Die Geige aus Cervarolo

Gerechtigkeit hat kein Verfallsdatum – Der italienische Dokumentarfilm «Il violino di Cervarolo» («Die Geige aus Cervarolo») will die Erinnerung an von Deutschen während der Besatzung Italiens begangene Verbrechen wachhalten.

Die Geige aus Cervarolo - Il Violino di CervaroloAls 1962 der italienische Spielfilm «Die vier Tage von Neapel» von Nanni Loy in deutschen Kinos anlief, löste er Empörung aus. Weil er deutsche Wehrmachtsangehörige als Täter zeigte, die in Italien willkürliche Erschießungen, brutal durchgeführte Deportationen und entsetzliche Grausamkeiten begingen, nachdem der ehemalige Bündnispartner Italien im September 1943 aus dem Krieg geschieden war. Dem Mythos vom «sauberen Krieg an der Südfront» konnte der Film aber nichts anhaben. Bis heute hat sich die Geschichtsfälschung behauptet, die deutsche Wehrmacht habe – wenn überhaupt – lediglich in der Sowjetunion eine verbrecherische Kriegsführung praktiziert.

Um nicht zu vergessen

Das macht 67 Jahre nach Ende des Krieges den Film «Il violino di Cervarolo» («Die Geige aus Cervarolo») von Nico Guidetti und Matthias Durchfeld so aktuell. Er erzählt von den Bewohnern des kleinen Dorfes Cervarolo in der Emilia Romagna im nördlichen Apennin, die am 20. März 1944 Opfer eines von deutschen Truppen verübten Massakers wurden. Als «Sühnemaßnahme» für die Präsenz von Partisanengruppen in der Umgebung hatten Einheiten der Fallschirm-Panzerdivision «Hermann Göring» – unterstützt von italienischen Faschisten – vorher bereits Massaker an den Einwohnern der umliegenden Dörfer begangen. Nun fielen sie in Cervarolo ein, trieben 24 Männer aus ihren Häusern und erschossen sie. Danach wurden Frauen vergewaltigt und Häuser in Brand gesteckt. Der Film erzählt vom damaligen und heutigen Leben der Angehörigen der Opfer des Massakers, lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und zeigt Ausschnitte aus dem Prozess, der in Verona gegen ehemalige Mitglieder der deutschen Wehrmachtseinheit geführt wurde. Protagonist ist Italo Rovali, Sohn eines Geigers, der durch das Massaker seinen Großvater und seinen Onkel verlor. Rovalis langjährige Nachforschungen haben den Prozess erst möglich gemacht. Mitarbeiter des Geschichtsinstituts Istoreco der Provinz Reggio Emilia begleiteten die Bewohner von Cervarolo durch das Verfahren und filmten alle 41 Prozesstage zu Dokumentationszwecken – «Il violino di Cervarolo» ist ein Ergebnis dieser Arbeit.

Il Violino di Cervarolo (Die Geige aus Cervarolo)
Nico Guidetti / Matthias Durchfeld, I 2012; 75 min., Italienisch mit deutschen Untertiteln. Der Film lief 2012/2013 in einigen deutschen und schweizerischen Programmkinos. Die DVD kann für 12 Euro + 2 Euro Versankosten bei www.resistenza.de bestellt werden.

Im Juli 2011 wurden sechs Männer dieser Einheit in Abwesenheit zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Drei sind im Oktober 2012 in zweiter Instanz freigesprochen worden, die anderen Urteile wurden bestätigt. Eine Inhaftierung droht den Tätern jedoch nicht, da Deutschland die Verurteilten nicht ausliefert.

Blanko-Befehle zum Töten

Die Liste der während der deutschen Besatzung Italiens von Wehrmacht und SS begangenen Massaker an der Zivilbevölkerung ist lang. Etwa 10 000 ZivilistInnen wurden zwischen September 1943 und April 1945 im Rahmen der sogenannten «Bandenbekämpfung» umgebracht.

Nur wenige der NS-Verbrechen wurden nach Kriegsende verfolgt. Aus dem anfänglichen Vorsatz der Alliierten, bis zu 60 000 TäterInnen vor Gericht zu stellen, gingen in den Westzonen nur wenige Anklageerhebungen hervor. Und: Je später der Prozess angesetzt war, desto milder fiel die Bestrafung aus. Bereits vor dem Hintergrund des einsetzenden Kalten Krieges und eher widerstrebend abgehalten fand 1947 in Venedig vor einem britischen Militärgericht der Prozess gegen Generalfeldmarschall Albert Kesselring statt. Er war ab November 1943 Oberbefehlshaber in Italien und verantwortlich für Blanko-Befehle zum Töten auch von unschuldigen Frauen und Kindern. Er wurde zunächst zum Tode verurteilt, gleich darauf zu lebenslänglicher Haft begnadigt und 1952 entlassen: Seine Entlassung war ein erfolgreiches Ergebnis einer breiten Pressekampagne, die in der Forderung «Nicht Gnade, sondern Recht» gipfelte. Als Gegenleistung für ihre Mitarbeit am Aufbau deutscher Streitkräfte sollte die Wehrmacht rehabilitiert werden.

Nachdem die westlichen Alliierten ihr Programm zur Verfolgung von NS-Gewaltverbrechen eingestellt hatten, wurden viele Ermittlungsunterlagen den italienischen Behörden ausgehändigt. Zunächst mit Blick auf die eigenen Kriegsgefangenen auf dem Balkan, später aus Rücksichtnahme auf den Nato-Partner Deutschland, wurde in Italien auf die Eröffnung von entsprechenden Verfahren jedoch verzichtet. Die über 700 Aktenbündel kamen in der Militärstaatsanwaltschaft von Rom unter Verschluss und wurden dort «provisorisch archiviert». Als sie 1994 zufällig in einem Aktenschrank, dem «Schrank der Schande», entdeckt wurden, begann die späte Aufarbeitung, die zu einer Reihe von Prozessen führte.

Kein Schleier des Vergessens

In Deutschland sorgte im Jahr 1968 ein unscheinbares Gesetz (Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz) für eine kalte Amnestie: Es setzte die Verjährungsfrist für Mordgehilfen, damals jene Personen, denen «besondere persönliche Motive» an der Tat nicht nachgewiesen werden konnten, auf fünfzehn Jahre herunter. Was zur Folge hatte, dass viele NS-Verbrechen bereits seit dem Jahr 1960 verjährt waren.

Während das Landgericht München im Jahr 2010 Josef Scheungraber wegen seiner Beteiligung am Massaker von Falzano di Cortona (Toskana) zu lebenslanger Haft wegen zehnfachen Mordes verurteilte, stellte die Staatsanwaltschaft Stuttgart die Ermittlungen zum ganz ähnlich gelagerten Massaker in Sant’Anna di Stazzema im Oktober 2012 ein. Der kleine toskanische Ort war am 12. August 1944 Schauplatz eines der grössten und grausamsten Massaker, das deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg verübten und dem mindestens 560 wehrlose Frauen, Kinder und alte Menschen zum Opfer fielen. Die zehn Jahre andauernden Ermittlungen hatten bereits vorher den Verdacht aufkommen lassen, man setze in Stuttgart auf eine rein «biologische Lösung»: Schliesslich waren seit Beginn der Ermittlungen bereits mehrere der Beschuldigten verstorben. Der Einstellungsverfügung ist nun zu entnehmen, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass es sich um eine aus dem Ruder gelaufene Aktion im Rahmen der gezielten Bandenbekämpfung gehandelt habe.

In einem Interview hat der Militärstaatsanwalt in Turin, Dr. Pier Paolo Rivello, erklärt: «Es geht [bei diesen Prozessen] auch darum, Klarheit darüber herzustellen, was passiert ist. Über diese Ereignisse sollte nicht der Schleier des Vergessens gelegt werden. Eine Funktion solcher Prozesse ist es auch, mittels der gesammelten Dokumente und Zeitzeugenberichte Geschichtsfälschungen zu verhindern.» Deshalb sind Filme wie «Il violino di Cervarolo» so wichtig.

Sabine Bade

Die Freiheit zum Greifen nah – Tragödie am Colle Galisia

Das tragische Schicksal der 41 Männer, die bei der Überquerung des Colle Galisia im November 1944 starben, gehört zur Geschichte der Resistenza im Valle Orco. Sie wachzuhalten, hat sich u. a. das Cà del Meist mit seiner permanenten Ausstellung auf die Fahnen geschrieben.

Lago Serrù, 2.278 m - links die Cima della Vacca, 3.186 m - und rechts der Colle Galisia, 2.987 m - Foto: © Wolfram Mikuteit

Den seit alters her von Schmugglern, Händlern und Auswanderern genutzten Weg über den Colle Galisia (2.987 m) nahmen die Partisanen regelmäßig. Um sich bei Auskämmungsaktionen kurzfristig in das bereits befreite französische Arctal abzusetzen, zur Verbindungsaufnahme mit den Alliierten und um Flüchtlinge in Sicherheit zu bringen.

So auch im November 1944:
Eine Gruppe englischer Kriegsgefangener, der im September 1943 die Flucht aus einem Internierungslager gelungen war und die sich seitdem bei den Partisanen im Valle Sacra aufhielt, sollte nach Frankreich gebracht werden. Geführt wurden sie von ortskundigen Partisanen der VI. Divisione Canavesana Giustizia e Libertà und einigen Autonomen.

Von Ceresole Reale stiegen die 44 Männer am 7. November auf zum Lago Agnel, übernachteten dort und gingen dann, obwohl sich das Wetter zusehends verschlechterte, weiter zum Pass. Erst nach Einbruch der Dunkelheit kamen sie dort an, viel später als geplant. Zwei Engländer blieben – sie waren zu erschöpft, um weitergehen zu können – in Begleitung von Giuseppe Mina und Carlo Diffurville zurück. Sie sollten später nachgeholt werden. Bei Eiseskälte (minus 25 Grad) suchten sie Schutz unter einer Felswand am Galisia und warteten auf Rettung. Als die nicht kam, machten sich Mina und Diffurville donn doch an den Abstieg. Und fanden bei den Gorges du Malpasset, ganz in der Nähe des alten Refuge Prarirond, die gesamte Gruppe begraben unter einer Lawine. Erst am 17. November 1944 konnte Alfred Southon mit schwersten Erfrierungen vom Galisia geborgen werden. Sein Begleiter Walter Rattue war einen Tag vorher gestorben.

Am Lago Serrù beginnt ein anspruchsvoller Weg, vorbei am unbewirtschafteten und nur mit Schlüssel zugänglichen Rifugio Pian della Ballotta, hinauf zum Colle Galisia – der Sentiero Internazionale Colle della Losa. Schwierigkeitsgrad nach italienischem Rating EEA, was in etwa dem Schwierigkeitsgrad T6 für „schwieriges Alpinwandern“ der Wanderskala des Schweizer Alpen-Clubs entspricht. Der Aufstieg von Frankreich aus über das Refuge Prarirond gestaltet sich einfacher.

Cà del Meist - mit Bibliothek und Ausstellung zum Colle Galisia - Foto: © Wolfram Mikuteit

Im Cà del Meist in Ceresole Reale (etwas zurückgesetzt ggü. des Albergo Meuble Sport) ist im Erdgeschoss die Dokumentation Galisiaquarantaquattro zur Tragödie am Colle Galisia zu sehen. Im Obergeschoss ist die Biblioteca della Montagna Gianni Oberto untergebracht. Wer nach Literatur zum Tal und der gesamten Gran-Paradiso-Region sucht, wird hier ganz bestimmt fündig.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Gedenken an deutschen Widerstandskämpfer im ehemaligen Folterkeller der Gestapo in Genua

Die Gestapo in der Casa dello Studente
Die Universität Genua ließ zwischen 1933 und 1935 die Casa dello Studente am Corso Aldo Gastaldi (damals: Corso Giulio Cesare) als Studentenwohnheim errichten. Kurz nach Fertigstellung wurde das 5-geschossige Gebäude von der Faschistischen Partei übernommen. Nach der Besetzung Genuas durch deutsche Truppen war die Casa dello Studente ab Mitte Oktober 1943 Sitz der Gestapo, war deren Verhör- und Folterzentrum unter Leitung von SS-Obersturmbannführer Friedrich Engel, dem SD- und Polizeichef von Genua, der in internationalen Medien auch als „Schlächter von Genua“ bezeichnet wird.


Nach der Befreiung Genuas am 25. April 1945 – die deutschen Truppen unter dem Kommando von Generalmajor Günther Meinhold hatten sich direkt den Vertretern des Widerstands ergeben – fanden die Partisanen im Keller der Casa della Studente Folterwerkzeuge, Blutspuren, Knochenteile und Fingernägel. Die Medien berichteten über die Funde, und für eine kurze Zeit stand das Gebäude, in dem Hunderte von Widerstandskämpfern gefangen gehalten und in dem sogenannten „Keller der Qualen“ vor ihrer Hinrichtung oder Deportation gefoltert wurden, der Bevölkerung Genuas offen.
Aber schon ab 1946 wurde die Casa dello Studente wieder von der Universität genutzt, die Gefängniszellen wurden als Vorratsspeicher für die Mensa verwendet und der Zugang zum für die Folterungen genutzten unterirdischen Luftschutzraum wurde – im Namen der nationalen Versöhnung – zugemauert.

Die verborgene Seite des deutschen Widerstandes
27 Jahre lang rührte niemand an der grausigen Vergangenheit des Studentenwohnheims.  Erst nachdem Studenten Ende der 1960er-Jahre zusammen mit ehemaligen Widerstandskämpfern damit begonnen hatten, die Geschichte des Gebäudes zu rekonstruieren, legten sie 1972 diesen Zugang wieder frei. Damals entstand die Idee, den „Keller der Qualen“ als Gedenkstätte des internationalen Widerstandes zu erhalten. Das Ziel der Initiatoren war es, den oft längst vergessenen Beitrag all jener zu würdigen, die in ganz Europa für den Widerstand gegen Nationalsozialismus und Faschismus kämpften, der „kein Vaterland und keine Grenzen kannte“. Hier sollte nicht nur an den ehemaligen Folterkeller der Gestapo erinnert werden. Dass das Gebäude auch von italienischen faschistischen Organisationen im Wissen um die Ereignisse in den Folterkellern genutzt wurde, sollte ebenso in Erinnerung bleiben wie die vielen Opfer des deutschen Widerstandes gegen das NS-Regime, vor allem in den Reihen der Arbeiterbewegung, über den in Italien relativ wenig bekannt war/ ist.

La Casa dello Studente di Genova

Luigi Barco e Piero Ferrazza: Una pagina della Resistenza. La Casa dello Studente di Genova. Edizioni PANTAREI s.r.l., Milano, 2012. ISBN: 978-88-86591-29-4.

Um diese nach Ansicht der Initiatoren verborgen gebliebene Seite des deutschen Widerstandes, vor allem den der Arbeiter in Berlin, zu würdigen, ehren sie in der Casa dello Studente seit 1974 Rudolf Seiffert stellvertretend für die deutschen Widerstandskämpfer. Seiffert (1908-1945) war Leiter einer illegalen Betriebsgruppe bei den Siemens & Halske-Werken in Berlin-Siemensstadt und Mitglied der Berliner Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation. Am 29. Januar 1945 wurde er im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.

Museo della Resistenza Europea in der Casa dello Studente
In das Museo della Resistenza Europea gelangt man durch die Mensa des Studentenwohnheims. Im Eingangsbereich hängt eine Kopie des Abschiedsbriefes, den Rudolf Seiffert kurz vor seiner Ermordung schrieb.
Zu besichtigen sind im Rahmen einer Führung die winzigen Zellen, in denen die Häftlinge untergebracht waren, der Gewölbekeller mit Erklärungstafeln zu den Geschehnissen im ehemaligen Folterkeller des Gestapogefängnisses und weitere Gedenktafeln für Rudolf Seiffert.

Für Führungen ist die Anmeldung beim Centro di documentazione Logos notwendig: centrodocumentazionelogos@gmail.com, Casa dello Studente, Corso Aldo Gastaldi, ab Metrostation Genua-Brignole Buslinien 16, 45 und 87.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Intellektuelle im Widerstand: die Einaudis …

… heißt ein einleitendes Kapitel unseres Buches ‚Partisanenpfade im Piemont’, das wir als Beispiel für gelebten Widerstand während der 20 Jahre andauernden faschistischen Herrschaft Mussolinis geschrieben haben. Widerstand, der – wenn auch klandestin – aktiv betrieben wurde, lange bevor im September 1943 der bewaffnete Kampf, die Resistenza gegen deutsche Besatzung und italienischen Faschismus begann.

Am 15. November 1933 gründete Giulio Einaudi zusammen mit Leone Ginzburg und Cesare Pavese in Turin den Buchverlag Einaudi. 2012 wäre Giulio Einaudi 100 Jahre alt geworden, was die Stadt Turin zum Anlass nahm, unter den Arkaden der Via Po mit einer Plakataktion an ihn zu erinnern.
Wir tun es ihr nach.

Lalla Romano und Giulio Einaudi - Foto: © Wolfram Mikuteit

Dass es elf Jahre nach der Machtübernahme der Faschisten in Italien (und ein halbes Jahr nach den Bücherverbrennungen in Hitler-Deutschland) überhaupt möglich war, zur alles dominierenden patriotischen Kultur des Faschismus auf Distanz zu gehen, setzte gratwanderndes Geschick im Umgehen von Vorschriften voraus, für die die Protagonisten auch Haftstrafen und Verbannung in Kauf nahmen.

Massimo Mila

Die Wurzeln des Verlages gehen auf das Turiner Liceo d’Azeglio zurück. Dort unterrichtete mit Augusto Monti ein Lehrer aus dem Kreis um den früh verstorbenen Piero Gobetti, der sich wenig an die vorgegebenen faschistischen Erziehungsideale hielt und seine Schüler zu kritischem Denken anregte. Cesare Pavese, Leone Ginzburg, Norberto Bobbio, Massimo Mila, Vittorio Foa und der etwas jüngere Giulio Einaudi hatten sich durch ihn kennengelernt und gründeten 1927 ihre legendäre Confraternità.

Cesare Pavese - Leone Ginzburg - Franco Antonicelli

Eine Bruderschaft kluger junger Männer (Ginzburg beherrschte bereits als 15-Jähriger mehrere Sprachen fließend und schrieb für diverse Zeitungen), die zusammen viel Spaß hatten und dabei die Welt theoretisch auseinandernahmen und viel besser wieder zusammensetzten.
Viele von ihnen traten zu Beginn der 1930er-Jahre der 1929 im Pariser Exil gegründeten Widerstandsorganisation Giustizia e Libertà bei.

Norberto Bobbio

Und als Luigi Einaudi (damals als bedeutender Wirtschaftswissenschaftler Herausgeber mehrerer Zeitschriften, im Nachkriegs-Italien Ministerpräsident von 1948–1955) seinem damals gerade 21-jährigen Sohn 1933 die Herausgeberschaft der wirtschaftswissenschaftlichen Zeitung La Riforma Sociale übertrug, machten sich die Freunde daran, das Blatt nach ihren Vorstellungen umzukrempeln und auch in die Buchproduktion einzusteigen.

Pater Luigi

Was die Ausrichtung ihres Verlages anbelangte, orientierten sie sich an Laterza Editori, zu dieser Zeit das einzige italienische Verlagshaus mit antifaschistischem Profil. Für Laterza gab der Philosoph Benedetto Croce, den die Mitglieder der Confraternità seit ihrer Schulzeit verehrten, diverse theoretische Buchreihen heraus. Benedetto Croce war eine der großen Leitfiguren Leone Ginzburgs. Zwar konnte sich ihr Verlag offene Kritik am Faschismus, wie Croce – seit 1910 vom König ernannter Senator auf Lebenszeit – sie formulierte, nicht leisten, aber er sollte mit anderen Mitteln dasselbe bewirken: Provinzialismus entgegenwirken und neue Denkräume erschließen, neue und vor allem breitere Leserschichten erreichen. Bildung für jedermann schwebte ihnen vor. So schrieb Pavese über in Italien damals vollkommen unbekannte amerikanische Schriftsteller wie Sinclair Lewis, Sherwood Anderson, Edgar Lee Masters, John Dos Passos und Walt Whitman. Massimo Mila schrieb über Musik, Norberto Bobbio über Philosophie und der Maler Carlo Levi über Kunstgeschichte. Einaudi kümmerte sich um das Geschäftliche und leitete den Verlag mit großem Geschick.

Cesare Pavese

Das Verlagsprogramm war international ausgerichtet, zu den amerikanischen Autoren kamen die russischen hinzu: Ginzburg übersetzte Puschkin, Dostojewski und Tolstoi. Was vor allem nach dem Einmarsch der Italiener in Russland an der Seite Hitler-Deutschlands zu Problemen führte. Als Anfang 1942 Tolstois Krieg und Frieden erschien, startete der Journalist Goffredo Coppola – ein Wegbegleiter Mussolinis bis zur gemeinsamen Flucht Richtung Schweizer Grenze Ende April 1945 – in der Zeitung Popolo d’Italia einen scharfen Angriff gegen Einaudi: Mit der Veröffentlichung habe der Verlag Parallelen ziehen wollen zwischen Napoleons Angriff auf Russland und der deutsch-italienischen Achse, was nur Anhängern von Benedetto Croce und Hörern von Radio London einfallen könne. Und ganz generell: Ein Verlag, der unter 33 Neuveröffentlichungen 23 Übersetzungen aus dem Französischen, Englischen und Russischen liefere, sei durch und durch unitalienisch.
„Basta!“ schloss der Artikel, „Basta mit diesen Nataschas, diesen Borissen, diesen Idioten.“

Natalia Ginzburg

Jede Neuerscheinung musste vom zuständigen Ministerium genehmigt, die Zensur jedes Mal aufs Neue ausgetrickst werden. Immer mal wieder auch ein Buch ins Programm genommen werden, nur um „die Rhetorik des Nationalsozialismus zu dokumentieren“, wie Einaudi es formulierte.
Giulio Einaudi Editore blieb dem gesteckten Ziel der Confraternità bis zum Jahr 1983 treu.

Weitere Informationen über die Protagonisten des Einaudi-Verlages, wie sie sich neben der Verlagsarbeit in den Widerstand einbrachten und wo heute noch an sie erinnert wird, finden sich im Buch.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Stolperstein-Spaziergang durch Saluzzo

Dass Saluzzo mit seiner sehr gut erhaltenen mittelalterlichen Altstadt, den vielen Palazzi, engen Gassen und Torbögen und wegen der herrlichen Lage am Alpenrand eine Reise wert ist, kann man in den meisten Piemont-Reiseführern nachlesen.

Stolperstein-Spaziergang durch Saluzzo

Hinweise auf die jüngere Geschichte – auch wie die Stadt ihrer gedenkt – fehlen dort jedoch. Die Geschehnisse der 20 Monate andauernden deutschen Besatzung Norditaliens bleiben ein ‚weißer Fleck‘. Dem versuchen wir ein wenig entgegen zu setzen; hier mit dem Hinweis auf einen Stolperstein-Spaziergang entlang der ‚Tracce del ricordo‘, die wissenswerte Einblicke in die Historie des Ortes vermitteln. Eine etwas andere Art des ‚Sightseeings‘.

Tracce del ricordo

Stolpersteine in Saluzzo - Foto: © Wolfram Mikuteit

Im Jahr 2009 wurden in Saluzzo die ‚Tracce del Ricordo‘ eingerichtet: Vor den früheren Wohnhäusern von 21 in deutschen Konzentrationslagern ermordeten Juden wurden Gedenkplatten in den Boden eingelassen. Sie sind nur unwesentlich größer als die von Gunter Demnig verlegten Stolpersteine und dienen demselben Zweck: die Erinnerung wachzuhalten an das Schicksal der Menschen, die im Nationalsozialismus vertrieben, deportiert und ermordet wurden. Unter den Namen der Opfer, ihrem Alter und dem Konzentrationslager steht jeweils, warum sie dort ermordet wurden: „perché ebreo“ – weil sie Juden waren.

Synagoge in Saluzzo - Foto: © Wolfram Mikuteit

Die jüdische Gemeinde von Saluzzo

Seit Ende des 15. Jahrhunderts leben Menschen jüdischen Glaubens in Saluzzo. Ende des 18. Jahrhunderts siedelten sie sich nach und nach entlang der heutigen Via Deportati Ebrei (früher: Via degli Israeiliti) an, wo das jüdische Ghetto entstand. Im Jahr 1832 wurde dort die Synagoge errichtet. Nachdem Juden im Zuge des italienischen Risorgimento im Jahr 1848 ihre Emanzipation erlangt hatten, wuchs die jüdische Gemeinde von Saluzzo zu einer der größten in der Provinz Cuneo. Als angesehene Bürger der Stadt nahmen ihre Mitglieder am gesellschaftlichen Leben teil, beteiligten sich am Ersten Weltkrieg, und einige von ihnen waren Mitglieder der faschistischen Partei Mussolinis.

Il Popolo d'Italia - Ausgabe vom 15. Juli 1938

Nachdem ab Mitte der 1930er-Jahre eine breitangelegte antisemitische Pressekampagne sukzessive den Boden für eine Ausgrenzung der Juden gelegt hatte, ließ Mussolini im Juli 1938 das Rassenmanifest (Il fascismo e i problemi della razza) veröffentlichen, das die theoretische Grundlage für die späteren Gesetze darstellen sollte. Darin wurde u.a. behauptet, dass es eine „reine italienische Rasse“ arischen Ursprungs gäbe, der die Juden nicht angehörten. Im August 1938 fand die Zählung der Juden (censimento nazionale degli ebrei) statt, die später den Deutschen für Verhaftungen und anschließende Deportationen in die Vernichtungslager diente.

1938 lebten 45 Juden in Saluzzo. Mit den ab September 1938 verabschiedeten Rassegesetzen wurden sie aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen: ihre Kinder mussten die Schulen und Universitäten verlassen, sie verloren ihre Anstellung in öffentlichen Institutionen und die Lizenz zum Betreiben ihrer Firmen. Durch die damit ausgesprochenen Berufsverbote und die Enteignung jüdischen Vermögens wurde ihnen ihre ökonomische Grundlage entzogen. Ihre physische Verfolgung setzte mit der deutschen Besatzung ein, die unmittelbar auf die italienische Waffenstillstandserklärung vom 8. September 1943 erfolgte, als sich Mussolini und seine Komplizen dafür entschieden, die italienischen Juden der deutschen Deportations-Maschinerie auszuliefern und der Gestapo bei der Verfolgung der Juden freie Hand zu lassen. Die in Saluzzo und der gesamten Provinz Cuneo lebenden Juden wurden verhaftet und die meisten von ihnen im Sammellager von Borgo San Dalmazzo interniert. Einige andere, wie die 74-jährige Anna Segre Levi, zunächst nach Turin gebracht, dort verhört und gefoltert, später deportiert.
Memoriale della Deportazione in Borgo San Dalmazzo - Foto: © Wolfram Mikuteit

Am 15. Februar 1944 wurden die in Borgo San Dalmazzo Inhaftierten zunächst in Viehwaggons in das Lager in Fossoli gebracht, von wo aus der Weitertransport im August 1944 über Bozen in die Vernichtungslager von Auschwitz und Buchenwald erfolgte. 29 Menschen aus Saluzzo wurden dort ermordet. Der junge Isacco Levi, der sich durch Flucht in die Berge rettete, wo er sich der Partisanenbewegung anschloss, verlor auf diese Weise seine gesamte 13-köpfige Familie.

Informationen:
An der Piazza Risorgimento (Ecke Via Spielberg/ Via Deportati Ebrei) gibt es einen Plan zu den ‚Tracce del ricordo‘. Dort sind die Verlegeorte der einzelnen Stolpersteine eingezeichnet.
jüdischer Friedhof in Saluzzo - Foto: © Wolfram Mikuteit

Wer den Spaziergang noch erweitern möchte, sollte die Synagoge und den jüdischen Friedhof von Saluzzo besuchen.
jüdischer Friedhof in Saluzzo - Foto: © Wolfram Mikuteit Der Friedhof befindet sich seit 1795 in der Via Lagnasco. Hier wurden für alle in den Vernichtungslagern ermordeten Juden spezielle Gedenktafeln aufgestellt: „Per non dimenticare“, um nicht zu vergessen. Die seit 1964 nicht mehr genutzte Synagoge steht in der Via Deportati Ebrei. Friedhof und Synagoge können nur nach Anmeldung in der Tourismuszentrale von Saluzzo besichtigt werden: info@saluzzoturistica.it – Tel. 0175-46710, Fax 0175- 46718.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Das Monumento Partigiano in Trois-Villes, Aostatal

Der Ort
Trois-Villes ist eine auf ca. 1.350 Metern Höhe liegende Teilgemeinde von Quart. Erreichbar ist der Ort von Aosta in östlicher Richtung über die Strada Statale (SS) 26, von der man in Saint-Christoph in Richtung Trois-Villes abbiegt, der Ausschilderung bis Avisod folgt und dort an der Kirche rechts abbiegt (ca. 22 km ab Aosta).

Monumento Partigiano in Trois Villes, Aostatal - Foto: © Wolfram Mikuteit

Monumento Partigiano in Trois Villes, Aostatal – Foto: © Wolfram Mikuteit

Das Geschehen
Im Sommer 1944 hatte die Partisanengruppe „13. Banda Émile Chanoux“ in Trois-Villes ihr Quartier. Am 17. August unternahm sie einen Angriff auf einen Posten der faschistischen Miliz in Nus und machte dabei zwei Gefangene. Noch vor Ablauf der Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch griffen deutsche und italienische Truppen am 23. August 1944 Porsan, Avisod und Fonteil (Trois-Villes) an und setzten das gesamte Dorf in Brand. Vier Partisanen kamen dabei ums Leben, über 100 Häuser brannten bis auf die Grundmauern ab.
Nach Ende des Krieges beteiligten sich ehemalige Partisanen am Wiederaufbau von Trois-Villes.

Gedenken
Oberhalb des Dorfes wurde zehn Jahre nach dem verheerenden Brand eine erste – mittlerweile erneuerte – Gedenktafel angebracht. 1963 wurde die „Area Monumentale del Partigiano“ eingeweiht. Die auf einem Felsbrocken stehende weithin sichtbare Statue stellt einen Partisanen unter der Folter dar.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Der Schwur von Garda

Giuramento della Garda, 8. Dezember 1943

Neben den 23 dort beschriebenen Wandertouren haben wir in unserem Buch Partisanenpfade im Piemont auch eine Vielzahl von Erinnerungsplätzen aufgeführt, die mühelos ganz ohne körperliche Anstrengungen besucht werden können. So auch den kleinen ‚Parco della Memoria‘ bei San Giorio di Susa, wo bei der ‚Commemorazione Giuramento della Garda‘ unter dem Motto „Ieri, ora e sempre Resistenza“ wie in jedem  Jahr viele NO-TAV-Fahnen wehen werden.

8. Dezember 1943 - der "Schwur von Garda" - die Geburtsstunde der Resistenza im Susatal - Foto: © Wolfram Mikuteit

8. Dezember 1943 – der „Schwur von Garda“ – die Geburtsstunde der Resistenza im Susatal – Foto: © Wolfram Mikuteit

Unmittelbar nach der Proklamation des italienischen Waffenstillstandes am 8. September 1943 hatten sich um Carlo Carli, Egidio Liberti, Walter Fontan, Felice Cima und Marcello Albertazzi im unteren Susatal erste Widerstandsgruppen, ‚le prime bande‘, gebildet. Aufgrund der von ihnen verübten Sabotageakte auf die für die Deutschen strategisch extrem wichtige Eisenbahnverbindung Turin – Modane, Brücken und Telegrafenleitungen, wurden Teile der Region bereits Ende Oktober 1943 zum ‚Bandengebiet‘ erklärt.

Die offizielle Geburtsstunde der Resistenza im Susatal wird auf den 8. Dezember 1943 datiert. An diesem Tag versammelten sich die Männer, die sich nun nicht mehr ‚Rebellen‘ oder ‚Patrioten‘, sondern ab jetzt ‚Partisanen‘ nannten, auf einer Lichtung bei Martinetti oberhalb von San Giorio di Susa. Don Francesco Foglia – wegen seiner Erfahrungen im Umgang mit Sprengstoff auch ‚Don Dinamite‘ genannt – zelebrierte die Messe. Danach legten die Männer den Schwur von Garda ab: Sie schworen auf die mitgeführte italienische Trikolore, so lange gegen den Nazi-Faschismus zu kämpfen, bis das Land befreit wäre.

Im Jahr 2004 wurde an dieser Stelle eine Erinnerungsstätte eingerichtet. Dieser kleine ‚Parco della Memoria‘ ist über einen einstündigen durch Kastanienwald führenden Rundweg erreichbar. Anfahrt ab San Giorio di Susa über die Weiler Martinetti und Vietti auf der Straße nach Pognant. Kurz hinter Vietti beginnt der ‚Sentiero della Memoria‘ an einer links abzweigenden Forststraße. Dem Hinweisschild zum ‚Pilone di Garda‘ folgen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Der Fluchtweg der Juden über die Seealpen

Aus dem Valle Gesso zum Colle di Finestra, besser noch: über die dort verlaufende Grenze zur Sanctuaire de la Madone de Fenestre zu wandern, ist immer lohnenswert. An jedem ersten Septembersonntag im Jahr aber etwas ganz Besonderes. Dann trifft man auf diesem Weg Menschen, die ein Stück tragischer Geschichte wachhalten, die an die etwa 800 Menschen erinnern wollen, die hier zwischen dem 9. und 13. September 1943 vor den aus dem Süden vordringenden Nazis über den Alpenhauptkamm flohen.

Dass zeitgleich die Deutschen auch Norditalien besetzten – woran dieser Tage nach genau 70 Jahren in vielen Orten Italiens von Boves bis Sant’Anna di Stazzema erinnert wird – wussten die Flüchtlinge damals nicht.

 

Percorsi Ebraici und Memoriale della deportazione
Das Département Alpes-Maritimes gehörte zur italienischen Besatzungszone Frankreichs, was den dort lebenden Juden Schutz vor der Deportation in die deutschen Vernichtungslager gewährte. Ausländischen Juden waren zwar Wohnorte in speziellen Internierungsorten zugewiesen worden, ausgeliefert wurden sie trotz unverhohlener Proteste des „Achsenpartners“ aber nicht. Allein in Saint-Martin-Vésubie lebten zum Zeitpunkt des italienischen Kriegsaustritts am 8. September 1943 etwa 1.200 Juden unterschiedlichster Nationalitäten, nun massiv bedroht, nachdem sich die Italiener über die Alpen zurückziehen mußten. Etwa 800 Juden, darunter Frauen, Kinder und alte Menschen, suchten nun, da die Deutschen von Süden vorrückten, einen Weg nach Italien. Ihre Hoffnung, mit dem beschwerlichen Fluchtweg über die Pässe Finestra (2.474 m) und Ciriegia (2.543 m) und weiter über Entracque und Borgo San Dalmazzo in die Freiheit zu gelangen, trog: die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Viele der Flüchtlinge wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 erlassenen ‚Rasse-Gesetze‘ festgenommen und in Borgo San Dalmazzo inhaftiert.

Am Bahnhof dieses kleinen Ortes am Eingang des Sturatales erinnert heute ein Mahnmal, das ‚Memoriale della Deportazione‘ daran, dass hier am 21. November 1943 insgesamt 329 Menschen dieser Fluchtgruppe in Güterwaggons gepfercht und in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert wurden, wo 311 von ihnen ermordet wurden.

Das italienisch-französisch-schweizerische Gemeinschaftsprojekt ‚La Memoria delle Alpi / La Mémoire des Alpes / Gedächtnis der Alpen’‚ das sich u.a. zur Aufgabe gesetzt hat, politische und rassistische Verfolgungen, Kriegsereignisse sowie geistige und militärische Widerstandsbewegungen, die den Alpenraum so stark geprägt haben, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hat diese Fluchtwege über den Colle di Finestra und den Colle di Ciriegia als Freiheitspfade‚ als ‚Percorsi Ebraici‘ ausgewiesen. Und der französische Literaturnobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézio hat die Ereignisse in seinem Buch „Fliehender Stern“ festgehalten.

Attraverso la memoria 2013 – 70 Jahre später
Vor 15 Jahren wurden die Gedenkwanderungen „Attraverso la memoria/ Marche de la mémoire“ ins Leben gerufen, unterstützt und begleitet werden sie vom Istituto storico della Resistenza in Cuneo, der Associazione Giorgio Biandrata in Saluzzo, der Association pour la Mémoire des Enfants Juifs Déportés des Alpes-Maritimes, Yad Vashem Nizza uvm. Jeweils am ersten Sonntag im September treffen sich auf einem der beiden Pässe Franzosen, Italiener und Nachfahren der Flüchtlinge: „Per non dimenticare“, „Pour ne pas oublier“, „To not forget“ – um nicht zu vergessen.

Dieses Jahr hatte es am Freitag zuvor Gedenkveranstaltungen in Saint-Martin-Vésubie und in Saluzzo gegeben, und am Samstag war den Schwestern Gitta und Chaya Horowitz, die als Kinder über diese Berge geflüchtet sind, in Valdieri die Ehrenbürgerinnenwürde verliehen worden. Zusammen mit ihren Kindern und Enkeln, die sich wie wir am Sonntag morgen auf den Weg zum Colle di Finestra machten, sind sie aus den USA angereist.

So trafen sich oben am Pass annähernd 200 Menschen, als die Namen der Kinder, die diesen Exodus miterleben mussten, bei der Gedenkveranstaltung verlesen wurden.

Kurz unterhalb des Passes ist eine Gedenktafel angebracht, die an allen Tagen auf die hier beschriebenen Geschehnisse hinweist:

Per questo colle, nel settembre 1943, centinaia di ebrei di tutte europa cercarono molti invano la salvezza dalla persecuzione antisemita. Tu che passi libero ricorda che questo è stato ogni volta che accetti che un altro abbia meno diritti di te.“

„Im September 1943 versuchten hunderte von Juden aus ganz Europa, häufig vergeblich, sich über diesen Pass vor der antisemitischen Verfolgung zu retten. Du, der Du Dich frei bewegen kannst, bedenke, dass das geschehen ist, immer wenn Du toleriert hast, dass jemand anderes nicht die gleichen Rechte hatte wie Du.“

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

Le Clézio, ein fliehender Stern und die Seealpen

Als dem Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio im Oktober 2008 der Literaturnobelpreis verliehen wurde, sagte er: „Der Schriftsteller besitzt schon seit einiger Zeit nicht mehr die Überheblichkeit zu glauben, dass er die Welt verändert und mit seinen Kurzgeschichten, seinen Romanen ein besseres Lebensmodell schafft. Heute will er nur noch Zeuge sein.“
Nur noch? Ereignisse zu „bezeugen“, die sonst in Vergessenheit gerieten, ist ja nicht der schlechteste Anspruch. Aber wir wollen uns hier nicht aufs glatte Eis der Literaturkritik begeben (Marcel Reich-Ranicki kannte Le Clézios Bücher vor der Entscheidung des Nobelpreiskomitees nicht, Sigrid Löffler fand eben diese „bizarr“), sondern lediglich davon berichten, dass Le Clézio in seinem Buch ‚Fliehender Stern‘ (*) auf den ersten 145 (von 377) Seiten jene Geschichte erzählt, von der wir in unserem Beitrag Das Memoriale della Deportazione in Borgo San Dalmazzo auch schon berichtet haben.


Von März bis September 1943 hatte eine Gruppe von Juden unterschiedlichster Nationalitäten in Saint-Martin de Vésubie Zuflucht gefunden und suchte, da die Deutschen von Süden vorrückten, einen Weg nach Italien. Ihre Hoffnung – mittlerweile war Mussolini abgesetzt und am 8. September der italienische Waffenstillstand erklärt – mit dem beschwerlichen Weg über den Col de Fenestre oder alternativ den Col de Ciriegia und weiter über Entracque und Borgo San Dalmazzo in die Freiheit zu gelangen, trog: die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Die Flüchtlinge – insgesamt circa 300 Familien – wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 erlassenen ‚Rasse-Gesetze‘ festgenommen und in Borgo San Dalmazzo inhaftiert.

Le Clézio erzählt diese Geschichte aus der Sicht des Mädchens Esther, die dem Schicksal entgangen ist, in Borgo San Dalmazzo in Güterwaggons gepfercht und in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert zu werden, wo 311 Menschen dieser Fluchtgruppe ermordet wurden – worauf heute das ‚Memoriale della Deportazione‘ hinweist.

Wer das Buch mitnimmt auf eine Wanderung auf dem ‚Percorso Ebraici‘ von Madone de Fenestre ins Gessotal, wird einige wenige geografische Ungenauigkeiten darin entdecken (die französisch-italienische Grenze verlief beispielsweise 1943 noch nicht genau auf der Passlinie) und auch feststellen, dass Le Clézio – es handelt sich schließlich um einen Roman und keinen Tatsachenbericht – die zweimonatige Phase, in der die Fluchtgruppe in San Dalmazzo im Campo di Concentramento eingesperrt war, ausgelassen hat. Was der Eindringlichkeit des Romans allerdings nicht den geringsten Abbruch tut.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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J.M.G. Le Clézio: Fliehender Stern, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, ISBN: 978-3-462-04118-7. Im Original: ‚Étoile errante‘, erschienen 1992 bei Gallimard

Das Memoriale della Deportazione in Borgo San Dalmazzo im Sturatal

Am 25. April wird in Italien wieder der Tag der Befreiung vom Nazifaschismus gefeiert – was wir schon früher und an anderer Stelle zum Anlass nahmen, auf das italienisch-französisch-schweizerische Gemeinschaftsprojekt ‚La Memoria delle Alpi / La Mémoire des Alpes / Gedächtnis der Alpen’ aufmerksam zu machen‚ das sich u.a. zur Aufgabe gesetzt hat, politische und rassistische Verfolgungen, Kriegsereignisse sowie geistige und militärische Widerstandsbewegungen, die den Alpenraum so stark geprägt haben, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.


Meist sind es nur einfache Schautafeln, die entlang der angelegten ‚Freiheitspfade’ aufgestellt wurden und Informationen liefern über bestimmte historische Ereignisse, die ohne diese Hinweise leicht in Vergessenheit geraten könnten. So auch am Percorso Ebraici, der einer großen Gruppe von Juden, darunter Frauen, Kinder und alte Menschen im September 1943 als vermeintlicher Fluchtweg vor den Nazis diente. Von März bis September 1943 hatten sie in Saint-Martin de Vésubie Zuflucht gefunden und suchten nun, da die Deutschen von Süden vorrückten, einen Weg nach Italien. Ihre Hoffnung – mittlerweile war Mussolini abgesetzt und am 8. September der italienische Waffenstillstand erklärt – mit dem beschwerlichen Weg über den Col de Fenestre und weiter über Entracque und Borgo San Dalmazzo in die Freiheit zu gelangen, trog: die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Die Flüchtlinge – insgesamt circa 300 Familien – wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 erlassenen ‚Rasse-Gesetze‘ festgenommen und in Borgo San Dalmazzo inhaftiert.

Am Bahnhof dieses kleinen Ortes am Eingang des Sturatales erinnert heute ein Mahnmal, das Memoriale della Deportazione, daran, dass hier am 21. November 1943 insgesamt 329 Menschen dieser Fluchtgruppe in Güterwaggons gepfercht und in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert wurden, wo 311 von ihnen ermordet wurden.

Die Namen all der Menschen – es gab noch weitere Transporte, auch nach Buchenwald – die von Borgo San Dalmazzo aus in die KZs transportiert wurden, sind nun auf dem Bahnhofsvorplatz eingelassen. Nur die Namen der Wenigen, die überlebt haben, sind auf senkrecht stehenden Stelen angebracht. „… Sie erzählen von den vielen Menschenschicksalen, die in Borgo aufeinander getroffen sind, hierher getrieben von einer Verfolgungsjagd ohne Grenzen, die das damalige Europa nicht verhindern konnte und wollte….“.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit