Kategorie-Archiv: Gedenkorte

Gedenkorte

Enio Mancini: Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema

Das Massaker von Sant'Anna di StazzemaIn Hamburg kann es zum wahrscheinlich letzten Kriegsverbrecherprozess Deutschlands kommen. Das gerade erschienene Buch mit den Erinnerungen von Enio Mancini, der das Massaker von Sant’Anna di Stazzema überlebte, liefert dazu die eindrückliche Geschichte und gewährt darüberhinaus Einblick in die notorische Verfolgungsverweigerung der deutschen Justiz gegenüber NS-Verbrechen.

Vor 70 Jahren ermordeten am 12. August 1944 Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ im toskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema mindestens 560 wehrlose Zivilisten – vorwiegend Frauen, alte Menschen und über 100 Kinder.

 

 

Dass das Geschehen nicht in Vergessenheit geriet, ist vor allem Enio Mancini zu verdanken, der als kleiner Junge das Massaker überlebte. Dank seines beharrlichen Engagements, seiner Suche nach Erinnerungsstücken und Berichten von anderen Überlebenden, konnte 1991 im ehemaligen Schulgebäude von Sant’Anna das Museum des Historischen Widerstands eröffnet werden, dessen Leiter er bis 2006 war. Seine im Vorjahr in Italien erschienenen Erinnerungen liegen jetzt in deutscher Übersetzung vor. Er schildert darin das Leben in dem abgelegenen Bergdorf, die Ereignisse des 12. August 1944 und die Probleme der teilweise schwer traumatisierten Überlebenden beim Wiederaufbau der Gemeinde. Auch darüber, wie still es danach um die Ereignisse von Sant’Anna wurde: Eine juristische Verfolgung der Greueltaten unterblieb.

Der Mantel des Schweigens, der fünf Jahrzehnte lang in Italien über den vielen von deutscher Wehrmacht und SS verübten Verbrechen lag, wurde spät gelüftet: Die aus Rücksichtnahme gegenüber dem Nato-Partner 1960 bei der Militäranwaltschaft in Rom „vorläufig archivierten“ Ermittlungsakten einer noch während des Krieges eingesetzten amerikanischen Militärkommission wurden ab 1994 Grundlage diverser Ermittlungen. Im Fall des Massakers von Sant’Anna di Stazzema sprach das Militärgericht La Spezia 2005 zehn der angeklagten Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ wegen “fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit” schuldig und verurteilte sie in Abwesenheit jeweils zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Für die Verurteilten folgenlos: Eine Auslieferung war nicht zu befürchten.

Der Geist der furchtbaren Juristen
Seitdem ist auch im Land der Täter viel über das Massaker von Sant’Anna di Stazzema berichtet worden. Vor allem über die schleppend betriebenen Ermittlungen. Seit 1996 lag der Vorgang bei der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. Von 2002 bis 2012 ermittelte die Staatsanwaltschaft Stuttgart und stellte schliesslich die Ermittlungen ein. Das Massaker an mindestens 560 Frauen, Kindern und alten Menschen könne auch als Kollateralschaden im Rahmen der Partisanenbekämpfung zu werten sein. Für die Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung fertigte Dr. Carlo Gentile, historischer Sachverständiger bei vielen NS-Strafverfahren und Mitglied der deutsch-italienischen Historikerkommission, ein Gutachten an, das diesen Ansatz widerlegt. Dennoch bestätigte die Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart im Jahr 2013 die Einstellung des Verfahrens.

Die Strafrechtlerin Gabriele Heinecke, die seit 2005 mit Enrico Pieri den Sprecher der Opfervereinigung von Sant’Anna vertritt, beschreibt in einem eigenem Kapitel minutiös, wie die juristische Aufarbeitung in Deutschland bewusst hintertrieben und verschleppt wurde, wie unstrittige Sachverhalte zugunsten der Beschuldigten uminterpretiert wurden. Vorgänge, die belegen, wie der Geist der die Nachkriegszeit dominierenden furchtbaren Juristen das deutsche Rechtssystem heute noch beherrscht.

Kurz nach Drucklegung des Buches hatte das letztmögliche Rechtsmittel, das Klageerzwingungsverfahren vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe gegen den Kompanieführer, den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer, Erfolg: Der 3. Strafsenat sah „ausreichenden Tatverdacht“ und „keine vernünftigen Zweifel“ daran, dass die Handlungen von vornherein auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung von Sant’Anna gerichtet waren. Das Gericht verwies das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Hamburg, wo Sommer lebt. Dort kann es nun zum wahrscheinlich letzten Kriegsverbrecherprozess Deutschlands kommen. Das Buch mit den Erinnerungen von Enio Mancini, den Ausführungen von Gabriele Heinecke und der historischen Rekonstruktion des Massakers von Carlo Gentile liefert dazu die Informationen.

Sabine Bade

Gabriele Heinecke, Christiane Kohl, Maren Westermann (Hg): Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema – Mit den Erinnerungen von Enio Mancini. Mit Beiträgen von Christiane Kohl und Maren Westermann, der juristischen Einordnung von Gabriele Heinecke sowie einer Untersuchung des Historikers Carlo Gentile. Laika Verlag Hamburg, ISBN: 978-3-944233-27-7, Hardcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten, 19,00 €.

 

Erste Massenmorde an Juden in Italien – Massaker am Lago Maggiore

Zwischen dem 15. September 1943 und dem 11. Oktober 1943 wurden mehrere idyllische Orte am piemontesischen Westufer des Lago Maggiore und dessen Umgebung Schauplatz der ersten Massenmorde an Juden in Italien nach dessen Kriegsaustritt und der Besetzung durch deutsche Truppen.


Judenverfolgung in Italien

Im faschistischen Italien gab es – verglichen mit der in Deutschland nach dem Machtantritt der Nazis 1933 sofort einsetzenden massiven Judenverfolgung – bis etwa Mitte der 1930er-Jahre keinen offen praktizierten Antisemitismus. Juden, die ihre Emanzipation im Jahr 1848 im Zuge des Risorgimento erlangt hatten, wurden gemeinsam und zeitgleich mit den Nicht-Juden der italienischen Halbinsel zu ‚Italienern‘, als 1861 der italienische Nationalstaat als Zusammenschluss vieler Kleinstaaten gegründet wurde. Die meisten Juden hatten sich mit Begeisterung an der Einheitsbewegung beteiligt. Sie bekleideten später hohe Ränge in Armee und Admiralität, stellten mit Luigi Luzzatti einen italienischen Ministerpräsidenten, mit Ernesto Nathan von 1907 bis 1913 den Bürgermeister der Hauptstadt Rom, agierten als Kriegs- und Justizminister. Kurz: Sie waren Italiener.

Erst 1933 begann, flankiert von antijüdischen Pressekampagnen, die sukzessive Verdrängung von Juden aus leitenden Positionen. In einem Land mit vergleichsweise geringer antisemitischer Tradition und einem so außergewöhnlich hohen Grad jüdischer Assimilation fokussierte sich im faschistischen Italien die ‚Rassen-Frage‘ zunächst auf die Abgrenzung gegenüber der Bevölkerung der italienischen Kolonien Eritrea und Somalia, ein offen und gnadenlos rassistisches Vorgehen, das im Italienisch-Äthiopischen Krieg 1935/1936 seinen Höhepunkt fand.
Das änderte sich mit den ‚Rassegesetzen‘ von 1938, die italienische Juden durch Berufs- und Ausbildungsverbote ihrer ökonomischen Grundlagen beraubten, ihnen mit Ausschluss aus Vereinen und Verbänden Teilhabe am gesellschaftlichen Leben versagten und durch vielfältige Diskriminierung zu stets von der Geheimpolizei überwachten Bürgern zweiter Klasse machten.
Und nach der Besetzung durch deutsche Truppen im September 1943 entschieden sich Mussolini und seine Komplizen dafür, die italienischen Juden der deutschen Deportationsmaschine auszuliefern und der Gestapo bei der Verfolgung der Juden freie Hand zu lassen.

Die Massaker vom Lago Maggiore
Ein Bataillon der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ war von der Ostfront nach Oberitalien verlegt worden und wurde nach der Entwaffnung italienischer Truppen im Gebiet Verona nach dem 11. September 1943 am Lago Maggiore im Wesentlichen in den Gemeinden Meina, Baveno, Stresa, Arona und Intra stationiert. Dort lebten einige jüdische Familien, die teils aus italienischen Städten, teils aus Griechenland und der Türkei Zuflucht vor Verfolgung suchten.
Vom 13. September an verhafteten Angehörige des SS-Bataillons planvoll über 50 Angehörige dieser jüdischen Familien in Baveno, Arona, Meina, Orta, Mergozzo, Stresa, Pian Nava und Novara und hielten sie zunächst in verschiedenen Hotels fest. Einige von ihnen – wie Mario Abramo Covo, Alberto Abramo Arditi und seine Frau Matilde David aus Mergozzo – wurden wenig später ermordet und in Massengräbern verscharrt. Über das Schicksal der übrigen Verhafteten entschied eine Offiziersbesprechung am 19. September 1943: Es wurde beschlossen, die gefangenen Juden – Männer, Frauen, Alte und Kinder –  zu erschießen und die Leichen im See zu versenken.

Die Ermordung folgte in den Nächten vom 21. bis 23. September. Die Opfer wurden gruppenweise aus den Hotelzimmern geholt, in einem Waldstück in der Nähe von Meina erschossen, von SS-Angehörigen in Säcke und Zeltplanen verpackt, mit Steinen beschwert, in ein Boot geladen und im See versenkt. Als am Morgen danach einige der Leichen an das Ufer geschwemmt wurden, beschwerten SS-Angehörige sie erneut mit Steinen und versenkten sie nochmals im See. Insgesamt konnten 53 Menschen, die diesen Mordtaten zum Opfer fielen, später identifiziert werden. Nur die verhaftete Familie Behar hatte wegen ihrer türkischen Staatsangehörigkeit und auf Intervention des türkischen Konsuls entkommen und sich in die Schweiz retten können. Über das Schicksal der anderen Verhafteten, die nicht unter den Toten gefunden wurden, ist nichts bekannt.

Weitere Morde wurden im Oktober 1943 in Verbania-Intra an der jüdischen Familie Ovazza aus Turin begangen: Ettore Ovazza, der am Marsch auf Rom teilgenommen hatte und bis zu seinem Ausschluss Mitglied des Partito Nazionale Fascista war, hatte Anfang Oktober 1943 zusammen mit seiner Frau, Sohn und Tochter versucht, über das Aostatal in die Schweiz zu fliehen. Sohn Riccardo versuchte als erster den Grenzübertritt, wurde dabei von der Schweizer Grenzpolizei abgefangen und in den Zug von Brig nach Domodossola gesetzt. Von dort aus wurde er an die 2. Kompanie des 1. Bataillons des 2. Regiments der Leibstandarte-SS Adolf Hitler unter dem Kommando des SS-Obersturmführers Gottfried Meir überstellt, die in der Mädchenschule von Intra stationiert war. Nachdem seine Folterer den Aufenthaltshaltsort der Familie in Erfahrung gebracht hatten, wurde Riccardo am 9. Oktober 1943 ermordet und seine zerstückelte Leiche im Heizungskeller verbrannt. Seine Familie wurde am selben Tag in Gressoney/Aostatal verhaftet und kurz darauf ebenfalls in der Schule in Intra ermordet und verbrannt.

Eine Ahndung der Verbrechen fand nicht statt
Drei ehemalige Obersturmführer des SS-Bataillons (Hans Krüger, Herbert Schnelle, Hans Roehwer) wurden 1968 vom Landgericht Osnabrück wegen Mordes in 22 Fällen, zwei weitere Angehörige des Bataillons (Oskar Schultz und Ludwig Leithe) wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Der Bundesgerichtshof hob diese Urteile jedoch 1970 wegen Verjährung der Taten wieder auf.

Der für die Morde an der Familie Ovazza verantwortliche, aus Österreich stammende SS-Obersturmführer Gottfried Meir wurde 1954 in Klagenfurt angeklagt, aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Gedenken am Seeufer
Wer in Baveno auf der Promenade am Lago Maggiore entlang flaniert, kommt dort unmittelbar am erst im Jahr 2013 errichteten Monumento alla shoah vorbei.
In Meina gibt es das gleichnamige Hotel, in dem die jüdischen Gäste bis zu ihrer Ermordung eingesperrt waren, nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich heute neben der Residence Antico Verbano der Parco Fratellanza, in dem ein kleiner Gedenkstein an die 16 Opfer aus Meina erinnert. Schon recht verblasste Informationstafeln geben Auskunft über die Geschichte der Ermordung der Juden von Meina.
In Orta hingegen muss man schon sehr genau hinsehen, um in der Via Olina 50 nicht achtlos an der Erinnerungstafel für Mario und Roberto Levi vorbei zu gehen: Bis zu ihrer Verhaftung durch die SS am 15. September 1943 hatten der Onkel und der Cousin von Primo Levi dort gewohnt.

Wer mehr über diese tragischen Ereignisse erfahren möchte, sollte in Fondotoce (Verbania) den Parco della Memoria e della Pace mit dem angeschlossenen Museum, der  Casa della Resistenza, besuchen. Das eindrucksvolle Gedenkareal, dort errichtet, wo am 20. Juni 1944 nach der Durchkämmung des Ossolatals eine große Anzahl von Widerstandskämpfern hingerichtet wurde, informiert auch über die ersten Massenmorde an Juden in Italien. An der Stirnseite der Gedenkmauer mit den über 1.200 eingravierten Namen von Menschen, die dem Kampf gegen deutsche Besatzer und italienische Faschisten in den Provinzen Novara und Verbano-Cusio-Ossola zum Opfer gefallen sind, befindet sich eine Gedenktafel für die jüdischen Opfer vom Lago Maggiore.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Durch das Valle Gesso: Attraverso la Memoria 2014

Seit über 15 Jahren finden – jeweils am ersten Septemberwochenende – im italienischen Valle Gesso und im französischen Vallée de la Vésubie Gedenkwanderungen statt, die an die etwa 800 jüdischen Menschen erinnern wollen, die hier zwischen dem 9. und 13. September 1943 aus Saint-Martin-Vésubie vor den aus dem Süden vordringenden Nazis über den Alpenhauptkamm flohen.


Ihre Hoffnung, mit dem beschwerlichen Weg über die Pässe Finestra (2.474 m) und Ciriegia (2.543 m) und weiter über Entracque und Borgo San Dalmazzo in die Freiheit zu gelangen, trog: die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Viele der Flüchtlinge wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 erlassenen ‚Rasse-Gesetze‘ festgenommen und in Borgo San Dalmazzo inhaftiert.

Am Bahnhof dieses kleinen Ortes am Eingang des Sturatales erinnert heute ein Mahnmal, das ‚Memoriale della Deportazione‘ daran, dass hier am 21. November 1943 insgesamt 329 Menschen dieser Fluchtgruppe in Güterwaggons gepfercht und in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert wurden, wo 311 von ihnen ermordet wurden.


… auf den Percorsi Ebraici

Voriges Jahr haben wir an der Gedenkwanderung von San Giacomo di Entracque zum Colle di Finestra teilgenommen und darüber berichtet. In diesem Jahr findet die unter dem Motto „Attraverso la memoria / Marche de la mémoire“ stehende Gedenkwanderung am 7. September statt und führt von Terme di Valdieri zum Colle Ciriegia. Der sehr schöne Wanderweg von Gias della Casa hinauf zum Pass ist – wie auch jener über den Colle di Finestra – vom italienisch-französisch-schweizerischen Gemeinschaftsprojekt ‚La Memoria delle Alpi / La Mémoire des Alpes / Gedächtnis der Alpen’ als Freiheitspfad‚ als ‚Percorsi Ebraici‘, ausgewiesen.

Hier das Programm zum Download.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Sant’Anna di Stazzema – Anklage im Fall des Massakers möglich

Schallende Ohrfeige für Stuttgarter Juristen
„Hinreichender Tatverdacht“: Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat im Klageerzwingungsverfahren der Opfervertreter des Massakers von Sant’Anna di Stazzema den Einstellungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer aufgehoben. Damit könnte eines der größten und grausamsten Verbrechen, das deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg verübt haben, doch noch vor Gericht aufgearbeitet werden. Außerhalb Baden-Württembergs.

Nächste Woche jährt sich zum 70. Mal der Tag, an dem im toskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema mindestens 560 wehrlose Frauen, Kinder und alte Menschen ermordet wurden: Am frühen Morgen des 12. August 1944 erreichten Einheiten der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ den Ort. Als sie Stunden später das Dorf wieder verließen, lagen mehrere hundert Menschen tot auf dem Kirchplatz und in den Trümmern ihrer Häuser – erschossen, verstümmelt, verbrannt. Darunter über 100 Kinder.


Der an den Taten beteiligte Kompanieführer des II. Bataillons des 35. Panzergrenadier-Regiments der 16. SS-Panzerdivision „Reichsführer SS“ Gerhard Sommer, seit 1939 Mitglied von NSDAP und Waffen-SS, erhielt wenige Tage nach dem Massaker, am 19. August 1944, das Eiserne Kreuz I. Klasse.

Stuttgarts Juristen setzten jahrelang auf die „biologische Lösung“
Vor deutschen Gerichten mussten sich die Täter nie verantworten. Im Gegensatz zu Italien, wo das Militärgericht La Spezia am 22. Juni.2005 zehn der Beschuldigten in Abwesenheit schuldig sprach und wegen „fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit“ zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilte. Auslieferungshaftbefehle der Italiener wurden jedoch abgewiesen, sodass die im fernen La Spezia rechtskräftig Verurteilten unbehelligt blieben.

In Deutschland hatte zunächst die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg Vorermittlungen im Fall des Massakers von Sant’Anna durchgeführt und den Fall danach an die Staatsanwaltschaft Stuttgart verwiesen, in dessen Einzugsbereich einer der Verdächtigen damals lebte. Dort begannen unter Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler, Chefermittler in allen „politischen Fällen“, im Jahr 2002 die Ermittlungen gegen 17 damals noch lebende Tatbeteiligte. „Umfangreich“ und „äußerst aufwändig“ geführt sollen sie gewesen sein, ist der Einstellungsverfügung zu entnehmen, die nach langwieriger, zehnjähriger Ermittlungstätigkeit am 1. Oktober 2012 erging.

Die Verschleppung der Ermittlungen hatte vorher immer wieder zu kritischen Nachfragen geführt und den Verdacht genährt, man setze in Stuttgart auf eine rein „biologische Lösung“: Schließlich waren seit ihrem Beginn bereits mehrere der hochbetagten Beschuldigten gestorben.

Als sich ein Ende der Ermittlungen nicht mehr länger hinauszögern ließ, entschied sich Bernhard Häußler, „keinen hinreichenden Tatverdacht für eine Anklage“ zu erkennen und stellte das Ermittlungsverfahren ein: Es könne sich bei dem Massaker an den über 560 Frauen, Kindern und alten Menschen auch um eine aus dem Ruder gelaufene Aktion im Rahmen der gezielten Bandenbekämpfung gehandelt haben. Diesem im Hinblick auf die strafrechtliche Verantwortlichkeit der damals noch lebenden Beschuldigten maßgeblichen kruden Kollateralschaden-Ansatz schloss sich kurz darauf auch der baden-württembergische Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) an, dem die Einstellungsverfügung zur Prüfung vorlag.

Der lange Weg durch die Instanzen
So lange aber noch einer der Beschuldigten zur Rechenschaft gezogen und damit Geschichtsfälschung verhindert werden könnte, wollten die seit 70 Jahren auf Gerechtigkeit wartenden noch lebenden Opfer des NS-Massakers von Sant’Anna und ihre Angehörigen nicht aufgeben: Im Namen ihres Mandaten Enrico Pieri, der zum Zeitpunkt der Tat zehn Jahre alt war, durch das Massaker am 12. August 1944 25 Familienmitglieder verlor und Sprecher der Opfervereinigung ist, legte die Hamburger Anwältin Gabriele Heinecke bei der zuständigen Generalstaatsanwaltschaft als nächsthöhere Instanz Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung ein.

Enrico Pieri mit Sohn Massimo - Foto: © Wolfram Mikuteit

Enrico Pieri und Sohn Massimo, bei einer Veranstaltung am 19. Mai 2014 in Konstanz

Die damals von uns geäußerte Hoffnung, dass damit der Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart noch eine Chance für den Nachweis geboten würde, dass sich auch in Baden-Württemberg der Umgang mit NS-Verbrechen verändert hat, um den Verdacht auszuräumen, dass der Geist der die Nachkriegszeit dominierenden furchtbaren Juristen unser Rechtssystem auch heute noch beherrscht, wurde nicht bestätigt.

Denn der bei der Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart zuständige Oberstaatsanwalt Peter Rörig sah keinen Grund, die Ermittlungsergebnisse anzuzweifeln. Obwohl ihm beim Vergleich der historischen Fakten aus dem Gutachten des Historikers Dr. Carlo Gentile mit dem Elaborat seines Kollegen Häußler (mittlerweile im Ruhestand) schnell hätte klar sein müssen, dass dieser, nun ja: nicht ausreichend ermittelt hat. Carlo Gentile arbeitet seit vielen Jahren als historischer Sachverständiger bei NS-Strafverfahren oder deren Vorbereitungen und ist auch Mitglied der im Jahr 2009 von den Außenministern beider Staaten eingesetzten deutsch-italienischen Historikerkommission. Sein von Enrico Pieri beauftragtes Gutachten zeigt hanebüchene Ermittlungsfehler der Stuttgarter Staatsanwaltschaft auf, sorgfältiger Umgang mit historischen Fakten sieht wahrlich anders aus. Dessenungeachtet hat Oberstaatsanwalt Rörig das Ermittlungsergebnis Häußlers im Mai 2013 für die Generalstaatsanwaltschaft bestätigt.

Häußler, Rörig und Stickelberger endlich ausgebremst!
Als letzte Möglichkeit, die Tatumstände des Massakers von Sant’Anna di Stazzema innerhalb eines ordentlichen Gerichtsverfahrens klären zu lassen, blieb den Überlebenden des Massakers nach dieser Entscheidung OStA Rörigs nur noch der Weg über die Klageerzwingung. Große Hoffnung machte sich längst niemand mehr; versucht hat es Gabriele Heinecke für ihren Mandanten aber dennoch. Und war damit erfolgreich:

Am 5. August 2014 hat der 3. Strafsenat des Oberlandesgericht Karlsruhe den Einstellungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer aufgehoben (AZ: 3 Ws 285/13). Vollkommen anders als die Staatsanwaltschaft und die Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart, vollkommen anders auch als Justizminister Rainer Stickelberger, sieht das OLG Karlsruhe hinreichenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten. Für den 3. Strafsenat bestehen „keine vernünftigen Zweifel“ daran, dass die Befehle – die Sommer als kommandierendem Offizier bekannt waren – „nicht auf die Partisanenbekämpfung beschränkt, sondern von vornherein auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung von Sant’Anna di Stazzema gerichtet waren“. Eine Verurteilung wegen Mordes oder zumindest Beihilfe dazu sei wahrscheinlich, „sodass genügender Anlass zur Anklageerhebung besteht“.

Nachdem ein Verfahren in Stuttgart 12 Jahre lang verhindert wurde, ist die dortige Staatsanwaltschaft zukünftig übrigens außen vor, und die Herren Häußler, Rörig und Stickelberger können sich die Entscheidung des OLG Karlsruhe lediglich zur Mahnung hinter den Spiegel stecken:

Da der beschuldigte Gerhard Sommer heute in Hamburg und damit außerhalb des OLG-Bezirks lebt, konnten die Richter keine Anklage erzwingen. Sie verpflichteten die Stuttgarter Ermittler stattdessen, das Verfahren an die Hamburger Staatsanwaltschaft abzugeben. Dort sollen die Ermittlungen nun zügig wieder aufgenommen und zu einer raschen Anklageerhebung geführt werden.

Und Gauck?
Bundespräsident Joachim Gauck ist viel unterwegs zur Zeit; er folgt der Blutspur, die Wehrmacht und SS mit bestialischen Massakern an der Zivilbevölkerung in den ehemals besetzten Staaten hinterließen. Er bat im griechischen Ligiades, im französischen Oradour-sur-Glane und auch in Sant’Anna di Stazzema wortreich um Vergebung – was viel einfacher ist, als auf berechtigte Entschädigungsforderungen einzugehen oder die Praktiken der baden-württembergischen Justizbehörden kritisch zu hinterfragen: „Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht überführt werden können, weil die Instrumente des Rechtsstaats das nicht zulassen“ (Gauck im März 2013 in Sant’Anna).

Was die Instrumente des Rechtsstaates zulassen, wenn sie nicht durch eine breite Front aus Justiz und Politik blockiert werden, hat die Entscheidung des OLG Karlsruhe aufgezeigt. Ob Joachim Gauck sich wohl bei seinem nächsten Besuch in Sant’Anna bemüßigt fühlen wird, sich für diese Aussage und 12 Jahre Verfahrensverschleppung zu entschuldigen?

Sabine Bade

 

In Kürze erscheinen – erstmals in deutscher Sprache – die Lebenserinnerungen von Enio Mancini, in denen er das Leben in Sant’Anna di Stazzema während des Krieges und die Ereignisse des 12. August 1944 beschreibt. Mancini gehört wie Enrico Pieri zu den wenigen Überlebenden des Massakers. Dank seines Engagements konnte 1991 im ehemaligen Schulgebäude von Sant’Anna das Historische Museum des Widerstands eröffnet werden, dessen Leiter er bis 2006 war. Zusammen mit Enrico Pieri wurde Enio Mancini von den „Anstiftern“ der Stuttgarter Friedenspreis 2013 verliehen.

Gabriele Heinecke, Christiane Kohl, Maren Westermann (Hg): Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema – Mit den Erinnerungen von Enio Mancini. Mit Beiträgen von Christiane Kohl und Maren Westermann, der juristischen Einordnung von Gabriele Heinecke sowie einer Untersuchung des Historikers Carlo Gentile.
Laika Verlag Hamburg, ISBN: 978-3-944233-27-7, Hardcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten, 19,00 €. Erscheint im August 2014.

 

Rede zum 70. Jahrestag des Massakers am Colle del Lys

Als wir vor kurzem die Gedenkveranstaltung am Colle del Lys ankündigten, haben wir dabei auch auf die intensiven Kontakte hingewiesen, die die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der AntifaschistInnen (VVN-BdA) Ravensburg-Oberschwaben seit Jahrzehnten zum Comitato Resistenza Colle del Lys pflegt.


Joseph Kaiser als Vertreter der VVN-BdA Ravensburg-Oberschwaben war Ehrengast bei der Gedenkveranstaltung am 6. Juli 2014 und hat uns erlaubt, seine Rede anlässlich des 70. Jahrestags des Massakers hier nachfolgend wiederzugeben:

Scarica la versione italiana

Gedenkveranstaltung am Colle del Lys

Seit Jahrzehnten findet im Piemont jedes Jahr am ersten Juli-Wochenende eine Gedenkveranstaltung am Colle del Lys statt – dort wo unweit von Turin am Übergang zwischen Susa- und Viùtal am 2. Juli 1944 26 junge Männer einem blutigen Massaker zum Opfer fielen. Auch dieses Ereignis jährt sich – wie so viele andere – dieses Jahr zum 70. Mal.

70. Jahrestag des Massakers am Colle del Lys

Nachdem bereits Ende Juni 1944 Auskämmungsaktionen in verschiedenen Orten des Susatals stattfanden, stießen im Morgengrauen des 2. Juli 1944 deutsche und italienische SS-Truppen zum Colle del Lys vor. Sie näherten sich dem Pass von zwei Seiten, sowohl vom Viù- als auch vom Susatal. Ihr Ziel war die Zerschlagung der 17. Garibaldi-Brigade „Felice Cima“. Während heftiger Gefechte wurden sechs Partisanen getötet, die meisten anderen konnten sich in Richtung der schwer zugänglichen Region um den Monte Rognoso retten. Für 26 Männer gab es dagegen kein Entkommen. Sie waren erst kurz vorher aus der Ebene zu den Partisanen gestoßen und wussten weder, wie man sich im felsigen, unwegsamen Gelände zu bewegen hatte, noch trugen sie dafür das richtige Schuhwerk. Sie sahen sich außerstande, den anderen zu folgen und waren zur Umkehr gezwungen. Die Männer – die meisten waren unbewaffnet – wurden von den SS-lern gefasst, gefoltert und anschließend erschlagen. Erst zwei Tage später war es möglich, die schwer geschändeten Leichen zu bergen und in einem Massengrab beizusetzen.

Per non dimenticare – Orte der Erinnerung am Colle del Lys

1947 wurde am Colle del Lys eine erste kleine Gedenktafel für die Toten der 17. Garibaldi-Brigade „Felice Cima“aufgestellt. Als aber am 11. September 1955 – bereits mitten im Kalten Krieg und einige Jahre nach Aufspaltung der A.N.P.I. – der knapp acht Meter hohe Rundturm eingeweiht wurde, der heute das Wahrzeichen des Passes ist, wählte man einen anderen Ansatz: Seit damals wird nicht mehr nur der Opfer einer einzelnen Partisanenorganisation gedacht, sondern parteiübergreifend aller 2.024 Menschen aus den Valli di Lanzo, Susa, Sangone und Chisone, die während der 20 Monate des Widerstands gegen deutsche und italienische Faschisten ihr Leben verloren.

In diesem eher regionalen als organisationsbezogenen Sinn versteht sich auch das im Jahr 2000 in der ehemaligen Casa Cantoniera errichtete „Ecomuseo della Resistenza Carlo Mastri“. Zwar setzt die ständige Fotoausstellung ihren unübersehbaren Schwerpunkt auf die Geschichte der 17. Garibaldi-Brigade – Wechselausstellungen und Veranstaltungen widmen sich aber dem gesamten Komplex der Resistenza.

Gedenkveranstaltung 2014

Die diesjährige Gedenkveranstaltung beginnt am Samstag, den 5. Juli 2014, mit der Wanderung zum Colle della Portia, die wir auch in unser Buch „Partisanenpfade im Piemont“ aufgenommen haben. Die weiteren Programmpunkte können dem Veranstaltungsplakat entnommen werden.

Ein kleiner Hinweis noch zum Ehrengast der sonntäglichen Hauptveranstaltung Joseph Kaiser (VVN-BdA Ravensburg/Oberschwaben): Die VVN-BdA Ravensburg/Oberschwaben pflegt – wie auch die VVN-BdA Konstanz – intensive Kontakte zu ehemaligen WiderstandskämpferInnen, PartisanInnen, AntifaschistInnen und GewerkschafterInnen aus dem Piemont, die aus der Städtepartnerschaft Ravensburg-Rivoli vor über 30 Jahren hervorgegangen sind. So wie Elena Cattaneo, die Präsidentin des Comitato Resistenza Colle del Lys, im Mai mit ihrem Mann Franco Voghera zur Gedenkveranstaltung am KZ-Friedhof an der Birnau kam, ist auch dieses Jahr wieder eine Delegation der VVN-BdA Ravensburg/Oberschwaben am Colle del Lys dabei.

Plakat / Veranstaltungsprogramm als Download

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Gedenkfeier am KZ-Friedhof Birnau am Bodensee 2014

Seit vielen Jahren wird am KZ-Friedhof nahe der Wallfahrtskirche Birnau um den 8. Mai herum, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, der Menschen gedacht, die im KZ-Außenlager Überlingen-Aufkirch starben. Mindestens 185 Häftlinge – die meisten von ihnen Italiener und Slowenen – wurden dort zwischen September 1944 und April 1945 ermordet oder fielen den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen beim Bau des Goldbacher Stollens zum Opfer. Sie alle waren dort beim Bau eines unterirdisches Stollensystems eingesetzt, in das die Produktion der Friedrichshafener Rüstungsbetriebe Dornier, Zeppelin, ZF und Maybach vor Bomben geschützt unter Tage verlagert werden sollte.


Anfangs wurden die Opfer zur Einäscherung in das Konstanzer Krematorium gebracht. Einem Mitarbeiter war es trotz aller Verbote gelungen, die Urnen zu beschriften und zu verstecken. Nach dem Krieg konnten sie dadurch den Angehörigen übergeben und in ihre  Heimat überführt werden. Per Zufall entdeckten wir bei unseren Recherchen auf dem zwischen Lago Maggiore und Luganer See gelegenen Monte San Martino in der dortigen Gedenkstätte das Urnengrab des Rechtsanwalts Franco Tranfaglia: Er hatte sich dem lokalen Widerstand gegen die deutsche Besetzung Italiens angeschlossen, wurde verhaftet, über Bozen im Oktober 1944 nach Deutschland deportiert und starb am 17.1.1945 im Außenlager Überlingen-Aufkirch. An „allgemeiner Schwäche“, wie es damals stets hieß.

Als die Kohleversorgung des Konstanzer Krematoriums aber für eine Verbrennung nicht mehr ausreichte, wurden etwa 97 Tote unbekleidet im nahen Degenhardter Wäldchen in einem Massengrab verscharrt. Nach dem Krieg ordnete die französische Militärbehörde die Öffnung des Massengrabs an und verlangte die Umbettung der Leichen. Am 9. April 1946 wurden die namenlosen Toten auf dem KZ-Gedenkfriedhof Birnau bestattet.


Während der diesjährigen Gedenkveranstaltung am KZ-Friedhof Birnau am 10. Mai legte als Ehrengast der letzte überlebende Häftling des Lagers, der fast 89-jährige Anton Jež aus Slowenien, einen Kranz am Kreuz des Friedhofs nieder. Und die Hauptrednerin Janka Kluge (VVN-BdA Landessprecherin) erinnerte an das Schicksal einer dieser Männer: Giuseppe Beltrame aus dem Val Bormida (Piemont/ Ligurien) gehörte zu jenen Wehrpflichtigen, die in der „größten Verkleidungsaktion der italienischen Geschichte“, wie es die Historikerin Anna Bravo nennt, am 8. September 1943, dem Tag des Waffenstillstands der Italiener mit den Alliierten, ihre Uniform klammheimlich gegen Zivilkleidung tauschten, um der Gefangennahme und anschließender Deportation durch die deutsche Wehrmacht zu entgehen. Erst vor einigen Jahren wurde bekannt, dass Giuseppe Beltrame, dessen Geschichte Oswald Burger nachgezeichnet hat, in einem der 97 namenlosen Gräber bestattet wurde.

Die alljährlich stattfindende Gedenkfeier am KZ-Friedhof Birnau, veranstaltet von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BDA Bodensee-Oberschwaben und Singen-Konstanz), DGB, IG Metall und dieses Jahr erstmalig auch der lokalen Stolperstein-Initiativen, ist darüberhinaus immer auch ein Treffen von Deutschen und Italienern. Was mit der Städtepartnerschaft zwischen Ravensburg und Rivoli nahe Turin vor über 30 Jahren begann, hat schnell zu ganz intensiven Kontakten zwischen der VVN und dem Comitato Resistenza Colle del Lys geführt. Kein Wunder also, dass wir dort vor zwei Jahren auch unser Buch „Partisanenpfade im Piemont“ vorstellen durften.

Elena Cattaneo, die Präsidentin des Comitato Resistenza Colle del Lys, war mit ihrem Mann Franco Voghera zur Birnau gekommen und erinnnerte nicht nur an die faschistische Hitler-Diktatur, sondern wies zudem – wie auch alle anderen Redner und Rednerinnen – auf die Gefahr der aktuelle Entwicklung rechter Parteien in Europa hin.

Verstärkt wurde die kleine italienische Delegation durch Giuseppe Rizzo und seine Frau Enza Giordano aus Grugliasco. Der Präsident der ‚Consulta antifascista comunale di Grugliasco‘ kam als Vertreter des Bürgermeisters dieses kleinen Ortes, der am 29./30. April 1945 – als das nahe Turin bereits befreit war und der Sieg über den Faschismus schon gefeiert wurde – blutiger Schauplatz eines Massakers durch deutsche Wehrmachtsangehörige wurde: Diesem Massaker fielen 68 Partisanen und Zivilisten zum Opfer.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Literatur zum Thema:

Oswald Burger: Der Stollen. Verein Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen, Überlingen 1996; 10. Auflage: Isele, Eggingen 2012, ISBN 978-3-86142-087-3.

Führungen zum Goldbacher Stollen und Informationen dazu:
http://www.stollen-ueberlingen.de

 

Das Massaker von Benedicta

Zwischen Mitte März und Mitte April 1944 fanden an vielen Orten im von den Deutschen besetzten Italien Razzien und sogenannte „Auskämmungsaktionen“ statt, die meisten in Ligurien und Piemont. Im noch zum Piemont gehörenden ligurischen Apennin, in der Provinz Alessandria und nur wenige Kilometer nordwestlich von Genua, wird an der damals als Gutshof genutzten alten Abtei von Benedicta an eines dieser blutigen Geschehen erinnert, das heute vor genau 70 Jahren begann.Das Massaker von Benedicta - Foto: © Wolfram Mikuteit

Wer im Hinterland von Genua durch den Parco naturale delle Capanne di Marcarolo fährt, gelangt zwangsläufig zum „Parco della Pace“ von Benedicta. Am Karfreitag 1944, im Morgengrauen des 7. April, begann hier in der unwegsamen Gegend rund um den Monte Tobbio eine großangelegte „Auskämmungsaktion“ faschistischer Guardia nazionale repubblicana-Truppen unter deutscher Wehrmachtsleitung, bei der fast 100 sogenannte „Rebellen“ starben. In den folgenden Tagen wurden in benachbarten Orten weitere 50 Männer erschossen, circa 400 wurden gefangen genommen und viele von ihnen in deutsche Konzentrationslager deportiert. 17 von denen, die das Massaker in Benedicta überlebt hatten, wurden im Gefängnis Marassi in Genua inhaftiert und am 19. Mai 1944 mit anderen Häftlingen am Turchino-Pass ermordet.


Was genau unter „Rebellen“ zu verstehen war, schildert der Historiker Lutz Klinkhammer in seinem Buch „Zwischen Bündnis und Besatzung – Das nationalsozialistische Deutschland und die Republik von Salò 1943-1945“:

„Auch in diesem Fall handelte es sich bei den Rebellen nicht um eine kompakte Partisanen-„Bande“. Dies verrät nicht nur die große Zahl der Aufständischen, deren mangelnde Bewaffnung und eingeschränkte Widerstandsmöglichkeiten dazu führten, daß die Häscher eine große Zahl von Toten und Gefangenen machen konnten, sondern auch die Zusammensetzung der Gruppe am Monte Tobbio: Der größte Teil waren geflüchtete Jugendliche, entflohene alliierte Kriegsgefangene, untergetauchte Soldaten des ehemaligen königlich-italienischen Heeres; auch kommunistische Arbeiter aus den ligurischen Fabriken gehörten dazu. Die mehr unter dem Zwang der Ereignisse Geflüchteten hatten sich – abgesehen von den Kommunisten unter den Arbeitern und einem Grüppchen von Christdemokraten – politisch nicht weiter artikuliert und auch keine besonderen Aktionen unternommen, sondern sich auf die Beschaffung von Lebensmitteln beschränkt“ (S.441).

Und konstatiert:
Die Partisanenbekämpfung hatte also bereits in dieser Phase zu einem beträchtlichen Teil eine ,,Auskämmung zum Arbeitseinsatz“ zum Ziel.

Eine kleine Kapelle und ein schlichtes Kreuz stehen heute dort, wo am 7. April 1944 die Erschießungen stattfanden. Gegenüber befindet sich das Massengrab und die Gedenkstätte, das Sacrario dei Martiri della Benedicta, für die Opfer des Massakers.  Etwas höher gelegen wird an den Ruinen der Capanne di Marcarolo ein Informationsort geschaffen; viele Schautafeln geben dort bereits heute einen Überblick über die Vorfälle, die sich Ostern 1944 ereigneten.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

 

Rom – der Anschlag in der Via Rasella

Vor 70 Jahren, am 23. März 1944 – dem 25. Jahrestag der Gründung von Mussolinis „Fasci di combattimento“, der berüchtigten faschistischen Kampfbünde – explodierten in Rom an der Kreuzung Via Rasella und Via del Boccaccio eine in einem Müllkarren verborgene Bombe und eine präparierte Mörsergranate. Durch diesen Anschlag wurden 33 der 156 Mann starken, mit Waffen im Anschlag täglich zur gleichen Zeit durch die Via Rasella marschierenden 11. Kompanie des III. Bataillons des Polizei-Regiments „Bozen“ getötet, 67 verwundet. Auch zwei Italiener kamen dabei ums Leben.

Via Rasella - die Einschusslöcher sind heute noch zu sehen - Foto: © Wolfram Mikuteit

Die Deutschen übten mit dem Massaker in den Ardeatinischen Höhlen grausame Rache an 335 italienischen Zivilisten – darunter 75 Juden –, von denen kein einziger auch nur im Entferntesten etwas mit dem Anschlag zu tun hatte.  Das durch Männer des Sipo- und SD-Außenkommandos in Rom unter der Leitung von SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler ausgeführte Gemetzel gilt in Italien als das Symbol für die Schrecken der 20 Monate andauernden deutschen Besatzungszeit.


Der Anschlag in der Via Rasella war nicht die erste gegen die deutsche und faschistische Gewaltherrschaft gerichtete Aktion der römischen Gruppi d’Azione Patriottica, kurz GAP; das Massaker in den Fosse Ardeatine nicht die erste „Repressionsmaßnahme“, die die deutschen Besatzungsorgane ergriffen. Die Unterdrückung der Zivilbevölkerung begann unmittelbar nach der deutschen Besetzung Roms und fand ihren ersten tragischen Höhepunkt bereits am 16. Oktober 1943, als das Ghetto durchkämmt und 1007 Juden in die Vernichtungslager deportiert wurden. Weitere Deportationen folgten, und bis zum letzten Tag vor der Befreiung wurden regelmäßig Partisanen – oder wer dafür gehalten wurde – im Forte Bravetta erschossen und ganze Stadtviertel „ausgekämmt“. Auch die bestialische Barbarei der Folterknechte in der Via Tasso, dem Gefängnis der SS und Sicherheitspolizei, war der hungernden Bevölkerung von Rom bekannt.

Organisiert und ausgeführt wurde der Anschlag in der Via Rasella von jungen Studenten, die sich in den GAP organisiert hatten, unter ihnen Rosario Bentivegna, Carla Capponi und Franco Calamandrei (das berühmte Gedicht „Se voi volete andare …“ stammt von seinem Vater) unter Leitung von Mario Fiorentini. Sie alle konnten sich kurz nach der Zündung der in einem Müllkarren deponierten Sprengladung in Sicherheit bringen und waren längst nicht mehr am Ort des Geschehens, als hochrangige Nazis und Faschisten von der Gedenkfeier zum 23. März in der Via Rasella eintrafen. Sofort wurden die circa 200 Anwohner der Via Rasella aus ihren Häusern getrieben und mussten sich, Frauen und Männer getrennt, am Zaun des Palazzo Barberini stundenlang mit erhobenen Händen aufstellen. Zehn Männer, denen vage Sympathien für die kommunistische Partei unterstellt wurden, kamen auf die „Todesliste“ von Obersturmbannführer Herbert Kappler und wurden am nächsten Tag in den Fosse Ardeatine ermordet. Darunter befanden sich Kunsthandwerker, denen ein Handtaschenladen gehörte, ein unpolitischer Beamter, der gerade in seiner Wohnung in der Via Rasella ein Nickerchen gemacht hatte, als die Bombe explodierte, und Romolo Gigliozzi, der hinter der Theke eines kleinen Cafés arbeitete.

Genau gegenüber der Einmündung der Via Rasella in die Via delle Quattro Fontane erinnert eine Gedenktafel an der Mauer des Palazzo Barberini erst seit dem Jahr 2010 an diese 10 Opfer.
Am Ort des Anschlags sind in der Via Rasella noch heute Einschusslöcher zu sehen: Im Glauben, von diesen Häusern aus angegriffen worden zu sein, hatten die Deutschen die Fenster der der Straße zugewandten Wohnungen unter Beschuss genommen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Erste Stolpersteine in Venedig

In Rom hat Gunter Demnig am 28. Januar 2010 die ersten italienischen Stolpersteine verlegt. Über 200 dieser kleinen, mit Messing überzogenen und in den Boden eingelassenen Gedenksteine, die an das Schicksal von Menschen erinnern sollen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden, gibt es mittlerweile in der italienischen Hauptstadt. Danach wurden auch in Genua, Brescia, Livorno, Ravenna, Prato bei Florenz, Sarezzo und Meran einige Stolpersteine – “Pietre d’Inciampo” – verlegt.Venedig - Relief des Bildhauers Arbit Blatas - Foto: © Wolfram Mikuteit

Seit dem 12. Januar 2014 liegen Stolpersteine nun auch in Venedig, alle im Stadtteil Cannaregio, einige im Areal des ehemaligen jüdischen Ghettos. Die deutschen Besatzer deportierten im Dezember 1943 und im August 1944 zahlreiche Juden aus Venedig und ermordeten rund 200 von ihnen.

Für den Ingenieur Bartolomeo Meloni wurde am Campo SS. Apostoli der erste Stein verlegt:

QUI ABITAVA BARTOLOMEO MELONI
NATO 1900
ARRESTATO COME POLITICO 4.10.1943
DEPORTATO DACHAU
MORTO 9.7.1944

Viele Eisenbahner in Venedig, so auch deren Generalinspektor Bartolomeo Meloni, hatten sich direkt nach dem italienischen Kriegsaustritt am 8. September 1943 und der darauffolgenden deutschen Besetzung dem örtlichen Widerstandskommando (CLN) angeschlossen. Da die einzige Verbindung zwischen Venedig und dem Festland über die Eisenbahn- und Autobrücke verlief und heute immer noch verläuft, kam gerade Eisenbahnern im Widerstand bei der Rettung von Flüchtlingen, der Logistik der Widerstandsgruppen etc. große Bedeutung zu. Nach nur wenigen Wochen clandestiner Tätigkeit wurde Meloni am 4. Oktober 1943 von Männern der deutschen SS verhaftet, zunächst im Gefängnis Santa Maria Maggiore inhaftiert und dann über Verona nach Dachau deportiert, wo er starb. Ihm und anderen Opfern des Widerstands der Eisenbahner ist bereits eine Gedenksäule am Gleis 8 des  Bahnhofs von Venedig gewidmet.


Weitere Stolpersteine wurden am Rio Terà della Maddalena für die junge jüdische Verkäuferin Elena Mariani verlegt, die in Auschwitz ermordet wurde, und am Campo della Maddalena für den katholischen Untergrund-Drucker Giuseppe Modena, der in Mauthausen starb.

Für einige Opfer der Deportation vom Dezember 1943 (Alberto Leone Todesco, Adele Dina, Marco Todesco, Attilio Grassini, Cesira Clerle, Alba Clerle, Ugo Beniamino Levi, Bruna Grassini) wurden Stolpersteine am Fondamenta dei Mori und im alten Ghetto in den Boden eingelassen: Sie alle starben in Auschwitz.

Auf dem Campo di Ghetto Nuovo, dort wo Reliefs des litauischen Bildhauers Arbit Blatas  an die Opfer der Deportationen erinnern, wurde vor der Casa Israelitica di Riposa ein Stolperstein für 21 ältere Jüdinnen und Juden verlegt, die am 17. August 1944 aus diesem Haus deportiert und in Konzentrationslagern ermordet wurden:

17 AGOSTO 1944
DA QUESTA CASA
FURONO DEPORTATI
21 ANZIANI OSPITI
ASSASSINATI NEI
LAGER NAZISTI

Weitere Gedenkorte in Venedig
Für Informationen zu anderen Gedenkorten in Venedig verweisen wir auf die entsprechende Seite des Gedenkorte-Portals des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945 www.gedenkorte-europa.eu: Für die Frauen im venezianischen Widerstand nahe der Vaporetto-Haltestelle „Giardini“, für Opfer von Geiselmorden in der Calle dei 13 Martiri und an der Riva dei sette martiri und viele weitere mehr.

Wer durch Venedig streift, sollte auch einen Blick in das Foyer des Teatro Goldoni nahe dem Campo San Lucca werfen. Hier erinnert eine Tafel an den Überraschungscoup vom 12. März 1945, als Partisanen den so genannten „Goldoni-Streich“ (Beffa del Godoni) organisierten: Während einer Aufführung besetzten sie das Theater und kündigten die bevorstehende Befreiung an. Die Aktion erfolgte so spontan und überraschend, dass eine Reaktion der faschistischen Kräfte nicht möglich war.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit