Juristen unser Rechtssystem auch heute noch beherrscht. Fatal genug, dass sie unsere Gesetzgebung noch bis Ende der 1960er-Jahre prägten und damit den meisten NS-Verbrechern ermöglichten, völlig straffrei weiter zu leben.Gelegenheit dazu wird sie bekommen. Die Hamburger Anwältin Gabriele Heinecke hat bereits angekündigt, im Namen ihres Mandaten Enrico Pieri Beschwerde einzulegen, um die Anklage zu erzwingen. Enrico Pieri war zum Zeitpunkt der Tat 10 Jahre alt und hat durch das Massaker am 12. August 1944 in Sant’Anna di Stazzema 25 Familienmitglieder verloren.

Wie Lidice, wie Oradour, wie Marzabotto … Sant’Anna di Stazzema
Sant Anna di Stazzema - EccidioWer von La Spezia auf der Autobahn A12 nach Süden in die Toskana fährt, passiert kurz hinter Massa ein Hinweisschild, das in Richtung Sant’Anna di Stazzema weist. Die großflächige Grafik ist ganz schlicht mit „L’Eccidio“ untertitelt (s.Foto). Nur 15 Kilometer abseits der Autobahn liegt auf 600 Metern Höhe am Südrand der apuanischen Alpen dieses Bergdorf, das am 12. August 1944 Schauplatz eines der größten und grausamsten Massaker (italienisch: eccidio) wurde, das deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg verübten und dem mindestens 560 wehrlose Frauen, Kinder und alte Menschen zum Opfer fielen. Damals hatte Sant’Anna circa 400 Einwohner. Darüber hinaus befand sich im Dorf eine große Anzahl von Menschen aus dem nahen Küstenbereich, nachdem dieser auf Anordnung der Deutschen hatte geräumt werden müssen. Sie waren vorübergehend bei Familien und in Behelfsunterkünften untergekommen und wähnten sich nun in Sicherheit.

Am frühen Morgen des 12. August 1944 erreichten Einheiten der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ Sant’Anna di Stazzema. Als sie Stunden später das Dorf wieder verließen, lagen mehrere hundert Menschen tot auf dem Kirchplatz und in den Trümmern ihrer Häuser – erschossen, verstümmelt, verbrannt. Darunter über 100 Kinder. Was zwischenzeitlich passiert war, berichten Zeitzeugen in ihren eigenen Worten:

Milena Bernabò (damals 16 Jahre):

„Sie haben alle Tiere, die in den Ställen waren, herausgeholt und dann haben sie uns dort hineingeführt. Wir mussten uns da mit Gewalt hineinzwängen, diese Ställe waren ganz voll von Menschen. Sie haben schließlich alle eingesperrt. Sie haben begonnen, die Erschießung vorzubereiten, sie haben die Tür des Stallgebäudes geöffnet und haben zu schießen begonnen – was das Zeug hielt. Die Leute schrien, weinten, versteckten sich. Auch meine Schwester ist hinausgerannt, und dann haben sie sie draußen erschossen. Dann haben sie Holzbündel hereingeworfen und Feuer gelegt. Die Menschen begannen zu brennen und auch die Tür vom Stall, in dem wir waren, sodass wir nicht mehr heraus konnten.“
Milena hat überlebt, konnte sich unerkannt durch eine Luke ins Obergeschoss retten.

Enrico Pieri (damals 10 Jahre):

„Die Deutschen kamen das Wäldchen herunter und betraten unsere Küche. Sie haben uns schroff aufgefordert, nach draußen zu gehen und uns zusammen mit der Familie Pierotti Richtung Kirchplatz geführt. Kaum waren wir 50 Meter gegangen, haben sie uns befohlen, wieder umzukehren und uns in die Küche der Familie Pierotti gebracht, Leuten aus Pietrasanta, die im Haus meiner Großmutter mütterlicherseits evakuiert waren. Wir Kinder gingen vorneweg. Kaum waren wir in der Küche, sind die Männer hereingekommen und haben sich wie Schilde vor uns gestellt. Die Deutschen begannen zu schießen und haben immer weiter geschossen. Inzwischen hatte mich eine der Schwestern Pierotti, Grazia, gerufen, da wir ja vorweg gegangen waren, und mich in einen kleinen Verschlag unter der Treppe geholt. Sie haben weiter mit der Pistole geschossen und haben Handgranaten geworfen, und wir haben uns in diesen kleinen Verschlag gerettet. Dann haben sie Feuer ams Haus gelegt, aber zum Glück hat es nicht gebrannt. Ohne diese zwei Zufälle wäre ich heute nicht hier. Wenn das Haus brannte, verbrannte man bei lebendigem Leib. Nach einiger Zeit konnten wir wegen des Rauchs im Haus nicht mehr atmen. Wir haben das Haus nach zehn Minuten, einer Viertelstunde, genau weiß ich das nicht mehr, verlassen, und wir haben uns in einem Bohnenfeld ganz in der Nähe des Hauses versteckt und sind dort einige Stunden bis zum Nachmittag geblieben. Dann sind wir wieder in die Küche gegangen, um zu sehen, ob dort noch etwas war. Und wir sahen, dass alle tot waren.“

Am Ort des Massakers entstand der Parco Nazionale della Pace, …

Die Liste der während der deutschen Besatzung Norditaliens von Wehrmacht und SS begangenen Massaker an der Zivilbevölkerung ist lang. Insgesamt etwa 10.000 Zivilisten, darunter viele Kinder, wurden zwischen September 1943 und April 1945 während sogenannter ‚Sühnemaßnahmen‘ umgebracht.
Die ersten dieser Kriegsverbrechen wurden begangen, als Generalfeldmarschall Rommel noch Oberbefehlshaber in Norditalien war. Seinem Nachfolger Albert Kesselring ist das Gedicht gewidmet, das sich an der Außenwand des Museo Storico della Resistenza Toscana im alten Schulhaus von Sant’Anna di Stazzema befindet. Verfasst hat es Piero Calamandrei, Professor für Zivilprozessrecht, als Reaktion auf Kesselrings menschenverachtende Aussage von 1952, die Italiener täten gut daran, ihm für sein Verhalten in der Zeit, in der er den Oberbefehl auf dem italienischen Kriegsschauplatz innehatte, ein Denkmal zu errichten.

Stattdessen haben die Italiener Sant’Anna di Stazzema zu einer nationalen Gedenkstätte gemacht: Zunächst wurde 1948 auf dem Col di Cava gleich oberhalb des Dorfes das 12 Meter hohe Ossario errichtet. Dessen Sockel birgt die Überreste der Opfer des Massakers vom 12. August 1944. Auf der Tafel an der Rückseite des Denkmals sind die Namen der Toten verewigt, die identifiziert werden konnten.
In den 1980er-Jahren wurde im alten Schulhaus ein erstes kleines Museum errichtet – dank der unermüdlichen Arbeit von Enio Mancini, der das Massaker als damals Siebenjähriger überlebte. Das Museum wurde 1991 in regionaler Verantwortung übernommen, beherbergt heute das ganzjährig geöffnete Museo Storico della Resistenza Toscana und dokumentiert sehr anschaulich die Geschehnisse des 12. August 1944. Im Dezember 2000 wurde die bereits in den 1980er-Jahren entwickelte Idee realisiert, das gesamte Dorf als ‚Parco Nazionale della Pace’ auszuweisen.

… aber die juristische Aufarbeitung in Deutschland fehlt noch immer

Was aber immer noch fehlt, ist die juristische Aufarbeitung des Massakers in Deutschland. Nach der jahrelangen Verschleppung der Ermittlungen muss den Angehörigen der Opfer die Erklärung von Minister Stickelberger wie der blanke Hohn erscheinen: Anstatt darauf hinzuweisen, dass es rechtswidrig sei, ein Verfahren ohne Verurteilungswahrscheinlichkeit zu eröffnen, nur „um damit den Opfern und ihren Angehörigen Genüge zu tun“, hätte er die Einseitigkeit der vorgenommenen Ermittlungen erkennen müssen, die eben diese Verurteilungswahrscheinlichkeit minimiert haben.

Sabine Bade