Massaker an italienischen Zwangsarbeitern bei Treuenbrietzen im April 1945

Das mit schier unvorstellbarer Grausamkeit in der Nähe von Treuenbrietzen am 23. April 1945 verübte Endphaseverbrechen deutscher Soldaten an italienischen Zwangsarbeitern beschrieb der Historiker Gerhard Schreiber bereits 1990 in seinem Buch “Die italienischen Militärinternierten im deutschen Machtbereichbereichs 1943 bis 1945. Verraten – Verachtet – Vergessen”.

Im Märkischen Sand

Im Märkischen Sand – Nella Sabbia del Brandeburgo. Von Katalin Ambrus, Nina Mair und Matthias Neumann.

Nun wurde zu diesem Verbrechen die Web-Dokumentation “Im Märkischen Sand – Nella Sabbia del Brandeburgo” erstellt.
Das zweisprachige Filmprojekt ist als crossmediale, interaktive Dokumentation entstanden. In 24 Episoden beleuchtet die Webdoku Geschichte und Gegenwart des Massakers von Treuenbrietzen. In 18 thematischen und biografischen Gegenwartsepisoden wird das Ereignis aus heutiger Sicht dokumentiert. Die Hintergründe werden in 6 begleiteten Geschichtsepisoden ausgeleuchtet. Hier kommen animierte Tableaus zur Anwendung, die vom italienischen Zeichner Cosimo Miorelli gestaltet wurden. Die Musik wurde komponiert von Stefano Fornasaro und Andrea Blasetig.

Und am Samstag strahlt der RBB den Film “Das dunkle Geheimnis von Treuenbrietzen” aus.

Das dunkle Geheimnis von Treuenbrietzen
Film von Katalin Ambrus und Nina Mair
RBB, Samstag 30.4.2016, 18:00 bis 18:30 Uhr
Wiederholungen: 2. Mai 2016, 03:10 Uhr und 4. Mai 2016, 04:00 Uhr

Ungefähr 600.000 italienische Soldaten wurden beim Kriegsaustritt der Italiener nach dem 8. September 1943 von den Deutschen gefangengenommen. Sie wurden vom Verbündeten (Achse Berlin-Rom) zum “Verräter”: Der Status von Kriegsgefangenen wurde ihnen nicht zuerkannt; sie wurden als Militärinternierte bezeichnet, unter Umgehung des Völkerrechts deportiert und zur Zwangsarbeit eingesetzt. Von diesen 600.000 Männern sind ungefähr 45.000 zu Tode gekommen – gestorben an den Folgen von grausamen Arbeitsbedingungen, von Hunger und Krankheit oder in Mordaktionen wie bei Treuenbrietzen getötet.

In der ungefähr 50 Kilometer südwestlich von Berlin gelegenen Stadt leisteten damals annähernd 3.000 Kriegsgefangene – sie stammten aus Italien, Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Polen und der Sowjetunion, wobei die “verräterischen Italiener” zusammen mit den Russen ganz unten in der Häftlingshierarchie rangierten – Zwangsarbeit. Am 23. April 1945, kurz zuvor hatten sowjetische Truppen die Stadt eingenommen, wurden 131  italienische Insassen des Zwangsarbeiter-Internierungslagers “Sebaldushof” bei Treuenbrietzen, die dort für die Rüstungsfirma Kopp & Ko arbeiten mussten, von einem Wehrmachtskommando zu einer Sandgrube am Rande eines Kiefernwäldchens getrieben. Die nachfolgende, zwei Stunden andauernde Massenerschießung überlebten nur vier Männer. Edo Mangialardi, Germano Cappelli, Antonio Ceseri und Vittorio Verdolini hatten sich rechtszeitig zu Boden werfen können und wurden von den zusammenbrechenden Körpern ihrer erschossenen Kameraden bedeckt.

Diese vier Männer, die das Massaker überlebten, brachten nach Kriegsende das Massaker zur Anzeige und lieferten wichtige Hinweise, halfen auch dabei, die Toten zu identifzieren. Von den erst sehr spät gegen die Täter ermittelnden Behörden wurden sie dennoch nicht befragt, konstatierte Gerhard Schreiber.
Ihre Berichte dienten den oben angeführten Dokumentationen als Grundlage.

Downolad der Pressemitteilung zu: Im Märkischen Sand – Nella Sabbia del Brandeburgo

 

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Ferragosto-Konzert 2015 bei Paraloup

Seit 1981 findet alljährlich am 15. August – zum Höhepunkt der italienischen Feriensaison – das ‚Concerto Sinfonico di Ferragosto‘ statt.
Damals wurde am Rifugio Quintino Sella unterhalb des Monviso eine Tradition begründet, die sich längst etabliert hat: jedes Jahr an einem anderen Ort spielt an diesem Tag das Orchestra Bartolomeo Bruni auf und zieht in aller Regel um die 10.000 Besucher zu einer Veranstaltung in die Berge, die auch vom italienischen Fernsehen RAI übertragen wird.

70 Jahre nach der Befreiung: Ferragosto-Konzert bei Paraloup
70 Jahre nach Ende des Krieges, 70 Jahre nach Ende der deutschen Besatzung Norditaliens findet das 35. Ferragosto-Konzert dieses Jahr an einem für die piemontesische Widerstandsbewegung geschichtsträchtigen Ort statt: Auf der kleinen Hochebene von Chiot Rosa unterhalb der von der Bewegung Giustizia & Libertà als eines ihrer Hauptquartiere genutzten ehemaligen Sommersiedlung Paraloup. So schrieb denn auch ‘La Stampa’ zum diesjährigen Ferragosto-Konzert: “Nella «borgata dei partigiani» per celebrare i 70 anni della Resistenza”.

Paraloup gestern und heute
Direkt nach dem Kriegsaustritt Italiens und mit Beginn der deutschen Okkupation am 8. September 1943 zog sich eine kleine Gruppe von Antifaschisten aus dem Umfeld der Bewegung Giustizia e Libertà um Duccio Galimberti und Dante Livio Bianco aus Cuneo in die Berge zurück, um der drohenden Verhaftung zu entgehen und den Kampf gegen italienische Faschisten und deutsche Besatzer aufzunehmen. Einige wenige Tage hielten sie sich in Madonna del Colletto auf, einem kleinen Pass zwischen Gesso- und Sturatal. Da dieser Ort nicht genug Sicherheit bot, zog die Gruppe, die sich den Namen „Italia Libera“ gegeben hatte, weiter ins Sturatal und erreichte am 20. September 1943 die aus nur wenigen Häusern bestehende abgelegene Sommersiedlung Paraloup nah am Übergang zum Granatal. Bereits Ende Oktober 1943 war die Gruppe auf über 100 Männer angewachsen, unter ihnen Nuto Revelli, Giorgio Bocca, Detto Dalmastre, Alberto Bianco und viele andere mehr, die die 20 Monate der italienischen Resistenza entscheidend prägten. In Paraloup und den umliegenden Weilern wurde die Basis gelegt für die in der gesamten Provinz Cuneo operierenden Giustizia e Libertà-Partisanengruppen.

Paralup war als Sommersiedlung seit langem ungenutzt und die Häuser waren großteils verfallen. Wegen der historischen Bedeutung des Ortes hat die Fondazione Nuto Revelli vor einigen Jahren damit begonnen, den Ort wiederaufzubauen. Viele Geäude wurden bereits überaus gelungen restauriert: In einem ist ein Museum über die Geschichte des Ortes als Standort der Partisanenbewegung untergebracht, ein anderes dient Vorführungen von Zeitzeugen-Videos. Mittlerweile gibt es auch eine Bar und ein Rifugio.
Die Revelli-Stiftung hat sich aber darüberhinaus zum Ziel gesetzt, hier einen Platz zu schaffen, an dem kreative Lösungsvorschläge und Möglichkeiten ausgearbeitet werden sollen, die abgelegenen und stark von Landflucht betroffenen Orten in den Bergen Wege für eine nachhaltige und selbständige Wiederbelebung aufzeigen.

Praktische Informationen
Das Konzert beginnt am 15. August 2015 um 13 Uhr, und auf dem Programm stehen dieses Jahr überwiegend Werke von Dmitri Schostakowitsch. Wer den Trubel einer Massenveranstaltung scheut, kann sich tags zuvor um 14 Uhr die öffentliche Generalprobe anhören.
Der Veranstaltungsort Chiot Rosa wird für den privaten KFZ-Verkehr gesperrt; Busse von Cuneo nach Rittana starten um 7.00 – 7.15 – 7.30 – 7.45 – 8.00 Uhr; Shuttlebusse von dort nach Gorrè di Rittana (Navetta 1) und Tetto Sottano di Rittana (Navetta 2). Zu Fuß geht es dann weiter nach Chiot Rosa.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Judenrettung in Assisi 1943/1944 – der “Assisi-Untergrund”

Alexander Ramatis Roman „Der Assisi Untergrund“ über ein geheimes Netzwerk, das in Assisi, dem Geburtsort des Hl. Franz von Assisi und der Hl. Klara, während der deutschen Besatzung Italiens mehreren Hundert Jüdinnen und Juden das Leben rettete, wurde 1985 mit Maximilian Schell verfilmt. Ramati (1920-2006) kam im Juni 1944 als Kriegsreporter mit dem 2. polnischen Korps unter General Władysław Anders mit den alliierten Truppen nach Assisi und ließ sich die Geschichte vor Ort erzählen. In sein Buch, wie auch in die spätere Hollywood-Verfilmung, flossen – wie bei Romanen nicht anders zu erwarten – auch einige fiktive Aspekte ein. Die lassen wir weg, wenn wir nachfolgend die Geschichte der Judenrettung in Assisi erzählen.

Assisi, Piazza del Comune - Foto: © Wolfram Mikuteit

Nach Assisi, das wegen seiner kunsthistorisch-architektonischen und religiösen Bedeutung als sicher vor Bombenangriffen galt, hatten sich bereits vor dem Kriegsaustritt der Italiener am 8. September 1943 mehrere tausend Menschen geflüchtet. Mit der Besetzung Italiens durch die Deutschen kamen viele jüdische Flüchtlinge hinzu, die in kirchlichen Einrichtungen und Klöstern in Assisi Schutz vor der drohenden Deportation in deutsche Vernichtungslager suchten. Auf Veranlassung des Bischofs von Assisi, Monsignor Giuseppe Placido Nicolini, wurde ein geheimes Netzwerk errichtet, das während der 9-monatigen deutschen Besatzung Assisis bis zum 17. Juni 1944 (Befreiung der Stadt durch die Alliierten) circa 300 Jüdinnen und Juden das Leben rettete.

Pater Rufino Niccacci, der Vorstand des Franziskaner-Seminars, und Pater Aldo Brunacci, der Sekretär des Bischofs, sorgten für die temporäre oder dauerhafte Unterbringung der verfolgten Juden in Kirchen und Klöstern in Assisi und den umliegenden Dörfern, ihre Versorgung und auch für den Schulunterricht der versteckten Kinder. Der kommunistische Drucker Luigi Brizi und sein Sohn Trento fertigten in ihrer Druckerei in der Via Santa Chiara falsche Papiere für die Verfolgten: Sie stellten sie anhand von Telefonverzeichnissen auf Namen von Personen aus, die im bereits von den Alliierten befreiten Süden Italiens lebten, wodurch die Papiere für die Deutschen nicht nachprüfbar waren. Auch der legendäre Radrennfahrer Gino Bartali war in das geheime Netzwerk eingebunden: Auf „Trainingsfahrten“ transportierte er Dokumente und stellte die Verbindung zur jüdischen Hilfsorganisation DELASEM her.
Zugute kam dem Netzwerk, dass mit Dr. Valentin Müller ein Mann als Leiter der beiden in Assisi eingerichteten Lazarette, später auch als deutscher Stadtkommandant, eingesetzt war, der als strenggläubiger Katholik beste Verbindungen zu Bischof Nicolini unterhielt. Die Bemühungen, Assisi zur „offenen Stadt“ erklären zu lassen, scheiterten zwar, den Einflussbereich von SS und Wehrmacht konnte er jedoch erfolgreich zurückdrängen, damit auch indirekt das Assisi-Netzwerk unterstützen. Als nicht zu verteidigende „Lazarettstadt“ wurde der Ort Anfang Juni 1944 anerkannt.

Pater Rufino Niccacci wurde 1976, Monsignor Giuseppe Placido Nicolini und Pater Aldo Brunacci 1977, die beiden Drucker Luigi und Trento Brizi im Jahr 1997, Giuseppina Biviglia, die Äbtissin des Klosters San Quirico in Assisi, und Gino Bartali im Jahr 2013 durch die israelische Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

Gedenkstätten in Assisi
In der Pinacoteca comunale im Palazzo Vallemani ist seit 2011 das „Museo della Memoria, Assisi 1943-1944“ untergebracht, das sich ausschließlich dieser Rettungsgeschichte von Jüdinnen und Juden in Assisi und ihren Protagonisten Nicolini, Niccacci, Brunacci, Biviglia, Bartali, Müller und den Brizis widmet. Im Eingangsbereich steht die Druckmaschine, auf der Luigi und sein Sohn Trento Brizi die falschen Identifikationspapiere herstellten. Im 1. Stock werden in mehreren kleinen Sälen mithilfe zweisprachiger (it/en) Schautafeln die Hintergründe erläutert. Hier findet sich auch ein Foto der (mittlerweile abgehängten) Gedenktafel für die Brizis an ihrer früheren Druckerei in der Via Santa Chiara.
Und an der zentralen Piazza del Comune ist auf einer Gedenktafel der Text der „Medaglia d’oro al Merito Civile“ aufgeführt, die Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi im Jahr 2004 der Stadt Assisi für die Rettung von Flüchtlingen während des Faschismus verlieh.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Stolpersteine in Turin

In Turin wurden am 10. und 11. Januar 2015 erstmals Stolpersteine verlegt.

Nachdem im Jahr 2010 in Rom die ersten italienischen Stolpersteine – “Pietre d’Inciampo” – verlegt wurden, entstanden (und entstehen nachwievor) in vielen italienischen Städten und Gemeinden Initiativen, die Verlegungen dieser kleinen, mit Messing überzogenen und in den Boden eingelassenen Gedenksteine organisieren, um an das Schicksal von Menschen zu erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert, ermordet, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

In Turin wird das Stolperstein-Projekt von einem breiten Spektrum an Organisationen getragen, dem das Museo della Resistenza, die Jüdische Gemeinde, das Resistenza-Institut, die ANED (Nationale Vereinigung der Deportierten), das Goethe-Institut u.v.a.m. angehören. So konnten 27 Gedenksteine für TurinerInnen verlegt werden, die aus politischen oder rassistischen Gründen deportiert wurden.

Nun liegt beispielsweise vor dem Eingang der Schule am Corso San Maurizio 8 ein Stolperstein für Teresio Fasciolo:

 

 

 

QUI STUDIAVA
TERESIO FASCIOLO
NATO 1925
ARRESTATO MARZO 1944
DEPORTATO 1944
MAUTHAUSEN
ASSASSINATO 30.5.1944

 

Warum der 18-jährige Schüler nach Mauthausen deportiert und dort ermordet wurde, geht aus der knappen Inschrift leider nicht hervor. Dass sich der Junge den Partisanen der 2. Garibaldi-Division angeschlossen und in den Valli di Lanzo verhaftet, also “per motivi politici” deportiert wurde, erfährt aber, wer das Stolperstein-Faltblatt mit ganz kurzen biografischen Notizen abruft. Darin sind auch die Verlegestellen eingezeichnet.

 

Weitere Stolpersteine in Turin:

  • in der Via Carlo Alberto 22 für Filippo Acciarini (politisch),
  • in der Via Po 25 für Michele Valabrega, seine Frau Maria Elena und Tochter Stella,
  • am Corso Regio Parco 35 für Lucio Pernaci (politisch),
  • am Corso Casale 10 für Luigi Porcellana (politisch),
  • am Corso Cairoli 32 für Lina Zargani,
  • am Corso Massimo D’Azeglio 12 für Eleonora Levi,
  • am Corso Marconi 38/40 für Gino Rossi,
  • in der Via Campana 18 für Luciano und Renato Treves (politisch),
  • in der Via Principe Tommaso 42 für Eugenio Nizza,
  • in der Via Principe Tommaso für Salvatore und Alberto Segre (politisch),
  • in der Via Gioberti 69 für Alfonso Ogliaro (politisch),
  • in der Via Fratelli Carle 6 für Alessandro, Germana, Luciana und Sergio Levi,
  • in der Via Amadeo Avogadro 19 für Marianna Sacerdote,
  • in der Via Giacinto Collegno 45 für Enzo Lolli,
  • in der Via Duchessa Jolanda für Donato Giorgio Levi,
  • in der Via Aurelio Saffi 13 für Rosetta Rimini und ihre Tochter Lidia Tedeschi,
  • am Corso Tassoni 33 für Corrado Lolli
  • und in der Via Vicenza 23 für Gelindo Augusti (politisch).

Spaziergang durch Turin auf den Spuren der Resistenza

So lässt sich nun der von uns beschriebene “Spaziergang durch Turin auf den Spuren der Resistenza” (unsere Tour 1 in Partisanenpfade im Piemont) um einen kleinen Stolperstein-Spaziergang erweitern.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Die Hospitäler der Resistenza in den Lanzotälern

Am 12. September 1943 – wenige Tage nach dem Waffenstillstand – erhielt der Dermatologe Dr. Attilio Bersano Begey vom italienischen Roten Kreuz die offizielle Weisung, seine alte Arbeitsstelle im Ospedale Maria Vittoria in Turin wieder anzutreten. Was er auch tat – und unmittelbar danach Kontakt aufnahm zu den Widerstandszellen in Turin.

Villa Cibrario - Foto: © Wolfram Mikuteit

Villa Cibrario im oberen Viùtal bei Usseglio, ehemaliges Partisanenhospital

Für die Garibaldini organisierte er ab diesem Zeitpunkt das Sanitätswesen in den Valli di Lanzo. Ging es anfangs lediglich um die heimliche Verlegung von verletzten Kriegsgefangenen aus aller Herren Länder, mussten nach den ersten Rastrellamenti Partisanen medizinisch versorgt werden. Während ihre Erstversorgung meist über ein Netzwerk von Ambulanzen und Hospitälern durchgeführt wurde, deren Personal mit dem Widerstand sympatisierte, waren die Krankenstationen der Resistenza im Winter 1943/44 meist nicht mehr als unzureichende Provisorien: Hochgelegene, im Winter ungenutzte Almgebäude, in denen noch nicht einmal Feuer gemacht werden konnte, um nicht die Aufmerksamkeit des Feindes auf sich zu ziehen.

Dr. Begey konnte seine Vorstellung von einer wirklich effizienten Krankenversorgung erst realisieren, als die Partisanen an Einfluss gewannen und die Lanzotäler Ende Juni 1944 zur Zona Libera erklärten. Am 30. Juni 1944 requirierten sie die leerstehende Villa Cibrario in Margone im oberen Viùtal. Der große Billardsaal des noblen Gebäudes diente fortan als Operationssaal. In einen Nebenraum kam die Intensivstation, und in der ersten Etage wurden drei Krankensäle eingerichtet, einer davon als Isolierstation für Patienten mit antsteckenden Krankheiten. Das nötige Mobiliar, Matratzen und Wäsche, wurden fürs Erste aus den umliegenden, ebenfalls leerstehenden Villen entliehen. Mit der aus dem Valtournenche stammenden Piera Brunodet fand sich eine Köchin, und Frauen aus Usseglio und Margone kümmerten sich um die Wäsche. Diese Aufgabe musste zwingend auf viele verschiedene Haushalte verteilt werden, um die Gefahr, bei Hausdurchsuchungen durch belastendes Material aufzufallen, so gering wie möglich zu halten. Insgesamt bot die Villa Cibrario Platz für 60 Patienten.

Das Einzugsgebiet der Klinik war riesig und reichte auch über die Valli di Lanzo hinaus: Garibaldini brachten ihre Verletzten auch aus dem Susatal entweder mit dem Auto via Rubiana – Colle del Lys – Viù oder zu Fuß auf provisorischen Tragen über den Col delle Coupe und Malciaussia. Diesen Weg mutzte auch die Divisione Stellina der GL für den Transport ihrer Verletzten nach Margone.

Von Anfang an war Dr. Begey aber klar, dass er einen Evakuierungsplan für die Villa Cibrario brauchte: Im Rahmen des Unternehmen Nachtigall durchforsteten die Nazis gerade die südlicher gelegenen Täler nach Partisanen, und es war nur noch eine Frage der Zeit, wann sie sich den Valli di Lanzo zuwenden würden. Unter dem Namen Unternehmen Strassburg – nach Sperber, Habicht und Nachtigall scheinen den Deutschen die Vogelnamen ausgegangen zu sein – begann dann auch tatsächlich am 5. September 1944 die Auskämmungsaktion der Valli di Lanzo und Orco. Mit Hilfe des erfahrenen Bergführers Berto Vulpot aus Malciaussia begab sich Dr. Begey auf die Suche nach einem geeigneten Ausweichquartier. Seine Wahl fiel auf ein Gebäude der Socièta Idroelettrica Ovest Ticino am Ufer des kleinen Stausees Lago Dietro La Torre auf 2.366 Metern Höhe, der wie der große Lago della Rossa (2.781 m) in den 1930er-Jahren geschaffen wurde. Hier entstand nun das Convalescenziario Interdivisionale d’Alta Montagna mit 30 Betten für Leichtverletzte und Rekonvaleszenten.
Die Patienten wurden mit dem Wagen nach Crot bei Usseglio zur Talstation der zum Bau der Stauseen errichteten Decauville-Bahn gebracht und dann hinaufgefahren. Die vor Ort Verantwortlichen der Socièta Idroelettrica Ovest Ticino unterstützten dieses Vorhaben übrigens nach Kräften.
Ein Rundfunkgerät für den Empfang von Radio London und eine kleine Bibliothek, bestückt mit Beständen aus den Villen in Margone, sorgten dafür, dass den Patienten in dieser hochgelegenen Abgeschiedenheit die Decke nicht auf den Kopf fiel.
Ein Pfleger und ein Medizinstudent wechselten sich in wöchentlichem Turnus bei der Grundversorgung ab und hielten Dr. Begey, der in regelmäßigen Abständen vorbeikam, zwischenzeitlich mit den Krankenblättern auf dem Laufenden.

Als aber im Zuge des Unternehmen Strassburg die Luft immer dünner wurde unten im Tal und die Bandenjäger sich festzusetzen begannen, wurde für die noch nicht wieder einsatzfähigen Patienten die endgültige Evakuierung nach Frankreich eingeleitet.
Sie wurden nach Malciaussia (1.800 m) gefahren, wo der mühsame Krankentransport hinauf zum 3.077 Meter hohen Colle Autaret begann. In der Kaserne unterhalb des Passes wurde übernachtet, und dann ging es hinab nach Bessans, von wo aus die Patienten in das Militärkrankenhaus von Aix-les-Bains gebracht wurden.
Dr. Begey führte genau Buch: 328 Patienten wurden von ihm in Margone und Lago Dietro La Torre versorgt, nur fünf von ihnen konnte er nicht retten.

Die Krankenhäuser von Margone und am Lago Dietro La Torre waren aber lediglich zwei von sehr vielen, von denen wir wenigstens noch einige anführen wollen:

Im Val Grande baute der junge jüdische Arzt Dr. Simone Teich Alasia – wegen der Rassengesetze mit Berufsverbot belegt – in Ricchiardi bei Pialpetta Ende Juni 1944 das Schulhaus von jetzt auf gleich zur Krankenstation aus: Der Kommandant der Garibaldini hatte ihn darüber informiert, dass Partisanen aus den drei Lanzotälern zwei Tage später das Hauptquartier der Deutschen in Lanzo angreifen würden. Und mit Verletzten zu rechnen sei.

In Balme im Val d’Ala übernahmen die Garibaldini am 26. Juni 1944 die leerstehende Villa Castagneri und funktionierten sie zur Krankenstation um. Die medizinische Leitung lag bei Dr. d’Agata. Auch in diesem Fall lief die Beschlagnahmung der Villa geradezu formvollendet ab: Eine Ausfertigung der Inventarliste über den Hausrat ging an den Eigentümer des Hauses, eine an die für diesen Fall zuständige Kommandoleitung der XI. Brigata Garibaldi Torino und eine Kopie verblieb beim Schriftführer.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Partisanenrepublik Ossola, Orte der Erinnerung – Teil 4

Der erbitterte Kampf gegen die von vielen Kriegsverbrechen begleitete deutsche Besatzung und der Versuch vieler Menschen aus dem Ossolatal, im Herbst 1944 in ihrer Heimat nach über 20 Jahren Faschismus endlich wieder demokratische Verhältnisse herzustellen, hat vielerorts Spuren hinterlassen. Aber Hinweise darauf, wo noch heute im Tal an den Widerstand erinnert und das Gedenken an die 44 Tage der „Repubblica partigiana della Val d’Ossola“ wachgehalten wird, sucht man in deutschsprachigen Reiseführern leider vergeblich.

Domodossola, die Hauptstadt der Bewegung
Dass der Rathausvorplatz von Domodossola heute „Piazza Repubblica dell’Ossola“ heißt, mag wenig erstaunen. Ungewöhnlicher schon, dass im Rathaus an der Stirnseite des Sitzungssaals – wo andernorts in Italien das Porträt des gerade amtierenden Staatspräsidenten hängt – stattdessen Ettore Tibaldi auf die Ratsmitglieder schaut: Domodossola ist stolz auf den Chef der kurzlebigen „Giunta Provvisoria di Governo dell’Ossola“.
Dieser Sitzungssaal wird auch als „Sala Storica della Resistenza“ bezeichnet, und wenn der Gemeinderat gerade nicht tagt, ist der Raum für Besucher frei zugänglich: Entlang der Wände stehen Glasvitrinen, die mit historischen Fotos und Erklärungstexten entscheidende Ereignisse des Widerstands im Ossolatal dokumentieren.

Wer mehr über die Geschichte der Partisanenrepublik von Ossola erfahren wollte, musste bis vor kurzem in die Provinzhauptstadt Verbania fahren und dort die Ausstellung in der „Casa della Resistenza“ von Fondotoce besuchen. Zum 70. Jahrestag der Partisanenrepublik im Oktober 2014 wurde nun aber in Domodossola mit der „Casa 40“ ein eigenes Informations- und Dokumentationszentrum zu den „40 giorni di libertà“ eröffnet.

Auch die humanitäre Hilfe der Eidgenossenschaft ist bis heute in Domodossola unvergessen. Eine am Gleis 1 des Bahnhofs angebrachte Gedenktafel weist auf die Hilfe der Schweizer Nachbarn hin: „Zum 30. Jahrestag der Republik des Ossola im Gedenken an die Bruderhilfe der Walliser und Tessiner an die Bevölkerung des Ossola“. Dreißig Jahre später wurde im Jahr 2004 am Rand der kleinen Grünfläche gegenüber dem Rathaus ein Gedenkstein aufgestellt, mit dem sich die Stadt Domodossola dafür bedankt, dass 1944 Tausende von Flüchtlingen aus dem Ossolatal Aufnahme in der Schweiz fanden: „Am 60. Jahrestag der Partisanenrepublik Ossola zum Gedenken an die brüderliche Hilfe gewährt von Schweizer Freunden“.

Pallanzeno, Megolo, Finero, Goglio – Erinnerungsorte des antifaschistischen Widerstands
Etwas südlich von Villadossola weist an der Landstraße im Weiler Pallanzeno ein Hinweisschild zu einer schlichten Gedenkstätte („Cippo“) für die Opfer des Aufstands von Villadossola: Am 8. November 1943 blockierten Partisanen die Zufahrtswege nach Villadossola, besetzten Post und Kasernen, und in den Fabriken kam es zu Arbeitsniederlegungen. Der sich schnell auch auf andere Orte des Tals ausweitende Aufstand wurde nach zwei Tagen von den deutschen Besatzern blutig niedergeschlagen. Am Ort der Gedenkstätte wurden einige Tage später sechs sogenannte „Rädelsführer“ des Aufstands erschossen, unter ihnen der kommunistische Arbeiter Redimisto Fabbri, nach dem später eine eigene Partisanenformation benannt wurde.

An der Kirche von Megolo Mezzo, einer Teilgemeinde von Pieve Vergonte, beginnt der Wanderweg „Sentiero Beltrami“, benannt nach einem der wichtigsten Protagonisten des Widerstands im Ossolatal. Nach wiederholten, von Omegna ausgehenden Durchkämmungsaktionen des Val Strona wurde Ende Januar 1944 in Campello Monti (oberstes Val Strona) beschlossen, die unter Filippo Beltrami zusammengefassten Widerstandsgruppen „Patrioti Valstrona“ nach Megolo im Ossolatal zu verlegen. Als am 13. Februar 1944 deutsche Truppen Megolo auf der Suche nach Partisanen angriffen und Häuser in Brand steckten, wurden bei Cortavolo oberhalb von Megolo bei einem Gefecht 12 Männer getötet, unter ihnen Filippo Beltrami.
Eine schmale Straße führt vom Kirchplatz in Megolo Mezzo hinauf nach Cortavolo mit der Gedenkstätte.

An der Straße von Canobbio (Lago Maggiore) ins Val d’Ossola befinden sich gleich zwei Gedenkstätten des Widerstands. In Finero ist das Monument für die Opfer des Befreiungskampfes nicht zu übersehen. Es steht direkt an der Straße, unweit der Stelle, wo am 23. Juni 1944 an der Friedhofsmauer von Finero 15 Partisanen hingerichtet wurden. Sie fielen einer großangelegten „Säuberungsaktion“ zum Opfer, mit der ab 10. Juni 1944 circa 17.000 Männer (Wehrmacht, SS und faschistische Miliz) mit massiver Luftunterstützung das Ossolatal durchkämmten. Insgesamt wurden bei dieser dreiwöchigen Aktion im Ossolatal ca. 300 Partisanen während der Kämpfe getötet oder hingerichtet (davon allein wenige Tage zuvor in Verbania-Fondotoce 42 und in Baveno 17 Widerstandskämpfer).
Der zweite Erinnerungsort liegt etwas versteckter am stillgelegten und durch die Galleria di Creves ersetzten Teilstück der Straße. Hier wird Alfredo Di Dio, dem Anführer der „Division Valtoce“, und Attilio Moneta, dem Kommandanten der Guardia Nazionale der Partisanenrepublik, gedacht, die bei der Rückeroberung der Partisanenrepublik durch deutsche Wehrmacht und italienische Faschisten am 12. Oktober 1944 erschossen wurden.

In Goglio wurde die längst stillgelegte Kabinenbahn zur Alpe Devero zu einem kleinen Museum des Widerstands ausgebaut. Bei der Rückeroberung der Partisanenrepublik von Ossola durch deutsche Wehrmacht und italienische Faschisten wurden am 17. Oktober 1944 vier Mitglieder der „Divisione Valdossola“ bei der Flucht in das Schweizerische Binntal getötet. Für den Aufstieg zur Alpe Devero, von der aus der Grenzübertritt unternommen werden sollte, nutzten 24 Partisanen die zwischen Goglio und der Alpe Devero verkehrnde Seilbahn. Als diese wegen Überladung ins Stocken geriet, wurde sie von den Verfolgern beschossen. Die meisten der Partisanen konnten sich durch Sprung aus der Kabine retten; vier von ihnen wurden erschossen.

Varzo – die vereitelte Sprengung des Simplontunnels
Am Bahnhof des an der Simplonstrecke gelegenen Ortes Varzo erinnert eine Gedenktafel daran, dass kurz vor Ende des Krieges in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945 Partisanen der 2. Garibaldi-Division die von den Deutschen nach dem „Prinzip der verbrannten Erde“ geplante Sprengung des Simplontunnels verhinderten.
Werner „Swiss“ Schweizer hat dieses Ereignis mit dem Film „Dynamit am Simplon“ (1989) dokumentiert. In Gino Vermicellis Buch „Die unsichtbaren Dörfer“ schreibt er dazu:
„Bereits im November 44 traf in Varzo, dem letzten Dorf vor der italienischen Seite des Simplontunnels, eine Spezialeinheit von deutschen Mineuren ein. Sie begannen, die bereits vorhandenen Sprengkammern im Simplontunnel auszubauen und für die Sprengung vorzubereiten. Auch grosse Elektrizitätswerke und Staumauern wurden miniert. Da die Simplonstrecke bis nach Domodossola unter der Aufsicht der schweizerischen Bundesbahn stand, entdeckten Eisenbahnarbeiter diese Vorbereitungen und meldeten sie dem Zollchef von Domodossola, dem Schweizer Peter Bammatter. Dieser war vom Schweizer Geheimdienst für Beobachtungsaufgaben in Norditalien eingesetzt worden. Ein erster Versuch, den Sprengstoffkonvoi durch eine Partisanenaktion bereits am Lago di Mergozzo zu zerstören, misslang.
So blieb es die Aufgabe der „2. Garibaldi-Division“, den Sprengstoff, der inzwischen bis nach Varzo gebracht worden war, unschädlich zu machen. Mit den Brigaden „Camasco“, „Fabbri“ und „Volante Alpina“, insgesamt 120 Mann, riegelte „Mirco“ das Tal vollständig ab, hielt die SS- sowie die österreichischen Wachtruppen in ihren Kasernen fest und liess die 64 Tonnen Trotyl abbrennen. Eine riesige Feuersäule, über 300 Meter hoch, leuchtete bis nach Domodossola, wo der Schweizer Nachrichtenchef Peter Bammatter, in den hell erleuchteten Himmel blickend, von der erfolgreichen Durchführung „seiner“ Aktion Kenntnis nahm.“

Gedenkorte Europa 1939-1945

 

Weitere Informationen zu Gedenkorten im Ossolatal
Weiterführende Informationen, detaillierte Anfahrtsbeschreibungen, GPS-Koordinaten und Literaturhinweise haben wir auf den Seiten des Gedenkorte-Portals www.gedenkorte-europa.eu unter „Ossolatal“ abgelegt.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Die Partisanenrepublik von Ossola – Teil 3

Gescheiterte Hoffnungen
Die vage Idee der Alliierten, in Italien eine zweite Front zu eröffnen und dafür das Val d’Ossola als Basis für Angriffe gegen die Poebene und zur Befreiung Norditaliens auszubauen, war bereits längst zu den Akten gelegt, als das Tal im September 1944 von den Partisanen befreit wurde. Zunächst wegen der großen Durchkämmungsaktion im Juni 1944 zurückgestellt, fiel der Plan danach veränderten strategischen Rahmenbedingungen zum Opfer: Für die unter den Alliierten nicht unumstrittene Landung in der Provence am 15. August 1944 (Operation Dragoon) mussten dafür nötige Truppen teilweise aus Italien abgezogen werden. Es sollte sich zeigen, dass durch die erfolgten Truppenreduzierungen selbst der alliierte Vorstoß gegen die Gotenlinie nach der Einnahmme von Rimini ins Stocken geriet.

Wandgemälde von Angelo del Devero in Domodossola

Wandgemälde von Angelo del Devero in Domodossola

Wenn sie auch darüber informiert waren, dass kaum mehr damit zu rechnen war, dass alliierte Fallschirmjägerabteilungen das Val d’Ossola erreichen würden, legten die Partisanen dennoch zwei Flugplätze an, einen im Val Vigezzo bei Santa Maria Maggiore, den anderen zwischen Domodossola und Valdossola. Außerdem bereiteten sie Felder für die erhofften Versorgungsabwürfe der Alliierten für jede Formation vor. Eine Mühe, die sie sich hätten sparen können: Während der gesamten Zeit der Existenz der freien Republik Ossola kam es gerade einmal zu zwei Versorgungsabwürfen am Monte Mottarone.

Bei einem Treffen mit Vertretern des CLNAI am 25. Oktober 1944 in Lugano gaben die Alliierten dafür die Erklärung: “Im Monat September war das gesamte alliierte Potential für Versorgungsabwürfe über Warschau absorbiert […] Für den Monat Oktober wurden beträchtliche Mengen an Material zur Verfügung gestellt, von denen aber nur ein ganz geringer Teil wegen der Wetterverhältnisse abgeworfen werden konnte.“ Für Ossola speziell führten sie zusätzlich noch an, „daß wegen der strategischen Bedeutungslosigkeit dieser Zone und der zeitlichen Ungelegenheit des Losschlagens der Partisanen keine Versorgungsabwürfe stattfanden“ (zit. nach Bergwitz, Die Partisanerepublik Ossola, S. 113).

Zehn Tage Widerstand
Ohne Unterstützung der Alliierten war es nicht möglich, die befreite Zone der Partisanenrepublik von Ossola aufrecht zu erhalten. Am 1. Oktober 1944 hatte der Oberbefehlshaber in Italien, Generalfeldmarschall Kesselring, den Befehl zu einer ersten „Bandenbekämpfungswoche“ vom 8. bis zum 14. Oktober 1944 erlassen (im Rahmen der zweiten Bandenbekämpfungswoche Anfang Dezember 1944 wurde u.a. das Gebiet der Partisanenrepublik Alto Monferrato von den Faschisten zurückerobert): So begannen am Morgen des 10. Oktober 1944 unterschiedliche deutsche und italienische Verbände unter der Leitung des SS-Polizei-Regiments 15 von Osten und Süden her die Angriffe auf das Val d’Ossola.

Ettore Tibaldi

Ettore Tibaldi

Während die Partisanen versuchten, ihre Stellungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten (Waffen und Munition waren knapp) zu verteidigen, arbeitete die Giunta Provvisoria in Domodossola zunächst unbeirrt weiter; noch am 13. Oktober empfing Ettore Tibaldi einen Vertreter der Schweizer Regierung, der ihn von der Ratifizierung des Handelsabkommens zwischen Ossola und der Schweiz unterrichtete. Parallel dazu wurden seit Beginn des deutschen Angriffs Maßnahmen eingeleitet, um Transporte für diejenigen Ossolaner zu organisieren, die sich in der Schweiz in Sicherheit bringen wollten. Schließlich verlegte die Giunta Provvisoria ihre Amtsgeschäfte in das Val Formazza, bevor am Spätnachmittag des 14. Oktober 1944 deutsche und italienische Faschisten die Stadt Domodossola einnahmen. „Domo ist leergefegt, die Faschisten kamen in eine tote Stadt“, schreibt der Chronist der italienischen Resistenza Giorgio Bocca dazu und zitiert den Berichterstatter des faschistischen Corriere della Sera: „Es ist schmerzhaft, aber notwendig, festzustellen, daß ein Teil der Bevölkerung Domodossolas am 10. September den Einmarsch der außerhalb des Gesetzes Stehenden freudig begrüßte… Heute sind viele Geschäfte geschlossen. In den Straßen sind nur wenige Personen zu sehen.“

Anstatt die zurückgekehrten Besatzer freudig zu begrüßen, hatten viele Menschen fluchtartig den Weg in die benachbarte Schweiz angetreten. Die humanitäre Hilfe der Eidgenossenschaft ist bis heute im Tal unvergessen: Das Schweizerische Rote Kreuz hatte bereits im September 1944 Lebens- und Arzneimittel in das Val d’Ossola gesandt und Anfang Oktober angeboten, 500 Kinder der befreiten Zone für die Wintermonate aufzunehmen. Dass die Zurückeroberung des Tales durch die Deutschen und die erwarteten Repressionen weit mehr Aufnahmekapazität erfordern würde, war da noch nicht abzusehen: Zwischen dem 12. und 22. Oktober 1944 sollen (je nach Quelle *) zwischen 10.000 und annähernd 35.000 Menschen Menschen aus dem Val d’Ossola in der Schweiz Zuflucht gefunden haben. Manche blieben nur einige Tage, andere wurden nach kurzem Aufenthalt in Brig und Locarno in Unterbringungsorte auch anderer Kantone verschickt, wo vor allem Frauen und Kinder teilweise bis zum Mai 1945 blieben. Für das Schweizer Arbeiterhilfswerk (SAH) organisierten Margherita Zoebeli und Gabriella Meyer vor Ort den Grenzübertritt.

Das Ende der Partisanenrepublik
In der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 1944 fand in Ponte di Formazza die letzte Sitzung der Giunta Provvisoria di Governo dell’Ossola statt. Danach löste sie sich auf und all ihre Mitglieder – außer Gisella Floreanini, die im Tal blieb und sich den Garibaldi-Brigaden im Valle Strona anschloss – setzten sich in die Schweiz ab.

Wandgemälde von Angelo del Devero in Goglio

Wandgemälde von Angelo del Devero in Goglio

Am 23. Oktober 1944 ersuchten die letzten Partisanen bei den eidgenössischen Behörden um Asyl. Ihre Flucht war über viele verschiedene Pässe verlaufen, über den Passo San Giacomo im Val Formazza und auch über das Val Devero, wo am 17. Oktober 1944 vier Mitglieder der „Divisione Valdossola“ bei der Flucht in das Schweizerische Binntal getötet wurden. In der alten Seilbahnstation von Goglio erinnert heute ein kleines Museum an die Ereignisse – einer der vielen Orte, an denen im Tal an den Widerstand der „quaranta giorni di libertà“ erinnert und das Gedenken an die Tage der freien Republik wachgehalten wird.

– Fortsetzung folgt –

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

* Die Zahlen gehen weit auseinander: Im Bericht des Schweizer Bundesrates an die Bundesversammlung über die „Flüchtlingspolitik der Schweiz seit 1933 bis zur Gegenwart“ von 1957 ist die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge aus dem Val d’Ossola mit 9.500 beziffert; im Bericht der unabhängigen Expertenkommission „Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus“ von 1999 ist für den Zeitraum September/ Oktober 1944 vermerkt, dass 17.000 Kinder und ihre Mütter aus Frankreich und Italien aufgenommen wurden – und in WIKIPEDIA schließlich ist von 35.000 Flüchtlingen aus dem Val d’Ossola zwischen 12. und 22. Oktober 1944 zu lesen, was sich mit den Angaben von Giorgio Bocca deckt.
Mit keiner Quelle deckt sich hingegen die ebenfalls in WIKIPEDIA zu findende Aussage, dass zwischen 1943 und 1945 allein 30.000 Partisanen (sic!) aus dem Val d’Ossola in die Schweiz geflohen sind.

 

Enio Mancini: Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema

Das Massaker von Sant'Anna di StazzemaIn Hamburg kann es zum wahrscheinlich letzten Kriegsverbrecherprozess Deutschlands kommen. Das gerade erschienene Buch mit den Erinnerungen von Enio Mancini, der das Massaker von Sant’Anna di Stazzema überlebte, liefert dazu die eindrückliche Geschichte und gewährt darüberhinaus Einblick in die notorische Verfolgungsverweigerung der deutschen Justiz gegenüber NS-Verbrechen.

Vor 70 Jahren ermordeten am 12. August 1944 Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ im toskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema mindestens 560 wehrlose Zivilisten – vorwiegend Frauen, alte Menschen und über 100 Kinder.

 

 

Dass das Geschehen nicht in Vergessenheit geriet, ist vor allem Enio Mancini zu verdanken, der als kleiner Junge das Massaker überlebte. Dank seines beharrlichen Engagements, seiner Suche nach Erinnerungsstücken und Berichten von anderen Überlebenden, konnte 1991 im ehemaligen Schulgebäude von Sant’Anna das Museum des Historischen Widerstands eröffnet werden, dessen Leiter er bis 2006 war. Seine im Vorjahr in Italien erschienenen Erinnerungen liegen jetzt in deutscher Übersetzung vor. Er schildert darin das Leben in dem abgelegenen Bergdorf, die Ereignisse des 12. August 1944 und die Probleme der teilweise schwer traumatisierten Überlebenden beim Wiederaufbau der Gemeinde. Auch darüber, wie still es danach um die Ereignisse von Sant’Anna wurde: Eine juristische Verfolgung der Greueltaten unterblieb.

Der Mantel des Schweigens, der fünf Jahrzehnte lang in Italien über den vielen von deutscher Wehrmacht und SS verübten Verbrechen lag, wurde spät gelüftet: Die aus Rücksichtnahme gegenüber dem Nato-Partner 1960 bei der Militäranwaltschaft in Rom „vorläufig archivierten“ Ermittlungsakten einer noch während des Krieges eingesetzten amerikanischen Militärkommission wurden ab 1994 Grundlage diverser Ermittlungen. Im Fall des Massakers von Sant’Anna di Stazzema sprach das Militärgericht La Spezia 2005 zehn der angeklagten Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ wegen “fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit” schuldig und verurteilte sie in Abwesenheit jeweils zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Für die Verurteilten folgenlos: Eine Auslieferung war nicht zu befürchten.

Der Geist der furchtbaren Juristen
Seitdem ist auch im Land der Täter viel über das Massaker von Sant’Anna di Stazzema berichtet worden. Vor allem über die schleppend betriebenen Ermittlungen. Seit 1996 lag der Vorgang bei der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. Von 2002 bis 2012 ermittelte die Staatsanwaltschaft Stuttgart und stellte schliesslich die Ermittlungen ein. Das Massaker an mindestens 560 Frauen, Kindern und alten Menschen könne auch als Kollateralschaden im Rahmen der Partisanenbekämpfung zu werten sein. Für die Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung fertigte Dr. Carlo Gentile, historischer Sachverständiger bei vielen NS-Strafverfahren und Mitglied der deutsch-italienischen Historikerkommission, ein Gutachten an, das diesen Ansatz widerlegt. Dennoch bestätigte die Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart im Jahr 2013 die Einstellung des Verfahrens.

Die Strafrechtlerin Gabriele Heinecke, die seit 2005 mit Enrico Pieri den Sprecher der Opfervereinigung von Sant’Anna vertritt, beschreibt in einem eigenem Kapitel minutiös, wie die juristische Aufarbeitung in Deutschland bewusst hintertrieben und verschleppt wurde, wie unstrittige Sachverhalte zugunsten der Beschuldigten uminterpretiert wurden. Vorgänge, die belegen, wie der Geist der die Nachkriegszeit dominierenden furchtbaren Juristen das deutsche Rechtssystem heute noch beherrscht.

Kurz nach Drucklegung des Buches hatte das letztmögliche Rechtsmittel, das Klageerzwingungsverfahren vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe gegen den Kompanieführer, den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer, Erfolg: Der 3. Strafsenat sah „ausreichenden Tatverdacht“ und „keine vernünftigen Zweifel“ daran, dass die Handlungen von vornherein auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung von Sant’Anna gerichtet waren. Das Gericht verwies das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Hamburg, wo Sommer lebt. Dort kann es nun zum wahrscheinlich letzten Kriegsverbrecherprozess Deutschlands kommen. Das Buch mit den Erinnerungen von Enio Mancini, den Ausführungen von Gabriele Heinecke und der historischen Rekonstruktion des Massakers von Carlo Gentile liefert dazu die Informationen.

Sabine Bade

Gabriele Heinecke, Christiane Kohl, Maren Westermann (Hg): Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema – Mit den Erinnerungen von Enio Mancini. Mit Beiträgen von Christiane Kohl und Maren Westermann, der juristischen Einordnung von Gabriele Heinecke sowie einer Untersuchung des Historikers Carlo Gentile. Laika Verlag Hamburg, ISBN: 978-3-944233-27-7, Hardcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten, 19,00 €.

 

Erste Massenmorde an Juden in Italien – Massaker am Lago Maggiore

Zwischen dem 15. September 1943 und dem 11. Oktober 1943 wurden mehrere idyllische Orte am piemontesischen Westufer des Lago Maggiore und dessen Umgebung Schauplatz der ersten Massenmorde an Juden in Italien nach dessen Kriegsaustritt und der Besetzung durch deutsche Truppen.


Judenverfolgung in Italien

Im faschistischen Italien gab es – verglichen mit der in Deutschland nach dem Machtantritt der Nazis 1933 sofort einsetzenden massiven Judenverfolgung – bis etwa Mitte der 1930er-Jahre keinen offen praktizierten Antisemitismus. Juden, die ihre Emanzipation im Jahr 1848 im Zuge des Risorgimento erlangt hatten, wurden gemeinsam und zeitgleich mit den Nicht-Juden der italienischen Halbinsel zu ‚Italienern‘, als 1861 der italienische Nationalstaat als Zusammenschluss vieler Kleinstaaten gegründet wurde. Die meisten Juden hatten sich mit Begeisterung an der Einheitsbewegung beteiligt. Sie bekleideten später hohe Ränge in Armee und Admiralität, stellten mit Luigi Luzzatti einen italienischen Ministerpräsidenten, mit Ernesto Nathan von 1907 bis 1913 den Bürgermeister der Hauptstadt Rom, agierten als Kriegs- und Justizminister. Kurz: Sie waren Italiener.

Erst 1933 begann, flankiert von antijüdischen Pressekampagnen, die sukzessive Verdrängung von Juden aus leitenden Positionen. In einem Land mit vergleichsweise geringer antisemitischer Tradition und einem so außergewöhnlich hohen Grad jüdischer Assimilation fokussierte sich im faschistischen Italien die ‚Rassen-Frage‘ zunächst auf die Abgrenzung gegenüber der Bevölkerung der italienischen Kolonien Eritrea und Somalia, ein offen und gnadenlos rassistisches Vorgehen, das im Italienisch-Äthiopischen Krieg 1935/1936 seinen Höhepunkt fand.
Das änderte sich mit den ‚Rassegesetzen‘ von 1938, die italienische Juden durch Berufs- und Ausbildungsverbote ihrer ökonomischen Grundlagen beraubten, ihnen mit Ausschluss aus Vereinen und Verbänden Teilhabe am gesellschaftlichen Leben versagten und durch vielfältige Diskriminierung zu stets von der Geheimpolizei überwachten Bürgern zweiter Klasse machten.
Und nach der Besetzung durch deutsche Truppen im September 1943 entschieden sich Mussolini und seine Komplizen dafür, die italienischen Juden der deutschen Deportationsmaschine auszuliefern und der Gestapo bei der Verfolgung der Juden freie Hand zu lassen.

Die Massaker vom Lago Maggiore
Ein Bataillon der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ war von der Ostfront nach Oberitalien verlegt worden und wurde nach der Entwaffnung italienischer Truppen im Gebiet Verona nach dem 11. September 1943 am Lago Maggiore im Wesentlichen in den Gemeinden Meina, Baveno, Stresa, Arona und Intra stationiert. Dort lebten einige jüdische Familien, die teils aus italienischen Städten, teils aus Griechenland und der Türkei Zuflucht vor Verfolgung suchten.
Vom 13. September an verhafteten Angehörige des SS-Bataillons planvoll über 50 Angehörige dieser jüdischen Familien in Baveno, Arona, Meina, Orta, Mergozzo, Stresa, Pian Nava und Novara und hielten sie zunächst in verschiedenen Hotels fest. Einige von ihnen – wie Mario Abramo Covo, Alberto Abramo Arditi und seine Frau Matilde David aus Mergozzo – wurden wenig später ermordet und in Massengräbern verscharrt. Über das Schicksal der übrigen Verhafteten entschied eine Offiziersbesprechung am 19. September 1943: Es wurde beschlossen, die gefangenen Juden – Männer, Frauen, Alte und Kinder –  zu erschießen und die Leichen im See zu versenken.

Die Ermordung folgte in den Nächten vom 21. bis 23. September. Die Opfer wurden gruppenweise aus den Hotelzimmern geholt, in einem Waldstück in der Nähe von Meina erschossen, von SS-Angehörigen in Säcke und Zeltplanen verpackt, mit Steinen beschwert, in ein Boot geladen und im See versenkt. Als am Morgen danach einige der Leichen an das Ufer geschwemmt wurden, beschwerten SS-Angehörige sie erneut mit Steinen und versenkten sie nochmals im See. Insgesamt konnten 53 Menschen, die diesen Mordtaten zum Opfer fielen, später identifiziert werden. Nur die verhaftete Familie Behar hatte wegen ihrer türkischen Staatsangehörigkeit und auf Intervention des türkischen Konsuls entkommen und sich in die Schweiz retten können. Über das Schicksal der anderen Verhafteten, die nicht unter den Toten gefunden wurden, ist nichts bekannt.

Weitere Morde wurden im Oktober 1943 in Verbania-Intra an der jüdischen Familie Ovazza aus Turin begangen: Ettore Ovazza, der am Marsch auf Rom teilgenommen hatte und bis zu seinem Ausschluss Mitglied des Partito Nazionale Fascista war, hatte Anfang Oktober 1943 zusammen mit seiner Frau, Sohn und Tochter versucht, über das Aostatal in die Schweiz zu fliehen. Sohn Riccardo versuchte als erster den Grenzübertritt, wurde dabei von der Schweizer Grenzpolizei abgefangen und in den Zug von Brig nach Domodossola gesetzt. Von dort aus wurde er an die 2. Kompanie des 1. Bataillons des 2. Regiments der Leibstandarte-SS Adolf Hitler unter dem Kommando des SS-Obersturmführers Gottfried Meir überstellt, die in der Mädchenschule von Intra stationiert war. Nachdem seine Folterer den Aufenthaltshaltsort der Familie in Erfahrung gebracht hatten, wurde Riccardo am 9. Oktober 1943 ermordet und seine zerstückelte Leiche im Heizungskeller verbrannt. Seine Familie wurde am selben Tag in Gressoney/Aostatal verhaftet und kurz darauf ebenfalls in der Schule in Intra ermordet und verbrannt.

Eine Ahndung der Verbrechen fand nicht statt
Drei ehemalige Obersturmführer des SS-Bataillons (Hans Krüger, Herbert Schnelle, Hans Roehwer) wurden 1968 vom Landgericht Osnabrück wegen Mordes in 22 Fällen, zwei weitere Angehörige des Bataillons (Oskar Schultz und Ludwig Leithe) wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Der Bundesgerichtshof hob diese Urteile jedoch 1970 wegen Verjährung der Taten wieder auf.

Der für die Morde an der Familie Ovazza verantwortliche, aus Österreich stammende SS-Obersturmführer Gottfried Meir wurde 1954 in Klagenfurt angeklagt, aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Gedenken am Seeufer
Wer in Baveno auf der Promenade am Lago Maggiore entlang flaniert, kommt dort unmittelbar am erst im Jahr 2013 errichteten Monumento alla shoah vorbei.
In Meina gibt es das gleichnamige Hotel, in dem die jüdischen Gäste bis zu ihrer Ermordung eingesperrt waren, nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich heute neben der Residence Antico Verbano der Parco Fratellanza, in dem ein kleiner Gedenkstein an die 16 Opfer aus Meina erinnert. Schon recht verblasste Informationstafeln geben Auskunft über die Geschichte der Ermordung der Juden von Meina.
In Orta hingegen muss man schon sehr genau hinsehen, um in der Via Olina 50 nicht achtlos an der Erinnerungstafel für Mario und Roberto Levi vorbei zu gehen: Bis zu ihrer Verhaftung durch die SS am 15. September 1943 hatten der Onkel und der Cousin von Primo Levi dort gewohnt.

Wer mehr über diese tragischen Ereignisse erfahren möchte, sollte in Fondotoce (Verbania) den Parco della Memoria e della Pace mit dem angeschlossenen Museum, der  Casa della Resistenza, besuchen. Das eindrucksvolle Gedenkareal, dort errichtet, wo am 20. Juni 1944 nach der Durchkämmung des Ossolatals eine große Anzahl von Widerstandskämpfern hingerichtet wurde, informiert auch über die ersten Massenmorde an Juden in Italien. An der Stirnseite der Gedenkmauer mit den über 1.200 eingravierten Namen von Menschen, die dem Kampf gegen deutsche Besatzer und italienische Faschisten in den Provinzen Novara und Verbano-Cusio-Ossola zum Opfer gefallen sind, befindet sich eine Gedenktafel für die jüdischen Opfer vom Lago Maggiore.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Die Partisanenrepublik von Ossola – Teil 2

Die erste Befreiung des Val d‘Ossola
Ossolo-Tal - KarteHatten die Deutschen gehofft, mit den großangelegten Durchkämmungsaktionen im Val d’Ossola im Juni 1944, bei denen ca. 300 Partisanen getötet und ungefähr 400 gefangengenommene Zivilisten in deutsche Lager deportiert worden waren, die Region in ihrem Sinne befriedet zu haben, wurden sie schnell eines anderen belehrt: Aus ihren Rückzugsgebieten heraus formierten sich die Partisanen neu, bekamen weiteren Zulauf und starteten Mitte August 1944parallel zur alliierten Landung in Südfrankreich, der Befreiung von Florenz und der Offensive der Alliierten gegen die Gotenlinie – die militärischen Aktionen, die zur Befreiung des Val d’Ossola führen sollten.

In nicht oder nur wenig aufeinander abgestimmten Angriffen – ein einheitliches Kommando gab es nicht – begannen die „Division Piave“ im Valle Cannobina und Valle Vigezzo, die „Beltrami“ um Omegna, die „Valdossola“ links des Toce, die „Valtoce“ rechts des Toce und die Garibaldini vor allem in den Nebentälern mit Sabotageaktionen gegen Eisenbahnverbindungen, Elekritizitätszentralen und deutsche Präsidien. Lageberichte der Militärkommandantur Novara schilderten dies für den Berichtszeitraum vom 16. 8.-15. 9. 1944 wie folgt: „Das Bandenwesen hat sich im Berichtszeitraum weiter verstärkt. Der Nordteil der Provinz Novara befindet sich fast gänzlich in den Händen der Rebellen. Infolge Sabotage und Kontrolle aller Verkehrswege durch die Rebellen ist die Nutzung der Rüstungsindustrie in diesem Bereich unmöglich geworden.“ Anfang September 1944 standen das gesamte Gebiet nördlich von Domodossola und das Valle Cannobina unter der Kontrolle der Partisanen. Danach wurden weitere Gebiete im Süden bei Villadossola erobert, was zur Folge hatte, dass deutsche Besatzer und italienische RSI-Truppen am 8. September 1944 von allen Verbindungswegen abgeschnitten waren. Die Stärke der Partisanenformationen überschätzend, traten die Deutschen über einen Priester an Oberst Moneta heran – Motto: “Wenn wir schon verhandeln müssen, dann doch wenigstens mit einem Militär und nicht mit dahergelaufenen Banditen“ -, um einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Die Kommandanten der „Valdossola“, „Valtoce“ und „Piave“ unterschrieben die Vereinbarung einen Tag später. Um 6 Uhr früh am 10. September 1944 verließ die ca. 750 Mann starke Kolonne der Besatzer Domodossola in Richtung Verbania.

Die „Giunta Provvisoria di Governo dell’Ossola“
Gleich nach Abzug der Deutschen aus dem Ossolatal wandte sich der Kommandant der „Valdossola“ Dionigi Superti mit einer Botschaft an die Gruppe um Ettore Tibaldi in der Schweiz, um sie zur Rückkehr ins Tal zu bitten und Tibaldi die Leitung der Regierung der nunmehr freien Zone anzutragen.

Die noch am selben Abend aus der Schweiz angereisten Männer fanden sich bereits um Mitternacht zur konstituierenden Sitzung der „Giunta Provvisoria di Governo dell’Ossola“ zusammen:

  • Der Sozialist Professor Ettore Tibaldi wurde deren Präsident und verantwortlich für die Beziehungen zum CLN und Ausland, das Pressewesen und die Justiz;
  • der partei-unabhängige Ingenieur Giorgio Ballarini wurde Kommissar für den öffentlichen Dienst, Transportwesen und Arbeit;
  • dem Kommunisten Giacomo Roberti wurde die Zuständigkeit für das Polizeiwesen übertragen,
  • dem Christdemokraten Professor Luigi Zoppetti die für die Bereiche Erziehung, Kultur und Fürsorge;
  • der Liberale Dr. Alberto Nobili war zuständig für Finanzen, Wirtschaft und Ernährung,
  • der Aktionist Severino Cristofoli für die Organisation der Verwaltung und der Industrieproduktion und
  • der Sozialist Mario Bonfantini (Bandini) für die Beziehungen zu den militärischen Formationen.

Giunta provvisoria di DomodossolaDass die provisorische Regierung der Partisanenrepublik von Ossola zwar paritätisch mit Vertretern aller den Widerstand tragenden Parteien besetzt, aber nicht „von unten“ gewachsen, sondern „von oben“ eingesetzt worden war, gab in der Folge Anlass für einige Kontroversen mit dem CLN in Mailand. Die wurden von der Giunta aber recht eloquent pariert: Dass das geografisch zum Piemont gehörende Ossolatal wegen seiner großen militärstragischen Bedeutung dem lombardischen CLN/CLNAI in Mailand unterstellt war, wurde erst Mitte Juli 1944 entschieden, lokale CLNs existierten noch nicht, und im Augenblick der Befreiung hätte man im Tal nicht auf Weisungen aus Mailand warten können, sondern direkt mit der Arbeit beginnen müssen.

Demokratische Spielregeln nach 22 Jahren Diktatur
Diese Arbeit sollte – so der eigene Anspruch der Giunta – ein Beispiel geben für die noch existierende Fähigkeit der Italiener, sich selbst nach demokratischen Spielregeln regieren zu können. Die Reorganisation des gesamten „Staatsapparates“ nach rechtsstaatlichen Prinzipien umfasste alle Bereiche des ca. 1600 km² großen Gebietes der Partisanerepublik von Ossola, in dem 1944 ungefähr 82.000 Einwohner lebten: Neben der Sicherstellung der Nahrungsversorgung (Festpreise für Lebensmittel, Unterbindung des Schwarzhandels etc.), der Umstellung der Industrieproduktion von Rüstungsgütern auf die von der Schweiz im Handelsaustausch bevorzugten Güter und der gerechten Verteilung der Hilfsgüter wurden Dorf- und Ortsräte gewählt, durch tägliche Kommuniques Transparenz über die Regierungsarbeit hergestellt, das Erziehungs- und Justizwesen reformiert.

Die ambitionierten Reformansätze entstanden nicht ex nihilo: Die antifaschistische intellektuelle Elite Italiens hatte – eingekerkert, auf abgelegenen Inseln oder Bergregionen in der Verbannung („confino“) lebend oder im Untergrund arbeitend – während der über 20 Jahre andauernden faschistischen Diktatur viel Zeit, um sich programmatisch auf die Ära nach Überwindung dieses Regimes vorzubereiten. Auf einer Verbannungsinsel hatten Altiero Spinelli, Ernesto Rossi und Eugenio Colorni das ‚Manifest von Ventotene‘ verfasst; entlang des piemontesischen Alpenbogens hatten Antifaschisten um den Philosophen Federico Chabod die ‚Carta di Chivassoerarbeitet, die heute als eine Art historische Geburtsurkunde des europäischen Föderalismus gilt, etc. etc. Heutige Regierungen wären um einen derartigen Think-Tank zu beneiden.

Flugblatt der provisorischen Regierung im OssolatalDie im Rathaus von Domodossola amtierende antifaschsitische Exekutive konnte darüberhinaus auf einen Zirkel von versierten „Sekretären“ vertrauen. So war der in Domodossola geborene und seit 1938 an der Universität Fribourg lehrende Philologe Professor Gianfranco Contini für das Erziehungswesen zuständig; während seines Studiums in Turin hatte er sich im Umfeld der legendären Bruderschaft kluger junger Männer um Massimo Mila und Leone Ginzburg bewegt, aus der der Einaudi-Verlag hervorging. Die Redaktion des ‚Bollettino Quotidiano di Informazioni‘ übernahm Umberto Terracini: mit Gramsci und Togliatti gehörte er zu den Begründern der ‚Ordine nuovo‘, war Mitglied der Gründungsversammlung des PCI und 1926 Direktor der L’Unita von Mailand; kurz darauf zu 23 Jahren Haft verurteilt, lebte er seit 1937 in der Verbannung (“confino”). Nach seiner Befreiung im August 1943 floh er in die Schweiz und kam zusammen mit Ettore Tibaldi am 10. September 1944 nach Domodossola. Als außerordentlicher Untersuchungsrichter wurde der sozialistische Jurist Ezio Vigorelli eingesetzt: Nach mehrmaligen Verhaftungen war ihm die Flucht in die Schweiz gelungen, wo er mit der Gruppe um Tibaldi zusammenarbeitete. Während der 44 Tage der Partisanenrepublik von Ossola wurde kein einziges Todesurteil gefällt; Rachejustiz fand nicht statt. Der Regierung gefährliche Anhänger des Salò-Regimes und mit den deutschen Besatzern kollaborierende Personen wurden lediglich in Druogno im Valle Vigezzo interniert.

Als letztes Beispiel für den Beraterstab der „Giunta Provvisoria di Governo dell’Ossola“ sei ihr Buchhalter angeführt: Für das Rechnungswesen war Piero Malvestiti zuständig. Der Mitbegründer der Democrazia Cristiana (und spätere Präsident der Montanunion) sorgte dafür, die Regierungsgeschäfte auch finanziell ordnungsgemäß abzuwickeln: Bei der Flucht der Regierung wurden keine Schulden hinterlassen.

Gisella Floreanini – die erste Frau Italiens in Regierungsverantwortung
Am 6. Oktober 1944 wurde Gisella Floreanini als 2. Vertreterin der Kommunisten in die Giunta aufgenommen. Verantwortlich für Fürsorge und die Verbindung zu den Massenorganisationen war sie damit die erste Frau in der Geschichte Italiens, die einen Ministerposten bekleidete. Es sollte danach weit über 30 Jahre dauern, bis mit Tina Anselmi 1976 die erste Ministerin der Republik Italien in die 3. Regierung Andreottis eintreten konnte.

Gisella Floreanini - erste Frau Italiens in RegierungsverantwortungEnde der 1920er-Jahre schloss sich Gisella Floreanini dem antifaschistischen Widerstand an, zunächst im Umfeld von Giustizia & Libertà, seit 1936 als Mitglied der im Untergrund arbeitenden Sozialistischen Partei Italiens. 1941 trat sie – bereits im Schweizer Exil als Musiklehrerin lebend – in die Kommunistische Partei ein und war unter dem Pseudonym „Amelia Valli“ mit Nachrichtenübermittlung zwischen der Schweiz und dem besetzten Italien befasst. Aus dem Schweizer Exil kehrte sie nach dem Kriegsaustritt Italiens im September 1943 nach Italien zurück, war aktiv im Frauenwiderstand und arbeitete weiterhin als Staffette zwischen den norditalienischen Partisaneneinheiten und der Vertretung des CLNAI in Lugano. Wegen unerlaubten Grenzübertritts in der Schweiz Mitte 1944 verhaftet, konnte sie nach Gründung der Partisanenrepublik von Ossola im September 1944 ins Ossolatal einreisen.

– Fortsetzung folgt –

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit